{"id":147703,"date":"2026-03-14T14:00:41","date_gmt":"2026-03-14T13:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703"},"modified":"2026-03-15T07:40:20","modified_gmt":"2026-03-15T06:40:20","slug":"wenn-der-zentralrat-der-juden-fuer-die-juden-in-deutschland-spricht-ueber-die-gefahren-kollektiver-zuschreibung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703","title":{"rendered":"Wenn der Zentralrat der Juden f\u00fcr \u201edie Juden\u201c in Deutschland spricht \u2013 \u00fcber die Gefahren kollektiver Zuschreibung"},"content":{"rendered":"<p>Wer spricht f&uuml;r die Juden in Deutschland? Diese Frage gewinnt immer mehr an Dringlichkeit &ndash; nicht zuletzt angesichts der von den Vereinten Nationen als humanit&auml;re Krise beschriebenen Lage in Gaza und der Westbank[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], die auch hierzulande eine ethische Standortbestimmung verlangt. Der Zentralrat der Juden tritt seit Jahrzehnten als politische Stimme des organisierten Judentums[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] auf. Er &auml;u&szlig;ert sich nicht nur zu Fragen des Antisemitismus, sondern interveniert regelm&auml;&szlig;ig auch in au&szlig;enpolitische Debatten[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] &ndash; insbesondere mit Blick auf Israel und die Lage in Pal&auml;stina. F&uuml;r immer mehr J&uuml;dinnen und Juden in Deutschland wird diese Verschr&auml;nkung von Repr&auml;sentation und politischer Positionierung zum Problem[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>][<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1196\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-147703-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=147703-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260314_Wenn_der_Zentralrat_der_Juden_fuer_die_Juden_in_Deutschland_spricht_ueber_die_Gefahren_kollektiver_Zuschreibung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>J&uuml;disches Leben in Deutschland ist religi&ouml;s, spirituell, kulturell und politisch plural. Dennoch werden Stellungnahmen des Zentralrats von Politik und Medien h&auml;ufig als authentischer Ausdruck gesamtj&uuml;discher Interessen gelesen. Genau hier setzt die Kritik an: Nicht die Existenz des Zentralrats steht zur Debatte, sondern die Reichweite und inhaltliche politische Ausrichtung seines Mandats.<\/p><ol>\n<li><strong>Eine Frage der Mandatierung<\/strong>\n<p>Wenn v&ouml;lkerrechtlich oder menschenrechtlich umstrittene staatliche Positionen Israels als &bdquo;j&uuml;dische Position&ldquo; statt als politische Positionen eines Staates pr&auml;sentiert werden, der historisch aus dem politischen Zionismus hervorgegangen ist und sich selbst als j&uuml;discher Nationalstaat definiert, entsteht ein Deutungsrahmen, in dem politische Handlungen eines Staates mit einer religi&ouml;sen oder kulturellen Gemeinschaft verschmelzen.<\/p>\n<p>Diese Verschmelzung ist nicht harmlos. Sie erzeugt &ndash; unabh&auml;ngig von der Intention &ndash; die M&ouml;glichkeit kollektiver Zuschreibungen. Wenn milit&auml;rische Gewalt, V&ouml;lkerrechtsverletzungen[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] oder Menschenrechtsdebatten im &ouml;ffentlichen Diskurs implizit mit &bdquo;den Juden&ldquo; verkn&uuml;pft werden, &ouml;ffnet dies einen Raum f&uuml;r Projektionen.<\/p>\n<p>Historisch kennen wir die Muster: Juden wurden als kollektive T&auml;ter imaginiert &ndash; als Brunnenvergifter, Christusm&ouml;rder, Weltverschw&ouml;rer und Kinderritualm&ouml;rder. In aktuellen Konfliktkontexten tauchen neue Varianten dieser Projektionen auf: Vorw&uuml;rfe, die sich gegen einen Staat richten, werden in antisemitische Stereotype auf &bdquo;die Juden&ldquo; &uuml;bertragen &ndash; als angebliche Kinderm&ouml;rder, als V&ouml;lkerrechtsver&auml;chter, als Rassisten oder Suprematisten.<\/p>\n<p>Solche Zuschreibungen sind zutiefst antisemitisch. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Gerade deshalb ist es politisch hochsensibel, wenn staatliches Handeln Israels im &ouml;ffentlichen Raum mit j&uuml;discher Identit&auml;t verschmilzt. Wo politische Kritik an einem Staat strukturell mit einer religi&ouml;sen Gemeinschaft assoziiert wird, w&auml;chst das Risiko kollektiver Projektion.