{"id":1481,"date":"2006-08-07T12:26:28","date_gmt":"2006-08-07T10:26:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1481"},"modified":"2019-07-25T18:43:52","modified_gmt":"2019-07-25T16:43:52","slug":"der-fetisch-der-zu-hohen-lohnnebenkosten-muss-entzaubert-werden-die-bisherigen-reformen-der-sozialen-sicherungssysteme-sind-eher-finanzielle-verschiebemanover-als-dass-sie-ein-solides-fundament-schaff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1481","title":{"rendered":"Der Fetisch der zu hohen Lohnnebenkosten muss entzaubert werden. Die bisherigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme sind eher finanzielle Verschiebeman\u00f6ver, als dass sie ein solides Fundament schafften."},"content":{"rendered":"<p>Die Senkung der Lohnnebenkosten ist in aller Munde, so als ob dies das Patentrezept zur Verbesserung der Besch&auml;ftigung und zur Senkung der Arbeitslosigkeit w&auml;re. Auch die Gro&szlig;e Koalition ist mit dem Ziel gestartet, die so genannten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; zu reduzieren, um die Besch&auml;ftigung zu verbessern. Dabei weist diese simple Vorstellung vom Zusammenhang zwischen den Lohnnebenkosten und der Besch&auml;ftigung gleich mehrere Denkfehler auf. Lesen Sie dazu und zu den blo&szlig;en finanziellen Verschiebeman&ouml;vern bei den bisherigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme einen Beitrag von Ursula Engelen-Kefer.<br>\n<!--more--><br>\nWARUM DIE GROSSE KOALITION MIT DEM FETISCH DER LOHNNEBEKOSTEN SCHLUSS MACHEN MUSS<\/p><p>DIE FINANZARCHITEKTUR DES SOZIALSTAATES AUF EIN SOLIDES FUNDAMENT STELLEN<\/p><p>VERH&Auml;LTNIS VON SOZIALVERSICHERUNGSBEITR&Auml;GEN UND STEUERN GERECHT GESTALTEN<\/p><p>VON URSULA ENGELEN KEFER<\/p><p>In aller Munde ist die Senkung der Lohnnebenkosten, als ob dies das Patentrezept zur Verbesserung der Besch&auml;ftigung und Senkung der Arbeitslosigkeit w&auml;re. Auch die Gro&szlig;e Koalition ist mit dem Ziel gestartet, die so genannten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; zu reduzieren, um die Besch&auml;ftigung zu verbessern. Dabei weist diese simple Vorstellung vom Zusammenhang zwischen den Lohnnebenkosten und der Besch&auml;ftigung gleich mehrere Denkfehler auf:<\/p><ul>\n<li>Lohnnebenkosten werden von vielen mit Sozialversicherungsbeitr&auml;gen gleichgesetzt, also den Beitr&auml;gen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zur gesetzlichen Renten-, Kranken-, Pflege- Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Damit wird die gesetzliche Sozialversicherung als Schuldiger f&uuml;r die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland gebrandmarkt. Auf diese Weise &ndash; so die Erwartung &ndash; kann der deutsche Sozialstaat leichter sturmreif geschossen werden. Das Feld w&auml;re dann frei f&uuml;r die Markterweiterung der privaten Versicherungsindustrie mit lukrativen Anlagem&ouml;glichkeiten, vor allem f&uuml;r Finanzdienstleistungsunternehmen mit einer breiten Palette von Versicherungsprodukten.<\/li>\n<li>Was bei dieser Argumentation meistens unter den Teppich gekehrt wird: Etwa die H&auml;lfte der Lohnnebenkosten sind tarifliche und betriebliche Vereinbarungen zu den Arbeitsbedingungen. Sie sind mithin von den Arbeitgebern im Rahmen der verfassungsm&auml;&szlig;ig gesch&uuml;tzten Tarifautonomie selbst mit ausgehandelt und unterschrieben.<\/li>\n<li>Die Debatte &uuml;ber die Lohnnebenkosten erweckt den f&auml;lschlichen Eindruck, als ob nur die Unternehmen mit den Kosten der Sozialen Sicherung belastet w&uuml;rden. Dabei sind die Arbeitnehmer und Rentner &uuml;ber ihre Beitr&auml;ge zur Sozialen Sicherung mindestens ebenso, wenn nicht sogar mit h&ouml;heren Anteilen als die Arbeitgeberseite, belastet. Daf&uuml;r sorgen ihre anteilig h&ouml;heren Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung. Eine Ausnahme bildet die gesetzliche Unfallversicherung, deren Beitr&auml;ge allein von den Arbeitgebern aufgebracht werden. Hierf&uuml;r gibt es allerdings einen guten Grund, und zwar das finanzielle Interesse auch der Unternehmen an der Verringerung von Gesundheitsgef&auml;hrdung am Arbeitsplatz und bei Arbeitsunf&auml;llen.