{"id":14856,"date":"2012-10-26T12:20:17","date_gmt":"2012-10-26T10:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14856"},"modified":"2019-01-04T12:34:13","modified_gmt":"2019-01-04T11:34:13","slug":"die-intellektuelle-tragodie-des-herrn-k","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14856","title":{"rendered":"Die intellektuelle Trag\u00f6die des Herrn K."},"content":{"rendered":"<p>In der vergangenen Woche hat das Statistische Bundesamt (Destatis) eine Pressemitteilung zur Entwicklung der Armutsgef&auml;hrdungsquote <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14811#h01\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Demnach waren im Jahr 2010 insgesamt 15,8 Prozent der Bev&ouml;lkerung Deutschlands armutsgef&auml;hrdet, also rund 12,8 Millionen Menschen. F&uuml;r eine Person galt dies dann, wenn sie weniger als 11.426 Euro im Jahr beziehungsweise 952 Euro im Monat zur Verf&uuml;gung hatte. Das Nachrichtenmagazin &bdquo;Der SPIEGEL&ldquo; hat diese Meldung in seiner j&uuml;ngsten Ausgabe aufgegriffen und gleich in der &Uuml;berschrift verraten, was es von der ganzen Sache h&auml;lt. <strong>Ein Gastartikel von Thomas Trares [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14856#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nIm Artikel <a href=\"http:\/\/magazin.spiegel.de\/reader\/index_SP.html#j=2012&amp;h=43&amp;a=89234368\">&bdquo;Bed&uuml;rftige Villenbewohner &ndash; Armut: &Uuml;ber den Unsinn gewisser Erhebungen&ldquo;<\/a>, vermittelt der SPIEGEL dann den Eindruck, dass es sich bei der Armutsgef&auml;hrdungsquote um einen g&auml;nzlich unbrauchbaren, irrelevanten Indikator handelt. Als Kronzeuge dient dabei der Dortmunder Statistikprofessor Walter Kr&auml;mer, der diese Art der Armutsmessung sogar zur &bdquo;Unstatistik des Monats&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.unstatistik.de\/\">gek&uuml;rt hat<\/a>. Dies ist &uuml;berraschend. Denn der Indikator liefert eigentlich ein recht plausibles Ergebnis. Mit 952 Euro im Monat kann man heutzutage keine gro&szlig;en Spr&uuml;nge machen. Weshalb der SPIEGEL dennoch derart vehement diesen Indikator kritisiert, wirft einige Fragen auf:<\/p><p>So muss man etwa daran zweifeln, dass die zust&auml;ndigen Redakteure die Pressemitteilung von Destatis &uuml;berhaupt verstanden haben. In dem Text unterstellt der SPIEGEL n&auml;mlich, dass das Durchschnittseinkommen f&uuml;r die Ermittlung des Armutsgef&auml;hrdung verantwortlich ist. Es wird dabei sogar der fr&uuml;here US-Pr&auml;sident Franklin D. Roosevelt zitiert: &bdquo;Laut Statistik haben ein Million&auml;r und ein armer Schlucker jeder durchschnittlich eine halbe Million&ldquo;, soll dieser einmal gesagt haben.<\/p><p>Dieses Zitat ist hier allerdings v&ouml;llig fehl am Platze, denn die Armutsgef&auml;hrdungsquote wird auf Basis des mittleren Einkommens (Median) berechnet. In der Presseerkl&auml;rung von Destatis hei&szlig;t es dazu: &bdquo;Um das mittlere Einkommen zu ermitteln, wird der Median (Zentralwert) verwendet. Dabei werden die Personen ihrem &Auml;quivalenzeinkommen nach aufsteigend sortiert. Der Median ist der Einkommenswert derjenigen Person, die die Bev&ouml;lkerung in genau zwei H&auml;lften teilt. Das hei&szlig;t, die eine H&auml;lfte hat mehr, die andere weniger Einkommen zur Verf&uuml;gung. 60 Prozent dieses Medianwertes stellen den Schwellenwert f&uuml;r Armutsgef&auml;hrdung dar.&ldquo;<\/p><p>Ob man nun das Durchschnitts- oder das Medianeinkommen verwendet, ist ein gravierender Unterschied. Dazu ein Beispiel: Angenommen in einem Raum befinden sich die drei Personen A, B und C. A hat ein Einkommen von 5.000 Euro, B von 10.000 und C von 15.000. Sowohl Durchschnitts- als auch Medianeinkommen liegen in diesem Fall bei 10.000 Euro. Armutsgef&auml;hrdet w&auml;re in diesem Fall Person A, da sie weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens besitzt.