{"id":147962,"date":"2026-03-20T10:00:37","date_gmt":"2026-03-20T09:00:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147962"},"modified":"2026-03-20T12:04:12","modified_gmt":"2026-03-20T11:04:12","slug":"das-toxische-erbe-von-russiagate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147962","title":{"rendered":"Das toxische Erbe von \u201eRussiagate\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das Narrativ der Einmischung ist destruktiver f&uuml;r die Demokratie als die Einmischung selbst. Wer die nationalen Wahlen in der westlichen Welt verfolgt, dem kann unm&ouml;glich entgangen sein, was mittlerweile zur unverzichtbaren Standardausstattung einer Wahl in der &bdquo;freien Welt&ldquo; geh&ouml;rt: das Motiv der russischen Einmischung. Ein Kommentar von <strong>Robert C. Castel<\/strong>, Experte f&uuml;r Sicherheitspolitik und leitender Mitarbeiter der <a href=\"https:\/\/magyarnemzet.hu\/velemeny\/2026\/03\/russiagate-valasztas-beavatkozas-demokracia-usa-orosz\">ungarischen Zeitung <em>Magyar Nemzet<\/em><\/a>. Aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIm Jahr 2016 h&ouml;rten wir von Cyber-Operationen und Methoden der Informationskriegsf&uuml;hrung, und was danach folgte, hielt die US-Innenpolitik f&uuml;r die n&auml;chsten zehn Jahre regelrecht als Geisel gefangen. Im selben Jahr soll die russische Desinformation in das Brexit-Referendum eingegriffen haben. Ach ja, und da war noch ein angeblicher Putschversuch in Montenegro, hinter dem man die W&uuml;hlarbeit des GRU (russischer Milit&auml;rgeheimdienst) zu erkennen glaubte. 2017 war Frankreich an der Reihe, und die Kampagne von Herrn Macron wurde zum Opfer russischer Hacker.<\/p><p>Im selben Jahr, auf der anderen Seite der Grenze, warnten die Zust&auml;ndigen im Endspurt der Bundestagswahl vor m&ouml;glichen russischen Cyberaktionen. 2018 folgte Schweden, und auch hier konnte man nicht an die Urnen treten, ohne dass ein bedrohlich dreinblickender russischer Agent die traumwandlerischen Bewegungen des Stimmb&uuml;rgers mit Argusaugen verfolgte. 2019 waren Kanada und die Europawahlen an der Reihe, und zu Ehren des Festes der Demokratie warf sich auch hier die Medienlandschaft in russische Volkstracht. Den vorl&auml;ufigen H&ouml;hepunkt erreichte der Trend bei den rum&auml;nischen Wahlen 2024, als das rum&auml;nische Verfassungsgericht unter Berufung auf Geheimdienstberichte &uuml;ber russische Einmischung die W&auml;hler zum &bdquo;Nachschlag&ldquo; schickte, damit sie die Sache doch bittesch&ouml;n noch einmal &uuml;berdenken m&ouml;gen.<\/p><p>Die vermeintliche oder tats&auml;chliche Einmischung in Wahlen ist kein neuer Topos. Schon 2004 bei den ukrainischen und 2007 bei den estnischen Wahlen kam die M&ouml;glichkeit einer russischen Einflussnahme auf. W&auml;hrend des Kalten Krieges war Russland &ndash; damals noch in den Farben der Sowjetunion spielend &ndash; in dieser Hinsicht keineswegs allzu schamhaft. Dies gen&uuml;gt als historischer Ausblick und reicht auch aus, um festzustellen: Es handelte sich und handelt sich um eine reale Bedrohung, die die Souver&auml;nit&auml;t der betroffenen L&auml;nder gef&auml;hrdet.<\/p><p><strong>Jenseits der russischen Karte: Die Universalit&auml;t der Einflussnahme<\/strong><\/p><p>Gleichzeitig hat diese Medaille noch etliche andere Seiten, und &uuml;ber diese m&ouml;chte ich heute sprechen. Eine Seite ist die Universalit&auml;t dieser Praxis, sowohl r&auml;umlich als auch zeitlich.<\/p><p>Seit die Demokratie als Patent angemeldet wurde, gab es immer externe Akteure, die versuchten, den Ausgang dieser Wahlen mit legitimen und weniger legitimen Mitteln zu beeinflussen. Wenn wir von interessierten Parteien sprechen, m&uuml;ssen wir nicht zwangsl&auml;ufig an staatliche Akteure und Berufsspione denken.