{"id":148021,"date":"2026-03-20T09:00:07","date_gmt":"2026-03-20T08:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148021"},"modified":"2026-03-20T15:34:17","modified_gmt":"2026-03-20T14:34:17","slug":"wege-aus-dem-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148021","title":{"rendered":"Wege aus dem Krieg"},"content":{"rendered":"<p>Der Auftritt von Israels Ex-Milit&auml;rsprecher Arye Sharuz Shalicar im Rahmen von &bdquo;Leipzig liest&ldquo; f&uuml;hrt zu den erwartbaren Protesten. Die Fassade des Veranstaltungsortes ist mit &bdquo;Free Gaza &ndash; Yallah Intifada&ldquo; bespr&uuml;ht, Pal&auml;stina-Gruppen demonstrieren zum Felsenkeller. &bdquo;Wir dulden keine Propagandaveranstaltung eines Sprechers der genozidalen Besatzungsarmee&rdquo;, hei&szlig;t es ultimativ. Arye Sharuz Shalicar ist ohne Frage ein Lautsprecher des Krieges, ihm den Zugang zu einer Leseb&uuml;hne verweigern zu wollen, erinnert indes an den Zensur-Furor von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wider Kritiker der israelischen Besatzungspolitik. Dabei br&auml;uchte es weniger W&auml;chterrat und L&auml;rm als vielmehr Aufmerksamkeit f&uuml;r die Leisen. Eine B&uuml;cherschau von<strong> R&uuml;diger G&ouml;bel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7384\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-148021-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=148021-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260320_Wege_aus_dem_Krieg_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es sind die nachdenklichen Stimmen, nicht die politischen Lautsprecher, die es braucht f&uuml;r die Vorbereitung auf die Zeit nach dem Hass. F&uuml;r den Morgen nach der H&ouml;lle des Krieges. F&uuml;r die Arbeit am Frieden. Die deutsch-norwegische Kinderpsychologin <strong>Katrin Glatz Brubakk<\/strong> ist eine dieser Stimmen ungeheurer St&auml;rke und Souver&auml;nit&auml;t. Sie hat als Trauma-Therapeutin im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis im S&uuml;den des Gazastreifens gearbeitet, wo Kinder t&auml;glich um ihr Leben wie das ihrer Liebsten bangen und zugleich eine unglaubliche Kraft zeigen. Inmitten von Angst und Zerst&ouml;rung entst&uuml;nden auch Momente voller Menschlichkeit, berichtet die &Auml;rztin: das befreiende Lachen eines Kindes, die Hilfsbereitschaft unter Fremden, das Teilen der letzten Ressourcen.<\/p><p>&bdquo;Ich habe den Klang des Krieges geh&ouml;rt. Nicht in Form von Bombenexplosionen, sondern als schmerzhafte Angstschreie traumatisierter Kinder. Schreie, die so durchdringend sind, dass sie den gesamten Schmerz Gazas verk&ouml;rpern&ldquo;, schreibt Katrin Glatz Brubakk in ihrem &bdquo;Tagebuch aus Gaza&ldquo; (Westend Verlag). Ihre Aufzeichnungen handeln von den Kindern, ihren Familien und ihren Kollegen, die sie traf, als sie im Herbst 2024 und Winter 2025 jeweils f&uuml;nf Wochen als Kinderpsychologin im Kriegsgebiet Gaza gearbeitet hat. &bdquo;Einige von ihnen sind k&ouml;rperlich verletzt, andere nicht &ndash; aber alle sind Opfer dieses Krieges&ldquo;, betont sie.<\/p><p><strong>Trauma in Gaza<\/strong><\/p><p>In einem denkw&uuml;rdigen <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/play\/talk\/markus-lanz-114\/markus-lanz-vom-30-september-2025-100\">ZDF-Talk &bdquo;Markus Lanz&ldquo;<\/a> hat Katrin Glatz Brubakk unmittelbar nach Bekanntwerden des sogenannten Trump-Friedensplans von Leid und Leben in Gaza Zeugnis gegeben. &bdquo;Meine Freunde in Gaza hoffen nur noch, dass dieser Frieden kommt. Dass die Waffen schweigen. (&hellip;) Meine Kollegen w&uuml;nschen sich nur, dass sie morgens zur Arbeit gehen und sich sicher f&uuml;hlen k&ouml;nnen, dass ihre Kinder am Nachmittag noch am Leben sind. Heute geht das nicht. Sie sind total ersch&ouml;pft und am Ende ihrer Kr&auml;fte. Sie w&uuml;nschen nur, dass sie endlich wieder ein halbwegs normales Leben leben k&ouml;nnen. (&hellip;) Meine Kollegen, meine Patienten, meine Kinder, die ich getroffen habe, sind in einem extremen &Uuml;berlebensmodus.&ldquo; Es gehe um allt&auml;gliche Dinge, woher bekomme ich Wasser. Woher Essen. Wo ist es sicher. F&uuml;r die gro&szlig;e Politik fehle da die Kraft. Ihre &Auml;rztekollegen und die Pflegekr&auml;fte seien &bdquo;meine Helden&ldquo; geworden. &bdquo;Sie haben alle fl&uuml;chten m&uuml;ssen. Sie haben alle ihr Haus verloren. Die allermeisten haben Familienmitglieder verloren. (&hellip;) Wenn heute mein Smartphone piept, wei&szlig; ich nicht, ob es eine Todesnachricht ist. So schlimm ist die Lage geworden. Es gibt im Gazastreifen keinen sicheren Ort.