{"id":14805,"date":"2012-10-23T09:09:25","date_gmt":"2012-10-23T07:09:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14805"},"modified":"2015-05-02T10:11:25","modified_gmt":"2015-05-02T08:11:25","slug":"wissenschaftsfreiheitsgesetz-freiheit-fur-wen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14805","title":{"rendered":"\u201eWissenschaftsfreiheitsgesetz\u201c \u2013 Freiheit f\u00fcr wen?"},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn sich der Staat und damit auch das demokratisch legitimierte Parlament aus ihrer Verantwortung zur&uuml;ckziehen, wird das von den Wirtschaftsliberalen &bdquo;Freiheit&ldquo; genannt. So war das beim sog. Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz des<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8139\"> FDP-Innovationsministers Pinkwart in Nordrhein-Westfalen<\/a>, so ist es auch beim <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/110\/1711046.pdf\">Wissenschafts-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz der Bundesregierung [PDF &ndash; 229 KB]<\/a>.<br>\nLetztlich wird unter dem Freiheitsbegriff demokratische oder wissenschaftsinterne Steuerung durch anonyme, &auml;u&szlig;ere Zw&auml;nge des Wettbewerbs ersetzt. Daf&uuml;r werden unternehmerische Managementprinzipien eingef&uuml;hrt und damit die Macht der F&uuml;hrungsebene gest&auml;rkt. Im Falle des Wissenschafts-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetzes soll Wettbewerbssteuerung vor allem &uuml;ber frei aushandelbare Bezahlung der &bdquo;Spitzenkr&auml;fte&ldquo; stattfinden. Von <strong>Wolfgang Lieb<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>St&auml;rkt autoritative Leitung innovative Forschung?<\/strong><br>\nSchon im ersten Satz der Beschlussempfehlung f&uuml;r diesen Gesetzentwurf der Bundesregierung geht es um die Anwerbung von sog. &bdquo;Spitzenkr&auml;ften&ldquo;: &bdquo;Wissenschaft und Forschung in Deutschland stehen in einem sich versch&auml;rfenden internationalen Wettbewerb um Spitzenkr&auml;fte&ldquo;, hei&szlig;t es da.<\/p><p>Im Sinne einer dem Unternehmensmanagement entlehnten Top-Down-Steuerung sollen &ndash; um den Gesetzen des Wettbewerbs Folge leisten zu k&ouml;nnen &ndash; &bdquo;die Reaktions- und Steuerungsf&auml;higkeit&ldquo; von au&szlig;eruniversit&auml;ren Wissenschaftseinrichtungen verbessert werden. Gerade so als ob autorit&auml;rer Durchgriff innovative Forschung st&auml;rken k&ouml;nnte.<br>\nInnovationsgeschehen findet doch gerade umgekehrt in einem &bdquo;kollektiven Arbeitsprozess&ldquo; statt. &bdquo;Neues entsteht nur, wenn der Mut zu abweichenden Ideen gef&ouml;rdert und Freir&auml;ume garantiert werden, in denen solche Ideen gef&ouml;rdert und Freir&auml;ume garantiert werden, in denen solche Ideen &uuml;berhaupt entstehen k&ouml;nnen&ldquo; (D&ouml;rre\/Neis, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=7183\">Das Dilemma der unternehmerischen Universit&auml;t<\/a>).<br>\nStatt mehr Wissenschaftsfreiheit f&uuml;r die einzelnen Wissenschaftler bringt das Gesetz also mehr Freiheit f&uuml;r die meist gar nicht mehr aktiv forschenden Instituts-Chefs. <\/p><p><strong>Autonomie f&uuml;r die F&uuml;hrungsebene<\/strong><br>\nWie beim Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz NRW wird die wissenschaftliche &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=11535\">Autonomie<\/a>&ldquo; &ndash; ein positiv besetzter Reizbegriff f&uuml;r alle Wissenschaftler und gerade auch f&uuml;r die Leitungsebene &ndash; als ein Prinzip der individuellen Wissenschaftsfreiheit des einzelnen Wissenschaftlers oder von Forschungsgruppen umgedeutet in eine &bdquo;gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Autonomie der Einrichtungen&ldquo; und das bedeutet angesichts der St&auml;rkung der Macht der F&uuml;hrungsebene zugunsten einer St&auml;rkung autoritativer Leitungsebenen. <\/p><p>Statt also kooperative Forschungsprozesse, statt die unerl&auml;ssliche Teamf&ouml;rmigkeit  wissenschaftlichen Arbeitens oder die &bdquo;professionskulturellen&ldquo; Bedingungen einer