<\/li>\n<li>Da all diese als &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; plakatierten Sozialbeitr&auml;ge vom Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze (&uuml;ber 3.500 Euro in West und Ost bei Kranken- und Pflegeversicherung sowie 5.250 Euro (West) und 4.400 Euro (Ost) bei Renten- und Arbeitslosenversicherung) das Nettoeinkommen der Arbeitnehmer schm&auml;lern, steht die Finanzarchitektur des deutschen Sozialstaates auf einem schiefen Fundament. Denn mit der Finanzierung der Sozialen Sicherung durch Beitr&auml;ge werden in Deutschland alleine untere und mittlere Einkommen von Arbeitern und Angestellten bis zu den obigen Beitragsbemessungsgrenzen herangezogen. Nicht an der solidarischen Finanzierung der Sozialen Sicherung beteiligt sind somit die h&ouml;heren Einkommen aus abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung sowie die zunehmenden Einkommen aus nicht abh&auml;ngiger Besch&auml;ftigung, z.B. aus Kapitalertr&auml;gen. Belastungsfrei bleiben die Einkommen von Selbst&auml;ndigen, Politikern sowie Beamten. <\/li>\n<li>Da diese Sozialbeitr&auml;ge bis zur den oben spezifizierten Beitragsbemessungsgrenzen das Nettoeinkommen der Arbeitnehmer schm&auml;lern, kann sich auch dies negativ auf den privaten Verbrauch und die Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten auswirken.<\/li>\n<li>Die starke ideologische Ausrichtung des inzwischen schon zum &bdquo;Fetisch&ldquo; erhobenen Zusammenhangs zwischen Lohnnebenkosten und Besch&auml;ftigung wird besonders darin deutlich, dass lediglich auf die Kosten der Sozialen Sicherung abgestellt wird. Die Tatsache, dass die Soziale Sicherung umfangreiche Leistungen eines gro&szlig;en Teiles der Bev&ouml;lkerung aller Altersgruppen zur solidarischen Abdeckung bei den gro&szlig;en Lebensrisiken gew&auml;hrt, und damit zur sozialen und wirtschaftlichen Stabilit&auml;t der Gesellschaft, der Wirtschaft und des Staatswesens beitr&auml;gt, wird wissentlich verschwiegen.<\/li>\n<li>Ebenfalls wird so getan, als ob die Deutsche Wirtschaft bankrot gehe, wenn die Sozialversicherungsbeitr&auml;ge um Zehntel-Prozentpunkte steigen. Dass hier erhebliche Unterschiede zu machen sind, ob es sich um kapitalintensive Betriebe handelt, deren gesamte Arbeitskosten oft weit unter 20 Prozent liegen, oder um personalintensive Betriebe mit Personalkostenanteilen von 60 Prozent und mehr, spielt in der stark verzerrten &ouml;ffentlichen Debatte &uuml;berhaupt keine Rolle. Ausgeblendet bei dem Blick auf eine ideologisch verengte Realit&auml;t wird ebenso der Tatbestand, dass andere betriebliche Kosten &ndash; etwa die durch monopolistische Angebotsstrukturen &uuml;berh&ouml;hten Energiekosten &ndash; in Deutschland oft eine wesentlich gr&ouml;&szlig;ere Rolle als Kostenfaktoren in den Unternehmen und beim Angebot neuer Arbeitspl&auml;tze spielen. Da muss die Frage erlaubt sein: Warum werden eigentlich immer nur die Sozialen Sicherungssysteme und nicht auch &ndash; um ein Beispiel zu nennen &ndash; die durch mangelnden Wettbewerb charakterisierten Anbieter am Energiemarkt hierzulande als Schuldige f&uuml;r steigende Kosten in den Unternehmen und damit f&uuml;r hohe Arbeitslosigkeit an den Pranger gestellt?<\/li>\n<li>Schlie&szlig;lich zeigen nationale und internationale Erfahrungen: Beitragsfinanzierte Umlagesysteme der gesetzlichen Sozialversicherung bieten &uuml;ber die H&ouml;hen und Tiefen der wirtschaftlichen Entwicklung und bei immer gr&ouml;&szlig;eren Preisschwankungen an den globalisierten Finanzm&auml;rkten einen zuverl&auml;ssigeren Schutz als steuerfinanzierte oder kapitalgedeckte Systeme der Sozialen Sicherheit. Das haben die riesigen Verluste bei den Pensionsanspr&uuml;chen von Arbeitnehmern in den angels&auml;chsischen Volkswirtschaften nach dem Platzen der New Economy-Blase und den gro&szlig;en Bilanzskandalen deutlich gemacht. Was die Privatisierungsideologen und ihre akademischen Hilfstruppen vollst&auml;ndig verdr&auml;ngen: Auch ihre Hinweise auf die &bdquo;demographische Zeitbombe&ldquo; st&ouml;&szlig;t ins Leere. Denn steigende finanziellen Belastungen und Risiken im Zuge der demographischen Ver&auml;nderungen treffen kapitalgedeckte Sicherungssysteme ebenso wie die gesetzliche Sozialversicherung.<\/li>\n<\/ul><p>Dieses klare Pl&auml;doyer f&uuml;r die gesetzliche Sozialversicherung soll nicht hei&szlig;en, dass es keinen Reformbedarf gibt. Im Gegenteil!