{"id":147736,"date":"2026-03-16T13:00:30","date_gmt":"2026-03-16T12:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147736"},"modified":"2026-03-16T11:44:57","modified_gmt":"2026-03-16T10:44:57","slug":"ukraine-frieden-wie-europa-den-weg-an-den-verhandlungstisch-findet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147736","title":{"rendered":"Ukraine-Frieden: Wie Europa den Weg an den Verhandlungstisch findet"},"content":{"rendered":"<p>In unserer Reihe &bdquo;Stimmen aus Russland&ldquo; bieten wir Einblicke in russische Debatten und strategische &Uuml;berlegungen, die in westlichen Leitmedien oft fehlen. In diesem Beitrag erkl&auml;rt der Politologe <strong>Geworg Mirsajan<\/strong>, warum ein vollwertiger Friede ohne Europa nicht m&ouml;glich ist &ndash; und warum Br&uuml;ssel sich derzeit dennoch selbst ins Abseits man&ouml;vriert. Aus dem Russischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Dr&auml;ngen europ&auml;ischer Staaten auf einen Platz bei den russisch-US-amerikanischen oder russisch-US-amerikanisch-ukrainischen Verhandlungen l&ouml;st Fremdscham f&uuml;r die Nachbarn auf dem eigenen Kontinent aus. Vertreter Europas reisen zu den Treffpunkten, treiben sich in den Hotels herum und beraten ukrainische Beamte &ndash; doch der Verhandlungssaal bleibt f&uuml;r sie verschlossen. Sowohl Russland als auch die USA schlagen ihnen die T&uuml;r vor der Nase zu.<\/p><p>Dieses Vorgehen ist folgerichtig. Moskau und Washington wollen &ndash; im Gegensatz zu Kiew &ndash; die Verhandlungen zum Erfolg f&uuml;hren. Sie suchen jenen Kompromiss, den Wladimir Putin und Donald Trump bei ihrem Treffen in Anchorage bereits grob skizzierten. Europa hingegen agiert v&ouml;llig destruktiv. Das beweist die sogenannte &bdquo;Liste der Zugest&auml;ndnisse&ldquo; der EU-Au&szlig;enbeauftragten Kaja Kallas. Darin listet sie Forderungen auf, die Moskau in einem Friedensvertrag erf&uuml;llen soll. Im Kern ist das eine Kapitulationsurkunde: Russland soll Reparationen zahlen, Truppen von eigenem Territorium abziehen und die Armee verkleinern. Wer so auftritt, disqualifiziert sich f&uuml;r jeden Verhandlungstisch.<\/p><p><strong>Sicherheitsgarantien und Sanktionen: Warum Europa unverzichtbar ist<\/strong><\/p><p>Dennoch braucht es Europa bei diesen Gespr&auml;chen. Ohne die europ&auml;ischen Staaten gelingt kein Friede, der die Ursachen des Konflikts dauerhaft ausr&auml;umt. Europa muss beispielsweise schriftlich garantieren, die Ukraine nicht in die NATO zu ziehen. W&uuml;rden nur die US-Amerikaner diese Zusage geben, triebe die Alte Welt die euro-atlantische Integration der Ukraine einfach weiter voran. Zudem k&ouml;nnten sie die Ukraine in den europ&auml;ischen Pfeiler der NATO einbetten, ohne sie offiziell aufzunehmen &ndash; genau wie zuvor im Fall Schwedens.<\/p><p>Ebenso muss Europa die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland unterzeichnen. Andernfalls bliebe die russische Au&szlig;enwirtschaft blockiert und das Ringen um die R&uuml;ckgabe eingefrorener russischer Verm&ouml;genswerte w&uuml;rde sich &uuml;ber Jahrzehnte hinziehen. Theoretisch k&ouml;nnte ein &bdquo;Trojanisches Pferd&ldquo; wie Ungarn zwar mit US-amerikanischer R&uuml;ckendeckung die Verl&auml;ngerung von Sanktionen per Veto verhindern. Doch die einzelnen Staaten k&ouml;nnten diese auf nationaler Ebene jederzeit reaktivieren. Zudem sind kritische Fragen, wie der Verbleib der eingefrorenen Gelder, l&auml;ngst aus den regul&auml;ren Verl&auml;ngerungsverfahren ausgegliedert.<\/p><p>Schlie&szlig;lich muss Europa die neuen russischen Gebiete offiziell anerkennen. Ohne diesen Schritt fehlt jede Grundlage, um Sanktionen zu beenden oder die Diskriminierung der dortigen Bewohner bei Visa und Investitionen zu stoppen. Den Revanchisten in Kiew bliebe sonst die Hoffnung, dass der Westen neue K&auml;mpfe als &bdquo;Wiederherstellung der territorialen Integrit&auml;t&ldquo; rechtfertigt, w&auml;hrend russische Schutzma&szlig;nahmen als &bdquo;neuer Angriff&ldquo; g&auml;lten. Dies w&uuml;rde die Verteidigungsgarantien f&uuml;r das Kiewer Regime sofort wieder aktivieren.