{"id":1483,"date":"2006-08-07T12:35:05","date_gmt":"2006-08-07T10:35:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1483"},"modified":"2016-01-30T11:44:37","modified_gmt":"2016-01-30T10:44:37","slug":"jean-paul-fitoussi-warum-in-europa-auf-eine-makrookonomische-nachfrageorientierte-wirtschaftspolitik-verzichtet-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1483","title":{"rendered":"Jean-Paul Fitoussi: Warum in Europa auf eine makro\u00f6konomische, nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik verzichtet wird"},"content":{"rendered":"<p>Fitoussi ist seit 1982 Professor am Institut Institut d&rsquo;&eacute;tudes politiques de Paris (IEP) und seit 1989 Pr&auml;sident de l&rsquo;Observatoire fran&ccedil;ais des conjonctures &eacute;conomiques (OFCE). Er ist Mitglied des Rates f&uuml;r &ouml;konomische Analysen beim franz&ouml;sischen Premierminister. Wir geben hier eine Zusammenfassung eines Aufsatzes vom April 2006 als ein Beispiel f&uuml;r die weitaus vielf&auml;ltigere Diskussion auch innerhalb der etablierten franz&ouml;sischen Wirtschaftswissenschaften wieder.<br>\nGerhard Kilper hat den Aufsatz zusammengefasst und &uuml;bertragen.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Jean-Paul Fitoussi, Macroeconomic policies and institutions<\/strong><\/p><p>(erschienen als Aufsatz des frz. Wirtschaftsforschungsinstituts OFCE No. 2006-06 vom April 2006, <a href=\"http:\/\/www.euractiv.com\/31\/images\/WP2006-06_tcm31-154687.pdf\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.euractiv.com\/31\/images\/WP2006-06_tcm31-154687.pdf\">zur Quelle [PDF &ndash; 74 KB]<\/a>)<\/p><p>Warum betrieben die USA in den beiden letzten Jahrzehnten eine sehr aktive und erfolgreiche makro&ouml;konomische Wirtschaftspolitik und warum betrieb im Kontrast dazu Europa eine passive und gemessen am Besch&auml;ftigungs- und Wachstumsziel, erfolglose Politik?<\/p><p>In den 1980er- und 1990er-Jahren verhinderte die rigide europ&auml;ische Hochzinspolitik den Anschluss Europas an Boom und Expansion der amerikanischen Volkswirtschaft. Obwohl Europa den Kampf gegen die Inflation schon in der 1980er Dekade gewonnen hatte, lag z.B. in den Jahren 1991 bis 1996 der durchschnittliche Zinssatz in den EU-Staaten bei 5%! (Zur Erreichung eines auch nur mittleren Wirtschaftswachstums h&auml;tte er bei 1,5% liegen m&uuml;ssen). <\/p><p>Als Erkl&auml;rung f&uuml;r das Ausbleiben einer bewusst gegensteuernden Finanzpolitik k&ouml;nnte man f&uuml;r diese beiden Jahrzehnte noch die Orientierung der wirtschaftspolitisch Verantwortlichen am deflation&auml;ren Dogma ausmachen. <\/p><p>Mit den Maastricht-Vertr&auml;gen bzw. seit der Einf&uuml;hrung des Euro wurde auf europ&auml;ischer Ebene vereinbart, dass die Geldpolitik ausschlie&szlig;liche Dom&auml;ne der Europ&auml;ischen Zentralbank ist. Ihre eindimensionale Aufgabe besteht seither darin, geldpolitische Ma&szlig;nahmen gegen aktuelle oder erwartete inflation&auml;re Entwicklungen zu ergreifen. Sie ist politisch f&uuml;r ihr Tun niemand verantwortlich. Unklar ist, wer f&uuml;r die europ&auml;ische Wechselkurspolitik direkt politisch zust&auml;ndig