{"id":148509,"date":"2026-04-01T11:00:10","date_gmt":"2026-04-01T09:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148509"},"modified":"2026-03-31T13:22:00","modified_gmt":"2026-03-31T11:22:00","slug":"die-architektur-der-entrechtung-hannes-hofbauer-ueber-das-eu-sanktionsregime-gegen-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148509","title":{"rendered":"Die Architektur der Entrechtung: Hannes Hofbauer \u00fcber das EU-Sanktionsregime gegen Russland"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen au&szlig;ergerichtlicher Willk&uuml;r und dem Abbruch diplomatischer Br&uuml;cken: Im Berliner Sprechsaal pr&auml;sentierte der Wirtschaftshistoriker und Verleger Hannes Hofbauer j&uuml;ngst sein neues Werk &bdquo;Aller Rechte beraubt&ldquo;. Er sezierte dabei, wie sich der europ&auml;ische Rechtsstaat schleichend in ein autorit&auml;res Sanktionsregime transformiert. Von der &bdquo;Jedermannspflicht&ldquo; bis zur administrativen Existenzvernichtung unliebsamer Kritiker beschrieb er in seinem Vortrag eine Architektur der Entrechtung, die das Fundament der Gewaltenteilung zunehmend untergr&auml;bt. Ein Bericht von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Wir leben in kriegerischen Zeiten &ndash; und das, was da mit den Sanktionen passiert, ist Teil eines Krieges.&ldquo; Mit diesen Worten er&ouml;ffnete der Wiener Wirtschaftshistoriker Hannes Hofbauer die Vorstellung seines Buches. Das Werk analysiert pr&auml;zise, wie sich das Rechtswesen schleichend wandelt: weg von der Gewaltenteilung, hin zum Ausnahmezustand. Der Untertitel fasst diese These treffend zusammen: &bdquo;Mit au&szlig;ergerichtlichen EU-Sanktionen zum autorit&auml;ren Staat&ldquo;.<\/p><p>Der Autor erinnerte an den NATO-Angriff auf Jugoslawien vor 27 Jahren (24. M&auml;rz 1999) und erkl&auml;rte, dass dieses Ereignis die &bdquo;relativ friedliche, repressionsfreie Zeit der 80er- und 90er-Jahre&ldquo; endg&uuml;ltig beendete.<\/p><p><strong>Das 19. und 20. Sanktionspaket gegen Russland<\/strong><\/p><p>Die aktuellen EU-Sanktionen gegen Russland kn&uuml;pfen laut Hofbauer direkt an diese kriegerische Logik an. W&auml;hrend die EU Mitte Dezember 2025 das 19. Paket schn&uuml;rte, arbeitet sie bereits am 20. Paket, das jedoch derzeit am Widerstand Ungarns stockt.<\/p><p>Obwohl die offizielle Z&auml;hlung meist mit dem &Uuml;berfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 beginnt, bestehen die Sanktionen der EU und der USA bereits seit Fr&uuml;hjahr 2014. &bdquo;Wir erleben mittlerweile ein elfeinhalbj&auml;hriges Sanktionsregime&ldquo;, res&uuml;mierte der Historiker. An vorderster Stelle steht der Waldai-Klub, den Westeuropa &ndash; insbesondere Wien &ndash; durch zahlreiche hochkar&auml;tige Veranstaltungen kennt. Indem die EU den renommierten russischen Thinktank sanktioniert, setzt sie auch dessen f&uuml;hrende K&ouml;pfe unter Druck, allen voran Waldai-Chef Fjodor Lukjanow. F&uuml;r Hofbauer markiert dieser Schritt einen weiteren Abbruch der intellektuellen Br&uuml;cken zwischen Russland und Europa. Ein Forum, das &uuml;ber Jahre den Austausch mit westlichen Experten pflegte, wird nun administrativ ge&auml;chtet. Damit hat Br&uuml;ssel die diplomatischen Br&uuml;cken faktisch gesprengt.