<\/p>\n<p>In Teilen der Berichterstattung wird der Zentralrat als ma&szlig;gebliche Stimme j&uuml;discher Positionierung pr&auml;sentiert. Zugleich wird Antisemitismus teilweise als &bdquo;getarnt als Israel-Kritik&ldquo; beschrieben. Solche Rahmungen verschr&auml;nken institutionelle Repr&auml;sentation, staatspolitische Kontroversen und religi&ouml;se Identit&auml;t. Sie verdeutlichen eine diskursive Struktur, der sich Juden aus vielen Teilen Europas im ersten anti-zionistischen Kongress entgegengestellt haben. So hei&szlig;t es in der Wiener Erkl&auml;rung: <\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;<em>Heute werden wieder j&uuml;dische Stimmen [&hellip;] verschwiegen und delegitimiert &ndash; wenn auch in Umkehrung<\/em>[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]<em> als &bdquo;Wer kein Jude ist, bestimmen wir&ldquo;. Wer mit Israel ist, darf als &bdquo;j&uuml;disch&ldquo; gelten und als J&uuml;d:in sprechen, wer es nicht ist, soll als &bdquo;Nicht-J&uuml;d:in&ldquo; schweigen. Das erkennen wir als eine Form des Antisemitismus und als Beihilfe zur Verbreitung des Antisemitismus, denn damit wird das J&uuml;disch-Sein untrennbar mit Israel und dem V&ouml;lkermord an den Pal&auml;stinenser:innen verbunden und der Hass auf J&uuml;d:innen gesch&uuml;rt.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>In der Wiener Erkl&auml;rung wird ausdr&uuml;cklich auf Karl Luegers Ausspruch &bdquo;Wer ein Jud ist, das bestimme ich&ldquo; Bezug genommen, um auf eine als problematisch empfundene Definitionshoheit hinzuweisen.<\/p>\n<p>Institutionelle Repr&auml;sentation, staatspolitische Kontroversen und religi&ouml;se Identit&auml;t werden sprachlich verdichtet. Genau in dieser Verdichtung entsteht die M&ouml;glichkeit kollektiver Zuschreibung.<\/p>\n<p>Deutschlands historische Verantwortung verpflichtet hier zu besonderer Klarheit. Der Schutz j&uuml;dischen Lebens bedeutet nicht nur die Abwehr direkter Gewalt, sondern auch die Verhinderung von Diskursmustern, die kollektive Schuldzuschreibungen beg&uuml;nstigen.<\/p>\n<p>Die Bundesregierung steht daher in einer doppelten Pflicht:<\/p>\n<p>Sie muss antisemitische Kollektivzuschreibungen entschieden bek&auml;mpfen &ndash; und zugleich vermeiden, durch politische Rahmungen selbst jene Verschmelzungen zu bef&ouml;rdern, aus denen solche Zuschreibungen entstehen k&ouml;nnen.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Zionismus als politische Ideologie &ndash; nicht als religi&ouml;se Identit&auml;t<\/strong>\n<p>Der politische Zionismus mit all seinen Verzweigungen ist eine moderne Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts. Er entstand als s&auml;kulares Projekt im Kontext europ&auml;ischer Nationalstaatsbildung und als Reaktion auf den Antisemitismus seiner Zeit. Er ist damit zun&auml;chst eine politische Ideologie &ndash; keine religi&ouml;se Dogmatik und keine spirituelle oder kulturelle Auspr&auml;gung des Judentums.<\/p>\n<p>Diese Unterscheidung ist zentral. Judentum ist eine Religion, eine Tradition, eine kulturelle Praxis, eine diasporische Geschichte. Zionismus ist demgegen&uuml;ber eine politische Theorie staatlicher Selbstbestimmung. Innerhalb des Judentums war diese Theorie stets umstritten &ndash; historisch wie gegenw&auml;rtig. Orthodoxe Antizionisten, s&auml;kulare Diasporisten, sozialistische Bundisten oder postzionistische Denkerinnen und Denker belegen, dass Zionismus niemals identisch mit j&uuml;discher Identit&auml;t war.<\/p>\n<p>Wenn Zionismus jedoch als selbstverst&auml;ndlich j&uuml;disch dargestellt wird &ndash; als quasi nat&uuml;rliche oder zwingende Konsequenz j&uuml;discher Existenz &ndash;, wird innerj&uuml;dische Dissidenz nicht nur unsichtbar gemacht und politische Pluralit&auml;t auf eine politideologische Linie verengt, sondern J&uuml;dinnen und Juden werden weltanschaulich vereinnahmt.