<\/p><p>Die gesetzliche Sozialversicherung w&auml;re schon l&auml;ngst nicht mehr da, wenn nicht zu allen Zeiten laufende Anpassungen an die ver&auml;nderten wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Bedingungen erfolgt w&auml;ren. Dazu geh&ouml;rt auch die Erg&auml;nzung durch tarifliche und betriebliche kapitalgedeckte Altersversorgung &ndash; auch die Einf&uuml;hrung der sog. Riesterrente wurde damit begr&uuml;ndet &ndash; sowie die Umfinanzierung gesamtgesellschaftlicher Ausgaben wie etwa der Familienleistungen in der Rentenversicherung durch Steuern.<\/p><p>Nun kann man sich streiten, ob solche Anpassungen in der richtigen Richtung und im richtigen Ma&szlig; erfolgt sind.<\/p><p>Dabei waren hierzulande notwendige Reformen bei den &bdquo;kleinen&ldquo; Regierungskoalitionen der letzten Jahrzehnte &ndash; sowohl im Streit um die Inhalte als auch um die Finanzierung &ndash; h&auml;ufig am politisch andersfarbig zusammengesetzten Bundesrat gescheitert. &Uuml;brig geblieben sind finanzielle Verschiebeman&ouml;ver zwischen einzelnen Sozialversicherungssystemen &ndash; aber auch zwischen Sozialversicherung und Bundeshaushalt.<\/p><p>Die bittere Konsequenz f&uuml;r viele Menschen in Deutschland liegt auf der Hand: Weiter steigende Sozialbeitr&auml;ge bei teilweise drastischen Einschr&auml;nkungen der Leistungen f&uuml;r Rentner, Kranke und Arbeitslose.<\/p><p>Eigentlich m&uuml;sste die Gro&szlig;e Koalition mit ihrer Zweidrittelmehrheit hier wichtige Weichen f&uuml;r die Zukunft unserer Sozialen Sicherungssysteme stellen &ndash; und dabei endlich f&uuml;r ein ausgewogenes Verh&auml;ltnis von Sozialversicherungsbeitr&auml;gen und Steuern sorgen. Die bisherigen Erfahrungen sind allerdings mehr als ern&uuml;chternd.<\/p><p>Die Sorge muss wachsen, dass die Privatisierungsideologen weiter an Boden gewinnen. Herausgekommen sind bisher n&auml;mlich zahlreiche neue Verschiebeman&ouml;ver zu Lasten der Beitragszahler bei der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Gleichzeitig geht der Abbau sozialer Leistungen weiter. Die politischen Oberrangierer auf dem Berliner Verschiebebahnhof scheinen langsam &ndash; zum Schrecken der B&uuml;rger &ndash; selbst mehr und mehr die &Uuml;bersicht zu verlieren.<\/p><p><strong>Zu alten kommen neue Verschiebeman&ouml;ver<\/strong><\/p><p>Ab 2007 soll die Mehrwertsteuer gleich um drei Prozent erh&ouml;ht werden- als ob wir gerade die mittleren Einkommensschichten, Familien Rentner und kleinere Betriebe nicht schon genug belastet h&auml;tten. Das Geheimnis der Gro&szlig;en Koalition ist es zun&auml;chst geblieben, wie damit mehr Besch&auml;ftigung geschaffen werden soll. Denn nur ein Prozent dieser dreiprozentigen Mehrwertsteuererh&ouml;hung soll f&uuml;r die Absenkung der Beitr&auml;ge zur Arbeitslosenversicherung verwendet werden. Dies ist ein leider sozial wie wirtschaftlich h&ouml;chst zweifelhafter Einstieg in die beabsichtigte Umfinanzierung aus Sozialversicherungsbeitr&auml;gen in Steuern.<\/p><p><strong>Verschiebeman&ouml;ver: Bundesagentur f&uuml;r Arbeit<\/strong><\/p><p>Die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit (BA) soll nach den Pl&auml;nen der Gro&szlig;en Koalition ihre Beitr&auml;ge allerdings um zwei Prozent senken &ndash; ein Prozent mehr, als sie durch die Mehrwertsteuererh&ouml;hung erh&auml;lt. Diesen Sparbetrag von immerhin 7 bis 8 Mrd. Euro muss sie selbst erwirtschaften. Unbestreitbar ist es ihr durch Reformen und eine umfassende Reorganisation im Bereich des ALG I gelungen, Ausgaben im beachtlichen Umfang zu reduzieren.<br>\nWenn in diesem Jahr der &Uuml;berschuss der Ausgaben &uuml;ber die Einnahmen bei 5 Mrd. Euro liegt und das ohne einen Bundeszuschuss, so ist allerdings dabei auch zu ber&uuml;cksichtigen, dass die Beitr&auml;ge der Arbeitgeber zeitlich vorgezogen worden sind. Einmalig flie&szlig;en deshalb 2006 zus&auml;tzlich rund 3 Mrd. Euro in die Kassen der Bundesagentur. Dieser Betrag wird schon 2007 wieder fehlten.<\/p><p>Und es ist dar&uuml;ber hinaus mehr als nur ein Sch&ouml;nheitsfehler, dass die Einsparungen der Ausgaben f&uuml;r ALG I teilweise zu Lasten der beruflichen Weiterbildung sowie der Eingliederung schwer Vermittelbarer Arbeitsloser gehen. Es ist auch nicht vermittelbar, dass die arbeitsmarktpolitischen Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Langzeitarbeitslose (ALG II) derzeit mit einer Haushaltssperre von 1, 1 Mrd. Euro auch noch blockiert werden. Es w&auml;re das Mindeste, diese Haushaltssperre umgehend aufzuheben.