{"id":147864,"date":"2026-03-17T15:00:54","date_gmt":"2026-03-17T14:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147864"},"modified":"2026-03-17T14:00:31","modified_gmt":"2026-03-17T13:00:31","slug":"anti-kriegsfilm-a-single-day-vom-my-lai-massaker-bis-zur-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147864","title":{"rendered":"Anti-Kriegsfilm \u201eA Single Day\u201c \u2013 Vom My-Lai-Massaker bis zur Gegenwart"},"content":{"rendered":"<p>Gestern, am 16. M&auml;rz, j&auml;hrte sich das Massaker von My Lai zum 58. Mal. Normalerweise w&auml;re das ein guter Anlass, in Fernsehen und Kino die zerst&ouml;rerische Wirkung des Krieges vor Augen zu f&uuml;hren. Zumal die bewaffneten Konflikte weltweit hochkochen. Doch Anti-Kriegsfilme sind selten geworden. Jedenfalls werden sie nicht in der Menge produziert, die angesichts heutiger Militarisierung angemessen w&auml;re. Eine Ausnahme ist <a href=\"https:\/\/resistance-film.jimdofree.com\/\">&bdquo;A Single Day&ldquo;<\/a>, eine Dokumentation des Filmemachers Christoph Felder. Eine Filmrezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nObwohl sich die Dokumentation mit dem Vietnamkrieg besch&auml;ftigt, flammt darin etwas Allgemeing&uuml;ltiges auf, ein Moment, von dem aus Parallelen zur gegenw&auml;rtigen Situation gezogen werden k&ouml;nnen. Am Beispiel des ehemaligen US-Soldaten Larry Colburn beleuchtet Felder die Auswirkungen des Krieges, nicht nur f&uuml;r die Beteiligten selbst, sondern auch f&uuml;r deren Nachfahren. Die Erfahrungen an der Front zeitigen Effekte, die transgenerational weiterwuchern. Nur wenige Stunden k&ouml;nnen ein Leben v&ouml;llig ver&auml;ndern, sie k&ouml;nnen so pr&auml;gend sein, dass die Betroffenen sich nie mehr davon losrei&szlig;en k&ouml;nnen.<\/p><p>Einen solchen Moment erlebte Larry Colburn an einem Tag im Jahr 1968, wie bereits der Titel zu verstehen gibt. Der US-Soldat war Teil jener milit&auml;rischen Einheit, die das Massaker von My Lai veranstaltete. Colburn war zusammen mit zwei anderen Kameraden in einem der Hubschrauber unterwegs, um Farbbomben zu legen, Markierungen also, mit denen Verletzte gekennzeichnet wurden. Allerdings bemerkte er, dass seine Kameraden auf dem Boden die Verletzten nicht retteten, sondern erschossen, skrupel- und gewissenlos. Colburn mischte sich ein, stellte sich mit Waffengewalt gegen seine Kameraden und konnte so Schlimmeres verhindern.<\/p><p>Eine weitere unangenehme &Uuml;berraschung erlebte der Soldat, als er den Vorfall zusammen mit einem Kameraden meldete. Ihr Bericht wurde entgegengenommen und begraben. Schlimmer noch: Colburn fiel auf, dass er und andere, die am Akt des Widerstands beteiligt waren, nun bei Missionen eingesetzt wurden, die als besonders gef&auml;hrlich galten. Man wollte sie offensichtlich loswerden. Sp&auml;ter gelangten die Ereignisse jenes Tages dennoch mithilfe Seymour Hershs an die &Ouml;ffentlichkeit, der mit der Aufdeckung des My-Lai-Massakers seinen Ruhm als Investigativjournalist begr&uuml;ndete. In den USA gab es Proteste, f&uuml;r die Beteiligten jedoch kaum Konsequenzen. Verurteilt wurde lediglich der Soldat William Calley, und selbst der durfte sich sp&auml;ter &uuml;ber eine Begnadigung freuen.