{"id":148816,"date":"2026-04-08T11:00:31","date_gmt":"2026-04-08T09:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148816"},"modified":"2026-04-08T15:00:18","modified_gmt":"2026-04-08T13:00:18","slug":"wenn-der-vorhang-faellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148816","title":{"rendered":"Trumpverstehen f\u00fcr Fortgeschrittene"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal gleicht die Art und Weise, wie sich Weltgeschichte dem Publikum offenbart, einem absurden Theaterst&uuml;ck. Gestern Morgen drohte Donald Trump in &uuml;belster Schurkenmanier noch, die gesamte iranische Zivilisation zu vernichten, und heute Nacht konnten die Verhandler dann doch einen zweiw&ouml;chigen Waffenstillstand und die Fortf&uuml;hrung von Friedensgespr&auml;chen vermelden. Ein Drama mit Happy End? Nein, wir waren vielmehr Zeugen einer weiteren Episode der skurrilen &bdquo;Trump-Show&ldquo;. Der US-Pr&auml;sident verwechselt offenbar Weltpolitik mit einem Wrestling-Schaukampf. Die entscheidende Frage ist, wie lange der Rest der Welt sich dieses erb&auml;rmliche Theater anschauen will. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p><em>Dieser Artikel liegt auch <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/flyer\/260408_Trumpverstehen_fuer%20Fortgeschrittene_JB.pdf\">als gestaltetes PDF vor<\/a>. Wenn Sie ihn ausdrucken oder weitergeben wollen, nutzen Sie bitte diese M&ouml;glichkeit. Weitere Artikel in dieser Form <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?cat=54\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p>Manchmal sind es die kleinen Meldungen, die f&uuml;r das Verst&auml;ndnis des gro&szlig;en Ganzen von besonderem Interesse sind. Gestern ver&ouml;ffentlichte die <em>New York Times<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2026\/04\/07\/us\/politics\/trump-iran-war.html\">einen Artikel<\/a>, in dem geschildert wird, wie es &uuml;berhaupt zum Irankrieg kam. Trump habe sich demnach von Netanjahu einlullen lassen. Der versprach einen schnellen milit&auml;rischen Sieg und einen vom Mossad gesch&uuml;rten Volksaufstand, an dessen Ende der Schah-Sohn Reza Pahlavi die Herrschaft &uuml;bernehmen werde. Im gesamten Umfeld des US-Pr&auml;sidenten gab es offenbar wider besseres Wissen keinen offenen Widerstand gegen dieses Szenario, das CIA-Chef Ratcliff w&auml;hrend des Meetings mit Netanjahu als &bdquo;absurd&ldquo; und US-Au&szlig;enminister Rubio als &bdquo;Schwachsinn&ldquo; bezeichnet haben sollen. Es kam, wie wir heute wissen, nat&uuml;rlich anders, als Netanjahu es Trump versprochen hatte. Die letzte offene Frage war, wie es Trump gelingt &ndash; und das mag f&uuml;r deutsche Leser nun absurd klingen &ndash;, ohne allzu gro&szlig;en Gesichtsverlust aus dieser Katastrophe herauszukommen.<\/p><p>Donald Trump sieht sich selbst als &bdquo;Dealmaker&ldquo; und &bdquo;Showman&ldquo; und er bricht offen mit diplomatischen Konventionen. Das wurde auch und vor allem in den deutschen Medien nicht wirklich verstanden. Mit seiner unkonventionellen, aber &ndash; zumindest aus seiner Sicht &ndash; &uuml;beraus erfolgreichen Verhandlungsstrategie hatte ich mich im Januar im Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145157\">&bdquo;Trumpverstehen f&uuml;r Anf&auml;nger&ldquo;<\/a> ja bereits ausf&uuml;hrlich besch&auml;ftigt. Eine weitere Verhandlungsstrategie, die Trump perfektioniert hat, ist das, was Spieltheoretiker als &bdquo;Theorie des Verr&uuml;ckten&ldquo; (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Madman-Theorie\">Madman-Theorie<\/a>) bezeichnen. Man erweckt den Eindruck, irrational und physisch instabil zu handeln und damit den Gegner einzusch&uuml;chtern und seine eigentlichen Ziele &ndash; die oft auf einer ganz anderen Ebene zu verorten sind &ndash; zu erreichen. Nun kann man vortrefflich dar&uuml;ber streiten, ob Trump verr&uuml;ckt ist oder nur so tut. Ich vermute Letzteres und seine Verhandlungstaktik gegen&uuml;ber Iran ist dazu geradezu ein Paradebeispiel.<\/p><p>Die USA haben den Irankrieg verloren. So viel war bereits vor Ostern klar. Die &bdquo;Ziele&ldquo;, mit denen Netanjahu Trump den Krieg schmackhaft gemacht hat, hatten sich schon wenige Tage nach Kriegsbeginn in Luft aufgel&ouml;st. Die Israelis haben &ndash; so sie es denn je versucht haben &ndash; keinen Regime Change orchestrieren k&ouml;nnen, das theokratische System ist gefestigter als vor dem Krieg. W&auml;hrenddessen gingen den USA und ihren Verb&uuml;ndeten die Raketen- und Drohenabwehrsysteme aus, die wirtschaftlichen Folgen erreichten &uuml;ber den Umweg der Zapfs&auml;ule auch die Trump-W&auml;hlerschaft in den USA und bis zu den Midterms ist es gar nicht mehr so lange hin. Doch wie beendet man einen verlorenen Krieg, ohne das Gesicht zu verlieren?