<\/p><p>Die Sto&szlig;richtung sei dabei eindeutig: Das Ziel bleibt ein erzwungener Regimewechsel.<\/p><p>&bdquo;Es handelt sich um ein kriegerisches Mittel im Kampf gegen Russland. Dieser Kampf umfasst milit&auml;rische, logistische, mediale und gesellschaftliche Mittel &ndash; die Sanktionspolitik bildet einen Teil davon. Sie bricht das V&ouml;lkerrecht, weil die UNO sie nicht erlie&szlig; und &uuml;berhaupt keine rechtliche Grundlage existiert.&ldquo;<\/p><p><strong>Wirtschaftskrieg gegen Russland: Die Strategie der Delegitimierung<\/strong><\/p><p>Nach &uuml;ber einem Jahrzehnt scheint das Arsenal des klassischen Wirtschaftskrieges weitgehend ersch&ouml;pft: Die Verantwortlichen koppelten Russland vom SWIFT-System ab, froren Zentralbankgelder ein, zerst&ouml;rten die Energiepartnerschaft mit Deutschland und schlossen das Land aus Wissenschaft, Kultur und Sport aus. In dieser Sackgasse r&uuml;cken nun verst&auml;rkt Personensanktionen in den Mittelpunkt, wie Hofbauer erkl&auml;rt.<\/p><p>Bereits im M&auml;rz 2014 erlie&szlig; die EU Sanktionen gegen die damals gew&auml;hlte F&uuml;hrung der Ukraine. Erster auf der Liste war Pr&auml;sident Viktor Janukowitsch, gefolgt von Ministerpr&auml;sident Mykola Asarow. Laut Hofbauer diente dies dazu, die ukrainischen Repr&auml;sentanten auf internationaler Ebene gezielt zu entmachten, da deren Ablehnung des westlichen Kurses bereits feststand.<\/p><p><strong>Sergej Glasjew: Architekt des eurasischen Schwenks<\/strong><\/p><p>Als russische Schl&uuml;sselfigur der Sanktionsliste r&uuml;ckt Hofbauer den &Ouml;konomen Sergej Glasjew ins Zentrum. Seine Personalie hilft entscheidend dabei, das geopolitische Ringen um die 2008 von Br&uuml;ssel initiierte &bdquo;Ostpartnerschaft&ldquo; zu verstehen, die sechs ehemalige Sowjetrepubliken eng an die EU binden sollte. Glasjew agierte hierbei als diplomatisches und &ouml;konomisches Gegengewicht:<\/p><ul>\n<li><strong>Die &ouml;konomische Hebelwirkung:<\/strong> Mit einer kalkulierten &bdquo;Zuckerbrot und Peitsche&ldquo;-Taktik rechnete Glasjew der ukrainischen F&uuml;hrung vor, dass eine Abkehr von Russland das Land j&auml;hrlich rund zehn Milliarden Dollar an zus&auml;tzlichen Energiekosten kosten w&uuml;rde. Diese Kalkulation gab den Ausschlag, als sich Pr&auml;sident Janukowitsch kurzfristig weigerte, das EU-Assoziierungsabkommen zu unterzeichnen.<\/li>\n<li><strong>Die strategische Neuausrichtung:<\/strong> &Uuml;ber das Tagesgesch&auml;ft hinaus fungierte Glasjew als Vordenker eines radikalen Bruchs mit dem West-Atlantizismus. In seinem Manifest &bdquo;Wie wir uns vom Dollar-Joch befreien k&ouml;nnen&ldquo; (2015) skizzierte er den Weg f&uuml;r die eurasische Integration und die wirtschaftliche Hinwendung nach China, welche die heutige russische Politik ma&szlig;geblich bestimmen.<\/li>\n<\/ul><p><strong>Zensur oder Willk&uuml;r: Journalismus als Zielscheibe von Sanktionen<\/strong><\/p><p>Ein entscheidender Unterschied zu fr&uuml;heren Epochen liegt laut Hofbauer darin, welche Handlungen die Beh&ouml;rden sanktionieren. W&auml;hrend historische Listen oft aktive politische K&auml;mpfer oder Regimegegner ins Visier nahmen, trifft es heute Personen, die keine &bdquo;aktive politische Tat&ldquo; im klassischen Sinne gesetzt haben. Die Betroffenen arbeiten entweder journalistisch oder investierten ihr Kapital schlicht an den aus westlicher Sicht &bdquo;falschen&ldquo; Stellen.