ist &ndash; de facto ist die Wechselkurspolitik ein Anh&auml;ngsel der EZB-Politik geworden. Die jeweilige nationale Finanzpolitik der EU-L&auml;nder, als letztes verbleibendes Element einer aktiven Makro-Wirtschaftspolitik, werde durch den europ&auml;ischen Stabilit&auml;tspakt und die Maastricht-Vertr&auml;ge stark eingeschr&auml;nkt bzw. praktisch ausgehebelt. Makro&ouml;konomische Wirtschaftspolitik sei daher in Europa durch ihre institutionelle Festlegung in sich v&ouml;llig inkonsistent, in den USA jedoch institutionell konsistent angelegt. <\/p><p>Fitoussi nimmt als Arbeitshypothese an, dass sich in den letzten Jahrzehnten in den westlichen Industriel&auml;ndern die herrschenden sozialen Normen der Menschen ge&auml;ndert haben und dass diese neuen gesellschaftlichen Werthaltungen nach mehr gesellschaftlicher Ungleichheit verlangen. Dann m&uuml;sse logischerweise das Demand-Management der global steuernden Makropolitik dort aktiv betrieben werden, wo schon gr&ouml;&szlig;ere gesellschaftliche Ungleichheit herrsche, n&auml;mlich in den USA. Jedoch bewusst nicht da, wo mehr Ungleichheit erst noch hergestellt werden muss, n&auml;mlich in Europa.<\/p><p>Ein solch tief greifender Wandel sozialer Normen k&ouml;nne tiefer liegende Wurzeln haben und der Reflex kollektiver Einstellungen sein. Er k&ouml;nne sich aus einer langen Periode demokratischer Stabilit&auml;t heraus entwickelt haben, die Menschen legten vielleicht jetzt mehr Wert auf individuelle Entfaltung. Der Wandel k&ouml;nne aber auch nur auf einer &Auml;nderung der politischen Einstellungen der Eliten beruhen, die die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gen.<\/p><p>Die europ&auml;ischen Eliten legten in den Dekaden nach dem 2.Weltkrieg noch gro&szlig;en Wert auf die &ndash; als gro&szlig;e demokratische Errungenschaft angesehenen &ndash; &ouml;ffentlichen G&uuml;ter und hatten wenig Vertrauen in die Selbststeuerungskr&auml;fte des Marktes. Der Schock der Schwere der Weltwirtschaftskrise der 1930-Jahre war im Bewusstsein der Nachkriegsgeneration immer noch sehr pr&auml;sent. Diese Einstellungen und &Uuml;berzeugungen h&auml;tten sich jedoch mit dem gr&ouml;&szlig;er werdenden zeitlichen Abstand zur Weltwirtschaftskrise und dem indoktrinierenden Einfluss marktradikaler Wirtschaftstheorien angeschw&auml;cht und seien wohl jetzt aufgegeben worden. <\/p><p>Der Wandel der Einstellungen gegen&uuml;ber gesellschaftlicher Gleichheit werde paradoxerweise von einer Elite-Generation vollzogen bzw. in Politik umgesetzt, die noch voll im Kontext &ouml;ffentlicher G&uuml;ter erzogen wurde. Ja diese &ouml;ffentlichen G&uuml;ter h&auml;tten ihnen selbst die sozialen Entfaltungsm&ouml;glichkeiten geboten, denen sie ihren gesellschaftlichen Aufstieg verdankten. Unter diesem Gesichtspunkt sei der Hauptgrund f&uuml;r das immer weitere Auseinanderdriften der Schere der Einkommensverteilung nicht &bdquo;die Globalisierung&ldquo; oder &bdquo;der technische Fortschritt&ldquo;, sondern die &Auml;nderung der Einstellungen insbesondere der meinungsbildenden Eliten zur gesellschaftlichen Gleichheit. <\/p><p>Fitoussi verweist in