{"id":147715,"date":"2026-03-15T15:00:39","date_gmt":"2026-03-15T14:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147715"},"modified":"2026-03-13T14:53:04","modified_gmt":"2026-03-13T13:53:04","slug":"zyklon-harrys-verheerende-auswirkungen-im-mittelmeer-mindestens-1-000-migranten-auf-see-vermisst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147715","title":{"rendered":"Zyklon \u201eHarrys\u201c verheerende Auswirkungen im Mittelmeer: Mindestens 1.000 Migranten auf See vermisst"},"content":{"rendered":"<p>Das Mittelmeer ist derzeit der gef&auml;hrlichste Migrationskorridor der Welt. Seit 2014 sind laut der Internationalen Organisation f&uuml;r Migration der UNO mehr als 30.000 Menschen auf dieser zentralen Route ums Leben gekommen oder verschwunden. Zyklon &bdquo;Harry&ldquo; hat deutlich gemacht, dass nicht nur St&uuml;rme, sondern auch die europ&auml;ische Politik f&uuml;r die hohen Todeszahlen verantwortlich ist. Von <strong>Michael Leonardi<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Zyklon &bdquo;Harry&ldquo; fegte Mitte Januar 2026 mit einer Heftigkeit &uuml;ber das zentrale Mittelmeer hinweg, die alle Rekorde brach &ndash; mit st&uuml;rmischen Winden, 16 Meter hohen Wellen und str&ouml;mendem Regen &uuml;ber S&uuml;ditalien, Malta und Tunesien. An Land &uuml;berschwemmte der Sturm Wohnh&auml;user, l&ouml;ste Erdrutsche aus und legte die Infrastruktur lahm, was Sch&auml;den in Milliardenh&ouml;he hinterlie&szlig;.<\/p><p>Auf See l&ouml;ste der Zyklon ein Massaker aus. Laut Mediterranea Saving Humans und Medienberichten sanken mindestens 27 von 29 Booten, die die tunesische Region Sfax verlassen hatten, w&auml;hrend des Sturms, und es wird bef&uuml;rchtet, dass mindestens 1.000 Migranten ums Leben gekommen sind &ndash; eines der t&ouml;dlichsten Einzelereignisse auf der zentralen Route in j&uuml;ngster Zeit.<\/p><p>Die italienische K&uuml;stenwache best&auml;tigte, dass allein von acht Schiffen 380 Menschen vermisst werden. Die Internationale Organisation f&uuml;r Migration der Vereinten Nationen weist darauf hin, dass in den zehn Tagen des unabl&auml;ssigen Chaos Hunderte weitere Menschen bei mehreren Schiffbr&uuml;chen ums Leben gekommen sind. Einige Boote sind auch aus Libyen gestartet, darunter eines, das vor Tobruk gesunken ist. Dabei sollen mindestens 51 Menschen ums Leben gekommen sein.<\/p><p>Dies ist nicht allein eine Naturkatastrophe. Es ist ein vermeidbares Massaker, das durch die Festung Europa &ndash; den militarisierten Grenzapparat der EU, der das Mittelmeer zum t&ouml;dlichsten Migrationskorridor der Welt gemacht hat &ndash; noch verst&auml;rkt wird.<\/p><p>Seit 2014 sind laut Zahlen der IOM mehr als 30.000 Menschen hier ums Leben gekommen oder verschwunden, wobei allein im Jahr 2025 bereits mindestens 1.340 Menschen auf der zentralen Route ums Leben gekommen sind, bevor &bdquo;Harry&ldquo; zuschlug. Schlepper nutzen extremes Wetter aus, weil sie wissen, dass europ&auml;ische Patrouillen und Rettungs-NGOs durch St&uuml;rme behindert werden.<\/p><p>Aber die eigentlichen Architekten dieses Friedhofs sind die politischen Ma&szlig;nahmen selbst: Zur&uuml;ckweisungen, Kriminalisierung von Solidarit&auml;t und schmutzige Deals mit Tunesien und Libyen, mit denen die Gewalt an den Grenzen ausgelagert wird. Das Meer erledigt den Rest.<\/p><p>Der Klimawandel ist der Beschleuniger. Steigende Meerestemperaturen und intensivere Unwetter &ndash; verursacht durch jahrzehntelange globale Emissionen &ndash; haben das Mittelmeer gewaltt&auml;tiger und unberechenbarer gemacht. Zyklon &bdquo;Harry&ldquo; war keine Anomalie, sondern eine Vorausschau. St&auml;rkere St&uuml;rme, h&ouml;here Wellen und h&auml;ufigere Extremwetter werden die t&ouml;dlichen Risiken f&uuml;r diejenigen vervielfachen, die bereits aus Subsahara-Afrika und dem Nahen Osten vor D&uuml;rre, W&uuml;stenbildung, Krieg und Armut fliehen m&uuml;ssen.