{"id":14889,"date":"2012-10-30T13:42:54","date_gmt":"2012-10-30T12:42:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14889"},"modified":"2015-05-02T10:28:03","modified_gmt":"2015-05-02T08:28:03","slug":"piratenpartei-politisches-betriebssystem-mit-bugs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=14889","title":{"rendered":"Piratenpartei: Politisches Betriebssystem mit Bugs"},"content":{"rendered":"<p>Es sind schlechte Zeiten f&uuml;r Piraten. W&auml;hrend die Partei sich bei den Umfragewerten bedrohlich der FDP n&auml;hert, ist im Bundesvorstand der offene Krieg ausgebrochen. Ende letzter Woche erkl&auml;rte die Vorstands-Piratin Julia Schramm ihren R&uuml;cktritt und ihr Kollege Matthias Schrade schleuderte dem politischen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Johannes Ponader in bester Wildwest-Manier entgegen, dass diese Partei zu klein f&uuml;r sie beide sei. Die Piraten-Revolution frisst ihre Kinder. Ponaders Vorg&auml;ngerin sagte einst: &bdquo;Wir bieten kein Programm, sondern ein Betriebssystem&ldquo;. Es scheint so, als sei dieses Betriebssystem noch in einem sehr fr&uuml;hen Alpha-Stadium und noch lange nicht so weit, um professionell eingesetzt zu werden. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nBei all dem Hauen und Stechen an der Parteispitze geraten die inhaltlichen Aspekte immer mehr in den Hintergrund. Zumindest Letzteres d&uuml;rfte den Piraten gelegen kommen, haben sie es in den sechs Jahren ihres Bestehens doch immer noch nicht geschafft, sich programmatisch zu positionieren. Zu nahezu allen &ndash; auch au&szlig;erhalb der Piratenbasis &ndash; als wichtig anzusehenden Themen, wie der Rente oder der Wirtschafts- und Finanzpolitik, hat die Piratenpartei keine oder nur eine kl&auml;glich d&uuml;rre Meinung. Stattdessen werden im <a href=\"https:\/\/lqfb.piratenpartei.de\/lf\/area\/show\/3.html\">Liquid Feedback<\/a> munter oft diametral unterschiedliche Positionspapiere heftig diskutiert. Was am Ende als Formelkompromiss dabei herauskommt, ist meist entt&auml;uschend nichtssagend. Das komplette offizielle &bdquo;<a href=\"http:\/\/wiki.piratenpartei.de\/Positionspapiere\/ESM-Vertrag\">Positionspapier<\/a>&ldquo; der Piratenpartei zum Thema ESM besteht beispielsweise aus einer einzigen Binse: &bdquo;Die Piratenpartei kritisiert die demokratischen Defizite bei der Entstehung des ESM-Vertrags.&ldquo; Ist das alles? Offensichtlich ja.<\/p><p>Es mag unfair klingen, eine vergleichsweise junge Partei an ihrem Programm zu Themen zu messen, die nun nicht unbedingt zu ihren Kernkompetenzen geh&ouml;ren. Aber selbst bei den origin&auml;ren Piraten-Themen sieht es kaum besser aus. So kann man die Positionierung der Piraten zum Thema <a href=\"http:\/\/pantelouris.de\/2012\/04\/22\/liebe-piraten-wie-mache-ich-das-jetzt-mit-meinem-ebook\/\">Urheberrecht<\/a> selbst  bei wohlwollender Betrachtung nur als vage, realit&auml;tsfern und l&uuml;ckenhaft <a href=\"http:\/\/pantelouris.de\/2012\/04\/22\/liebe-piraten-wie-mache-ich-das-jetzt-mit-meinem-ebook\/\">bezeichnen<\/a>. Ist es wirklich altmodisch, von einer politischen Partei eine programmatische Ausrichtung zu erwarten? Ist es unmodern, Politik nicht auf einer philosophischen, sondern auf einer inhaltlichen Ebene zu definieren? Wenn dem so sein sollte, sind die Piraten modern &ndash; w&auml;hlbarer sind dadurch aber nicht.