der weiteren Argumentation auf seinen Aufsatz aus dem Jahr 1992, in dem er zeigte, dass die gr&ouml;&szlig;ere Toleranz der Europ&auml;er gegen&uuml;ber gesellschaftlicher Ungleichheit wahrscheinlich den starken Anstieg der Arbeitslosigkeit bewirkt hat. Diese Haltungs&auml;nderung im Hinblick auf eine gesellschaftlich ausgewogene und als gerecht empfundene Verteilung des Volkseinkommens k&ouml;nne als exogener Schock angesehen werden. <\/p><p>Die Einkommensspreizung wird nach Fitoussi u.a. dann breiter, wenn soziale Leistungen im bisherigen Umfang als unbezahlbar hingestellt werden und eine entsprechende Politik eingeleitet wird. Der Druck sozialer Normen k&ouml;nne sogar soweit gehen, dass die Schere der Einkommensverteilung k&uuml;nstlich weiter ge&ouml;ffnet wird als die marginale Arbeitsproduktivit&auml;t der jeweiligen Arbeitspl&auml;tze. Akzeptierten die so genannten &bdquo;niedrig Qualifizierten&ldquo; ihre zu geringe Bezahlung, finde eine Einkommensverschiebung von den armen zu reichen Arbeitnehmern statt.<\/p><p>In EU-L&auml;ndern, in denen &uuml;ber soziale Standards und &bdquo;hohe&ldquo; Mindestl&ouml;hne eine solche Verschiebung nicht m&ouml;glich sei, w&uuml;rden dann die gering Qualifizierten verst&auml;rkt entlassen. Als Ma&szlig;nahmen gegen die Arbeitslosigkeit k&ouml;nnten dann von der Politik Kombil&ouml;hne eingef&uuml;hrt werden, die aber wiederum im Endeffekt von Arbeitnehmern mit h&ouml;herem Einkommen finanziert w&uuml;rden. Die Unm&ouml;glichkeit, Lohn-Subventionen in gr&ouml;&szlig;erem Ausma&szlig; durch Steuern abzudecken, werde zu permanenten Haushaltsdefiziten f&uuml;hren, da die Gutverdiener politisch am Leistungsf&auml;higkeitsprinzip orientierte Steuererh&ouml;hungen zu verhindern wissen. Besch&auml;ftigungssubventionen seien jedenfalls mit den Zielen Vollbesch&auml;ftigung und Haushaltsausgleich unvereinbar. In einem solchen Umfeld werde es auch unm&ouml;glich, mit den Instrumenten makro&ouml;konomischer Wirtschaftspolitik Arbeitslosigkeit zu bek&auml;mpfen. Denn nach erwiesener Erfolglosigkeit bisheriger Ma&szlig;nahmen werde der Ruf nach &bdquo;Strukturreformen&ldquo; kommen. Zur Einkommensentwicklung in den USA zitiert Fitoussi Untersuchungsergebnisse des amerikanischen &Ouml;konomen Paul Krugmann (2002). Danach erh&ouml;hte sich das j&auml;hrliche Einkommen der Amerikaner seit 1975 um durchschnittlich 10%. Im selben Zeitraum sei jedoch das Jahresgehalt der Topverdiener nicht mehr nur 39 mal h&ouml;her als das eines durchschnittlichen amerikanischen Arbeiters gewesen, sondern 1000 mal h&ouml;her! Zwischen 1979 und 1997 habe sich das Einkommen nach Steuern der 1% Spitzeneinkommen-Familien um 197% erh&ouml;ht, das der amerikanischen Durchschnittsfamilie aber nur um 10%. Heute verdienten die 1% Spitzeneinkommen-Familien 14% des gesamten amerikanischen Volkseinkommens nach Steuern. Dieser Anteil habe sich in den letzten 30 Jahren verdoppelt und das Einkommen dieser Spitzenverdiener sei genau so hoch wie das der 40% amerikanischer Familien am unteren Ende der Einkommensskala! <\/p><p>Die &uuml;blichen Rechtfertigungen &ndash; Globalisierung, fertigkeitsorientierte