{"id":147969,"date":"2026-03-19T16:00:57","date_gmt":"2026-03-19T15:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147969"},"modified":"2026-03-19T16:03:39","modified_gmt":"2026-03-19T15:03:39","slug":"ihr-koennt-euch-eure-hall-of-fame-des-sports-an-den-hut-stecken-oder-wie-ost-radfahr-idol-taeve-schur-sagt-meine-ruhmeshalle-ist-das-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147969","title":{"rendered":"Ihr k\u00f6nnt Euch Eure Hall of Fame des Sports an den Hut stecken \u2013 Oder wie Ost-Radfahr-Idol T\u00e4ve Schur sagt: Meine Ruhmeshalle ist das Volk"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland. Bedeutet das Einheit, Miteinander, zugewandt Sein, interessiertes, ehrliches Verstehen, Respektieren und Akzeptieren im Besonderen zwischen West und Ost? Ich finde, dass wir nach wie vor weit weg davon sind, ersichtlich bei gro&szlig;en gesellschaftlichen und politischen Abl&auml;ufen und auch bei kleinen Episoden. Beispiel Sport. Vor Jahrzehnten wurde eine Initiative gegr&uuml;ndet, die begann, eine Art Ruhmeshalle des deutschen Sports f&uuml;r erfolgreiche Pers&ouml;nlichkeiten des (ganzen) Landes aufzubauen, kurz &bdquo;Hall of Fame&ldquo; genannt. So weit, so gut. Was jedoch auff&auml;llt: Sportler aus dem Osten, aus der sportlich sehr erfolgreichen DDR, sind eher wenige zu finden. Liegt das an westdeutsch bestimmten Zugangsregeln? Das legt der aktuelle Fall nahe, bei dem einem Sportler die Aufnahme nicht gew&auml;hrt wurde: Rad-Idol T&auml;ve Schur. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Radsport-Idol des Ostens erneut und f&uuml;r immer (?) nicht in der Ruhmeshalle des Sports<\/strong><\/p><p>T&auml;ve? Der hei&szlig;t b&uuml;rgerlich Gustav Adolf Schur und ist und bleibt einer der herausragenden deutschen Radsportler. Sein &bdquo;Pech&ldquo; hinsichtlich Deutschland: Schur ist &bdquo;nur&ldquo; eine DDR-Legende. T&auml;ve, inzwischen 95 Jahre, nimmt es mittlerweile gelassen, nach mehreren &bdquo;Anl&auml;ufen&ldquo; erneut nicht in die Ruhmeshalle aufgenommen worden zu sein. Was soll&lsquo;s. Man k&ouml;nnte sagen: T&auml;ve Schur kann sich so oder so der ehrlichen Beliebtheit bei den einfachen Leuten (besonders im Osten) und bei Kennern im Westen sicher sein. Und &uuml;berhaupt, was braucht es solche Ruhmeshallen eines geeinten Landes, die nur spalten, indem es den einen, den westlichen, Teil hegt und den anderen, den Osten, fortw&auml;hrend infrage stellt?<\/p><p><strong>Der Westen ist die Norm, der Osten die Abweichung, unw&uuml;rdig eines Leitbildes<\/strong><\/p><p>Doch so einfach ist die Sache zum Abhaken nicht. Die anhaltende Praxis der &bdquo;Hall of Fame&ldquo;-Macher ist meiner Meinung nach so fern von gelebter deutscher Einheit wie die n&auml;chste Eiszeit. Am Ost-Sportidol T&auml;ve Schur wird exemplarisch exerziert: Der Westen wird zur Norm gemacht, der Osten ist eine Art Abweichung, ein Anh&auml;ngsel und ja tats&auml;chlich dokumentarisch belegt Anschlussgebiet an die alte BRD. Die westlich dominierte Lesart sagt zwar, dass die Hall of Fame des deutschen Sports den Sport in (ganz) Deutschland repr&auml;sentiert, indem sie herausragende Pers&ouml;nlichkeiten ehrt, die durch ihre sportlichen Erfolge oder ihren Einsatz f&uuml;r den Sport Geschichte geschrieben h&auml;tten. Und das sollte auch so sein. Doch wird in Wahrheit die westliche, ja ach so freiheitlich-demokratische Grundordnungskeule geschwungen. Frei zu lesen ist das im Leitbild:<\/p><blockquote><p>\n<em>Sportlerpers&ouml;nlichkeiten, die f&uuml;r die Aufnahme in die &bdquo;Hall of Fame&ldquo; in Frage kommen, weisen Eigenschaften wie die folgenden auf:<\/em><\/p>\n<p><em>Herausragende sportliche Leistungen und Erfolge bzw. herausragendes Engagement im Sport und damit Vorbildwirkung als Pers&ouml;nlichkeit<\/em><br>\n<em>Klare Haltung zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung<\/em><br>\n<em>Klare Haltung zum Fairplay, gegen Sportbetrug und Doping<\/em><br>\n<em>Klare Haltung zur eigenen Vergangenheit<\/em><br>\n<em>Reflektion zu in der Vergangenheit gemachten Verfehlungen\/Entscheidungen (Geheimdienstt&auml;tigkeit, Doping, etc.)