<\/p><p>Unternehmen, Lobbys, Kirchen, internationale Organisationen, NGOs, Guerilla- und Terrororganisationen traten sich in dem gro&szlig;en Gedr&auml;nge gegenseitig auf die F&uuml;&szlig;e, um den Ausgang dieser Wahlen im Sinne ihrer eigenen Interessen zu beeinflussen. Dennoch ist es ein wenig seltsam, dass au&szlig;er der russischen Einmischung kaum von all den anderen die Rede ist. Dabei ist es aus Sicht der nationalen Sicherheit fast egal, ob der souver&auml;ne Wille des W&auml;hlers durch eine b&ouml;se Supermacht oder durch eine NGO vergewaltigt wird, die den Weg zur H&ouml;lle mit guten Absichten pflastert.<\/p><p>Ein weiterer Aspekt, &uuml;ber den es sich nachzudenken lohnt, ist der <em>Modus Operandi<\/em> der Einmischung. Wonach entscheiden wir, wie wir den Kampf gegen diese Einmischungen priorisieren? Ist die Art der Ausf&uuml;hrung der wichtigste Ma&szlig;stab oder die Gr&ouml;&szlig;e des verursachten Schadens? Und wo verl&auml;uft &uuml;berhaupt die Trennlinie zwischen einem versuchten Eingriff, der das Gesetz nicht bricht, und einem, der gegen das Gesetz verst&ouml;&szlig;t? Nur weil man einem Einmischungsversuch keinen spezifischen Paragraphen des Strafgesetzbuches &uuml;berst&uuml;lpen kann, bedeutet das nicht, dass die Folgen der Einmischung weniger destruktiv sind als bei einer Tat, die auf kriminellem Weg realisiert wurde.<\/p><p>Welche Instrumente hat eine Demokratie, um die Reinheit der Wahlen gegen solche &bdquo;White-Collar&ldquo;-Einmischungen zu verteidigen? Diese Dilemmata sollte man vielleicht den besten Experten und den politischen Entscheidungstr&auml;gern &uuml;berlassen; gleichzeitig hat dieses Ph&auml;nomen jedoch einen anderen Aspekt, der uns alle angeht.<\/p><p><strong>Wenn das Narrativ gef&auml;hrlicher wird als die Tat<\/strong><\/p><p>Es ist meine feste &Uuml;berzeugung, dass das die Wahlen begleitende und als selbstverst&auml;ndlich betrachtete &bdquo;Einmischungs-Narrativ&ldquo; destruktiver f&uuml;r die Gesundheit der Demokratie ist als die Einmischung selbst.<\/p><p>Warum? Das werde ich gleich erkl&auml;ren.<\/p><p><strong>Erstens<\/strong> ist da die Frage der Rechenschaftspflicht. Wenn Entt&auml;uschungen im Zusammenhang mit der Wahl durch die W&uuml;hlarbeit externer Akteure wegerkl&auml;rt werden k&ouml;nnen, m&uuml;ssen politische Akteure niemals die Verantwortung f&uuml;r einen lausigen Kandidaten, eine schlechte Politik oder die Unzufriedenheit der W&auml;hler &uuml;bernehmen. Der stets verf&uuml;gbare &auml;u&szlig;ere S&uuml;ndenbock heilt alle Wunden und deckt alles zu.<\/p><p><strong>Das zweite Problem<\/strong> ist die Entstehung einer Delegitimationsspirale. Sehr bald kann der Ausgang von Wahlen nur noch zwei Formen annehmen: Was ich gewonnen habe, ist nat&uuml;rlich legitim; was ich verloren habe, ist nat&uuml;rlich illegitim, da ja jene besagte &auml;u&szlig;ere Einmischung im Spiel war. Die Politiker, die diesen Sport treiben, s&auml;gen genau an dem Ast, auf dem sie selbst sitzen.<\/p><p>Die Delegitimationsspirale verunsichert die W&auml;hler, macht sie skeptisch und zynisch und spielt jenen in die H&auml;nde, die die Politik entpolitisieren wollen und anstelle des gew&auml;hlten Volksvertreters einen &bdquo;starken Mann&ldquo; oder eine ungew&auml;hlte, gesichtslose B&uuml;rokratie auf dem Eis der Donau zum K&ouml;nig kr&ouml;nen wollen.<\/p><p><strong>Das dritte Problem<\/strong> ist, dass sich aus Anschuldigungen bez&uuml;glich einer Einmischung sehr leicht eine politisch-juristische Waffe schmieden l&auml;sst, die noch Jahre nach den Wahlen ihre zweischneidige Klinge blitzen l&auml;sst. An die Stelle von politischer Debatte und &Uuml;berzeugung tritt das <em>Lawfare<\/em>, die juristische Kriegsf&uuml;hrung.