<\/p>\n<p>Gerade in Zeiten schwerer milit&auml;rischer Konflikte gewinnt diese Problematik an Sch&auml;rfe. Werden staatliche Handlungen Israels &ndash; ob berechtigt kritisiert oder nicht &ndash; als Ausdruck &bdquo;j&uuml;discher Politik&ldquo; gerahmt, entsteht eine strukturelle Kollektivzuschreibung. Kritik an konkreten politischen Entscheidungen kann in antisemitischen Milieus in pauschale Zuschreibungen gegen &bdquo;die Juden&ldquo; umschlagen. Das ist hochgradig diskriminierend und reproduziert genau jene Logik kollektiver Verantwortungszuschreibung, die Antisemitismus historisch kennzeichnet.<\/p>\n<p>Eine klare begriffliche Trennung zwischen Judentum und Zionismus sch&uuml;tzt daher nicht nur die innerj&uuml;dische Vielfalt. Sie ist auch ein Schutzmechanismus gegen antisemitische Projektionen.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Identit&auml;tsverschmelzung und Projektion &ndash; ein ethisches Problem?<\/strong>\n<p>Wo politische Ideologie und religi&ouml;se Identit&auml;t diskursiv verschmelzen, entsteht ein strukturelles Problem der Zuschreibung und birgt ein ethisches Problem. <\/p>\n<p>Wenn staatliche Politik Israels im &ouml;ffentlichen Raum als Ausdruck &bdquo;j&uuml;discher Interessen&ldquo; oder &bdquo;j&uuml;discher Sicherheit&ldquo; verhandelt wird, wird ein politischer Konflikt semantisch in einen Identit&auml;tskonflikt umgewandelt. Damit verschiebt sich der Referenzrahmen: Aus der Kritik an einer Regierung oder an konkreten Ma&szlig;nahmen wird &ndash; zumindest potenziell &ndash; eine Kritik an einer Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Diese Verschiebung ist gef&auml;hrlich, weil sie zwei entgegengesetzte, aber strukturell verwandte Effekte erzeugt: Erstens beg&uuml;nstigt sie antisemitische Projektionen. In aufgeheizten Konfliktlagen werden Vorw&uuml;rfe gegen einen Staat nicht selten kollektiviert. Antisemitische Milieus &uuml;bertragen politische Anklagen auf &bdquo;die Juden&ldquo; insgesamt. Damit reproduziert sich jene Logik kollektiver Verantwortungszuschreibung, die den Antisemitismus historisch kennzeichnet: die Gleichsetzung individueller oder staatlicher Handlungen mit einer angeblich homogenen religi&ouml;sen Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Zweitens erzeugt die Identit&auml;tsverschmelzung eine ethische Immunisierung politischer Positionen. Wenn Kritik an staatlichem Handeln als potenziell identit&auml;tsverletzend markiert wird, entsteht eine moralische Abschirmung. Politische Auseinandersetzungen werden moralisiert, und die Grenze zwischen Antisemitismusbek&auml;mpfung und politischer Loyalit&auml;t verschwimmt.<\/p>\n<p>Ethisch problematisch ist somit nicht die Existenz politischer Solidarit&auml;t mit Israel. Problematisch wird es dort, wo Solidarit&auml;t als identit&auml;re Notwendigkeit definiert wird &ndash; und Dissens implizit als Abweichung vom Judentum erscheint.<\/p>\n<p>Gerade vor dem Hintergrund deutscher Geschichte ist hier gr&ouml;&szlig;te Sensibilit&auml;t geboten.<\/p>\n<p>Die Lehre aus der Shoah war nicht die Sakralisierung staatlicher Macht, sondern die radikale Zur&uuml;ckweisung kollektiver Schuldzuschreibungen. Wo politische Debatten strukturell zur Kollektivierung einladen, muss der Staat deeskalierend wirken &ndash; nicht identit&auml;tsverschmelzend.<\/p>\n<p>Eine saubere Trennung zwischen staatlicher Politik und religi&ouml;ser Gemeinschaft ist daher keine akademische Spitzfindigkeit. Sie ist ein ethischer Imperativ.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Deutschlands historische Verantwortung &ndash; &bdquo;Nie wieder&ldquo; ist universell<\/strong>\n<p>Deutschlands Verh&auml;ltnis zu j&uuml;dischem Leben ist untrennbar mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik verbunden. Aus der Shoah erwuchs die politische und moralische Lehre des &bdquo;Nie wieder&ldquo;. Dieses Versprechen ist konstitutiv f&uuml;r das demokratische Selbstverst&auml;ndnis der Bundesrepublik. Es verpflichtet zur Bek&auml;mpfung von Antisemitismus, zum Schutz j&uuml;dischen Lebens und zur aktiven Erinnerung an den Zivilisationsbruch.