<\/p><p>Seit M&auml;rz 2014 setzt die EU dieses Instrument unter der &Auml;gide der Gemeinsamen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik (GASP) systematisch ein. In den Begr&uuml;ndungen f&uuml;hrt sie meist abstrakte Vorw&uuml;rfe an, wie die &bdquo;Destabilisierung der EU&ldquo; oder die &bdquo;Untergrabung der Souver&auml;nit&auml;t der Ukraine&ldquo;. Dass die Verantwortlichen die ersten Listen bereits zwei Wochen vor dem eigentlichen Krim-Referendum ver&ouml;ffentlichten, wertet Hofbauer als Beleg daf&uuml;r, dass sie die Sanktionen nicht als Reaktion auf Ereignisse, sondern als proaktives politisches Kampfmittel konzipierten.<\/p><p><strong>Das Scheitern der EU-Sanktionen: Kalk&uuml;l versus Realit&auml;t<\/strong><\/p><p>Hannes Hofbauer warf in seiner Analyse die zentrale Frage auf, warum die EU den Weg der totalen Blockade w&auml;hlte. Dabei unterschied er zwischen der offiziellen, aus seiner Sicht unlogischen Begr&uuml;ndung und den tats&auml;chlichen machtpolitischen Folgen.<\/p><p>Der Historiker konstatierte, dass die urspr&uuml;ngliche Absicht, die russische Elite durch Druck zu spalten, eklatant scheiterte. &bdquo;Es ist unlogisch, hunderte Oligarchen zu listen und damit Kapital und Politik zwangsweise zusammenzuschwei&szlig;en&ldquo;, so Hofbauer. Den Betroffenen bleibe angesichts der Sanktionen oft keine andere Wahl, als ihr Kapital nach Russland, Israel oder in die T&uuml;rkei zu retten. Ein strategisch kl&uuml;geres Vorgehen der EU h&auml;tte laut Hofbauer darin bestanden, einen Keil zwischen das russische Kapital und die politische F&uuml;hrung zu treiben. Tats&auml;chlich passierte jedoch das Gegenteil: Die Drohung mit Enteignung in Europa bewirkte, dass sich die Eliten zwangsweise mit der russischen Staatsf&uuml;hrung solidarisierten.<\/p><p>Hinter der scheinbaren Unlogik der Elite-Sanktionen identifizierte Hofbauer ein handfestes &ouml;konomisches Motiv, das weit &uuml;ber die blo&szlig;e Bestrafung hinausgeht: eine radikale Marktbereinigung auf administrativer Ebene. Die Sanktionen fungieren demnach als Instrument eines Verdr&auml;ngungswettbewerbs, um russische Konkurrenz dauerhaft und systematisch vom europ&auml;ischen Markt zu entfernen. Unter dem Deckmantel moralischer Vorw&auml;nde setzt Br&uuml;ssel einen machtpolitischen Hebel an, um eine protektionistische Neuordnung zu erzwingen. Was offiziell als Verteidigung westlicher Werte deklariert wird, entpuppt sich in Hofbauers Analyse somit als Werkzeug, um eigene wirtschaftliche Interessen zu sichern, indem man unliebsame Wettbewerber gezielt ausschaltet.<\/p><p><strong>Die Systematik der Entrechtung: Sanktionen als au&szlig;ergerichtliche Strafe<\/strong><\/p><p>Hannes Hofbauer analysierte in seinem Vortrag, wie das moderne Sanktionsregime den Rechtsstaat fundamental transformiert. Bereits der etymologische Kern des Wortes &bdquo;Sanktion&ldquo; (lateinisch <em>sanctio<\/em>) verweist auf das Spannungsfeld zwischen &bdquo;Festsetzen&ldquo; und &bdquo;Verbieten&ldquo;. In der aktuellen Praxis vollzieht sich laut Hofbauer ein radikaler Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien, da nicht ein unabh&auml;ngiges Gericht &uuml;ber die Aufnahme auf eine Sanktionsliste entscheidet, sondern der EU-Rat dies rein administrativ per Verordnung festlegt.