Technologien oder die &bdquo;Superstar&ldquo;-Erkl&auml;rung &ndash; k&ouml;nnten ein Auseinanderklaffen der Einkommen in diesem Ma&szlig;e jedenfalls nicht erkl&auml;ren. Aber vor diesem Hintergrund k&ouml;nne die notwendige Konsistenz amerikanischer Wirtschaftspolitik besser verstanden werden. Wirtschaftspolitische Globalsteuerung als Demand-Management m&uuml;sse da erfolgreich sein, wo die sozialen Sicherungssysteme schwach sind bzw. sie muss da ausgleichend wirken, wo der &bdquo;erw&uuml;nschte&ldquo; Grad gesellschaftlicher Ungleichheit schon erreicht ist. Ein R&uuml;ckgang des Wachstums oder gar eine Rezession w&uuml;rde in den USA schlimme gesellschaftliche Konsequenzen haben und die Legitimit&auml;t des Wirtschaftssystems grunds&auml;tzlich in Frage stellen. Richtige Massenarbeitslosigkeit w&auml;re daher in den USA wegen ihrer potentiell destruktiven Konsequenzen schlicht unm&ouml;glich! <\/p><p>Im Hinblick auf Europa meint Fitoussi, makro&ouml;konomische Wirtschaftspolitik k&ouml;nne hier nur passiv oder sogar strukturell restriktiv betrieben werden, weil die sozialen Sicherungssysteme die Folgen der Arbeitslosigkeit in gewissem Sinne noch auffangen k&ouml;nnen. Aber das geringe Wirtschaftswachstum werde l&auml;ngerfristig zu einem Dauerdruck f&uuml;r soziale Sicherungssysteme und &ouml;ffentliche Finanzen werden, weil die Einnahmen beider durch die Wachstumskrise genau in einer Zeit sinken, in der h&ouml;here Sozialausgaben anfallen.<\/p><p>Verantwortlich f&uuml;r diese nun 15 Jahre lang dauernde, schwache Konjunktur seien in den 1990er-Jahren die vergleichsweise sehr hohen Zinsen und in unserem Jahrzehnt der institutionalisierte europ&auml;ische Stabilit&auml;tspakt, ein starker Euro und das Nichtreagieren der jeweiligen nationalen Finanzpolitik. Da es keine makro&ouml;konomische Globalsteuerung mehr gebe, blieben als Wirtschaftspolitik nur noch &bdquo;Strukturreformen&ldquo; die das Ziel verfolgenl, den Wohlfahrtsstaat und die Staatsverschuldung abzubauen. <\/p><p>Die Vernachl&auml;ssigung makro&ouml;konomischer Wirtschaftspolitik k&ouml;nne aber auch als Mittel zur Erzwingung von Strukturreformen angesehen werden, &uuml;ber sie ereiche man die geforderte gesellschaftliche Ungleichheit. Arbeitsmarktstrukturreformen, die &uuml;ber strukturelle H&auml;rte f&uuml;r mehr Ungleichheit sorgten (gr&ouml;&szlig;ere Flexibilit&auml;ten, Abschaffung von Mindestl&ouml;hnen und allen &bdquo;Wohltaten&ldquo; f&uuml;r Arbeitslose, Abbau arbeitsrechtlicher Schutzrechte) seien das geeignete Mittel zur weiteren &Ouml;ffnung der Schere der Einkommensverteilung. Von der Politik werde verk&uuml;ndet, man k&ouml;nne das erreichte Wohlstandsniveau nur dann halten und nur dann k&ouml;nne sogar Vollbesch&auml;ftigung erreicht werden, wenn die Arbeiter auf Niedriglohnniveau gebracht sind. <\/p><p>Da in unseren wohlhabenden Gesellschaften niemand von seinem erreichten Lebensstandard Abstriche machen wolle, bedeute diese Aussage, dass die schon jetzt niedrig entlohnten Arbeiter in Zukunft noch &auml;rmer werden m&uuml;ssen &ndash; damit ihre Nation insgesamt reicher werden