<\/p><p>Doch Europa, das historische Epizentrum der Industrieschadstoffemission, reagiert auf klimabedingte Vertreibung nicht mit sicheren Fluchtwegen oder Klimagerechtigkeit, sondern mit immer h&ouml;heren Mauern, Frontex-Drohnen und Internierungslagern.<\/p><p>Frontex, die Agentur der Europ&auml;ischen Union f&uuml;r die Grenz- und K&uuml;stenwache, fungiert auf dem Kontinent als Pendant zur ICE &ndash; ein militarisierter, keiner Rechenschaftspflicht unterliegender Apparat, der dazu dient, die t&ouml;dliche Logik der Festung Europa zu externalisieren und durchzusetzen.<\/p><p>Mit einem Budget, das mittlerweile &uuml;ber eine Milliarde Euro pro Jahr betr&auml;gt, und einer wachsenden Flotte von Drohnen, Patrouillenbooten und &Uuml;berwachungstechnologie hat Frontex seinen Schwerpunkt von der Koordinierung von Rettungsaktionen auf aktive R&uuml;ckf&uuml;hrungsoperationen verlagert. Migrantenboote werden in internationalen Gew&auml;ssern abgefangen und nach Libyen oder Tunesien zur&uuml;ckgeschickt &ndash; L&auml;nder, in denen zur&uuml;ckkehrenden Migranten Folter, Versklavung und Erpressung drohen.<\/p><p>Die Rolle der Agentur bei der Katastrophe des Zyklons &bdquo;Harry&ldquo; ist verheerend: W&auml;hrend &uuml;ber Inmarsat und Satellitentelefone Notrufe eingingen, waren die Einsatzkr&auml;fte von Frontex entweder gar nicht da oder zu sp&auml;t oder konzentrierten sich eher auf Abschreckung als auf Rettung, sodass Hunderte ertrunken sind.<\/p><p>Wie die ICE agiert auch Frontex nahezu straffrei &ndash; die Mitarbeiter sind vor einer Rechenschaftspflicht gesch&uuml;tzt, Vers&auml;umnisse werden auf &bdquo;Wetterbedingungen&rdquo; oder &bdquo;die R&uuml;cksichtslosigkeit von Schleusern&rdquo; geschoben, und die Gewalt wird durch Vertr&auml;ge an Drittl&auml;nder ausgelagert, wo Diktatoren daf&uuml;r bezahlt werden, die schmutzige Arbeit zu tun.<\/p><p>Im t&ouml;dlichsten Korridor des Mittelmeers rettet Frontex keine Leben. Vielmehr &uuml;berwacht die Agentur die Grenzen auf Kosten Tausender Menschen und verwandelt das s&uuml;dliche Meer Europas in ein Massengrab, in dem die &bdquo;Werte&ldquo; der EU zusammen mit den Menschen, die Zuflucht suchen, ertrinken.<\/p><p>Italien unter Giorgia Meloni tr&auml;gt eine besondere Verantwortung. Ihre Regierung hat die Rettungsmissionen von Nichtregierungsorganisationen unterbunden, Solidarit&auml;t auf See kriminalisiert und sich mit &bdquo;geschlossenen H&auml;fen&rdquo; ger&uuml;hmt.<\/p><p>W&auml;hrend &bdquo;Harry&ldquo; w&uuml;tete, hat das italienische Koordinierungszentrum f&uuml;r Seenotrettung &uuml;ber Inmarsat Notrufe bekommen, aber nichts unternommen, um rechtzeitig und ausreichend Suchaktionen zu starten. Mediterranea Saving Humans hat den Beh&ouml;rden deshalb &bdquo;mangelnde Informationen und Rettungsbem&uuml;hungen&rdquo; vorgeworfen. Und &Uuml;berlebende aus Tunesien und Libyen berichten von Dutzenden &bdquo;schwimmenden Massengr&auml;bern&rdquo;, die spurlos verschwunden sind.<\/p><p>Die Komplizenschaft Italiens als zentraler Zugangspunkt zur EU geht &uuml;ber das Stillschweigen auf See hinaus und umfasst auch seine aktive Rolle im externalisierten Haftsystem der EU. Im November 2023 unterzeichnete Giorgia Meloni ein kontroverses Abkommen mit dem albanischen Premierminister Edi Rama, um von Italien betriebene Migrantenhaftanstalten auf albanischem Boden einzurichten &ndash; eine in Gjader zur Identifizierung und Bearbeitung von Asylantr&auml;gen, die andere in einer ehemaligen Milit&auml;rbasis in der Region Shengjin als Eingangskontrollzentrum f&uuml;r R&uuml;ckf&uuml;hrungen oder Asylantr&auml;ge.