<\/p><p>F&uuml;r Colburn und die anderen Widerst&auml;ndler hatte die Aufdeckung weitaus gr&ouml;&szlig;ere Folgen. Sie wurden drangsaliert, bel&auml;stigt und in den Akten f&uuml;r tot erkl&auml;rt, sodass sie niemand finden konnte, der Interesse an ihnen zeigte. Wer sich gegen milit&auml;rische Verbrechen stellt, erh&auml;lt enormen Gegenwind. Das ist heute nicht anders als damals. Das Schicksal von Julian Assange erbringt den Beweis. Wie seine unsch&ouml;nen Erfahrungen mit dem Milit&auml;r Spuren hinterlie&szlig;en, warf auch jener Tag im Vietnamkrieg einen langen Schatten auf Colburns Leben. Ihn beleuchtet Felder in seinem Dokumentarfilm, indem er von dem My-Lai-Massaker aus vor- und zur&uuml;ckgeht und damit das transgenerationale Moment von Krieg herausarbeitet.<\/p><p>Dass Larry Colburn sich &uuml;berhaupt f&uuml;r den Einsatz in Vietnam meldete, liegt begr&uuml;ndet in den Erfahrungen seines Vaters Henry, der ebenfalls Soldat war und 1944 an dem sogenannten D-Day in der Normandie teilnahm. Felder baut in seinem Dokumentarfilm einen weiteren &bdquo;Single Day&ldquo; mit gro&szlig;er Tragweite ein, einen Tag der Anspannung und Euphorie, der Auswirkungen auf Larry hatte. Nach dem gewonnenen Zweiten Weltkrieg herrschte in den USA ein &uuml;berspanntes Pflichtbewusstsein, aus dem heraus Larry in den Vietnamkrieg zog. Es war aber auch ein Gef&uuml;hl der Siegesgewissheit dabei, so wie am D-Day seines Vaters. Doch die anf&auml;ngliche Begeisterung schlug an jenem Tag des Massakers in Horror um, in ein Trauma, das in seinem eigenen Sohn Connor weiterwirkt. Dieser tritt im Dokumentarfilm als reflektierter Mahner auf, als Pazifist, der es verstanden hat, dass Kriege nie im Interesse der Menschen gef&uuml;hrt werden, sondern immer der R&uuml;stungsindustrie dienen. Die Soldaten, sagt er, opferten ihr Leben f&uuml;r den milit&auml;risch-industriellen Komplex.<\/p><p>Mit diesem Gedanken schl&auml;gt Filmemacher Felder die Br&uuml;cke zur Gegenwart. Gerade nach der Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht in Deutschland stellen sich die Jugendlichen die gleiche Frage wie Colburns Sohn Connor: Warum sollen sie in Kriege ziehen, die nicht notwendig sind? Warum sollen sie ihr Leben f&uuml;r die R&uuml;stungsindustrie opfern? Er finde es toll, dass sich der Nachwuchs wehre und auf die Stra&szlig;e gehe, sagt Felder. Sein Film soll einen Ankn&uuml;pfungspunkt bieten, von dem aus Reflexionen &uuml;ber die Grundlagen des Krieges beginnen.<\/p><p>Diese Intention dr&uuml;ckt sich in der Bildersprache aus. Felder zeigt keine Gemetzel, keine schockierenden Archivaufnahmen, sondern das unsichtbare Leid, das sich in Zweifeln, Traumata und in wiederkehrenden Fragen offenbart. Mit ihnen will er das Publikum konfrontieren, insbesondere junge Menschen, die im Zuge des Kriegst&uuml;chtigkeitsimperativs vielleicht schon bald ebenfalls an eine der Fronten geschickt werden. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Felder seine Dokumentation nun ver&ouml;ffentlicht hat. 2026 ist das zehnte Todesjahr seines Protagonisten Colburn.