<\/p><p>Schon werden unverhohlen aus den Reihen der Gro&szlig;en Koalition Stimmen laut, Teile dieser &Uuml;bersch&uuml;sse f&uuml;r das Stopfen von Haushaltsl&ouml;chern oder eine weitere Senkung der Beitr&auml;ge zu verwenden.<\/p><ul>\n<li>Im ersten Falle w&auml;re das schlicht das Gegenteil der erkl&auml;rten Regierungspolitik: Noch mehr Beitragsgelder w&uuml;rden zur Finanzierung von Bundesaufgaben oder einfach nur Abdeckung von Schulden des Bundes zweckentfremdet. <\/li>\n<li>Im zweiten Fall w&uuml;rden zwar die nicht gebrauchten Beitragsmittel an die Beitragszahler zur&uuml;ckgegeben: Dies ist aber angesichts der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit sowie des immer gr&ouml;&szlig;er werdenden Defizits an Ausbildungsstellen nicht zu verantworten.<\/li>\n<\/ul><p>Der Politik w&auml;re daher dringend zu empfehlen, derartige Verschiebeman&ouml;ver zu unterlassen und das Geld bei der Bundesagentur zu belassen:<br>\nVorrangig sollten daraus wirksame arbeitsmarktpolitische Ma&szlig;nahmen zur Eingliederung gerade der schwer vermittelbaren Arbeitslosen finanziert werden:<br>\nDies gilt genauso f&uuml;r unvermittelte Ausbildungsplatzbewerber, wie &auml;ltere und\/oder gesundheitlich eingeschr&auml;nkte sowie behinderte Arbeitnehmer oder Frauen mit Familienverpflichtungen &ndash; alles Personengruppen, die bislang ungen&uuml;gende Chancen bei der Arbeitsmarktf&ouml;rderung haben.<\/p><p>Au&szlig;erdem w&auml;re es angebracht, einmal au&szlig;erhalb von Sandkastenspielen dar&uuml;ber nachzudenken, ob es der Bundesagentur nicht erm&ouml;glicht werden sollte, finanzielle Reserven zu bilden. Zum einen k&ouml;nnte damit eine mittelfristige Aufgaben- und Ausgabenplanung vorgenommen werden. Dies w&uuml;rde der Qualit&auml;t und Wirksamkeit der Arbeitsmarktpolitik im Interesse aller Beteiligten zugute kommen. Zum anderen k&ouml;nnte eher die konjunkturell wichtige antizyklische Aufgabe der Arbeitslosenversicherung und Arbeitsmarktpolitik erf&uuml;llt werden. Das &uuml;bliche &ouml;ffentliche Geschrei &uuml;ber m&ouml;gliche Defizite und deren Ausgleich &uuml;ber einen Bundeszuschuss und damit die Existenzberechtigung der BA k&ouml;nnte damit &ndash; wenn schon nicht ganz vermieden &ndash; so doch in den Hintergrund gedr&auml;ngt werde.<\/p><p>Die Verschiebeman&ouml;ver in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik haben mit der &bdquo;Operation Aussteuerungsbetrag&ldquo; einen bisherigen H&ouml;hepunkt erreicht. V&ouml;llig unverst&auml;ndlich ist diese bereits aus Zeiten von &bdquo;Rot-Gr&uuml;n&ldquo; mitgeschleppte Verpflichtung der Bundesagentur, f&uuml;r jeden nach 12 Monaten nicht vermittelten Arbeitslosen einen &bdquo;Aussteuerungsbetrag&ldquo; von 10. 000 Euro an den Bund leisten zu m&uuml;ssen. An Stelle diese Strafsteuer noch weiter zu erh&ouml;hen &ndash; wie es neuerlichen regierungsamtlichen Pl&auml;nen zu entnehmen ist &ndash; sollte dieser Aussteuerungsbetrag stufenweise abgebaut werden. Denn es ist nicht zu begr&uuml;nden, dass aus Mitteln der Beitragszahler zwischen 4 und 5 Mrd. Euro im Jahr aufzubringen sind, um die durch ALGII gerissenen finanziellen L&ouml;cher zu stopfen. Niemand kann bestreiten, dass es sich bei ALG II um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt, die deshalb auch von allen Steuerpflichtigen zu tragen ist. Angesichts der Milliarden Euro, die im Wege des Aussteuerungsbetrages an den Fiskus zur&uuml;ckzuzahlen sind, entf&auml;llt auch noch die letzte Begr&uuml;ndung f&uuml;r Hartz IV &ndash; n&auml;mlich die Entlastung der Beitragszahler zur Arbeitslosenversicherung durch die &Uuml;bernahme der Finanzierung der Langzeitarbeitslosigkeit aus Bundessteuern. <\/p><p><strong>Verschiebeman&ouml;ver Rente<\/strong><\/p><p>Seit etwa 16 Jahren verf&uuml;gt die Politik wechselnder Regierungskoalitionen Leistungsk&uuml;rzungen bei den gesetzlichen Altersrenten. Nat&uuml;rlich ist nicht in Abrede zu stellen, dass die Ver&auml;nderungen in Wirtschaft und Demographie Anpassungen auch der Beitrags- und Rentenleistungen erforderlich machen. Bedenklich ist nur, dass offensichtlich jede neue Politiker-Generation die Rentner neu als &bdquo;Sparschweine der Nation&ldquo; zu entdecken scheint &ndash; so als ob davor &uuml;berhaupt nichts an Anpassungen erfolgt w&auml;re. Das Ergebnis ist dementsprechend durchschlagend. Seit Anfang der 1990er Jahre ist das Rentenniveau bereits um ein Drittel gesenkt worden.