&ldquo; Mehr als 1.700 &Auml;rzte und Pflegekr&auml;fte sind get&ouml;tet worden, darunter 13 Mitarbeiter der Hilfsorganisation &bdquo;&Auml;rzte ohne Grenzen&ldquo;, f&uuml;r die Katrin Glatz Brubakk zuletzt im Februar 2025 in Gaza im Einsatz war.<\/p><p>Bevor sie losfuhr, hat sie ihren Kindern Abschiedsbriefe geschrieben. &bdquo;Wir haben gemeinsam beschlossen, dass ich fahre. Ganz einfach, weil jemand fahren muss. Und ich bin so gesehen ein Gl&uuml;ckspilz. Ich habe eine Ausbildung, von der ich wei&szlig;, dass ich helfen kann. Ich habe Erfahrung, mache das seit zehn Jahren und wei&szlig;, dass ich unter solchen Bedingungen arbeiten kann. Ich habe gottseidank einen Kopf, der das verkraftet. Und es f&uuml;hlt sich wie eine Verpflichtung an, zu fahren. Aber klar, ich hatte Angst.&ldquo;<\/p><p>Mit ihren Tagebuchnotizen m&ouml;chte sie zeigen, &bdquo;was der Krieg in der Psyche der Menschen in Gaza anrichtet, unter welchem Stress sie leben, wor&uuml;ber sie sich Sorgen machen und wie sehr sie einander helfen wollen &ndash; vor allem dabei, die Hoffnung aufrechtzuerhalten&ldquo;. Das Buch macht gleichzeitig deutlich, wie zerst&ouml;rt die Menschen sind. &bdquo;Ein Haus zu verlieren oder zu hungern ist nichts im Vergleich zu dem, was das psychisch mit uns macht&ldquo;, zitiert Katrin Glatz Brubakk eine pal&auml;stinensische Kollegin.<\/p><p>Der Krieg in Gaza zerst&ouml;re eine ganze Generation Kinder in ihrer physischen wie psychischen Entwicklung, mit Folgen, die noch in Jahrzehnten Wirkung zeigen k&ouml;nnen. &bdquo;Wie auf einem Flie&szlig;band werden die Zukunftstr&auml;ume von Kindern zerst&ouml;rt. Tausende, Hunderttausende von Kindern, die spielen, forschen und sich entwickeln sollten, sitzen in l&ouml;chrigen Zelten und warten darauf, ihr Leben zur&uuml;ckzubekommen. &Auml;ngstlich, frierend, hungrig&ldquo;, res&uuml;miert die Autorin in ihrem Tagebuch. &bdquo;Werden sie jemals wieder in ein normales Leben zur&uuml;ckfinden k&ouml;nnen? Niemand wei&szlig; es. Ich f&uuml;rchte, die Wunden k&ouml;nnten zu gro&szlig; sein.&ldquo;<\/p><p>Am 10. Oktober 2025 trat auf US-amerikanische Initiative eine Waffenruhe in Kraft, die zu einem dauerhaften Frieden f&uuml;hren soll. Nach Angaben der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef sind seitdem mehr als 100 Kinder im Gazastreifen get&ouml;tet worden &ndash; durch milit&auml;rische Angriffe wie Luftschl&auml;ge, Drohnen- und Quadrocopter-Angriffe, Panzerbeschuss und Schusswaffen sowie durch explodierende Kriegsr&uuml;ckst&auml;nde.<\/p><p><strong>Trauma in Israel<\/strong><\/p><p>Zu den leisen und mithin wichtigen Stimmen in diesem Krieg geh&ouml;ren die israelischen Autoren Ron Leshem und Amir Tibon. Ihre B&uuml;cher &bdquo;Feuer. Israel nach dem 7. Oktober&ldquo; (Rowohlt-Verlag) und &bdquo;Die Tore von Gaza. Eine Geschichte von Terror, Tod, &Uuml;berleben und Hoffnung&ldquo; (J&uuml;discher Verlag) dokumentieren die Traumata in ihrem Land. &bdquo;Der 7. Oktober 2023 stellt f&uuml;r die Israelis eine Z&auml;sur ohnegleichen dar. Von nun an wird es in der Zeitrechnung nur noch ein Davor und ein Danach geben&ldquo;, betont <strong>Gisela Dachs<\/strong>, Herausgeberin des J&uuml;dischen Almanachs, der 2024 als Sammelband &bdquo;7. Oktober: Stimmen aus Israel&ldquo; (J&uuml;discher Verlag)<strong> <\/strong>erschienen ist. &bdquo;Das schiere Ausma&szlig; und die ungeheuerliche Brutalit&auml;t der Angriffe der Hamas, die Geiselnahmen und ein Krieg, so lange wie noch keiner zuvor, haben die Nation traumatisiert. Die Grundfesten, auf denen man sich im eigenen Staat sicher f&uuml;hlte, wurden zutiefst ersch&uuml;ttert.&ldquo;<\/p><p>Die hier versammelten Texte aus Israel erz&auml;hlen pers&ouml;nliche Geschichten, es geht um Ortsbesichtigungen, Momentaufnahmen, Zustandsbeschreibungen, Zukunftsvisionen, Zusammenhalt. Es schreiben unter anderem David Grossman, Eva Illouz, Etgar Keret, Smadar Sheffi, Andrea Livnat, Assaf Uni und Ayelet Gundar-Goshen. Auch ein Auszug aus &bdquo;Die Tore von Gaza&ldquo; ist enthalten. Pal&auml;stinenser, die immerhin 20 Prozent der israelischen Bev&ouml;lkerung ausmachen, sind als Autoren nicht vertreten. Ein weiterer Almanach zum Thema ist nicht erschienen.