<\/p><p>Marina Weisbands Aphorismus vom Betriebssystem Piratenpartei mag sich schneidig anh&ouml;ren und vor allem in piratenaffinen Kreisen auch auf Beifall sto&szlig;en. Wenn dieses Betriebssystem allerdings nicht mit Inhalten gef&uuml;llt sondern zum Selbstzweck degradiert wird, bleibt bei derlei politischem Metadiskurs nichts als schw&uuml;lstiges Pathos &uuml;brig.<\/p><p><strong>Wer bunte V&ouml;gel w&auml;hlt, bekommt auch bunte V&ouml;gel geliefert<\/strong><\/p><p>Dass die Massenmedien jede noch so kleine Personalquerele ausschlachten und Inhalte gerne in den Hintergrund stellen, ist nicht neu. Neu ist auch nicht, dass aus dieser Form der Berichterstattung auch schnell eine Kampagne werden kann, wenn die betreffende Partei ohnehin bereits im weltanschaulichen Fadenkreuz dieser Medien steht. Man sollte sich jedoch tunlichst davor h&uuml;ten, die negative Presse zur Piratenpartei mit dem Kampagnenjournalismus gegen die Linkspartei in einen Topf zu werfen. Anders als die Piratenpartei hat die Linkspartei ein sehr scharfes inhaltliches Profil, mit dem sich die Medien vortrefflich auseinandersetzen k&ouml;nnten, es aber nicht tun. Mehr noch, die Piratenpartei hat durch die demokratische Wahl ihrer Parteigremien selbst daf&uuml;r gesorgt, dass nun sie im Fokus der Kritik steht.<\/p><p>Wer Selbstdarsteller, die Politik vornehmlich als B&uuml;hne in eigener Sache begreifen, in die Gremien w&auml;hlt, darf sich auch nicht dar&uuml;ber beschweren, wenn diese Personen exakt das tun, was man von ihnen erwartet. Bei aller Sympathie f&uuml;r &bdquo;bunte V&ouml;gel&ldquo; darf doch der Parteibasis nicht entgangen sein, dass Personen wie Julia Schramm, Johannes Ponader oder <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/Trollcon-Christopher-Lauer-ist-Troll-des-Jahres-1733470.html\">Christopher Lauer<\/a> keine zur&uuml;ckhaltenden Moderatoren sind, die es schaffen k&ouml;nnten, die verschiedenen inhaltlichen Str&ouml;mungen der Partei zu einem Konsens zu bringen. Eben dies w&auml;re bei einer, im guten wie im schlechten Sinne, streitlustigen und transparenten Partei aber zwingend n&ouml;tig. Sich nun dar&uuml;ber aufzuregen, dass Frau Schramm ihre Politikkarriere dazu missbraucht, ein absurd hohes Autorenhonorar von 100.000 Euro einzustreichen und dabei nebenbei mit der b&ouml;sen &bdquo;Content-Mafia&ldquo; zusammenarbeitet, und die Herren Ponader und Lauer keine Gelegenheit auslassen, sich auf &ouml;ffentlicher B&uuml;hne zum Affen zu machen, ist bigott. Dass diese Personen, im Positiven wie im Negativen, unkonventionell sind und anders ticken, war der Parteibasis auch schon bekannt, als sie sie w&auml;hlte. Eine Partei, die nicht nur graue Apparatschiks, sondern auch bunte Paradiesv&ouml;gel in Spitzenpositionen haben will, darf sich auch nicht dar&uuml;ber beschweren, wenn diese Paradiesv&ouml;gel ihr Gefieder aufplustern. <\/p><p><strong>Wenn Postmaterialismus sich mit Gutsherrendenken trifft<\/strong><\/p><p>Genauso bigott ist jedoch der unterirdische Rat des Piraten-Chefs Bernd Schl&ouml;mer an seinen politischen Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer und ehemaligen Hartz-IV-Aufstocker Johannes Ponader, lieber einmal &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/der-soll-mal-arbeiten-parteichef-bernd-schloemer-hackt-auf-problem-pirat-ponader-herum_aid_839345.html\">zu