<\/p><p>Dies war der Preis f&uuml;r die Deckelung der Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Rentenversicherung auf 20 Prozent 2020 und 22 Prozent 2030 im Rahmen der rot-gr&uuml;nen Rentenreform von Walter Riester. Was dabei aber nicht in die Rechnung einbezogen wird, ist die Tatsache, dass trotz der staatlichen F&ouml;rderung die Beitr&auml;ge zur Riester-Rente zus&auml;tzlich zu den Beitr&auml;gen zur gesetzlichen Rentenversicherung aufgebracht werden m&uuml;ssen, der Deckel also durch die erg&auml;nzende private Vorsorge l&auml;ngst gesprengt ist. Die Gewerkschaften konnten zus&auml;tzlich eine Sicherung des Mindestniveaus der Nettorentenleistungen erreichen: auf 46 Prozent 2020 und 43 Prozent 2030.<br>\nEs dauerte nicht lange, da wurde deutlich, dass selbst diese politische Kompromissformel eher einer &bdquo;Quadratur des Kreises&ldquo; glich: Um das fixierte Beitragsniveau zu halten, h&auml;tte das Rentenniveau weiter abgesenkt werden m&uuml;ssen oder bei Aufrechterhaltung des festgelegten Rentenniveaus h&auml;tten die Beitragss&auml;tze weiter steigen m&uuml;ssen. Vorweggenommen hat die Politik in ihrer Weisheit jetzt beides &ndash; allerdings voll zu Lasten der Arbeitsnehmer und Rentner: sowohl weitere Absenkungen des Leistungsniveaus der Altersrenten wie jetzt auch eine weitere Erh&ouml;hung des Beitragssatzes zur gesetzlichen Rentenversicherung. Er soll ab 2007 um 0,4 Prozent auf 19,9 Prozent steigen &ndash; knapp vor die &bdquo;magische&ldquo; Grenze von 20 Prozent. Ob dies ausreicht &ndash; steht in den Sternen.<\/p><p>Daher ist mit Fug und Recht die jetzt von der Gro&szlig;en Koalition beschlossene Heraufsetzung des gesetzlichen Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre ab 2012 bis 2029 in Frage zu stellen. Dies wird f&uuml;r viele Menschen nichts anderes bedeuten als eine weitere Absenkung der Altersrenten. Soll zus&auml;tzlich die in den letzten beiden Jahren nicht erfolgte Rentenk&uuml;rzung in den n&auml;chsten Jahren nachgeholt werden, f&uuml;hrt dies zu weiteren Jahren mit Nullrunden bei den Rentenleistungen und damit weiterem Kaufkraftausfall bei den Rentnern. Die verfassungsrechtliche Zul&auml;ssigkeit wird sich mit umso gr&ouml;&szlig;erem Nachdruck stellen. <\/p><p>Dies alles wird umso brisanter, als die Gro&szlig;e Koalition beschlossen hat, die Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Rentenversicherung f&uuml;r Langzeitarbeitslose auf die H&auml;lfte zusammenzustreichen. Dies bedeutet f&uuml;r die gesetzliche Rentenversicherung zun&auml;chst einen Beitragsausfall von 2 Mrd. Euro pro Jahr. Dieser Ausfall tr&auml;gt mit etwa der H&auml;lfte zu der erforderlichen Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge ab 2007 von 0,4 Prozent bei. Die Konsequenz und Konsistenz einer solchen Finanzverschiebung ist auch bei guten Willen nicht erkennbar und nur als kurzfristiger Aktionismus zum Stopfen von L&ouml;chern im Bundeshaushalt einzuordnen.<\/p><p><strong>Verschiebeman&ouml;ver Gesundheitsreform<\/strong><\/p><p>Eine weitere Pirouette bei den finanziellen Verschiebeman&ouml;vern dreht die Gro&szlig;e Koalition bei den jetzt vorgelegten Eckpunkten f&uuml;r die Gesundheitsreform. Die Koalition&auml;re haben sich erst einmal f&uuml;r 2007 die notwendige Luft verschafft, indem sie erst einmal die Beitr&auml;ge erneut anheben: um 0.5 Prozent. Dabei hatten Rot-Gr&uuml;n mit ihrer letzten Gesundheitsreform 2003 den Weg f&uuml;r Beitragssatzsenkungen ebnen wollen. Wir erinnern uns: Belastet wurden vor allem die Versicherten und Patienten durch h&ouml;here Beitr&auml;ge auf Zusatzrenten, einen einseitige zus&auml;tzlichen Beitrag f&uuml;r alle Versicherten Arbeitnehmer von 0.9 Prozent, h&ouml;here Zuzahlungen und die Einf&uuml;hrung einer Praxisgeb&uuml;hr. Es ist also allein von den Arbeitnehmern ein Belastungspaket von 10 Mrd. Euro im Jahr zu schultern gewesen. Die so genannten Leistungsanbieter &ndash; vor allem &Auml;rzte, Apotheker. Pharmakonzerne und Krankenh&auml;user &ndash; waren mit Einsparungen von &bdquo;sage und schreibe&ldquo; 2 Mrd. Euro dabei. <\/p><p>Die von der Politik versprochenen Beitragsatzsenkungen wurden von den Krankenkassen &auml;u&szlig;erst z&ouml;gerlich durchgef&uuml;hrt. Jetzt ist schon wieder alles &bdquo;Schnee von gestern&ldquo; und die Versicherten m&uuml;ssen erneut tiefer in die Tasche greifen. Besonders &auml;rgerlich ist dabei, dass die vorgesehene Beitragsatzerh&ouml;hung just dem Betrag entspricht, den die Gro&szlig;-Koalition&auml;re vor nicht gar so langer Zeit als Steuerzuschuss gestrichen haben &ndash; n&auml;mlich 4,2 Mrd. Euro aus der Tabaksteuer, die &ndash; wie kann es anders sein &ndash; zum Stopfen der L&ouml;cher in den Bundeshaushalt flie&szlig;t. Dabei w&auml;re dieser Steuerzuschuss ein Mindestma&szlig; an Gerechtigkeit &ndash; z.B. f&uuml;r die ausfallenden Beitr&auml;ge infolge der gesetzlichen Ausweitung der nicht- oder nur gering sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverh&auml;ltnisse.