<\/p><p><strong>Ron Leshem<\/strong> ist Roman- und Drehbuchautor, Journalist und ehemaliger israelischer Geheimdienstoffizier. Am 7. Oktober 2023 wurde sein Cousin, der auch deutscher Staatsb&uuml;rger war, nach Gaza verschleppt. Hamas-Milizen ermordeten seine Tante und seinen Onkel. In &bdquo;Feuer&ldquo; zeichnet er bewegend den Tag des &Uuml;berfalls nach. &bdquo;Um halb sieben morgens heulten die Sirenen, und der Kibbuz Be&rsquo;eri erwachte in einem irrealen Szenario. F&uuml;nf Jahre lange hatten die Angreifer trainiert, und obwohl die Nachrichtendienste davon wussten, hatte niemand meine Familie gewarnt. In Be&rsquo;eri verschanzten sich die Menschen in ihren H&auml;usern. Meine Tante Orit und ihr Sohn Itai lagen eng beieinander im Dunkeln und hielten uns in den n&auml;chsten Stunden, die eine Ewigkeit w&auml;hrten, telefonisch auf dem Laufenden. Sie riefen die Polizei an, vergebens. An jenem Schabbat gab es keinen Staat &ndash; der Staat war wie ein Turm aus Sand in einer Staubwolke eingest&uuml;rzt. Es gab keine Polizei, keine Armee, keine Gener&auml;le und keine politische F&uuml;hrung mehr. Nur Menschen, allein auf sich gestellt, einen ganzen Tag lang.&ldquo;<\/p><p>Nicht eine der &ouml;ffentlichen Institutionen Israels habe funktioniert, erinnert Ron Leshem. &bdquo;Israels Ortschaften und St&auml;dte wurden von einem orchestrierten &Uuml;berraschungsangriff getroffen, aus der Luft, vom Meer und an Land. Innerhalb von Sekunden war der Himmel bedeckt von Garben aus Tausenden Raketen und Geschossen, die von Gaza auf alle Landesteile Israels abgefeuert wurden.&ldquo; Detailliert schildert Ron Leshem die brutalen Geschehnisse dieses langen Tages, an dem 1.200 Menschen get&ouml;tet und 255 als Geiseln gewaltsam nach Gaza verbracht werden, gibt ihnen Namen und Geschichte &ndash; 7:08 Uhr, Kibbuz Kfar Aza: &bdquo;Die Helmkamera eines Hamas-K&auml;mpfers folgt dem Lauf eines Gewehrs, der Blick schweift &uuml;ber eine gr&uuml;ne Wiese, &uuml;ber viele Blumen, dann &uuml;ber kleine, einfache Bungalows. Der Lauf sucht ein Opfer, und von Zeit zu Zeit findet er eines und schie&szlig;t. Das Pfeifen von Kugeln ist zu h&ouml;ren, aus unterschiedlichen Distanzen. In den WhatsApp-Gruppen schreiben Menschen ihren Nachbarn, dass sie bei lebendigem Leib zu verbrennen drohen, flehen um Hilfe. Die f&uuml;nfk&ouml;pfige Familie Kutz &ndash; der Vater Aviv, die Mutter Livnat und ihre drei Kinder Rotem, neunzehn Jahre alt, Yonathan, zw&ouml;lf Jahre alt, und Yiftah, elf Jahre alt &ndash; liegt eng umschlungen auf einem Bett und wartet auf ihren Tod. Die Terroristen erschie&szlig;en sie, einen nach dem anderen. In Aufnahmen aus der Jugendsiedlung des Kibbuz h&ouml;rt man das Lachen, den Hohn und den Hass der Terroristen, w&auml;hrend sie in H&auml;user eindringen und laut &uuml;berlegen, wen sie t&ouml;ten und wen sie entf&uuml;hren, und sie rufen: &sbquo;Itbach al-yahud&lsquo;, Tod den Juden.&ldquo; So geht es Eintrag um Eintrag, 46 lange Seiten w&auml;hrt die &bdquo;Chronik eines Tages&ldquo; in diesem Buch. Hier gib es nichts zu relativieren &ndash; aber eben auch nichts zu rechtfertigen f&uuml;r eine Kriegsf&uuml;hrung, die mit mindestens 70.000 Toten, die meisten davon Frauen und Kinder, Hunger und Massenvertreibung zum Genozid in Gaza gereicht.<\/p><p>Ron Leshem schildert in &bdquo;Feuer&ldquo; ein tief gespaltenes Israel, in dem Benjamin Netanjahu und seine rechtsextremen Minister Ben-Gvir und Smotrich Teil des Problems, nicht der L&ouml;sung sind. Er erinnert auch an die Feststellung des israelischen Regierungschefs 2019: &bdquo;Wer die Errichtung eines pal&auml;stinensischen Staates verhindern will, muss sich f&uuml;r deine St&auml;rkung der Hamas einsetzen und es Katar erm&ouml;glichen, Gelder an die Hamas zu transferieren. Das ist Teil unserer Strategie, die Pal&auml;stinenser in Gaza von den Pal&auml;stinensern im Westjordanland zu trennen.&ldquo; Eine t&ouml;dliche Strategie, f&uuml;r Israelis wie Pal&auml;stinenser.<\/p><p>Heute hegten viele in Israel den Verdacht, dass Netanjahus &bdquo;Bibisten&ldquo; den Krieg in Gaza lieber in die L&auml;nge ziehen wollten, denn solange er dauere, befasse man sich nicht mit ihrem Versagen und mit den gegen Netanjahu gef&uuml;hrten Strafverfahren. &bdquo;Der Krieg schreitet ohne jegliches Ziel oder jeglichen Plan voran. Was aber soll am Tag danach geschehen?&ldquo; &ndash; Er geht weiter auf niedrigem Niveau, wie wir seit dem 10. Oktober 2025 wissen, ist aber aus den Medien und dem Bewusstsein gehalten.