<\/em><br>\n<em>Besondere Biografien in Folge von Unterdr&uuml;ckung, politischer Verfolgung oder pers&ouml;nlicher Schicksalsschl&auml;ge im Rahmen der Aus&uuml;bung der Sport-T&auml;tigkeit<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Mehrere Punkte dieses Leitbildes hat T&auml;ve Schur, 95 Jahre alt, demnach nicht erf&uuml;llt und so M&auml;ngel bei den Eigenschaften f&uuml;r eine Eignung f&uuml;r die Halle des Ruhms offenbart. Ich ma&szlig;e mir nicht an, seine Biografie aufzubl&auml;ttern und darin zu finden, dass er DDR-B&uuml;rger war, dass er politisch links ist und, mehr noch, damals Parteimitglied der SED war. Im geeinten Deutschland schaffte Schur es sogar in den Bundestag (PDS, Linke). Und schon tauchte das Wort &bdquo;Doping&ldquo; auf und in diesem Zusammenhang die Behauptung, dass T&auml;ve Schur sich von all dem b&ouml;sen Treiben der DDR nicht distanziert habe.<\/p><p><strong>T&auml;ve, ein Weltmeister unbestritten, doch sagt der Westen, er sei umstritten<\/strong><\/p><p>Nur zur Erinnerung, Westdeutsche (wie Ostdeutsche) kennen die Tour de France. Besonders Ostdeutsche erinnern sich bis heute noch an die Internationale Friedensfahrt und besonders an einen Namen, diesen kurzen, liebevoll ausgerufenen Kosenamen: T&auml;ve. Am gr&ouml;&szlig;ten Radrennen der Welt f&uuml;r Amateursportler durch drei sogenannte Ostblock-L&auml;nder (DDR, Tschechoslowakei (heute Tschechien und Slowakei) sowie Polen) nahm dieser T&auml;ve Schur ein Dutzend Mal teil und gewann die Tour zwei Mal. Schur war weiter sechsmaliger DDR-Meister und gewann zweimal, 1958 und 1959, die Stra&szlig;enweltmeisterschaft der Amateure. Die vielen, vielen Zuschauer riefen an der Strecke immerzu: &bdquo;T&auml;ve, T&auml;ve!&ldquo; Die Sympathien blieben im Osten. Nach seiner aktiven Laufbahn im Jahr 1964 blieb Schur weiter dem Sport treu &ndash; als Trainer und Funktion&auml;r. Und seine Erfolge sind unbestritten, hei&szlig;t es sogar bei den Kritikern. Ein ganz anderes Wort nehmen sie jedoch in den Mund, wenn sie T&auml;ve die N&auml;he zu seiner Heimat DDR vorwerfen. Dann nennen sie ihn umstritten. Und wie B&uuml;rger in diesen Zeiten immer wieder sehen, ist &bdquo;umstritten&ldquo; betitelt zu werden ein gesellschaftliches Ausschlussargument, ein dicker Stempel, etwas, das h&auml;ngenbleiben soll.<\/p><p><strong>&bdquo;Hall of Fame&ldquo;-Macher arbeiten auf &ndash; den Osten, nicht den Westen<\/strong><\/p><p>Wie es kommen musste und bis heute Realit&auml;t ist: In der Ruhmeshalle stellt der Betrachter eine Unterrepr&auml;sentation von verdienten Sportlern aus dem Osten fest und eine Pr&auml;gung made in West Germany. Die &bdquo;Hall of Fame&ldquo;-Macher dagegen finden, dass sie ihren Beitrag einer &bdquo;Aufarbeitung des DDR-Sports&ldquo; leisten. Staatlich organisiertes Doping, politische Kungelei von Sport und Staat, konkret das &bdquo;Regime der SED&ldquo; sind alles Ausschlusskriterien. Da kann der Sportler noch so viele Medaillen errungen haben. Dann sind sie eben leider, Beispiel T&auml;ve Schur, umstritten. Das Tor zur Ruhmeshalle des Sports bleibt zu. Und bei einer weiteren Ruhmeshalle sieht es nicht besser aus &hellip;<\/p><p><strong>Da gibt es noch die Hall of Fame des Fu&szlig;balls<\/strong><\/p><p>Neben der Hall of Fame des deutschen Sports gibt es im Deutschen Fu&szlig;ballmuseum in Dortmund eine Hall of Fame des deutschen Fu&szlig;balls. Dass die alte Bundesrepublik mehrfach Fu&szlig;ballweltmeister wurde und sp&auml;ter das geeinte Deutschland eben in dieser Sportart bis heute f&uuml;hrend ist, spiegelt sich in dieser Halle besonders durch die W&uuml;rdigung der Ikonen von Beckenbauer bis Sepp Maier, von Olli Kahn bis Miroslav Klose wider. Auch ein paar Fu&szlig;baller aus dem Osten finden sich. Matthias Sammer, Michael Ballack und Joachim Streich.