<\/p>\n<p>Doch dieses &bdquo;Nie wieder&ldquo; besitzt mehr als nur eine historische Dimension. Es enth&auml;lt zwei Dimensionen: eine konkrete und eine universelle.<\/p>\n<p>Die konkrete Dimension betrifft den Schutz j&uuml;dischen Lebens &ndash; in Deutschland und weltweit. Angesichts der industriellen Vernichtung von sechs Millionen Juden ist diese Verantwortung nicht relativierbar. Sie bleibt dauerhaft.<\/p>\n<p>Die universelle Dimension betrifft den Schutz menschlichen Lebens &uuml;berhaupt. Der moralische Kern des &bdquo;Nie wieder&ldquo; richtet sich gegen Entmenschlichung als solche &ndash; unabh&auml;ngig davon, wen sie trifft. Er wendet sich gegen rassistische Ideologien, kollektive Schuldzuschreibungen, systematische Entrechtung und Gewalt gegen Zivilbev&ouml;lkerungen. Seine normative Kraft liegt gerade in seiner Allgemeing&uuml;ltigkeit.<\/p>\n<p>Problematisch wird es dort, wo diese historische Verantwortung in eine politische Blankovollmacht &uuml;berf&uuml;hrt wird. Wenn Erinnerungspolitik in au&szlig;enpolitische Loyalit&auml;t transformiert wird, verschiebt sich der Referenzrahmen. Aus einem moralischen Imperativ gegen Entmenschlichung wird ein partikulares Schutzversprechen zugunsten eines bestimmten Staates. Damit verliert &bdquo;Nie wieder&ldquo; seine universalistische Struktur.<\/p>\n<p>Der Schutz j&uuml;dischen Lebens kann und darf nicht gegen den Schutz pal&auml;stinensischen Lebens ausgespielt werden. Wer das eine absolut setzt und das andere relativiert, unterl&auml;uft den normativen Kern der deutschen Erinnerungskultur. Die Lehre aus Auschwitz war nicht die Sakralisierung staatlicher Macht, sondern die unbedingte Bindung an die W&uuml;rde jedes einzelnen Menschen.<\/p>\n<p>&bdquo;Nie wieder&ldquo; gilt nicht selektiv. Es gilt immer und &uuml;berall.\n<\/p><\/li>\n<li><strong>Demokratietheoretische Legitimit&auml;t &ndash; und die Frage nach dem idealen Zentralrat<\/strong>\n<p>Eine religi&ouml;se Dachorganisation bewegt sich in einem Spannungsfeld. Sie ist Interessenvertretung, kulturelle Institution und moralische Stimme zugleich. Doch sollte sie ein au&szlig;enpolitisches Mandatstr&auml;gerorgan sein? Au&szlig;enpolitik ist Aufgabe demokratisch gew&auml;hlter Repr&auml;sentanten, nicht religi&ouml;ser K&ouml;rperschaften.<\/p>\n<p>Wo eine religi&ouml;se Vertretung dauerhaft au&szlig;enpolitische Positionen formuliert, entsteht ein strukturelles Risiko: Politische Konflikte werden mit religi&ouml;ser Identit&auml;t verschr&auml;nkt. Diese Verschr&auml;nkung kann &ndash; selbst wenn sie gut gemeint ist &ndash; Projektionsr&auml;ume &ouml;ffnen. In aufgeheizten Konfliktlagen neigen &ouml;ffentliche Debatten dazu, staatliches Handeln zu kollektivieren. Aus Kritik an Regierungspolitik wird in extremistischen Milieus Kritik an &bdquo;den Juden&ldquo;.<\/p>\n<p>Niemand behauptet, der Zentralrat beabsichtige dies. Doch institutionelle Rahmungen wirken unabh&auml;ngig von Intentionen. Wenn au&szlig;enpolitische Loyalit&auml;t als identit&auml;re Selbstverst&auml;ndlichkeit erscheint, wird die Differenz zwischen Staat und Religionsgemeinschaft unscharf &ndash; und genau diese Unsch&auml;rfe kann antisemitische Zuschreibungen beg&uuml;nstigen.<\/p>\n<p>Gerade aus deutscher Perspektive ist das heikel. Die historische Verantwortung verpflichtet nicht nur zum Schutz j&uuml;dischen Lebens, sondern auch zur Vermeidung von Diskursmustern, die kollektive Verantwortungszuschreibungen erm&ouml;glichen. J&uuml;disches Leben wird dort gef&auml;hrdet, wo es politisch kollektiviert wird.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wie s&auml;he ein Zentralrat aus, der seine Legitimit&auml;t nicht aus au&szlig;enpolitischer Positionierung, sondern aus religi&ouml;ser und gemeinschaftlicher Verantwortung gewinnt?<\/p>\n<p>Ein solcher Zentralrat w&uuml;rde sich prim&auml;r auf die Sicherung j&uuml;dischen Lebens in Deutschland konzentrieren: auf Religionsfreiheit, Kultpraxis, rabbinische Ausbildung, Synagogenleben, Seelsorge, Bildungsarbeit, Friedhofsschutz und innerj&uuml;dische Pluralit&auml;t. Er w&uuml;rde sich als Vertreter einer Religionsgemeinschaft verstehen &ndash; nicht als moralischer Garant staatlicher Au&szlig;enpolitik.