<\/p><p>Ron Leshem erinnert an die Verantwortung beider Seiten, wenn er schreibt: &bdquo;So wie die israelische Gesellschaft Schuld tr&auml;gt an den Verfehlungen ihrer politischen F&uuml;hrung, an deren Entscheidungen und daran, sich mit der Besetzung abgefunden zu haben, so tragen auch die Pal&auml;stinenser in Gaza Verantwortung f&uuml;r das finstere Regime, das sie gew&auml;hlt haben, das sie unterst&uuml;tzen; Verantwortung tragen die Zivilisten, die das Massaker bejubeln und in den Stra&szlig;en Gazas Geiseln erschlagen haben, darunter junge israelische Frauen, die entkleidet wurden, und Achtzigj&auml;hrige.&ldquo;<\/p><p>Wenn er auf Israel heute schaue, schreibt Ron Leshem in Sorge um Israels Zukunft weiter, f&uuml;hle er sich wie jemand, der die Kollision zweier Z&uuml;ge oder einen Selbstmord in Zeitlupe verfolgt, &bdquo;und ich wei&szlig;, meine Heimat steuert in diesen schicksalhaften Tagen auf die Pr&uuml;fung ihres Lebens zu. Sie droht, zu einer deutlich rassistischeren Gesellschaft zu werden, gepr&auml;gt von institutionalisierter, beh&ouml;rdlicher Diskriminierung von Minderheiten, kontrolliert von bewaffneten Milizen, mit Herrschaftselementen, die aus Putins Russland entlehnt scheinen, und einer gleichgeschalteten Medienlandschaft. Wenn die fundamentalistisch-j&uuml;dische Welle weiter erstarkt und das B&uuml;ndnis zwischen Charedim und Nationalreligi&ouml;sen seine Macht ausweiten sollte, werden Israelis in den kommenden Jahren das Land in Scharen verlassen, unter ihnen die Wissenschafts-, Technologie- und Wirtschaftselite und nat&uuml;rlich gro&szlig;e Teile der liberalen Geisteswelt.&ldquo; Allerdings k&ouml;nne die Gewalt der Ersch&uuml;tterung auch ein &bdquo;Weckruf sein&ldquo;, eine letzte Chance f&uuml;r Israel, sich neu zu erfinden, mit der meiner Heimat eigenen Kreativit&auml;t und Vorstellungskraft. &bdquo;Dazu ist seine vern&uuml;nftige und lebensbejahende Bev&ouml;lkerung zu den Fahnen gerufen. Denn die Mehrheit aller Israelis will Demokratie, will eine soziale, emphatische Gesellschaft, in der Solidarit&auml;t mit all denen herrscht, die weniger oder nichts haben.&ldquo; Und Ron Leshem mahnt seine Landsleute: &bdquo;Sollte diese Mehrheit nicht siegen, wird es Israel schlicht und einfach bald nicht mehr geben.&ldquo;<\/p><p><strong>Sieben Sekunden<\/strong><\/p><p>Ebenso eindr&uuml;cklich und reflektiert schildert <strong>Amir Tibon<\/strong> in &bdquo;Die Tore von Gaza&ldquo; sein Erleben und &Uuml;berleben des 7. Oktober 2023. Der Haaretz-Journalist erz&auml;hlt den Tag durch das Prisma der Ereignisse in Nahal Oz, einer israelischen Siedlung unweit von Gaza. An jenem Morgen wurden Amir Tibon und seine Frau von M&ouml;rsergranaten geweckt, die in der N&auml;he ihres Hauses im Kibbuz einschlugen. Sie verbarrikadierten sich mit den beiden kleinen T&ouml;chtern Galia und Carmel im Schutzraum des Hauses und ermahnten sie, nicht zu weinen, w&auml;hrend sie die Sch&uuml;sse der Hamas-Angreifer vor ihren Fenstern h&ouml;rten.<\/p><p>Man muss die Reportage wirken lassen, die Beklemmung und Todesangst: &bdquo;In jedem Haus in Nahal Oz, ebenso wie in allen anderen Gemeinden entlang der Grenze zu Gaza, gibt es ein besonderes Zimmer: einen oberirdischen Bunker aus massivem Beton, der einem direkten Einschlag einer M&ouml;rsergranate und auch bestimmten Typen von st&auml;rkeren Raketen standhalten soll. Au&szlig;erdem verf&uuml;gt dieses Zimmer, der Schutzraum, in den wir an diesem Morgen gerannt sind, &uuml;ber eine Metallplatte, mit der das Fenster von au&szlig;en abgedeckt werden kann, um zu verhindern, dass Schrapnelle in den Raum eindringen. Auch die T&uuml;r ist schrapnellsicher. Dieser standardisierte Schutzraum hat eine klare Sicherheitsfunktion, doch die meisten Familien an der Grenze nutzen diesen Raum zu einem anderen Zweck: Hier gehen unsere Kinder abends schlafen.&ldquo; Nahal Oz liege so nah an Gaza, dass man im Fall eines M&ouml;rserbeschusses auf die Gemeinde nur sieben Sekunden Zeit habe, um sich in Sicherheit zu bringen. F&uuml;r Familien mit kleinen Kindern liege die Entscheidung auf der Hand: &bdquo;Findet ein Angriff nachts oder fr&uuml;hmorgens statt, ist es bedeutend einfacher, wenn die Eltern ins Zimmer ihrer Kinder rennen und nicht umgekehrt.&ldquo;<\/p><p>Amir Tibon schildert nicht nur die vielen Stunden, die er und seine Frau mit den beiden T&ouml;chtern eingesperrt im Schutzraum ausharren, ihre Angst und ihr Ringen um Hilfe, bis sie schlie&szlig;lich von seinem Vater mit unglaublichem Mut gerettet werden. Er zeichnet den Tag, Tod und Zerst&ouml;rung auf der Grundlage von israelischen und pal&auml;stinensischen Quellen sowie Interviews mit den Polizisten und Soldaten nach, die am 7. Oktober 2023 k&auml;mpften. Wie Ron Leshem wirft er dabei auch einen kritischen Blick auf den jahrzehntew&auml;hrenden Konflikt, ohne gleichwohl die illegale Siedlungspolitik Israels und den mit der illegalen Besatzung einhergehenden Landraub grunds&auml;tzlich zu problematisieren.