<\/p><p>Die Einrichtungen, die bis zu 3.000 Menschen gleichzeitig aufnehmen sollen, wurden als &bdquo;europ&auml;isches Modell&rdquo; angepriesen, um Italien an seinen Grenzen zu entlasten. Im Laufe eines Jahres sollen in den Einrichtungen bis zu 36.000 Menschen bearbeitet werden. Doch seit Februar 2026 sind die Zentren leer und nicht in Betrieb &ndash; aufgrund rechtlicher Probleme, Menschenrechtsbedenken und logistischer M&auml;ngel.<\/p><p>Italienische Gerichte, NGOs und der Europ&auml;ische Gerichtshof f&uuml;r Menschenrechte haben Alarm geschlagen wegen m&ouml;glicher Verst&ouml;&szlig;e gegen das Verbot der Zwangsr&uuml;ckf&uuml;hrung, unmenschlicher Bedingungen und der Auslagerung von Asylverpflichtungen an ein Nicht-EU-Land mit nachweislich schwacher Rechtsstaatlichkeit.<\/p><p>Die leeren Geb&auml;ude stehen als deutliches Symbol: Die Regierung Meloni ist bereit, Millionen f&uuml;r ein Archipel von Haftanstalten im Ausland auszugeben, w&auml;hrend sie sich weigert, sichere, legale Wege zu &ouml;ffnen oder die t&ouml;dlichen Zur&uuml;ckweisungen zu beenden, die jedes Jahr Tausende von Menschenleben fordern.<\/p><p>Die menschlichen Opfer sind unertr&auml;glich: Frauen, Kinder, ganze Familien, die im Namen der europ&auml;ischen Grenzkontrolle von den Wellen verschlungen werden. Die Katastrophe des Zyklons &bdquo;Harry&ldquo; offenbart die m&ouml;rderische Logik der Festung Europa: Rettung kriminalisieren, Grenzen auslagern, klimabedingte Vertreibung ignorieren &ndash; und das Meer das Werk der Ausgrenzung vollenden lassen.<\/p><p>Die Forderung ist dringend und nicht verhandelbar: Beendet die Kriminalisierung der Migration. Schafft R&uuml;ckf&uuml;hrungen ab und l&ouml;st Frontex auf. &Ouml;ffnet sichere, legale Wege f&uuml;r Klima- und Konfliktfl&uuml;chtlinge. Geht gegen den Klimawandel mit Gerechtigkeit vor, nicht mit militarisierten Grenzen. Rei&szlig;t die Festung Europa nieder, bevor sie weitere Tausend Menschenleben fordert.<\/p><p><em>Der Beitrag erschien im Original bei <a href=\"https:\/\/www.counterpunch.org\/2026\/02\/06\/cyclone-harrys-mediterranean-massacre-at-least-1000-migrants-lost-at-sea-fortress-europes-deadly-legacy\/\">Counterpunch<\/a>. &Uuml;bersetzung aus dem Englischen von <strong>Marta Andujo<\/strong>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Nigma Photography\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Mittelmeer ist derzeit der gef&auml;hrlichste Migrationskorridor der Welt. Seit 2014 sind laut der Internationalen Organisation f&uuml;r Migration der UNO mehr als 30.000 Menschen auf dieser zentralen Route ums Leben gekommen oder verschwunden. Zyklon &bdquo;Harry&ldquo; hat deutlich gemacht, dass nicht nur St&uuml;rme, sondern auch die europ&auml;ische Politik f&uuml;r die hohen Todeszahlen verantwortlich ist. Von <strong>Michael<\/strong><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147715\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":147716,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,159,161],"tags":[3360,1039,2870,577,3629,979,2448,340],"class_list":["post-147715","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-fremdenfeindlichkeit-rassismus","category-wertedebatte","tag-europaeische-union","tag-frontex","tag-grenzschliessungen","tag-italien","tag-meloni-giorgia","tag-naturkatastrophe","tag-schifffahrt","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/shutterstock_2692639297.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147715","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=147715"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147715\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":147729,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147715\/revisions\/147729"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/147716"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=147715"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=147715"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=147715"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}