<\/p><p>Nun betreten zwei weitere Personen den Raum. Person D hat ebenfalls ein Einkommen von 10.000 Euro, Person E ist der Mensch mit dem h&ouml;chsten Einkommen der Welt, sagen wir, es ist Bill Gates. In diesem Fall wird das Durchschnittseinkommen explodieren, das Medianeinkommen betr&auml;gt dagegen weiter 10.000 Euro. Auf Basis des Durchschnittseinkommens w&auml;ren nun alle Personen au&szlig;er Bill Gates armutsgef&auml;hrdet, auf Basis des Medianeinkommens aber nach wie vor nur Person A. Argumentiert man nun &ndash; wie der SPIEGEL- auf Basis des Durchschnittseinkommens, so ist man in punkto Armutsmessung auf dem Holzweg.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus ist dem SPIEGEL offenbar auch nicht klar, was die Armutsgef&auml;hrdungsquote &uuml;berhaupt leisten soll. So kritisiert das Blatt, dass die Quote &bdquo;wenig &uuml;ber die Lebensverh&auml;ltnisse oder Geldsorgen der Bev&ouml;lkerung aussage, schon gar nichts &uuml;ber Hunger und Obdachlosigkeit&ldquo;. Dieser Vorwurf ist ebenfalls haneb&uuml;chen. Mal abgesehen davon, dass man Geldsorgen bei jedem Einkommen haben kann, will man mit der Armutsgef&auml;hrdungsquote gar nicht das Ausma&szlig; von Hunger und Obdachlosigkeit messen. Nahrung, Obdach, Kleidung fallen n&auml;mlich unter den absoluten Armutsbegriff. Dieser definiert Armut als einen Mangel an lebenswichtigen G&uuml;tern. Da man aber davon ausgeht, dass absolute Armut in den Industriestaaten kaum vorkommt, arbeitet man mit dem relativen Armutsbegriff. Dieser vergleicht den Menschen mit seinem jeweiligen sozialen oder auch staatlichen Umfeld. Als relativ arm gilt ein Mensch etwa dann, wenn er infolge finanzieller Not an soziokulturellen Aktivit&auml;ten wie Kinobesuchen oder Klassenfahrten nicht teilhaben kann. Auch der Armutsgef&auml;hrdungsquote liegt ein solch relativer Armutsbegriff zugrunde.<\/p><p>Um seiner Sicht auf die Dinge weiteren Nachdruck zu verleihen, schreckt der SPIEGEL selbst vor Beispielen aus Absurdistan nicht zur&uuml;ck. So schreibt er, dass &bdquo;in einem Land, in dem alle Menschen Million&auml;re oder Milliard&auml;re w&auml;ren, ein paar Superreiche wohl notgedrungen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen m&uuml;ssten. So w&uuml;rden Menschen als &acute;armutsgef&auml;hrdet&acute; gelten, die zum Beispiel in Villen lebten und Ferrari f&uuml;hren&ldquo;. Es ist sicher richtig, dass es wenig sinnvoll ist, f&uuml;r wohlhabende Orte wie Kampen auf Sylt, Kronberg im Taunus oder die Gegend rund um den Starnberger See eigene Armutsgef&auml;hrdungsquoten zu ermitteln. Was aber dagegen sprechen soll, einen solchen Indikator f&uuml;r ganz Deutschland zu ermitteln, kann auch dieses Beispiel nicht erkl&auml;ren.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus kritisiert der SPIEGEL, dass der Vergleich von armen mit vergleichsweise reichen deutschen Gro&szlig;st&auml;dten nicht m&ouml;glich sei: &bdquo;So hatte zum Beispiel Stuttgart im Jahr 2011 f&uuml;r sich betrachtet die h&ouml;chste Armutsgef&auml;hrdungsquote, 20,8 Prozent n&auml;mlich. Berlin dagegen, wo jeder f&uuml;nfte Bewohner von Hartz IV lebt, kam auf 15,5 Prozent.&ldquo; Dieses Beispiel ist ebenfalls irref&uuml;hrend. Es ist zwar richtig, dass der Vergleich zwischen armen und reichen L&auml;ndern, beispielsweise zwischen Deutschland und Bangladesch, wenig sinnvoll ist. Stuttgart und Berlin kann man aber sehr wohl miteinander vergleichen, n&auml;mlich dann wenn man die Armutsgef&auml;hrdungsquote f&uuml;r Deutschland zugrunde legt und nicht jeweils eigene Quoten f&uuml;r Berlin und Stuttgart ausrechnet. Denn dann kommt man sehr wohl zu dem Ergebnis, dass in Berlin mehr von Armut gef&auml;hrdete Menschen wohnen als in Stuttgart.