<\/p><p>Vom H&uuml;gel des Friedhofs seines &uuml;berfallenen Kibbuz schaut Amir Tibon bei einer sp&auml;teren R&uuml;ckkehr nach Gaza. &bdquo;Von hier aus kann man das atemberaubende Ausma&szlig; der Zerst&ouml;rung besser erkennen &ndash; und kommt noch schlechter zurecht damit. Als ich das letzte Mal hier oben war, konnte ich Hunderte Geb&auml;ude auf der anderen Seite des Zauns sehen; jetzt ist dort, wo sie einst standen, nur noch Schutt. Sch&uuml;sse hallen in der Ferne, und Rauch steigt aus dem Inneren der zerst&ouml;rten Stadt auf, das Resultat eines israelischen Bombenangriffs aus der Luft, der sich nur wenige Minuten vorher ereignete, w&auml;hrend ich zum Friedhof fuhr.&ldquo;<\/p><p>Und Amir Tibon bekennt, damit zu den leisen, nachdenklichen Stimmen seines Landes z&auml;hlend, die sich Humanit&auml;t bewahrt und fr&uuml;h schon keine Selbstverteidigung mehr gesehen haben: &bdquo;Als israelischer B&uuml;rger habe ich den Krieg, zumindest in den ersten Monaten, unterst&uuml;tzt. Ich war unendlich w&uuml;tend dar&uuml;ber, was die Hamas unserer Gemeinde angetan hatte, und machte mir Sorgen, wie unsere anderen Widersacher in der Region auf die israelische Schw&auml;che angesichts dieses Angriffs blicken w&uuml;rden. Doch als Mensch finde ich es extrem schwer, wenn nicht gar v&ouml;llig unm&ouml;glich, das Ma&szlig; an Zerst&ouml;rung zu billigen, das in Gaza von meinem Land angerichtet wird. Und als Bewohner von Nahal Oz, der nach wie vor hofft, eines Tages mit seiner Familie hierher zur&uuml;ckkehren zu k&ouml;nnen, muss ich mich fragen, wozu diese Gewalt f&uuml;hren wird &ndash; zu Frieden und Ruhe oder zu noch mehr Gewalt?&ldquo;<\/p><p><strong>491 Tage<\/strong><\/p><p><strong>Eli Sharabi<\/strong> war etwa 16 Monate eine der Geiseln der Hamas. In seinem Memoir &bdquo;491 Tage&ldquo; (Suhrkamp Verlag) erz&auml;hlt der 53-j&auml;hrige Israeli von dem Moment im Kibbuz Be`eri, als Hamas-K&auml;mpfer in sein Haus eindringen. Er und seine Frau Lianne wehren sich nicht, in der Hoffnung, so zu &uuml;berleben. Seine Frau und die beiden T&ouml;chter Noiya und Yahel bleiben zur&uuml;ck, er wird mitgenommen. In Gaza wird Eli Sharabi fast von einem Mob gelyncht, es sind ausgerechnet seine Entf&uuml;hrer, die sein Leben im letzten Moment retten. Die ersten 52 Tage seiner Geiselhaft geht es ihm und den Mitgefangenen noch einigerma&szlig;en gut: Sie werden in einem Wohnhaus festgehalten und erhalten regelm&auml;&szlig;ig Mahlzeiten. Schlie&szlig;lich werden die Gefangenen in Tunnel verbracht. &bdquo;Das war mein schlimmster Albtraum. Ich habe vorher viel &uuml;ber die Tunnel geh&ouml;rt. Die haben diese Fallt&uuml;r nach unten aufgemacht und das sah f&uuml;r mich aus wie ein perfektes Grab&ldquo;, erinnert sich Eli Sharabi. Die Bewacher &ndash; faktisch mit ihnen unter der Erde eingesperrt &ndash; werden immer aggressiver, je l&auml;nger der Krieg dauert und je gr&ouml;&szlig;er die Zerst&ouml;rungen oben in Gaza sind. Die zugeteilten Essensrationen werden knapper und knapper, die hygienischen Verh&auml;ltnisse katastrophal. Mit Disziplin, t&auml;glichen kleinen Sport&uuml;bungen und Zusammenhalt h&auml;lt die Geiselgruppe durch.<\/p><p>Eli Sharabi beschreibt ohne Pathos und pr&auml;zise, wie er diese Zeit in Tunneln tief unter der Erde in Gaza erlebt und durchlitten hat, schildert Hunger und Schmerz, Misshandlung, Sehnsucht, Einsamkeit und eine Hilflosigkeit, die die Seele zu zerst&ouml;ren droht. Anfangs waren sieben Personen in einem etwa zehn Quadratmeter kleinen Raum zusammengekettet, wobei die Ketten an den Beinen jeweils miteinander verbunden waren. Alle sechs Wochen durften sie sich einmal mit einem halben Eimer kaltem Wasser waschen. &bdquo;Der Dreck, den man in diesen sechs Wochen aufgebaut hat, das ist grauenhaft&ldquo;, so Eli Sharabi. &bdquo;Das ist dreckig, das stinkt. Ein bisschen Seife oder ein bisschen Zahnpasta, das war Luxus. Alle zwei, drei Monate mal, vielleicht. Und dann W&uuml;rmer &uuml;berall und Kakerlaken und Ratten.&ldquo; Einziger Antrieb zum &Uuml;berleben ist der Wille, seine Familie irgendwann wieder in die Arme schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen.<\/p><p>W&auml;hrend der beiden Waffenstillst&auml;nde im Gaza-Krieg wurden die Geiseln der Hamas nach und nach dem Roten Kreuz &uuml;bergeben. Zuvor gab es f&uuml;r die Kameras eine Inszenierung auf einer B&uuml;hne irgendwo im Gazastreifen: Es waren Aufnahmen, die um die Welt gingen. Auch Eli Sharabi muss von einer solchen B&uuml;hne winken, als er am 8. Februar 2025 freikommt &ndash; bis auf die Knochen abgemagert. Dann die Schreckensnachricht, dass seine Frau und die T&ouml;chter noch am 7. Oktober 2023 umgebracht wurden. Hamas-K&auml;mpfer hatten sie im Schutzraum ihres Hauses eingeschlossen und das Geb&auml;ude angez&uuml;ndet. Eli Sharabis Bruder Yossi stirbt in Hamas-Geiselhaft.<\/p><p>&bdquo;491 Tage&ldquo; ist ein Augenzeugenbericht, der auf eine politische Botschaft verzichtet. Das Buch schildert weder den Hintergrund des Konflikts, noch bietet es eine L&ouml;sung an. Und doch entfaltet es ungeheure Wirkung. Es endet mit Eli Sharabis Besuch an den Gr&auml;bern von Lianne, Noiya und Yahel: &bdquo;Das hier ist der Tiefpunkt. Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn ber&uuml;hrt. Jetzt, Leben.&ldquo;<\/p><p>Das Buch &uuml;ber Misshandlung und Tod in israelischer Haft muss erst noch geschrieben und verlegt werden. Mindestens 98 Pal&auml;stinenser sind einem ausf&uuml;hrlichen Bericht von Yuval Abraham im <em><a href=\"https:\/\/www.972mag.com\/98-palestinian-deaths-israeli-custody-prison-torture\/\">+972 Magazin<\/a><\/em> (17. November 2025) zufolge nach dem 7. Oktober 2023 in israelischen Gef&auml;ngnissen und Milit&auml;rhaftanstalten gestorben, in vielen F&auml;llen offenbar als direkte Folge von Folter, medizinischer Vernachl&auml;ssigung und Nahrungsentzug durch Soldaten und Gef&auml;ngnisbeamte. Von den aus dem Gazastreifen Inhaftierten, die die Mehrheit bilden, wurde weniger als ein Drittel von der israelischen Armee selbst als Militante eingestuft &ndash; was bedeutet, dass Israels Regierung &ndash; mit der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt in diesem Januar eine &bdquo;Sicherheitspartnerschaft&ldquo; vereinbart hat &ndash; f&uuml;r den Tod Dutzender pal&auml;stinensischer Zivilisten in Haft verantwortlich ist.<\/p><p>Das Schicksal Hunderter weiterer in Gaza festgenommener Pal&auml;stinenser ist unbekannt. Und trotz fast 100 dokumentierter Todesf&auml;lle in Haft und zahlreicher Zeugenaussagen und anderer Beweise f&uuml;r schwere k&ouml;rperliche Misshandlungen einschlie&szlig;lich weitverbreiteter sexueller Gewalt wurde nur ein israelischer Soldat strafrechtlich verfolgt; er wurde im Februar 2025 wegen Misshandlung von Gefangenen aus Gaza zu sieben Monaten Haft verurteilt.<\/p><p><strong>Trauma Besatzung<\/strong><\/p><p>Es ist bedauerlich, dass &bdquo;The Killing of Gaza: Reports on a Catastrophe&ldquo; (Verso Books) des israelischen Journalisten <strong>Gideon Levy<\/strong> einer deutschen &Uuml;bersetzung harren muss. Wie kaum ein anderer formuliert der renommierte Reporter scharfe Kritik an der Besatzungspolitik. Sein aktuelles Buch versammelt Reportagen, Kolumnen und Berichte seit 2014 mit besonderem Fokus auf dem 7. Oktober 2023 und den Folgen. Levy hilft, die strukturelle Gewalt der israelischen Okkupation zu verstehen und zeigt auf, warum pal&auml;stinensisches Leid nicht pl&ouml;tzlich &bdquo;aus dem Nichts&ldquo; kommt, ohne eine Rechtfertigung f&uuml;r die Gewalt dieses schwarzen Tages zu liefern. Die Berichte aus Gaza indes zeigen, f&uuml;r die Pal&auml;stinenser ist jeder Tag ein 7. Oktober, ein Tag von Trauma und Tod.<\/p><p><strong>Ein halber Mensch<\/strong><\/p><p><strong>Samar Yazbek<\/strong> macht den Terror des Krieges in &bdquo;Gaza. &Uuml;berlebensberichte aus einem zerst&ouml;rten Land&ldquo; (Unionsverlag) greifbar. &bdquo;Was haben Sie am 7. Oktober 2023 gemacht?&ldquo; Diese Eingangsfrage stellte die Autorin und Journalistin in Katar Hunderten von Kriegsfl&uuml;chtlingen aus dem Gazastreifen. W&auml;hrend mehrerer Monate im Jahr 2024 erz&auml;hlen ihr M&auml;nner, Frauen und Kinder zwischen 13 und 65, was sie in diesem Krieg erlebt haben. &bdquo;Fragen waren auf mich eingest&uuml;rzt und hatten mich zu ihnen gef&uuml;hrt: Was war mit den Menschen aus Gaza, die dem Genozid entkommen waren, geschehen? K&ouml;nnen wir sie als &Uuml;berlebende bezeichnen?&ldquo; Die 27 f&uuml;r das Buch ausgew&auml;hlten Berichte zeugen von den unvorstellbaren Verlusten und Verheerungen im Krieg. Sie stammen von Menschen, &bdquo;die durch die H&ouml;lle gingen und wiederkehrten&ldquo;.