<\/p><p>Die Premiere feierte &bdquo;A Single Day&ldquo; am 3. Februar im Scala Cinema Leverkusen. Zwei Tage sp&auml;ter lief die Dokumentation im K&ouml;lner Filmhaus, eine Woche darauf im Berliner Babylon Kino. Am 9. M&auml;rz war sie schlie&szlig;lich in Braunschweig zu sehen. Anschlie&szlig;end gab es eine Podiumsdiskussion mit Vertretern aus der Friedensbewegung und Jugendlichen, die sich derzeit an bundesweiten Schulstreiks beteiligen. Diese sprachen von Einsch&uuml;chterungsversuchen seitens der Schulen und Politik, berichtet Felder, der darin einen Widerspruch zu den Fridays-for-Future-Demonstrationen sieht: &bdquo;Diese wurden in den letzten Jahren sogar gef&ouml;rdert, sowohl von der Politik als auch den Medien&ldquo;, sagt er. &bdquo;Wenn es aber um Krieg geht, m&uuml;ssen die Sch&uuml;ler mit Repressalien rechnen.&ldquo;<\/p><p>Den gleichen Konformit&auml;tsdruck vermutet Felder bei Fernsehanstalten. Als jahrelanger Produzent f&uuml;r diverse Sender hat er noch Kontakte in die eine oder andere Redaktion. Doch diese reagierten z&ouml;gerlich auf sein Angebot, &bdquo;A Single Day&ldquo; auch im Fernsehen auszustrahlen. Derzeit gebe es keine Sendepl&auml;tze, lautete oftmals die Ausrede. Felder spricht von einer &bdquo;Scheinentschuldigung&ldquo; und geht davon aus, dass die Verantwortlichen Angst haben, im Zuge der politisch forcierten Aufr&uuml;stung in die Schusslinie zu geraten. Dabei will Felder genau das Gegenteil erreichen: &bdquo;Mein Film soll allen die Scheu vor der Auseinandersetzung nehmen&ldquo;, sagt er. Sein Protagonist Colburn dient dabei als Vorbild und erbringt den Beweis, dass es sich lohnt, den &bdquo;Kriegsm&auml;chten&ldquo; entgegenzuwirken. Auch wenn er zun&auml;chst drangsaliert wurde und unter Druck geriet, bekam er sp&auml;ter die h&ouml;chste milit&auml;rische Auszeichnung.<\/p><p>Felder m&ouml;chte mit seinem Film erreichen, dass sich gerade Jugendliche detaillierter mit den eigentlichen Themen auseinandersetzen. &bdquo;Denn die Mechanismen sind im Grunde immer die gleichen&ldquo;, sagt er. Das wissen auch die &bdquo;Veterans for Peace&ldquo; in den USA, die die Filmrechte gekauft haben, um &bdquo;A Single Day&ldquo; auch in den Vereinigten Staaten in die Kinos zu bringen. Hierzulande haben des Weiteren Spielst&auml;tten in M&uuml;nchen und Hamburg Interesse an einer Vorf&uuml;hrung gezeigt.<\/p><p>Felder will mit seiner Dokumentation m&ouml;glichst viele erreichen. Als langj&auml;hriger Filmemacher setzt er auf die Kraft der Bilder und erw&auml;hnt, dass es heutzutage anders als im Vietnamkrieg kaum noch m&ouml;glich ist, an authentische Bilder von Kriegsschaupl&auml;tzen zu kommen. Auch das thematisiert seine Dokumentation: Nachdem zahlreiche Fotografien vom My-Lai-Massaker an die &Ouml;ffentlichkeit gekommen waren und Proteste ausgel&ouml;st hatten, reagierten die Strategen des milit&auml;risch-industriellen Komplexes mit einem Verbot: Seitdem ist es Soldaten verboten, eigene Bilder zu machen. Gleiches gilt f&uuml;r die sogenannten &bdquo;eingebetteten Journalisten&ldquo;. Ihre Aufnahmen sind meist von h&ouml;heren Instanzen genehmigt und dienen der Propaganda. Authentische Bilder gibt es meist nur in Anti-Kriegsfilmen. Deswegen sind sie so wichtig.<\/p><p><small>Titelbild: &copy; CFF &ndash; Christoph Felder Filmproduktion<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern, am 16. M&auml;rz, j&auml;hrte sich das Massaker von My Lai zum 58. Mal. Normalerweise w&auml;re das ein guter Anlass, in Fernsehen und Kino die zerst&ouml;rerische Wirkung des Krieges vor Augen zu f&uuml;hren. Zumal die bewaffneten Konflikte weltweit hochkochen. Doch Anti-Kriegsfilme sind selten geworden. 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