<br>\nEs ist bestenfalls ein steuerliches Nullsummenspiel, wenn in den Eckpunkten zur Gesundheitsreform jetzt vorgesehen ist, dass ab 2008 ein steuerlicher Zuschuss aufgebaut werden soll: mit 1.5 Mrd. Euro, der dann 2009 auf 3 Mrd. Euro steigen soll. Alles Weitere wird dann der n&auml;chsten Bundesregierung &uuml;berlassen.<\/p><p>Den Koalition&auml;ren ist die Frage zu stellen: Haben sie ber&uuml;cksichtigt, dass eine derartige Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge zur Gesetzlichen Krankenversicherung auch die Gesetzliche Rentenversicherung zus&auml;tzlich mit 500 Mill. Euro belastet? Dies k&ouml;nnte einen weiteren Druck in Richtung Erh&ouml;hung der Beitr&auml;ge zur Gesetzlichen Rentenversicherung aus&uuml;ben. Die magische Grenze von 20 Prozent w&auml;re dann schon 2007 in Frage gestellt.<\/p><p>Diese einseitige Verschiebung der Lasten wird noch &uuml;bertroffen durch die vorgesehene Konstruktion eines &bdquo;Gesundheitsfonds&ldquo;. Hierein sollen nach bisherigen Erkenntnissen alle Beitr&auml;ge sowie der Mini-Steuerzuschuss flie&szlig;en. Die Krankenkassen erhalten daraus f&uuml;r ihre Versicherten eine Pauschale sowie einen Zuschuss, der das Krankheitsrisiko abdecken soll. Es bestehen berechtigte Zweifel, ob der politische Wille und die analytischen Vorarbeiten f&uuml;r einen solchen morbidit&auml;tsorienterten Risikostrukturausgleich &uuml;berhaupt mobilisiert werden k&ouml;nnen. Unabh&auml;ngig davon soll nach dem Willen der Gro&szlig;-Koalition&auml;re eine L&uuml;cke zwischen Einnahmen und Ausgaben von etwa 7 Mrd. Euro zul&auml;ssig sein. Dieses Defizit soll dann wiederum den Versicherten und Patienten aufgeb&uuml;rdet werden, wenn auch gedeckelt bei einem Prozent des Haushaltseinkommens. Die in den Eckpunkten gelassene Auswahl f&uuml;r die Krankenkassen, diesen zus&auml;tzlichen Obolus &uuml;ber Beitr&auml;ge oder eine kleine Kopfpauschale einzufordern, d&uuml;rfte lediglich auf dem Papier stehen. Die Gro&szlig;e Koalition hat damit den Weg in die Kopfpauschale und damit die weitere Privatisierung des Gesundheitswesens (Vgl. <a href=\"?p=1227\">NachDenkSeiten<\/a>) vorbereitet. Die parit&auml;tische Finanzierung der Beitr&auml;ge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird damit weiter ausgeh&ouml;hlt. <\/p><p>Die Gegenleistung, n&auml;mlich die Einbeziehung der privaten Krankenversicherung in den krankheitsbedingten Risikostrukturausgleich sowie die Finanzierung von Familienleistungen &uuml;ber Steuern, ist nicht gelungen. Ebenso wurden die &uuml;berf&auml;lligen Verbesserungen bei den Ausgabestrukturen nur &auml;u&szlig;erst z&ouml;gerlich angepackt. Die seit Jahrzehnten bekannten tats&auml;chlichen Ursachen f&uuml;r die unn&ouml;tigen und unwirtschaftlichen Ausgabensteigerungen &ndash; vor allem bei den Arzneimitteln und dem Krankenhausbereich &ndash; werden mit den in den Eckpunkten vorgesehenen unz&auml;hligen Einzelma&szlig;nahmen kaum wirksam beseitigt werden k&ouml;nnen.<br>\nNun sollte man zwar bei einem Blick auf die vergangenen Reformen &ndash; gerade im Gesundheitswesen &ndash; die Erwartungen nicht unrealistisch hoch schrauben. Doch ist von einer Gro&szlig;en Koalition mit ihren politischen Mehrheiten zu erwarten, dass sie der m&auml;chtigen Lobby im Gesundheitswesen endlich ihre Grenzen aufzeigt. Um dies zu erreichen, m&uuml;sste bei der weiteren Konkretisierung der Eckpunkte und ihrer Umsetzung in Gesetzgebung noch viel mehr an politischer Kraft aufgewendet werden.