<\/p><p>Firas Al-Scheich Radwan ist einer der &Uuml;berlebenden. Er ist 21 Jahre alt und kommt aus dem Tadsch-Viertel in Gaza-Stadt. &bdquo;Bevor ich ein halber Mensch wurde, habe ich Buchhaltung an der Quds-Fern-Uni-studiert&ldquo;, beginnt der junge Mann seine Schilderungen &uuml;ber den 7. Oktober 2023 und das folgende Inferno, bei dem er mehrfach verletzt wird und am Ende todgeweiht beide Beine bis zum letzten Rest der Oberschenkel verliert. &bdquo;Es war eine neue Art der Bombardierung. Sie wird &sbquo;Feuerg&uuml;rtel&lsquo; genannt. Das sind nicht ein oder zwei Bomben oder Raketen, sondern Dutzende. Ein Feuerg&uuml;rtel ist extrem heftig und dauert mindestens eine Stunde, nur dass die Stunde nie endet. Eine brutale Bombardierung, die erst aufh&ouml;rt, wenn alles Leben unter ihr ausgel&ouml;scht ist und ganze Familien aus dem Personenstandsregister gestrichen sind. (&hellip;) Die H&auml;user zerkr&uuml;meln wie Kekse. (&hellip;) Wir rannten, ich rannte, die Leute um mich rum rannten, und beim Rennen sahen wir die Tr&uuml;mmer und die Toten und &uuml;berall verstreute K&ouml;rperteile. Es waren keine K&ouml;rperteile mehr, oder K&ouml;rpermasse. Es waren Einzelteile, Eingeweide und Gliedma&szlig;en. (&hellip;) Ich sehe immer noch ihre Gesichter vor mir, Kinder, Frauen, wie weggeworfen, verstreut. Ich sah K&ouml;pfe und H&auml;nde und Beine, halbe K&ouml;rper und Viertelk&ouml;rper und offene K&ouml;rper, wie in einem Anatomie-Atlas. Wir sprangen &uuml;ber sie dr&uuml;ber, manchmal traten wir auf sie drauf, manchmal stolperten wir &uuml;ber sie. Wir &uuml;berrannten uns gegenseitig in unserer Panik, dr&auml;ngelten, die Gedanken nur in dieser H&ouml;lle, die sich Feuerg&uuml;rtel nennt. Grausam. (&hellip;) Ich sah, dass ich meine Beine verloren hatte, aber es tat nicht weh. Ich sag&lsquo;s dir, wenn die Wunde ganz frisch ist, sp&uuml;rst du den Schmerz nicht.&ldquo;<\/p><p>Samar Yazbek gibt der kriegsversehrten Zivilbev&ouml;lkerung in Gaza eine Stimme, dokumentiert die grausame Gewalt und das Leid des Krieges. Es sind die Geschichten der &Uuml;berlebenden, gerettet von mutigen &Auml;rzten im Schifa-Krankenhaus und vielen anderen Kliniken, die von der israelischen Armee als Terrorzentralen angemalt und attackiert wurden. Unm&ouml;glich l&auml;sst sich das Buch voller Schmerzen und zerst&ouml;rten Hoffnungen an einem St&uuml;ck lesen.<\/p><p>Zum Verst&auml;ndnis des Israel-Pal&auml;stina-Konflikts gerade auch j&uuml;ngeren Lesern sei an dieser Stelle unbedingt &bdquo;Ein Tag im Leben von Abed Salama&ldquo; (Pendragon-Verlag) ans Herz gelegt. Es war 2024 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. In dem gut recherchierten Buch, das wenige Tag vor dem Terror des 7. Oktober 2023 ver&ouml;ffentlicht wurde, geht <strong>Nathan Thrall<\/strong> nicht nur auf die komplexe Geschichte der Besetzung ein, vielmehr macht er sichtbar, was oft &uuml;bersehen wird: Das Leben der Menschen in einem zerr&uuml;tteten Land.<\/p><p>Der in den USA geborene und mittlerweile in Jerusalem lebende Autor erz&auml;hlt die Geschichte eines Unfalls, der sich au&szlig;erhalb Jerusalems ereignet hat: Vor den Toren der Stadt kommt es zu einer Trag&ouml;die, als ein mit pal&auml;stinensischen Kindern besetzter Schulbus von einem Sattelschlepper gerammt wird und in Flammen aufgeht. Sechs Kinder und eine Lehrerin sterben. Ungekl&auml;rte Zust&auml;ndigkeiten und l&auml;hmende B&uuml;rokratie im Grenzgebiet verhindern ein schnelles Eingreifen der Rettungskr&auml;fte. Am Unfallort treffen israelische und pal&auml;stinensische Menschen aufeinander, die gemeinsam versuchen, den verungl&uuml;ckten Kindern zu helfen, unter ihnen auch Milad, dem f&uuml;nfj&auml;hrigen Sohn von Abed Salama. F&uuml;r den Vater beginnt eine qualvolle Odyssee: Er wei&szlig; nicht, ob sein Sohn &uuml;berlebt hat, in welchem Krankenhaus er ist und wie er dort hinkommen soll.<\/p><p>Nathan Thrall zeichnet ausgehend von dieser Trag&ouml;die einf&uuml;hlsam die unterschiedlichen Lebensgeschichten nach und erz&auml;hlt die Auswirkungen der v&ouml;lkerrechtswidrigen israelischen Siedlungspolitik auf das t&auml;gliche (&Uuml;ber-)Leben im Westjordanland. Der Autor verweist auf die strukturellen Gr&uuml;nde f&uuml;r das t&ouml;dliche Desaster: Die wachsende Einschr&auml;nkung der Bewegungsfreiheit von Pal&auml;stinensern durch die sogenannte Sperranlage und die unz&auml;hligen Checkpoints, kurzum, die Folgen der seit 1967 w&auml;hrenden Besatzung.