{"id":148901,"date":"2026-04-09T16:11:27","date_gmt":"2026-04-09T14:11:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148901"},"modified":"2026-04-09T17:21:18","modified_gmt":"2026-04-09T15:21:18","slug":"mario-adorf-mehr-geht-nicht-als-charakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148901","title":{"rendered":"Mario Adorf &#8211; mehr geht nicht als Charakter"},"content":{"rendered":"<p>Die herrschende Kulturgeschichte legt ebenso Wert darauf, gesellschaftliche Zusammenh&auml;nge zu zerst&uuml;ckeln, wie gro&szlig;e Charaktere in Nachrufen um ihre Facetten zu enteignen. Engagement gegen NATO-Kriegsprofiteure ist dann etwas f&uuml;r schrullige, schrille Au&szlig;enseiter. Gro&szlig;e Unterhaltungskunst hingegen wird erst gewaltt&auml;tig entpolitisiert und dann monumentalisiert. So auch jetzt die Nachrufe auf den gro&szlig;en Mario Adorf. Echte Stars d&uuml;rfen halt keine Vorbilder f&uuml;r die Friedensbewegung werden. Von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nMan muss die KI schon kr&auml;ftig sch&uuml;tteln, um bei Prominenten auf ihr linkes Engagement zu sto&szlig;en. Widerwillig und erst beim sechsten Anlauf gibt ChatGPT Mario Adorfs &bdquo;linksliberale Einstellung&ldquo; preis. Und, nein, es g&auml;be auch &bdquo;keine verl&auml;sslichen Hinweise darauf, dass Mario Adorf zu den prominenten Unterzeichnern &hellip;&ldquo; geh&ouml;rt habe.<\/p><p>Dabei hatte mir Mario Adorf 1980 nach F&uuml;rsprache des gemeinsamen Freundes Dieter Hildebrandt im M&uuml;nchner Keller der &bdquo;Lach- &amp; Schie&szlig;gesellschaft&ldquo; pers&ouml;nlich die Unterschrift unter den Krefelder Appell gegen die NATO-Raketen gegeben. Und war auch dort aufgef&uuml;hrt. Im Sp&auml;therbst 2014 sammelten Gabriele Krone-Schmalz und andere &ndash; trotz und wegen des &bdquo;Krim-Konflikts&ldquo; &ndash; Unterschriften f&uuml;r Frieden mit Russland und gegen das Feindbild Putin. Unterschrieben hatten bereits Egon Bahr, Gerhard Schr&ouml;der &hellip; und Mario Adorf. Der geheimdienstlich-mediale Komplex, der bis in Wikipedia und ChatGPT &uuml;ber Promibiographien schaltet und waltet, kochte &uuml;ber. Und bastelte einen halbprominenten Gegen-Aufruf &ndash; zugunsten der NATO.<\/p><p>Ob Mario Adorf den Karl Marx im Dokumentar-Spielfilm oder den Schurken in &bdquo;Winnetou&ldquo; spielte, ob den &bdquo;Gro&szlig;en Bellheim&ldquo; und den &bdquo;Schattenmann&ldquo; (wo wir gemeinsam in Frankfurt vor Dieter Wedels Kamera standen), ob er den Kommissar in &bdquo;Die verlorene Ehre der Katharina Blum&ldquo; oder in &bdquo;Kir Royal&ldquo; den Klebe-Fabrikanten Haffenloher (&bdquo;ich schei&szlig; dich zu mit meinem Geld&ldquo;) &ndash;&nbsp; es ist oft diese Dialektik aus zartgef&uuml;hlter S&uuml;ffisanz und rheinischer Stoffeligkeit, aus welcher er Partikel f&uuml;r Pers&ouml;nlichkeiten funkeln l&auml;sst. Die wirklich gro&szlig;en Charakter-Darsteller lernen erst, Rollen auf K&ouml;rperdistanz zu halten und ihnen hernach erst und allm&auml;hlich eigene Facetten wieder beizumischen. Mario Adorf &ndash; Sohn einer Alleinerziehenden in nicht eben beg&uuml;nstigten Verh&auml;ltnissen in der Eifel &ndash; hat, wie kaum ein anderer, seine Schauspielkunst aus der Herausbildung eigener biographischer Reichhaltigkeit gesch&ouml;pft. Und dann erst, z&ouml;gerlich dosierend, (er-)probend, eigene Ingredienzien daraus in die Rolle eingespielt.<\/p><p>Gerade darum ist es eine Erbs&uuml;nde des geheimdienstlich-medialen Komplexes, prominente Biographien zu versimpeln, politische Seiten, wie ihre aktivierbare Friedenssehnsucht, aus deren Talent zu sezieren, um aller Welt ein Vorbild in Angepasstheit vorzugaukeln und zu hinterlassen.<\/p><p>Als wir uns in M&uuml;nchen k&uuml;rzlich wieder trafen, betonte Mario Adorf, dass er kein Wort an dem Friedens-Appell von 2014 zu bereuen habe, in dem ja ausdr&uuml;cklich vom Sicherheitsbed&uuml;rfnis Russlands die Rede war. Spannend war in diesem Gespr&auml;ch aber auch, wie er mir von seiner Begegnung mit Bertolt Brecht und Helene Weigel in den F&uuml;nfzigern erz&auml;hlt hat. Brecht habe den jungen Schauspielern gesagt, seine Regeln des &bdquo;antiaristotelischen Theaters, der V-Effekte und des Epischen&ldquo; seien zwar zun&auml;chst eisern aufgestellt worden, sollten aber doch lebendig eher nur als Anhaltspunkte taugen und keinesfalls einsch&uuml;chternd. Diese Dialektik aus intellektueller Regelvorgabe und Fingerspitzengef&uuml;hl in der Praxis hat das Schau-Spiel Mario Adorfs gro&szlig; gemacht. Und, ja, auch f&uuml;r die Lebenspraxis von Intellektuellen und Politikern k&ouml;nnten Regeln wirkm&auml;chtiger werden, wenn sie mit ihren Widerworten und Ausnahmen in Fleisch und Blut &uuml;bergehen, als durch Verbote.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die herrschende Kulturgeschichte legt ebenso Wert darauf, gesellschaftliche Zusammenh&auml;nge zu zerst&uuml;ckeln, wie gro&szlig;e Charaktere in Nachrufen um ihre Facetten zu enteignen. Engagement gegen NATO-Kriegsprofiteure ist dann etwas f&uuml;r schrullige, schrille Au&szlig;enseiter. Gro&szlig;e Unterhaltungskunst hingegen wird erst gewaltt&auml;tig entpolitisiert und dann monumentalisiert. So auch jetzt die Nachrufe auf den gro&szlig;en Mario Adorf. Echte Stars d&uuml;rfen halt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148901\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":148902,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,917],"tags":[1120,1678,747],"class_list":["post-148901","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-friedensbewegung","tag-kuenstler","tag-nachruf"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/260409_Adorf-Nachruf-titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148901","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=148901"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148901\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":148912,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/148901\/revisions\/148912"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/148902"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=148901"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=148901"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=148901"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}