<\/p><p>Stellt sich am Ende noch die Frage, warum der SPIEGEL ausgerechnet die Methoden der Armutsmessung ins Visier genommen hat. Schlie&szlig;lich k&ouml;nnte man &uuml;ber nahezu jeden Indikator einen kritischen Artikel schreiben, da fast alle einen mehr oder weniger begrenzte Aussagekraft haben. Warum ruft man also nicht einmal die Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts zur &bdquo;Unstatistik des Monats&ldquo; aus? Hier k&ouml;nnte man zum Beispiel erw&auml;hnen, dass die Beseitigung eines Unfallschadens wohlfahrtserh&ouml;hend wirkt; Hausfrauen- oder Do-it-yourself-T&auml;tigkeiten hingegen nicht. Auch die Verm&ouml;gensstatistiken lie&szlig;en sich vortrefflich kritisieren, da dort Durchschnitt und Median meist weit auseinanderliegen. Warum also ausgerechnet die Armutsgef&auml;hrdungsquote?<\/p><p>Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich einmal, einen Blick auf die &bdquo;Unstatistiken des Monats&ldquo; von Professor Kr&auml;mer <a href=\"http:\/\/www.unstatistik.de\/\">zu werfen<\/a>, auf die sich der SPIEGEL bezieht. Dort findet man dann schnell heraus, dass Kr&auml;mer es offenbar auf die Armutsberichterstattung abgesehen hat. Zielscheibe der ersten &bdquo;Unstatistik des Monats&ldquo;, die im Januar 2012 ver&ouml;ffentlicht wurde, war n&auml;mlich der Armutsbericht 2011 des Parit&auml;tischen Wohlfahrtsverbandes. Dass Kr&auml;mer laut Wikipedia auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walter_Kr%C3%A4mer_(%C3%96konom)\">FDP-Mitglied ist<\/a> und in j&uuml;ngerer Vergangenheit schon mehrfach durch fragw&uuml;rdige wirtschaftsliberale &Auml;u&szlig;erungen <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/oekonomenstreit-kraemer-will-frieden\/6919670.html\">aufgefallen<\/a> ist, sei hier nur am Rande erw&auml;hnt.<\/p><p>Noch kurioser ist allerdings, dass selbst der Statistikprofessor dem Irrtum aufgesessen ist, dass die Armutsgef&auml;hrdungsquote sich an den Durchschnittseinkommen orientiert. Nachzulesen ist dies in seiner Pressemitteilung vom 23.10. Dort schreibt Kr&auml;mer: &bdquo;Als &acute;armutsgef&auml;hrdet&acute; gilt, wer j&auml;hrlich netto weniger als 11.426 Euro zur Verf&uuml;gung hat. Der Hauptkritikpunkt ist die Berechnung dieser Armutsgrenze. Dazu nimmt man europaweit 60 % des <strong>Durchschnittseinkommens<\/strong>.&ldquo; Woher Kr&auml;mer diese Information hat, war bislang nicht aufzukl&auml;ren. Jedenfalls taugen seine nachfolgenden Ausf&uuml;hrungen angesichts dessen bestenfalls noch als Stoff f&uuml;r eine intellektuelle Kom&ouml;die. Lustig w&auml;re sie aber bestimmt!<\/p><p>Nachtrag: In der laufende Woche hat sich das ganze Schauspiel noch einmal wiederholt. Destatis hat einen erweiterten Armutsindikator ver&ouml;ffentlicht, auf den diesmal &bdquo;SPIEGEL Online&ldquo; mit einem &auml;hnlichen Bericht <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14811#h01\">reagiert hat<\/a>. Auch dort hat der SPIEGEL zun&auml;chst auf Basis des Durchschnittseinkommens argumentiert. Irgendwann muss der Fauxpas aber aufgeflogen sein, so dass man schnell eine Korrektur hinterhergeschoben hat. Die Sache macht das aber grunds&auml;tzlich nicht besser.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares hat in Mainz Volkswirtschaftslehre studiert und ist Wirtschaftsjournalist<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/1bf6133662294d37ac8c0ff9ffb5fffb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der vergangenen Woche hat das Statistische Bundesamt (Destatis) eine Pressemitteilung zur Entwicklung der Armutsgef&auml;hrdungsquote <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14811#h01\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Demnach waren im Jahr 2010 insgesamt 15,8 Prozent der Bev&ouml;lkerung Deutschlands armutsgef&auml;hrdet, also rund 12,8 Millionen Menschen. 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