<\/p>\n<p>Diese Aufgaben sind keineswegs unpolitisch. Sie betreffen Religionsrecht, K&ouml;rperschaftsstatus, Antisemitismusbek&auml;mpfung, Sicherheit von Gemeinden. Aber sie sind nicht identisch mit der Verteidigung konkreter Regierungsentscheidungen eines Staates.<\/p>\n<p>Ein solcher Rollenwechsel w&auml;re kein R&uuml;ckzug, sondern eine Kl&auml;rung. Er w&uuml;rde innerj&uuml;dische Vielfalt sichtbar machen, politische Dissidenz erm&ouml;glichen und zugleich antisemitischen Projektionen die Grundlage entziehen.<\/p>\n<p>Der Zentralrat kann und darf Solidarit&auml;t mit j&uuml;dischen Menschen in Israel bekunden. Als Vertreter einer Religionsgemeinschaft aber sollte er vermeiden, eine hochproblematische politische Ideologie zur identit&auml;ren Norm zu erheben &ndash; und damit J&uuml;dinnen und Juden weltweit in Konflikte hineinzuziehen, die sie weder gew&auml;hlt noch verantwortet haben.\n<\/p><\/li>\n<\/ol><p><small>Titelbild: Achim Wagner \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/UNRWA-Situation-Report-164-on-the-Humanitarian-Crisis-in-the-Gaza-Strip-and-the-West-Bank-including-East-Jerusalem-_-UNRWA.pdf\">UNRWA SITUATION REPORT #164<\/a> ON THE HUMANITARIAN CRISIS IN THE GAZA STRIP AND THE WEST BANK<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zentralratderjuden.de\/der-zentralrat\/ueber-uns\/\">Eine Vertretung f&uuml;r alle Juden<\/a> &ndash; Der Zentralrat der Juden in Deutschland vertritt die Interessen der j&uuml;dischen Gemeinschaft<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/politik\/schuster-calls-arrest-warrant-against-netanyahu-absurdity\">Schuster<\/a> Calls Arrest Warrant Against Netanyahu &raquo;Absurdity&laquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/bip-jetzt.de\/2020\/08\/18\/bip-aktuell-133-faktencheck-antisemitismus-und-antisemitismusbeauftragter\/\">Offener Brief<\/a> an den Zentralrat der Juden in Deutschland<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.juedisch-antizionistisch.at\/deklaration\">Deklaration<\/a> des j&uuml;dischen Anti-Zionismus Kongresses<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/the-court-indicates-additional-provisional-measure-press-release-28mar24\/\">THE HAGUE<\/a> &ndash; In the case concerning Application of the Convention on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Karl Lueger wird mit dem Satz zitiert: &bdquo;Wer Jude ist, bestimme ich.&ldquo; Vgl. Brigitte Hamann, <em>Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators<\/em>, M&uuml;nchen 1996.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer spricht f&uuml;r die Juden in Deutschland? Diese Frage gewinnt immer mehr an Dringlichkeit &ndash; nicht zuletzt angesichts der von den Vereinten Nationen als humanit&auml;re Krise beschriebenen Lage in Gaza und der Westbank[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>], die auch hierzulande eine ethische Standortbestimmung verlangt. Der Zentralrat der Juden tritt seit Jahrzehnten als politische Stimme des organisierten Judentums[<a<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147703\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":147704,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,107,201,85,161],"tags":[1557,2374,3630,1281],"class_list":["post-147703","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-audio-podcast","category-ideologiekritik","category-pr","category-wertedebatte","tag-israel","tag-staatsraeson","tag-zentralrat-der-juden","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/shutterstock_2527188071.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=147703"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":147775,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147703\/revisions\/147775"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/147704"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=147703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=147703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=147703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}