kann. <\/p><p>Fitoussi meint, man k&ouml;nne fast annehmen, die Unt&auml;tigkeit europ&auml;ischer Regierungen auf dem Gebiet der Makro-Wirtschaftspolitik beruhe auf einer heimlichen &bdquo;Agenda&ldquo;, n&auml;mlich dem unausgesprochenen Ziel, Europa auf ein niedrigeres Schutz-Niveau durch Abbau seiner sozialen Sicherungssysteme zu bringen. Dazu wollten die Regierungen der Bev&ouml;lkerung st&auml;ndig die Notwendigkeit von Strukturreformen &bdquo;beweisen&ldquo;. Bezugsmodell all dieser &bdquo;Strukturreformen&ldquo;, die die Wirtschaft &bdquo;&ouml;len&ldquo; und aus sich heraus zu h&ouml;herem Wachstum f&uuml;hren sollten, sei das in einfacher Verpackung verkaufte neoklassische Modell der vollst&auml;ndigen Konkurrenz, in dem sich theoretisch immer automatisch Vollbesch&auml;ftigung einstelle. In dieser &ouml;konomischen Modell-Kunstwelt seien die L&ouml;hne voll flexibel und es gebe keine ins Wirtschaftsgeschehen steuernd eingreifende Wirtschaftspolitik. Aber: alle theoretischen Voraussetzungen und Annahmen des Modells haben nach Fitoussi mit wirtschaftlich-gesellschaftlicher Realit&auml;t &uuml;berhaupt nichts zu tun und k&ouml;nnen auch nicht von der Politik hergestellt werden. Es gebe in der gesellschaftlichen Realit&auml;t keine M&auml;rkte der vollst&auml;ndigen Konkurrenz, weil es keine vollkommene Transparenz bzw. keine allumfassende Information aller Wirtschaftssubjekte geben k&ouml;nne, die sich auch noch allesamt bei jeder Handlung wirtschaftlich-rational verhalten. Daher gebe es auch keine schl&uuml;ssige Erkl&auml;rung des Zusammenhangs zwischen der Flexibilit&auml;t der L&ouml;hne und der Effektivit&auml;t des marktwirtschaftlichen Systems. Niemand k&ouml;nne heute beweisen, dass &bdquo;mehr Reformen&ldquo; in diesem Sinne &uuml;berhaupt &bdquo;&ouml;konomisch gut&ldquo; sind bzw. etwas bringen k&ouml;nnen.<\/p><p>Bei einer Verbreiterung der Perspektive w&uuml;rden die Dinge noch komplexer werden. Fitoussi f&uuml;hrt aus, dass er in einer fr&uuml;heren Arbeit dargelegte, dass in der Demokratie politische Zustimmung der Bev&ouml;lkerung zur Wirtschaftspolitik der Regierung nicht nur die Effizienz der Wirtschaft verbessere, sondern auch deren Flexibilit&auml;t und Transparenz. All dies gelte aber nicht, wenn die Politik fernab von den Erwartungen der Bev&ouml;lkerung und v&ouml;llig unbeweglich eine dogmatische Politik umsetze. <\/p><p>Als Beispiel f&uuml;r die Notwendigkeit einer regulierenden Wirtschaftspolitik f&uuml;hrt Fitoussi die unterschiedliche Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern und Arbeitgebern an. Schon Adam Smith habe in seinem &bdquo;Wealth of Nations&ldquo; deutlich die Probleme dieses Macht-Ungleichgewichts gezeigt. Als Antwort auf die ungleiche Machtverteilung h&auml;tten demokratisch verfasste Gesellschaften einen sozialen Ausgleich durch die Errichtung sozialer Sicherungssysteme und durch die Kodifizierung des Arbeitsrechts als Arbeitnehmer-Schutzrecht geschaffen. Beide seien legitimes Ergebnis politischer Diskussionen und politischer Willensbildung in einer Demokratie. <\/p><p>Die Hypothese, freie M&auml;rkte seien jedem anderen