<\/p><p><strong>Lehren aus der Vergangenheit<\/strong><\/p><p>Eigentlich h&auml;tte man annehmen k&ouml;nnen, dass die Grosse Koalition aus den S&uuml;ndenf&auml;llen der Vergangenheit bei den anstehenden Reformen der Finanzarchitektur der Sozialen Sicherung die notwendigen Lehren zieht. <\/p><p>Dass die erheblichen Mehrbelastungen f&uuml;r die soziale Sicherung im Rahmen der Deutschen Einheit weitgehend &uuml;ber Sozialversicherungsbeitr&auml;ge finanziert wurde, hat die gro&szlig;en Sozialkassen mit gesamtgesellschaftlichen Aufgaben und Ausgaben in H&ouml;he von inzwischen kumuliert 400 Mrd. Euro belastet. Diese Ausgaben f&uuml;r die &bdquo;Sozialversicherungs-Einheit&ldquo; waren unabdingbar, h&auml;tten aber als gesamtgesellschaftliche Aufgabe &uuml;ber Bundessteuern finanziert werden m&uuml;ssen. W&auml;re dies erfolgt, w&uuml;rde heute kaum jemand &uuml;ber die zu hohen Lohnnebenkosten jammern k&ouml;nnen. Zudem w&auml;ren die Nettoeinkommen der Arbeitnehmer erheblich h&ouml;her und die Belastung der personalintensiven Betriebe geringer. Das Wirtschaftswachstum und die Besch&auml;ftigung h&auml;tten sich bei weitem g&uuml;nstiger entwickeln k&ouml;nnen und die Arbeitslosigkeit w&auml;re niedriger.<\/p><p>Bundesregierungen und Tarifparteien haben lange Jahre im &bdquo;Konsens&ldquo; die Probleme der gravierenden Strukturumbr&uuml;che in Wirtschaft und Besch&auml;ftigung bereits vor, aber mehr noch, nach der Deutschen Einheit &uuml;ber Fr&uuml;hverrentungsprogramme zu l&ouml;sen versucht.<\/p><p>Nun gab und gibt es gute Gr&uuml;ne daf&uuml;r, bei anstehenden Massenentlassungen &auml;lteren und gesundheitlich eingeschr&auml;nkten Arbeitnehmern den &Uuml;bergang in den Ruhestand zu erleichtern und j&uuml;ngeren Menschen somit Besch&auml;ftigungsm&ouml;glichkeiten zu geben. Dies war die erkl&auml;rte &bdquo;gute Absicht&ldquo; verschiedener gesetzlicher Regelungen zu Vorruhestand, Erwerbsminderungsrenten sowie Altersteilzeit. Erg&auml;nzt wurden sie durch tarifliche und betriebliche Vereinbarungen- vor allem im Rahmen von Sozialpl&auml;nen &ndash; bei anstehenden Unternehmenskrisen.<\/p><p>Heute m&uuml;ssen wir erkennen, dass dabei die Rechnung sprichw&ouml;rtlich vielfach &bdquo;ohne den Wirt&ldquo; gemacht wurde: Mit &bdquo;kreativem&ldquo; Einsatz wurden diese Fr&uuml;hverrentungsm&ouml;glichkeiten immer weniger zur Besch&auml;ftigung j&uuml;ngerer Arbeitnehmer eingesetzt- daf&uuml;r aber umso wirksamer zur Personalverj&uuml;ngungspolitik auf Kosten der Sozialversicherung &ndash; vor allem der Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Notwendige Reformen zur Verbesserung der Besch&auml;ftigung &auml;lterer Arbeitnehmer m&uuml;ssen daher vor allem die Unternehmen in die Pflicht nehmen.<\/p><p>Ein weiterer schwerwiegender S&uuml;ndenfall waren die Reformen bei den Unternehmenssteuern. Durch immer weiter ausufernde Vor- und R&uuml;cktr&auml;ge der Verluste gegen&uuml;ber den Unternehmensgewinnen sowie die Steuerfreiheit bei der Ver&auml;u&szlig;erung von Beteiligungen bei Kapitalgesellschaften wurde die K&ouml;rperschaftssteuer ab 2000 auf Minus- Null- und Minimalbetr&auml;ge dezimiert. Die riesigen Ausf&auml;lle an Steuereinnahmen haben vor allem die Kommunen schwer getroffen und zu dem gravierenden Aderlass bei &ouml;ffentlichen Investitionen und damit der Besch&auml;ftigung beigetragen.<\/p><p>Unabdingbare Voraussetzung der notwendigen &Uuml;berf&uuml;hrung gesamtgesellschaftlicher Kosten aus den Sozialen Sicherungssystemen in die Steuerfinanzierung ist eine sozial- und besch&auml;ftigungspolitisch ausgewogene Reform der Unternehmenssteuern. Keine der beiden &bdquo;Kleinen&ldquo; Regierungskoalitionen waren dazu in der Lage. Die bisherigen Ank&uuml;ndigungen der Gro&szlig;en Koalition gehen eher in die umgekehrte Richtung: Senkung der S&auml;tze f&uuml;r die K&ouml;rperschaftssteuer &ndash; wobei das Gelingen des Ausgleichs durch das Schlie&szlig;en der riesigen Steuerl&uuml;cken zun&auml;chst &bdquo;in den Sternen&ldquo; steht. Auch das &bdquo;Loch&ldquo; der abgeschafften Verm&ouml;genssteuer soll offensichtlich nicht geschlossen werden. <\/p><p><strong>Welche Schlussfolgerungen sollte die Politik ziehen?