arbeiten<\/a>&ldquo;, anstatt &bdquo;Modelle vorzustellen, die Berufst&auml;tigkeit zu umgehen&ldquo;. Damit spielte Schl&ouml;mer auf das Vorhaben Ponaders an, seine Arbeit als politischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer durch freiwillige Spenden seiner Unterst&uuml;tzer finanzieren zu lassen. Schl&ouml;mer vertritt die Ansicht, dass es f&uuml;r &bdquo;Menschen, die einem Beruf nachgehen, nicht nachvollziehbar [sei], wenn sich jemand durch Spenden alimentieren lassen will&ldquo;. Dies mag Schl&ouml;mers private Meinung sein, steht jedoch im elementaren Widerspruch zu den wenigen politischen Inhalten, die bei den Piraten tats&auml;chlich konsensf&auml;hig sind. Spendenfinanzierte Projekte, wie beispielsweise die Wikipedia, aber auch die NachDenkSeiten, werden von den Piraten ja gerade eben als sinnvolle Alternative f&uuml;r mehr Transparenz und Unabh&auml;ngigkeit abseits der traditionellen Finanzierungsmodelle gelobt. Nimmt man Schl&ouml;mer beim Wort, wird weder bei der Wikipedia noch bei den NachDenkSeiten gearbeitet. Herr Schl&ouml;mer, diese Unterstellung ist &ndash; mit Verlaub &ndash; nicht nur dummdreist, sie untergr&auml;bt auch alles, wof&uuml;r die Piratenpartei zu stehen vorgibt. <\/p><p>In letzter Konsequenz ist Schl&ouml;mers Vorstellung von Politik h&ouml;chst elit&auml;r. Nur derjenige darf ein politisches Amt ergreifen, der es sich leisten kann, Politik als Hobby zu betreiben. Nun hat aber nicht jeder politisch Engagierte das Gl&uuml;ck, wie Schl&ouml;mer einer verbeamteten und gut dotierten T&auml;tigkeit im Bundesverteidigungsministerium nachzugehen, bei der sich die Arbeitsverdichtung offenbar in Grenzen h&auml;lt und eine zeitraubende Nebent&auml;tigkeit im Spitzengremium einer Partei zul&auml;sst. Auch wenn die Piraten in allen anderen Fragen sehr modern daherkommen, bei der Frage der Honorierung politischer Arbeit stehen sie auf einer Stufe mit den reaktion&auml;ren Baronen der Kaiserzeit, die ebenfalls bestimmte Schichten der Bev&ouml;lkerung aus der Politik fernhalten wollten, da Politik angeblich nur etwas f&uuml;r diejenigen sei, die es sich auch leisten k&ouml;nnen. <\/p><p>Eine inhaltslose H&uuml;lle braucht niemand &ndash; erst recht nicht die W&auml;hler, die ohnehin schon politikverdrossen sind. Paradiesv&ouml;gel, denen es um eine aufmerksamkeits&ouml;konomische Maximierung ihrer Selbstdarstellung geht, braucht ebenfalls niemand &ndash; erst recht nicht die W&auml;hler, die ohnehin schon politikerverdrossen sind. Und eine Partei, die ihre Spitzengremien de facto f&uuml;r alle B&uuml;rger verschlie&szlig;t, die nicht finanziell unabh&auml;ngig sind, braucht auch niemand &ndash; erst recht nicht die W&auml;hler, die ohnehin schon systemverdrossen sind. Wenn die Piratenpartei es nicht schafft, sich selbst zu reformieren und zu professionalisieren, wird sie das Schicksal einer politischen Eintagsfliege ereilen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/8a17d5f1cad14a57b3d9a9fc04d33f2d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind schlechte Zeiten f&uuml;r Piraten. W&auml;hrend die Partei sich bei den Umfragewerten bedrohlich der FDP n&auml;hert, ist im Bundesvorstand der offene Krieg ausgebrochen. 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