<\/p><p>Die Folgen dieser politischen Entscheidung treffen die Betroffenen existenziell: Sie reichen von der vollst&auml;ndigen finanziellen Strangulation durch das Einfrieren s&auml;mtlicher Verm&ouml;genswerte bis hin zur physischen Bewegungsunf&auml;higkeit durch Einreiseverbote und Passentzug. Besonders perfide wirke dabei das Verbot der Hilfeleistung, das jegliche Form des Beistands unter Strafe stellt und so den &bdquo;gesellschaftlichen Tod&ldquo; der Gelisteten erzwingt.<\/p><p>Bezeichnend f&uuml;r dieses Regime ist, wie die Verantwortlichen konsequent von einer richterlichen Kontrolle abr&uuml;cken und stattdessen rein administrative Exekutiventscheidungen bevorzugen. Der Prozess hebelt die klassischen S&auml;ulen der Justiz aus: Es gibt weder eine vorherige Vorladung noch eine Anklage oder die M&ouml;glichkeit, sich vor der Listung zu verteidigen. Statt eines richterlichen Schuldspruchs tritt eine rein politische Exekutiventscheidung des EU-Rates an deren Stelle. Damit, so Hofbauers Fazit, stellt die EU Individuen auf administrativer Ebene rechtlos &ndash; ein autorit&auml;res Modell, das die Gewaltenteilung zugunsten einer entfesselten Exekutive faktisch au&szlig;er Kraft setzt.<\/p><p><strong>Sanktionen gegen EU-B&uuml;rger und Schweizer<\/strong><\/p><p>Eine neue Stufe der Entrechtung markiert die Listung von EU-B&uuml;rgern. Hofbauer bezweifelte dabei, dass deutsche Staatsb&uuml;rger auf &auml;hnlichen politischen Beistand hoffen k&ouml;nnten, wie ihn der Slowake Jozef Hamb&aacute;lek erfuhr. Hamb&aacute;lek, europ&auml;ischer Chef des kremlnahen Motorradclubs &bdquo;Nachtw&ouml;lfe&ldquo;, war als erster EU-B&uuml;rger vollkommen rechtlos gestellt worden, bis er 2024 nach massiver Intervention des slowakischen Premierministers Robert Fico wieder von der Liste verschwand. W&auml;hrend andere deutsche Akteure wie Alina Lipp und Thomas R&ouml;per seit Mai 2025 rein administrativ sanktioniert werden, anstatt sie in ordentlichen Verfahren nach &sect; 140 StGB zur Verantwortung zu ziehen, offenbaren weitere Schicksale die volle H&auml;rte der au&szlig;ergerichtlichen Willk&uuml;r.<\/p><p>Besonders bizarr erscheint der Fall des linksradikalen Antiimperialisten H&uuml;seyin Dogru. Ihm werfen die Beh&ouml;rden nicht etwa Pro-Russland-Propaganda vor. Vielmehr argumentieren sie, dass seine Berichterstattung &uuml;ber Themen wie die Pal&auml;stina-Frage indirekt Russland n&uuml;tze, indem sie Zwietracht in Deutschland s&auml;e. Dogru erfuhr von seiner faktischen Rechtlosstellung erst durch den Alltag: als seine Frau in einer Apotheke nicht mehr bezahlen konnte, weil die Bank s&auml;mtliche Konten sperrte. F&uuml;r einen Journalisten, den niemand anklagte oder verurteilte, bedeutet dies die sofortige Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz.<\/p><p>Ebenso drastisch stellt sich die Situation des Schweizers Jacques Baud dar. Der ehemalige NATO-Mitarbeiter und Geheimdienstexperte lebt heute in Br&uuml;ssel faktisch festgesetzt. Seine Konten sind eingefroren, und selbst einfache Essenspakete von Unterst&uuml;tzern erreichen ihn nicht, da die Helfer Sanktionsverst&ouml;&szlig;e f&uuml;rchten, die auch ihnen drohen. F&uuml;r Hofbauer markieren diese Beispiele das Ende der Gewaltenteilung: Unliebsame Analysen werden nicht mehr im diskursiven Streit bek&auml;mpft, sondern die schiere physische und soziale Existenz der Kritiker wird durch administrative Willk&uuml;r zunichtegemacht.<\/p><p><strong>Die Geschichte der &Auml;chtung: Von Proskriptionen zur modernen Terrorliste<\/strong><\/p><p>Der Wirtschaftshistoriker zieht in seinem Werk eine beunruhigende Parallele zwischen modernen EU-Sanktionen und vormodernen Strafregimen, die man seit der &Auml;ra der Aufkl&auml;rung f&uuml;r &uuml;berwunden hielt. Die Geschichte dieser &bdquo;Listen&ldquo; reicht von den r&ouml;mischen Proskriptionen (etwa gegen Cicero) &uuml;ber die mittelalterliche Vogelfreiheit und den klerikalen Bann bis hin zur massenhaften Ausb&uuml;rgerung im 20. Jahrhundert. W&auml;hrend die Reichsacht Martin Luther politisch isolierte, markierte die NS-Zeit die &bdquo;Hochbl&uuml;te&ldquo; der administrativen Entrechtung, durch die das Regime seine Gegner systematisch staatenlos machte und enteignete. Auch die Nachkriegszeit kannte solche Instrumente, etwa bei Wolf Biermann oder den zehntausenden Kommunisten im griechischen B&uuml;rgerkrieg. F&uuml;r Hofbauer stellt die moderne Sanktionsliste die s&auml;kularisierte Fortf&uuml;hrung dieser Tradition dar: ein Instrument, das Individuen per Federstrich und ohne Gerichtsurteil den &bdquo;gesellschaftlichen Tod&ldquo; sterben l&auml;sst und sie au&szlig;erhalb der sch&uuml;tzenden Rechtsordnung platziert.<\/p><p><strong>Die b&uuml;rokratische Exekution: Sanktionsdurchsetzungsgesetz und Meldepflicht<\/strong><\/p><p>Deutschland setzt diese au&szlig;ergerichtlichen Verfahren seit Mai 2022 durch das Sanktionsdurchsetzungsgesetz praktisch um. Damit schuf der Gesetzgeber eine neue Architektur, um B&uuml;rger systematisch zu &uuml;berwachen. Als Herzst&uuml;ck fungiert dabei die Zentralstelle f&uuml;r Sanktionsdurchsetzung bei der Generalzolldirektion.<\/p><p>Der Staat zielt darauf ab, Verm&ouml;gen total zu entziehen: Er unterbindet konsequent, dass Betroffene Gelder bewegen, transferieren oder Sachwerte ver&auml;ndern. So stellt die Beh&ouml;rde sicher, dass niemand die blockierten Werte mehr nutzt oder verwaltet.<\/p><p>Da viele Akteure ihr Eigentum hinter komplexen Strukturen verschleiern, f&uuml;hrt die EU-Instrumente ein, die Hofbauer als h&ouml;chst problematisch einstuft. Neben einer umfassenden Pflicht, s&auml;mtliches Eigentum &ndash; bis hin zu Gem&auml;lden und M&uuml;nzsammlungen &ndash; proaktiv zu melden, sticht in Deutschland die sogenannte &bdquo;Jedermannspflicht&ldquo; hervor. Diese trieb der ehemalige Wirtschaftsminister Robert Habeck (B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen, im Amt bis Ende 2025) ma&szlig;geblich voran.