freien Wissenschaft (D&ouml;rre\/Neis) zu st&auml;rken, wird bei uns die ohnehin stark ausgepr&auml;gte Hierarchie noch mehr gest&auml;rkt. W&auml;hrend &ndash; soweit ich das verfolgen kann &ndash; &uuml;berall in der Welt gerade bei komplexen Forschungsvorhaben &ndash; (wie sollte es bei der zunehmenden Spezialisierung und Differenzierung der Wissenschaften auch anders sein) auf flache Hierarchien gesetzt wird, geht man in Deutschland den umgekehrten Weg. <\/p><p>&Uuml;ber eine Demokratisierung innerhalb der Forschungsinstitute und eine Verbesserung der auch in au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen prek&auml;ren Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisse (Zeitvertr&auml;ge, halbe Stellen), &uuml;ber die Einf&uuml;hrung von Mindeststandards bei den Ausbildungs- und Arbeitsvertr&auml;gen der wissenschaftlichen Mitarbeiter oder &uuml;ber die Forderung nach Personalentwicklungspl&auml;nen schweigt sich das Gesetz aus. Im Gegenteil, Stellenpl&auml;ne sollen sogar obsolet werden. <\/p><p><strong>Freiheit f&uuml;r wen?<\/strong><br>\nNichts gegen Globalhaushalte und die &uuml;berj&auml;hrige &Uuml;bertragbarkeit von (staatlichen) Zusch&uuml;ssen, nichts gegen mehr betriebswirtschaftliche Freiheit auch bei Bauma&szlig;nahmen f&uuml;r die au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen &ndash; auch wenn der Bundesrechnungshof gegen fehlendes Controlling Bedenken erhoben hat. Diese Erleichterungen sind banal gegen&uuml;ber der viel entscheidenderen Strukturentscheidung:<br>\nDie Wissenschaftsfreiheit der einzelnen Wissenschaftler in den au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen wird eingeengt <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/110\/1711064.pdf\">zugunsten der Freiheit und der Privilegierung [PDF &ndash; 166 KB]<\/a> der leitenden &bdquo;Spitzenforscher&ldquo; &ndash; wie sie sich auch immer als an der &bdquo;Spitze&ldquo; der Forschung stehend ausgezeichnet haben m&ouml;gen. Ihnen wird die Entscheidungsmacht zugewiesen, auf &bdquo;aktuelle Entwicklungen flexibel zu reagieren&ldquo;. Und &bdquo;flexibel&ldquo; hei&szlig;t, vorhandene Forschungsans&auml;tze einstellen oder zur&uuml;ckfahren und die Forschung am &bdquo;internationalen Wettbewerb&ldquo; ausrichten zu k&ouml;nnen. Nicht der gesellschaftliche Bedarf, der gesellschaftliche Dialog oder die Forschungsrelevanz, nicht die Einsch&auml;tzungen der &bdquo;Scientific Community&ldquo; oder nicht einmal mehr das &bdquo;Harnack-Prinzip des herausragenden, au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Forschers (das Grundprinzip der Max-Planck-Gesellschaft) sollen also die Forschungsziele bestimmen, sondern der &bdquo;internationale Wettbewerb&ldquo; soll steuern.  <\/p><p><strong>&bdquo;Internationaler Wettbewerb&ldquo; &ndash; Was hei&szlig;t das &uuml;berhaupt?<\/strong><br>\nWettbewerb hei&szlig;t doch, dass man mit anderen Wettbewerbern konkurriert und sie &uuml;berholt. Wie stellt man fest, ob man im Wettbewerb bei der Forschung besteht &ndash; zumal wenn es sich um Grundlagenforschung handelt, wie das bei vielen au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen ja der Fall ist. Misst man das an Hand von Forschungspreisen, an Hand von Zitationen in wissenschaftlichen Publikationen, an Hand von Einladungen zu Kongressen? Wird dabei nicht eher der Forschungs-Mainstream oder das Old-Boys-Network innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft gest&auml;rkt, als Innovation in der Forschung? <\/p><p>Neben der &bdquo;Urteilskraft&ldquo; (Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung) der &bdquo;Scientific Community&ldquo; &uuml;ber die Forschungsqualit&auml;t gibt es nur eine einzige &ndash; allerdings nur quantitative &ndash; Messgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r wettbewerblichen Erfolg von Forschung, n&auml;mlich die profitable Verwertung ihrer Ergebnisse in der Wirtschaft. <\/p><p><strong>Wettbewerblicher Erfolg gemessen an den Gehaltsanreizen aus privaten Drittmitteln<\/strong><br>\nUnd genau daraufhin ist