<\/p><p><strong>Nationale Alleing&auml;nge gegen das Br&uuml;sseler Veto<\/strong><\/p><p>Die entscheidende Frage lautet: Wie l&auml;sst sich Europa an den Verhandlungstisch bringen? In einer idealen Welt mit pragmatischen Politikern an der Spitze der EU w&auml;re das einfach. Sie w&uuml;rden begreifen, dass ihre Abwesenheit der europ&auml;ischen Souver&auml;nit&auml;t schadet. Sie m&uuml;ssten zusehen, wie Russen und US-Amerikaner die Zukunft des Kontinents erneut ohne sie gestalten. Sie w&uuml;rden erkennen, dass der Krieg verloren ist und sie nur eine Chance haben: Sie m&uuml;ssen auf den Verhandlungszug aufspringen, so wie es einst Donald Trump tat.<\/p><p>Doch Europa wird heute nicht von Staatsm&auml;nnern vom Kaliber eines Helmut Kohl oder Charles de Gaulle regiert. An der Spitze stehen intellektuelle Liliputaner wie Ursula von der Leyen und Kaja Kallas. Sie dienen b&uuml;rokratischen Interessen, nicht ihren Nationen. Sie ziehen in einen ideologischen Kreuzzug, statt Realpolitik zu betreiben. Solche Akteure wird niemand zu einem Kurswechsel bewegen.<\/p><p>Es bleibt also nur ein Weg: Andere m&uuml;ssen an den Tisch. Die Strategie muss auf einzelne nationale Anf&uuml;hrer setzen, die das Br&uuml;sseler Veto durchbrechen, und als &bdquo;Vertreter Europas&ldquo; profilieren. Sie m&uuml;ssten jene diplomatische Rolle &uuml;bernehmen, an der Kaja Kallas scheitert. Das w&uuml;rde eine Kettenreaktion ausl&ouml;sen: Andere europ&auml;ische Staatschefs w&uuml;rden aus Sorge um den Einfluss ihrer Konkurrenten ebenfalls von der Br&uuml;sseler Linie abweichen, um eigene Interessen im k&uuml;nftigen Abkommen zu wahren. Sobald der erste Dominostein f&auml;llt, folgen die anderen. Da hilft es auch nicht, wenn die baltischen Staatschefs in Kiew fordern, ein EU-Vertreter d&uuml;rfe nur die Positionen der Ukraine vertreten.<\/p><p>Eigentlich lie&szlig;e sich dieser Plan schon jetzt umsetzen, denn Moskau und Washington haben bereits Kandidaten f&uuml;r die Rolle des ersten Dominosteins: den ungarischen Ministerpr&auml;sidenten Viktor Orb&aacute;n und seinen slowakischen Kollegen Robert Fico. Das Problem ist jedoch, dass diese Anf&uuml;hrer nicht das n&ouml;tige Kaliber besitzen. Ihnen fehlt das institutionelle Gewicht; sie werden die &uuml;brigen Steine nicht umwerfen &ndash; sie werden blo&szlig; zu noch gr&ouml;&szlig;eren Ausgesto&szlig;enen innerhalb der EU.<\/p><p>Diese Rolle erfordert jemanden von gr&ouml;&szlig;erem Format &ndash; zum Beispiel den franz&ouml;sischen Pr&auml;sidenten Emmanuel Macron, bei aller, gelinde gesagt, schwierigen Einstellung zu ihm. Er beginnt bereits zu schwanken, spricht &uuml;ber die Notwendigkeit direkter Gespr&auml;che mit Moskau und demonstriert einen konstruktiven Ansatz, etwa indem er die Konfiszierung russischer Verm&ouml;genswerte blockiert. Die Frage ist nur, wann er erkennt, wie vorteilhaft es w&auml;re, der erste Dominostein zu sein &ndash; statt lediglich eine gesamteurop&auml;ische Vogelscheuche.<\/p><p><em><strong>Zum Autor:<\/strong> <strong>Geworg Mirsajan<\/strong> ist ein russischer Politologe und Journalist. Er ist au&szlig;erordentlicher Professor an der Finanzuniversit&auml;t der Regierung der Russischen F&ouml;deration in Moskau. Als Experte f&uuml;r internationale Beziehungen und Geopolitik publiziert er regelm&auml;&szlig;ig Analysen zu den russisch-amerikanischen Beziehungen sowie zur europ&auml;ischen Sicherheitspolitik, unter anderem f&uuml;r das Fachmagazin Expert und das Online-Portal Vzglyad. In seinen Arbeiten vertritt er h&auml;ufig realpolitische Ans&auml;tze und setzt sich kritisch mit der Rolle supranationaler Institutionen auseinander.<\/em><\/p><p><em>Der Beitrag ist auf in der russischen Onlinezeitung <a href=\"https:\/\/vz.ru\/opinions\/2026\/3\/12\/1398153.html\">Vzgljad<\/a> erschienen.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: rawf8 \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/ca4f35e94f3a4ff0b1142485923b36d4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In unserer Reihe &bdquo;Stimmen aus Russland&ldquo; bieten wir Einblicke in russische Debatten und strategische &Uuml;berlegungen, die in westlichen Leitmedien oft fehlen. In diesem Beitrag erkl&auml;rt der Politologe <strong>Geworg Mirsajan<\/strong>, warum ein vollwertiger Friede ohne Europa nicht m&ouml;glich ist &ndash; und warum Br&uuml;ssel sich derzeit dennoch selbst ins Abseits man&ouml;vriert. 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