<\/strong><\/p><p>Der Politik w&auml;re dringend anzuraten, den &bdquo;Fetisch&ldquo; der Lohnnebenkosten zu entzaubern sowie die finanziellen Verschiebeman&ouml;ver zu Lasten der Sozialen Sicherung und der gro&szlig;en Mehrheit der Bev&ouml;lkerung zu beenden. Zu der von vielen Seiten propagierten &bdquo;Neuen Finanzarchitektur des Sozialstaates&ldquo; bedarf es grundlegender Reformen:<\/p><ul>\n<li>&Uuml;bernahme der Finanzierung von gesamtgesellschaftlichen Aufgaben statt aus Beitr&auml;gen &ndash; in eine Steuerfinanzierung. Dazu geh&ouml;ren zu allererst die noch immer mit j&auml;hrlichen West-Ost-Transfers von zwischen 20 &ndash; 30 Mrd. Euro zu Buche schlagenden Kosten der deutschen &bdquo;Sozialversicherungseinheit&ldquo;. Hinzu kommen die milliardenschweren Familienleistungen vor allem in der Gesetzlichen Krankenversicherung. <\/li>\n<li>Eine wirksame Besch&auml;ftigungspolitik und die Beendigung der &bdquo;hausgemachten&ldquo; Aush&ouml;hlung der sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigung durch den &uuml;bersteigerten Boom bei Mini- und Ein-Euro-Jobs.<\/li>\n<li>Eine gerechte Besteuerung auch hoher Einkommen, Unternehmensgewinne, Verm&ouml;gen und Kapitalertr&auml;ge;<\/li>\n<li>Die Ausweitung der Einnahmebasis f&uuml;r die Erhebung der Sozialversicherungsbeitr&auml;ge durch die Einbeziehung h&ouml;herer Einkommen, der in unserer Volkswirtschaft immer wichtiger werdenden Kapitalertr&auml;ge sowie der Einkommen von Selbst&auml;ndigen, Politikern und Beamten.<\/li>\n<li>Die Verpflichtung der Unternehmen, nach dem &bdquo;Verursacher- und Wertsch&ouml;pfungsprinzip&ldquo; einen zus&auml;tzlichen Beitrag zur Sozialen Sicherung zu leisten. Nur auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass nicht immer mehr gro&szlig;e B&ouml;rsengesellschaften zur Erh&ouml;hung ihres &bdquo;shareholder value&ldquo; durch Massenentlassung und Verj&uuml;ngungspolitik die Menschen und die Sozialen Sicherungssysteme in unverantwortlicher Weise belasten.<\/li>\n<\/ul><p>Wenn die Gro&szlig;e Koalition mit ihrer &bdquo; gro&szlig;en&ldquo; parlamentarischen Mehrheit hierzu nicht die politische Kraft aufbringt &ndash; wer dann? Dazu m&uuml;ssten allerdings einige Fetische entzaubert und etliche Mythen zerst&ouml;rt werden.<\/p><p><strong>Anmerkung Albrecht M&uuml;ller:<\/strong><br>\nDar&uuml;ber, ob die Anpassungen der sozialen Sicherungssystem in der richtigen Richtung erfolgt sind, kann aus seiner Sicht kein Zweifel bestehen. Die &bdquo;Reformen&ldquo; h&auml;tten zu einer allgemeinen Verunsicherung gegen&uuml;ber den gesetzlichen Sicherungssystemen gef&uuml;hrt und mit der &bdquo;Riester-Rente&ldquo; sei der Einstieg in den Umstieg auf die private Rentenvorsorge erfolgt. Die &bdquo;Reformen&ldquo; seien auch nicht nur &bdquo;Verschiebeman&ouml;ver&ldquo; gewesen, sondern massive Einschnitte in den Sozialstaat. Die entscheidende Frage f&uuml;r eine solide Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme ist und bleibe eine aktive Besch&auml;ftigungspolitik, das sei die vordringlichste Aufgabe.<br>\nAlle anderen Reformma&szlig;nahmen, die diesen zentralen Ansatz vernachl&auml;ssigten, f&uuml;hrten tendenziell in eine Abw&auml;rtsspirale f&uuml;r die soziale und solidarische Absicherung und damit unter dem Tarnwort &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; zu einem weiteren Abbau des Sozialstaats zugunsten einer privaten Vorsorge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Senkung der Lohnnebenkosten ist in aller Munde, so als ob dies das Patentrezept zur Verbesserung der Besch&auml;ftigung und zur Senkung der Arbeitslosigkeit w&auml;re. Auch die Gro&szlig;e Koalition ist mit dem Ziel gestartet, die so genannten &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; zu reduzieren, um die Besch&auml;ftigung zu verbessern. Dabei weist diese simple Vorstellung vom Zusammenhang zwischen den Lohnnebenkosten und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1481\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,25,149,39],"tags":[1128,704,301],"class_list":["post-1481","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-lohnnebenkosten","category-gesundheitspolitik","category-rente","tag-beitragsbemessungsgrenze","tag-gesundheitsreform","tag-rentenalter"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1481","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1481"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1481\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53720,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1481\/revisions\/53720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1481"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1481"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1481"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}