<\/p><p>Seine drei T&ouml;chter Juno, Tessa und Zoe seien in Jerusalem aufgewachsen, schreibt Nathan Thrall im Nachgang, &bdquo;von den Kindern in diesem Buch nur durch die Mauer getrennt. Auch wenn f&uuml;r mich selbst das Niederrei&szlig;en dieser Barriere f&uuml;r immer ein Traum bleiben mag, so habe ich dieses Buch doch in der Hoffnung geschrieben, dass sie das noch erleben d&uuml;rfen.&ldquo; Es ist dem kleinen Verlag Pendragon in Bielefeld zu danken, die deutsche &Uuml;bersetzung dieses herausragenden Buches besorgt zu haben.<\/p><p><strong>Keine Vergeltung<\/strong><\/p><p>&bdquo;Unsere gr&ouml;&szlig;te Herausforderung ist es, die andere Seite wieder zu humanisieren&ldquo;, sagt <strong>Maoz Inon<\/strong>, dessen Eltern Bilha und Yakobi Inon am 7. Oktober 2023 in Netiv HaAsara zu den ersten Opfern der Hamas geh&ouml;rten. Nach Ende der Trauerzeit beschlossen er und seine vier Geschwister, eine Botschaft in die Welt zu schicken: Sie wollen keine Vergeltung. &bdquo;Wir k&ouml;nnen nicht auf unsere Politiker warten, wir m&uuml;ssen selbst etwas tun&ldquo;, so Maoz Inon in der <em>FAZ<\/em> (6.10.2025). &bdquo;Jeder ist handlungsf&auml;hig.&ldquo; Die Geschichte lehre, dass jeder Konflikt irgendwann ende. Die Frage sei nur, wie viele Menschen bis dahin sterben m&uuml;ssten.<\/p><p>Heute spricht der einstige Unternehmer als Friedensaktivist auf Podien und Demonstrationen, er organisiert Veranstaltungen und M&auml;rsche in Israel und auf der ganzen Welt. Mit seinem Mitstreiter <strong>Aziz Abu Sarah<\/strong> aus dem Westjordanland hat er ein Buch geschrieben: &bdquo;The Future is Peace&ldquo; (Penguin Random House). Die Zukunft ist Frieden. Auch dieses harrt noch einer &Uuml;bersetzung ins Deutsche.<\/p><p>Die beiden Friedensstifter mahnen: &bdquo;Wir leben nebeneinander, sind jedoch durch Stra&szlig;ensperren und Kontrollpunkte voneinander getrennt. Wir teilen denselben Traum von einer besseren Zukunft f&uuml;r unsere Kinder, sind jedoch so sehr durch Angst und Wut gespalten, dass wir die Menschlichkeit des anderen nicht erkennen k&ouml;nnen. Die Wunden unserer Geschichte sitzen tief, aber wenn wir eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollen, m&uuml;ssen wir die Mauern der Ignoranz und des Hasses, die uns trennen, einrei&szlig;en.&ldquo;<\/p><p>Menschen haben die Kraft, Ver&auml;nderungen herbeizuf&uuml;hren, so ihre Botschaft. &bdquo;Frieden ist erreichbar, nicht nur zwischen dem Fluss und dem Meer, sondern auf der ganzen Welt.&ldquo;<\/p><p>Es ist die Botschaft des anderen Israels, nicht das der Lautsprecher und Kriegsapologeten.<\/p><ul>\n<li><strong>Katrin Glatz Brubakk. Tagebuch aus Gaza. Westend Verlag 2025, 224 Seiten, 24 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Gisela Dachs (Hg.): 7. Oktober: Stimmen aus Israel. J&uuml;discher Verlag 2024, 200 Seiten, 13 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Ron Leshem: Feuer: Israel und der 7. Oktober. Rowohlt-Verlag 2024, 320 Seiten, 25 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Amir Tibon: Die Tore von Gaza: Eine Geschichte von Terror, Tod, &Uuml;berleben und Hoffnung. J&uuml;discher Verlag 2024, 432 Seiten, 26 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Eli Sharabi: 491 Tage: In den Tunneln der Hamas. Suhrkamp Verlag 2025, 200 Seiten, 24,00 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Gideon Levy: The Killing of Gaza: Reports on a Catastrophe. Verso Books 2024, 298 Seiten, 19 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Samar Yazbek: Gaza. &Uuml;berlebensberichte aus einem zerst&ouml;rten Land. Unionsverlag 2026, 272 Seiten, 24 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Nathan Thrall: Ein Tag im Leben von Abed Salama. Pendragon Verlag 2024, 296 Seiten, 26 Euro<\/strong><\/li>\n<li><strong>Aziz Abu Sarah, Maoz Inon: The Future Is Peace: A Shared Journey Across the Holy Land. Penguin Random House 2026, 240 Seiten, 23,50 Euro<\/strong><\/li>\n<\/ul><p><small>Titelbild: Nadiia Gerbish \/ Shutterstock<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Auftritt von Israels Ex-Milit&auml;rsprecher Arye Sharuz Shalicar im Rahmen von &bdquo;Leipzig liest&ldquo; f&uuml;hrt zu den erwartbaren Protesten. Die Fassade des Veranstaltungsortes ist mit &bdquo;Free Gaza &ndash; Yallah Intifada&ldquo; bespr&uuml;ht, Pal&auml;stina-Gruppen demonstrieren zum Felsenkeller. &bdquo;Wir dulden keine Propagandaveranstaltung eines Sprechers der genozidalen Besatzungsarmee&rdquo;, hei&szlig;t es ultimativ. 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