auch das Wissenschafts-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz angelegt. Man will nicht nur die Entscheidungsmacht der &bdquo;Spitzenkr&auml;fte&ldquo; st&auml;rken, sondern man will ihnen die M&ouml;glichkeit er&ouml;ffnen, &bdquo;Drittmittel aus nicht&ouml;ffentlichen (also doch wohl privaten) Quellen f&uuml;r eine flexiblere Geh&auml;ltergestaltung einzusetzen&ldquo;. Gehaltsanreize f&uuml;r die &bdquo;Spitzenkr&auml;fte&ldquo; von privaten Geldgebern &ndash; also wenn nicht von privaten Stiftungen, dann doch wohl aus der Wirtschaft &ndash; und das gepaart mit einer St&auml;rkung ihrer Entscheidungsmacht, werden also k&uuml;nftig die Richtung der Forschungsinnovation bestimmen. Demokratische Gestaltungm&ouml;glichkeit der Forschungslandschaft oder &uuml;ber Forschungsrichtungen werden abgebaut, nicht einmal Zielvereinbarungen mit der Regierung oder Berichts- oder Rechenschaftspflichten gegen&uuml;ber dem Parlament sind vorgesehen. <\/p><p><strong>&bdquo;Funktionelle Privatisierung&ldquo; der Forschung<\/strong><br>\nWir sto&szlig;en also einmal mehr auf das Ph&auml;nomen der &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=13240\">funktionellen Privatisierung<\/a>&ldquo; staatlich finanzierter Forschung. Das hei&szlig;t, der Staat (oder der Steuerzahler) bezahlt im kommenden Jahr  4,6 Milliarden Euro an die au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschungseinrichtungen, die &bdquo;frei&ldquo; sind von Transparenz und Rechenschaftspflicht gegen&uuml;ber ihrem &ouml;ffentlichen Hauptgeldgeber und die private Wirtschaft lenkt durch Gehaltszusch&uuml;sse an die Leitungskr&auml;fte die Forschung. Billiger kann die Wirtschaft die Instrumentalisierung der Forschung f&uuml;r ihre Zwecke eigentlich nicht bekommen. Eine genial erdachte Hintert&uuml;r f&uuml;r das Ziel der &Ouml;konomisierung der Forschung!<\/p><p><strong>Zementierung der Spaltung der Forschungslandschaft<\/strong><br>\nDer Bund hat zwar aufgrund des mit der F&ouml;deralismusreform von 2006 eingef&uuml;hrten &bdquo;Kooperationsverbotes&ldquo; kaum noch M&ouml;glichkeiten auf die in der Zust&auml;ndigkeit der L&auml;nder liegenden Hochschulen und damit auf die Hochschulforschung einzuwirken, aber mit dem Wissenschafts-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz wird die unsinnige und sch&auml;dliche Spaltung zwischen au&szlig;eruniversit&auml;rer und der Hochschulforschung eher noch weiter zementiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn sich der Staat und damit auch das demokratisch legitimierte Parlament aus ihrer Verantwortung zur&uuml;ckziehen, wird das von den Wirtschaftsliberalen &bdquo;Freiheit&ldquo; genannt. So war das beim sog. Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz des<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8139\"> FDP-Innovationsministers Pinkwart in Nordrhein-Westfalen<\/a>, so ist es auch beim <a href=\"http:\/\/dipbt.bundestag.de\/dip21\/btd\/17\/110\/1711046.pdf\">Wissenschafts-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz der Bundesregierung [PDF &ndash; 229 KB]<\/a>.<br \/> Letztlich wird unter dem Freiheitsbegriff demokratische oder<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14805\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,160,143],"tags":[377,235,443],"class_list":["post-14805","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-markt-und-staat","category-privatisierung-oeffentlicher-leistungen","tag-bildung-als-ware","tag-drittmittel","tag-standortwettbewerb"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14805","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14805"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14805\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14809,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14805\/revisions\/14809"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14805"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14805"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14805"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}