<\/p><p>Gem&auml;&szlig; Artikel 6b der entsprechenden Verordnung sind nicht nur Banken oder Beh&ouml;rden, sondern &bdquo;Jedermann&ldquo; &ndash; also alle nat&uuml;rlichen und juristischen Personen &ndash; verpflichtet, Informationen proaktiv an die Beh&ouml;rden zu melden, welche die Umsetzung der Sanktionen erleichtern k&ouml;nnten. Wer Kenntnis von Verm&ouml;genswerten eines Sanktionierten hat und diese nicht innerhalb von zwei Wochen &uuml;ber die bereitgestellten Formulare meldet, macht sich theoretisch selbst strafbar. Hofbauer bezeichnet dies als ein &bdquo;extremes Denunziationsgesetz&ldquo;. Es stellt die gesamte Gesellschaft in den Dienst der staatlichen Sanktionsexekutive und untergr&auml;bt das Vertrauensverh&auml;ltnis unter B&uuml;rgern.<\/p><p><strong>Fazit: Das selektive Kriegsrecht als Zeichen der Schw&auml;che<\/strong><\/p><p>Hannes Hofbauer spitzt seine Analyse in seinem 50-min&uuml;tigen Res&uuml;mee auf vier pointierte Thesen zu:<\/p><ol>\n<li><strong>Au&szlig;ergerichtlichkeit wird zur Institution:<\/strong> Ein &bdquo;Katz-und-Maus-Spiel&ldquo; verdr&auml;ngt den Rechtsstaat. Selbst wenn profilierte Anw&auml;lte wie <strong>Gabriel Lansky<\/strong> &ndash; ein Wiener Top-Jurist und Experte f&uuml;r internationales Sanktionsrecht, der regelm&auml;&szlig;ig russische Unternehmer vor dem EU-Gerichtshof vertritt &ndash; juristisch siegen, hebelt der EU-Rat diese Erfolge sofort durch Neulistungen aus.<\/li>\n<li><strong>Vormoderne Straflogik kehrt zur&uuml;ck:<\/strong> Wer Konten einfriert, belebt die alte Vogelfreiheit neu. Diese Praxis isoliert den Einzelnen und l&auml;sst ihn gesellschaftlich sterben.<\/li>\n<li><strong>Der Staat wandelt sich autorit&auml;r:<\/strong> Die Exekutive herrscht, indem sie gleichzeitig Gesetze erl&auml;sst und wie ein Richter urteilt. Damit hebt sie die klassische Gewaltenteilung faktisch auf.<\/li>\n<li><strong>Kriegsrecht herrscht selektiv und ohne Erkl&auml;rung:<\/strong> Im totalen Krieg greift der Staat auf Haus, Hof und Mensch f&uuml;r den Sch&uuml;tzengraben zu. Da die EU Russland nicht offiziell den Krieg erkl&auml;rt hat, wendet sie diese Logik nun &bdquo;selektiv&ldquo; gegen unliebsame Personen an.<\/li>\n<\/ol><p>Trotz dieser Befunde deutet Hofbauer das Vorgehen der EU als Zeichen tiefer Schw&auml;che. Ein souver&auml;ner Rechtsstaat muss die offene Debatte mit Kritikern nicht f&uuml;rchten. Stattdessen fl&uuml;chtet sich die Union in die &bdquo;Sanktionskeule&ldquo;. Sie vernichtet Existenzen administrativ, um einen Diskurs zu ersticken, den sie argumentativ nicht mehr gewinnt. Niemand sollte sich jedoch entmutigen lassen &ndash; wer aufkl&auml;rt, unternimmt den ersten Schritt, um diese Zust&auml;nde zu &uuml;berwinden.<\/p><p><em>Hannes Hofbauer: &bdquo;Aller Rechte beraubt. Mit au&szlig;ergerichtlichen EU-Sanktionen zum autorit&auml;ren Staat&ldquo;, Wien 2026, Promedia Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3-85371-556-7, 22 Euro.<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134012\">&bdquo;Schie&szlig;krieg und Wirtschaftskrieg h&auml;ngen eng zusammen&ldquo; &ndash; Wirtschaftshistoriker Hannes Hofbauer &uuml;ber Sanktionen<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0c3aa3f2b8b04551895303ccafee9c96\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen au&szlig;ergerichtlicher Willk&uuml;r und dem Abbruch diplomatischer Br&uuml;cken: Im Berliner Sprechsaal pr&auml;sentierte der Wirtschaftshistoriker und Verleger Hannes Hofbauer j&uuml;ngst sein neues Werk &bdquo;Aller Rechte beraubt&ldquo;. 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