<\/p><p>Dieser Prozess f&uuml;hrt zur Entpolitisierung der wirren, zotteligen, aber wahrhaft demokratischen Prozesse und spielt die politische Macht in die H&auml;nde einer ungew&auml;hlten Juristokratie her&uuml;ber. Besonders gef&auml;hrlich ist die keineswegs heilige Dreifaltigkeit aus Juristokratie, Geheimdiensten\/Sicherheitsorganen und den Medien.<\/p><p>Das Einmischungs-Narrativ schafft den Vorwand f&uuml;r Geheimdienste und Sicherheitsorgane, in demokratische Prozesse einzugreifen, w&auml;hrend die Juristokratie die Wahlurne durch das Richterpult ersetzt. Wenn dazu noch die Medien, die unf&auml;hig sind, ihre Rolle als &bdquo;Wachhund der Demokratie&ldquo; auszuf&uuml;llen, bereitwillig Sch&uuml;tzenhilfe leisten, dann hat man bereits das Rezept f&uuml;r den perfekten unblutigen Putsch.<\/p><p><strong>Das vierte Problem<\/strong> ist die unertr&auml;gliche Leichtigkeit der Beschuldigung. Worauf zielt ein Politiker ab, wenn er von externer Einmischung spricht? Auf Cyberaktionen, Leaks, Propaganda, Manipulation sozialer Medien usw.? Wenn er konkrete Beweise hat, warum legt er sie dann nicht &ouml;ffentlich auf den Tisch? Warum hat er sich nicht an die zust&auml;ndigen Beh&ouml;rden gewandt, und falls er es tat, welche Antwort hat er erhalten? Diese Fragen m&uuml;ssten die klickgeilen und faul gewordenen Medien stellen, doch deren Interesse reicht selten &uuml;ber die Schlagzeile und die Einleitung hinaus.<\/p><p>Aber seien wir nicht ungerecht gegen&uuml;ber den &bdquo;Tintenkulis&ldquo; in den Arbeitsh&auml;usern der Medien. Wenn es jemanden gibt, der in diesem Bereich Verantwortung tr&auml;gt, dann sind wir es selbst.<\/p><p>Wann ist es das letzte Mal vorgekommen, dass wir einen Politiker einen politischen Preis daf&uuml;r haben zahlen lassen, dass er die politische Massenvernichtungswaffe der &bdquo;ausl&auml;ndischen Einmischung&ldquo; missbraucht und seine Anschuldigungen v&ouml;llig grundlos in die Menge geworfen hat?<\/p><p><strong>Das Erbe von Russiagate: Destabilisierung als neues Drehbuch<\/strong><\/p><p>Das schauderhafteste Beispiel f&uuml;r diese Pathologien war der US-amerikanische &bdquo;Russiagate&ldquo;-Skandal. Den Ausgang der Wahlen konnte man zwar nicht beeinflussen, wohl aber das Funktionieren der st&auml;rksten Demokratie der Welt. Damit war das effektivste Drehbuch f&uuml;r zuk&uuml;nftige Einmischungen geboren.<\/p><p>Aus den Lehren des Russiagate-Skandals lernt der &auml;u&szlig;ere Gegner, dass er fortan nicht mehr einen bestimmten Kandidaten ins Visier nimmt, w&auml;hrend er einen anderen unterst&uuml;tzt, sondern den demokratischen Prozess selbst. Das Ziel wird nicht die Wahl von X auf Kosten von Y sein, sondern die Destabilisierung der gesamten inneren politischen Ordnung und damit der gesamten Gesellschaft.<\/p><p>Im so entstandenen Tr&uuml;ben l&auml;sst es sich dann bequem fischen, unabh&auml;ngig davon, wer die Wahlen gewonnen hat. Diese Lose-Lose-Dynamik ist es, die zu erkennen und zu verstehen wichtiger ist als alles andere, um zu begreifen, wie eine echte und beweisbare Einmischung &ndash; sofern sie existiert &ndash; tats&auml;chlich funktioniert.<\/p><p><em>Der Artikel ist zuerst in der Zeitung <a href=\"https:\/\/magyarnemzet.hu\/velemeny\/2026\/03\/russiagate-valasztas-beavatkozas-demokracia-usa-orosz\">&bdquo;Magyar Nemzet&ldquo; erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><em>Der Autor ist Sicherheitsexperte des Zentrums f&uuml;r Grundrechte (Alapjogok&eacute;rt K&ouml;zpont) und leitender Mitarbeiter der ungarischen Zeitung &bdquo;Magyar Nemzet&ldquo;.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Joseph Sohm \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/d7b6aa0de4874365b49e5e071833c0cf\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Narrativ der Einmischung ist destruktiver f&uuml;r die Demokratie als die Einmischung selbst. 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