<\/p><p>Die daf&uuml;r n&ouml;tigen Storylines sind in einer &bdquo;Sportart&ldquo;, die Donald Trump sehr nahesteht, durchaus gebr&auml;uchlich. Ich rede vom Wrestling, dieser in ihrer ganzen Kulturlosigkeit typisch amerikanischen Showveranstaltung, bei der im Stil einer Seifenopfer grotesk &uuml;berzeichnete Muskelm&auml;nner im Ring einen Schaukampf veranstalten, bei dem die Rollen klar zugewiesen und das Ergebnis vorher verabredet wurde. Trumps &Auml;u&szlig;erungen, die in den letzten Tagen weltweit f&uuml;r Aufregung sorgten, sind nicht die eines Staatsmannes, sondern k&ouml;nnten so auch 1:1 dem Skript einer Wrestling-Show entspringen. Das m&ouml;gen die Feingeister, die die Geschehnisse als Journalisten einordnen wollen, nicht verstehen &ndash; sie sind auch nicht das Publikum, an das Trump seine Show adressiert. Wie der gemeine Trump-W&auml;hler auf diese Show reagiert, ist eine ganz andere Frage.<\/p><p>Wie bereits gesagt &ndash; die USA haben den Krieg verloren. Und einen verlorenen Krieg als Erfolg darzustellen, ist eine gro&szlig;e Kunst. Vielleicht sollte man die &Auml;u&szlig;erungen von einem &bdquo;Vernichten der iranischen Zivilisation&ldquo; genau in diesem Kontext betrachten. Jede Wette &ndash; in den kommenden Tagen wird Trump herumposaunen, die Iraner seien nur aufgrund seiner Rhetorik eingeknickt und er habe durch seine Drohungen den Krieg beendet, die Stra&szlig;e von Hormus ge&ouml;ffnet und damit f&uuml;r die Welt das erreicht, was &bdquo;feige&ldquo; Europ&auml;er und Asiaten sich nicht zugetraut haben. Wahrscheinlich nervt er Gott und die Welt nun mit der Aussage, er habe neun Kriege beendet. Nat&uuml;rlich ist das alles Quatsch, aber solange seine W&auml;hler ihm das glauben, ist diese Form der &ouml;ffentlichen Kommunikation gemessen an ihrer Zielrichtung durchaus erfolgsversprechend.<\/p><p>Was w&auml;re die Alternative? Dem W&auml;hler zu sagen, er sei von seinem Freund Benjamin Netanjahu hinter die Fichte gef&uuml;hrt worden? Er, der m&auml;chtigste und nach eigener Sicht sicherlich auch schlauste Mann der Welt, habe mit seiner pers&ouml;nlichen Einsch&auml;tzung schlichtweg grotesk falsch gelegen? Das w&auml;re ehrlich. Aber das w&auml;re nicht Donald J. Trump, der gro&szlig;e Showman. Der wird sich nun als Friedensbringer feiern und diese Geschichte mit allerlei kontrafaktischen Trumpismen ausschm&uuml;cken &ndash; so lange, bis sie im Paralleluniversum der MAGAs als allgemeing&uuml;ltige Wahrheit gelten. Nach Trump-Ma&szlig;st&auml;ben hat er so sein Gesicht gewahrt und den verlorenen Krieg gewonnen.<\/p><p>In der echten Welt sieht es freilich ein wenig anders aus. Iran hat seinen spirituellen F&uuml;hrer verloren und sicher auch materiell gro&szlig;e Sch&auml;den erlitten. Daf&uuml;r hat das grundlos &uuml;berfallene Land Sympathien beim Rest der Welt gewonnen und kontrolliert nun ganz offiziell per ordre Trump die Stra&szlig;e von Hormus und darf Agenturmeldungen zufolge zwei Millionen US-Dollar Maut f&uuml;r jedes Schiff kassieren, das die ehemals offene Meerenge passiert. Bei allein 30.000 Tankern pro Jahr sind dies stolze 60 Milliarden US-Dollar &ndash; gezahlt wohlgemerkt nicht in Dollar, sondern chinesischen Yuan. Bezahlt werden diese indirekten Reparationen vor allem von den US-Verb&uuml;ndeten am Persischen Golf und deren Kunden in Asien; indirekt landet die Rechnung nat&uuml;rlich in Teilen auch bei den Endkunden in Europa und den USA, aber die Zusammenh&auml;nge sind viel zu komplex, als dass der Michel oder Joe the Plumber sie verstehen w&uuml;rde.<\/p><p>Abseits der hier geschilderten Trump-Perspektive sieht es freilich vollkommen anders aus. China hat sich als Vermittler hinter den Kulissen einmal mehr als eigentliche Schutzmacht f&uuml;r die Weltordnung erwiesen. Europa ist moralisch am Ende und hat in der Weltpolitik nicht einmal mehr eine Nebenrolle. Netanjahu kann sich freuen, da er einmal mehr die Region ins Chaos gest&uuml;rzt und so sein politisches &Uuml;berleben verl&auml;ngert hat. Und die USA? Sofern sie &uuml;berhaupt noch ein Gesicht zu verlieren hatten, so haben sie es nun endg&uuml;ltig verloren. Die ehemalige Weltmacht Nummer Eins ist nurmehr ein grotesk anmutender Schurkenstaat, der anderen L&auml;ndern offen mit Ausl&ouml;schung droht, das Recht des St&auml;rkeren zelebriert und die Welt in eine Showb&uuml;hne f&uuml;r ein traurig-groteskes Theaterspiel verwandelt. Es ist zu bef&uuml;rchten, dass der Irankrieg dabei nicht der letzte Akt war.<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0e1afd85b768427dabc97ff3e234ded9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal gleicht die Art und Weise, wie sich Weltgeschichte dem Publikum offenbart, einem absurden Theaterst&uuml;ck. 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