<\/p><p>Die ehemaligen DDR-Sport- und Fu&szlig;ballfreunde k&ouml;nnten aber viel mehr Fu&szlig;baller aufz&auml;hlen und w&auml;ren froh, wenn deren vergleichsweise doch beachtlichen Erfolge f&uuml;r ein kleines Land wie die DDR wie mehrere Olympiasiege und Medaillen, die WM-Teilnahme 1974 in der Bundesrepublik (dabei der Sieg gegen die Bundesrepublik mit 1:0), nationale Meisterschaften, nationale und internationale Pokalwettbewerbe endlich W&uuml;rdigung in der Halle des Ruhmes f&auml;nden. Und dies, ohne dass die Sportler &bdquo;durchleuchtet&ldquo; w&uuml;rden, ob sie sich &bdquo;w&uuml;rdig&ldquo; erweisen.<\/p><p>Doch so? Kein J&uuml;rgen Croy, der wahrscheinlich sogar bessere Torwart als Sepp Mayer zu seiner Zeit, noch Torj&auml;ger Peter Ducke, noch J&uuml;rgen Sparwasser aus Magdeburg und weitere geh&ouml;ren zur Gesamtdeutschland-Fu&szlig;ballstory dazu. Nicht anders muss aus dieser &bdquo;Hall of Fame&ldquo;-Besetzung mit gro&szlig;en L&uuml;cken geschlussfolgert werden. Nebenbei, das sage ich als Fu&szlig;ballfreund: im richtigen Fu&szlig;ballleben, im Profifu&szlig;ball der Bundesrepublik ist der Osten auch sch&ouml;n weit drau&szlig;en, sch&ouml;n am Rand und sch&ouml;n klein gehalten.<\/p><p><strong>Einig Volk wollen wir sein &hellip;<\/strong><\/p><p>Ich erinnere mich gern an diesen hoffnungsvollen Satz: &bdquo;Einig Volk wollen wir sein&ldquo;, formulierte Willy Brandt das Ziel, die deutsche Einheit und Verst&auml;ndigung nach der langen Teilung Deutschlands zu erreichen. Und tats&auml;chlich kam es zum Mauerfall, und Brandt konnte ausrufen, dass &bdquo;damit zusammenw&auml;chst, was zusammengeh&ouml;rt&ldquo;.<\/p><p>Dazu zu geh&ouml;ren, daf&uuml;r w&uuml;rdig zu sein, das betrifft neben Ost-Idol T&auml;ve noch einen weiteren Sportler aus der damaligen DDR: Waldemar Cierpinski. Der Ostdeutsche, seit 1965 in Halle lebend, ist zweifacher Marathon-Olympiasieger (1976 und 1980) der DDR. Was hat Cierpinski mit Schur neben herausragenden Erfolgen in der deutschen Sportgeschichte gemeinsam? Auch der Marathon-Olympiasieger ist nicht w&uuml;rdig, in der Hall of Fame des Sports aufgenommen zu werden.<\/p><p>T&auml;ve Schur hat k&uuml;rzlich seinen 95. Geburtstag gefeiert, wurde vielfach umarmt und ins Herz seiner Fans geschlossen. Den Verantwortlichen der Initiative Hall of Fame fiel dagegen nicht ein: Mensch, wir k&ouml;nnten einfach sagen: &bdquo;Ja, T&auml;ve, Du warst ein gro&szlig;er Sportler, auch wenn oder gerade weil Deine Laufbahn in der einstigen DDR (Teil des ganzen Deutschlands) stattfand. Daf&uuml;r geb&uuml;hrt Dir Ehre.&ldquo; Aber so? Nein. Die Reaktion von Schur ist wundervoll: &bdquo;Meine Hall of Fame ist das Volk.&ldquo;<\/p><p><strong>Quelle<\/strong>: <a href=\"https:\/\/www.hall-of-fame-sport.de\/infos\">Hall of Fame<\/a><\/p><p><small>Titelbild: Bundesarchiv, Bild 183-30479-0002 \/ Illner \/ CC-BY-SA 3.0<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland. Bedeutet das Einheit, Miteinander, zugewandt Sein, interessiertes, ehrliches Verstehen, Respektieren und Akzeptieren im Besonderen zwischen West und Ost? Ich finde, dass wir nach wie vor weit weg davon sind, ersichtlich bei gro&szlig;en gesellschaftlichen und politischen Abl&auml;ufen und auch bei kleinen Episoden. Beispiel Sport. Vor Jahrzehnten wurde eine Initiative gegr&uuml;ndet, die begann, eine Art Ruhmeshalle<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147969\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":147970,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,165,161],"tags":[277,1543,834,2882,827],"class_list":["post-147969","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-ddr","tag-deutsche-einheit","tag-fussball","tag-sport","tag-stigmatisierung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Bundesarchiv_Bild_183-30479-0002_Gustav-Adolf.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=147969"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147969\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":148007,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/147969\/revisions\/148007"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/147970"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=147969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=147969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=147969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}