institutionellen Arrangement im Wirtschaftsleben &uuml;berlegen, k&ouml;nnten weder theoretisch noch durch Fakten belegt werden. Der Kapitalismus selbst k&ouml;nne aber sehr viele institutionelle Formen einer konkreten Wirtschaftsordnung annehmen. <\/p><p>Gemeinsames Merkmal der europ&auml;ischen Wirtschaftspolitik scheine aktuell der Zwang zu Reformen zu sein, egal welche Regierung am Ruder ist. Fitoussi fragt, warum Regierungen diesen Weg einschlagen, selbst wenn die gleichen Politiker vorher in Wahlk&auml;mpfen Wachstum und Solidarit&auml;t versprochen haben und f&uuml;rchten m&uuml;ssen, f&uuml;r ihre Politik abgew&auml;hlt zu werden. Warum akzeptierten die europ&auml;ischen Regierungen mit dem Stabilit&auml;tspakt freiwillig gravierende Einschr&auml;nkungen ihrer finanzpolitischen Handlungsparameter, obwohl sie doch mit der Einf&uuml;hrung des Euro schon die M&ouml;glichkeit einer eigenen Wechselkurs- und Zinspolitik aufgegeben hatten? Wie sollten sie W&auml;hlern und &ouml;ffentlicher Meinung erkl&auml;ren, warum sie nicht mit finanzpolitischen Instrumenten gegen eine jahrelange Stagnationspolitik gegensteuern?<\/p><p>Nach Fitoussi muss jede neu gew&auml;hlte Regierung eines EU-Staates, egal welche Farbe sie hat oder f&uuml;r welche Politik sie gew&auml;hlt wurde, zun&auml;chst den europ&auml;ischen Partnern in der EU-Ministerratsrunde beweisen, dass sie es wert ist, ernst genommen und respektiert zu werden. In der Konsequenz w&uuml;rden die Mitglieder nationaler Regierungen sich daher unabh&auml;ngig von ihrer politischen Ausrichtung an die herrschende wirtschaftspolitische Mainstream-Agenda anschlie&szlig;en. Paradoxerweise seien genau die Regierungen, die eigentlich von ihren Verfassungen her f&uuml;r mehr Sozialstaat stehen, genau diejenigen, die innerhalb der EU-Gremien ihre Partner zu mehr &bdquo;Reformen&ldquo;, also zu Sozialstaatsdemontage puschten. <\/p><p>Es sei nat&uuml;rlich &ndash; f&uuml;r uns au&szlig;en stehende Normalb&uuml;rger &ndash; h&ouml;chst verwunderlich, warum man sich in er Runde des EU-Ministerrats dann Respekt und Anerkennung verschafft, wenn man einen ausgeglichenen Haushalt vorzeigen kann und nicht wenn man geringe Arbeitslosigkeit oder ein starkes Wachstum vorweisen kann. Die strikte Befolgung der Maastricht-Stabilit&auml;ts-Normen durch die Wirtschafts- und Finanzminister der EU tr&auml;fen nun heute mit ihren wirtschaftlichen Folgen genau diejenigen EU-Staaten mir voller Wucht, die sie politisch auf der Taufe gehoben haben (insbesondere der damalige dt. Finanzminister und sein Staatssekret&auml;r). F&uuml;r die gesamte EU werde jedenfalls die Weiterf&uuml;hrung dieser Politik am Ende schlimme Wohlfahrtskonsequenzen haben.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fitoussi ist seit 1982 Professor am Institut Institut d&rsquo;&eacute;tudes politiques de Paris (IEP) und seit 1989 Pr&auml;sident de l&rsquo;Observatoire fran&ccedil;ais des conjonctures &eacute;conomiques (OFCE). Er ist Mitglied des Rates f&uuml;r &ouml;konomische Analysen beim franz&ouml;sischen Premierminister. 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