{"id":148943,"date":"2026-04-12T12:00:31","date_gmt":"2026-04-12T10:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148943"},"modified":"2026-04-10T15:25:49","modified_gmt":"2026-04-10T13:25:49","slug":"der-zerfall-der-weltordnung-ein-buch-ueber-den-nord-sued-konflikt-und-die-schwindende-macht-des-westens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148943","title":{"rendered":"\u201eDer Zerfall der Weltordnung\u201c \u2013 ein Buch \u00fcber den Nord-S\u00fcd-Konflikt und die schwindende Macht des Westens"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/zerfall-der-weltordnung.html\">&bdquo;Der Zerfall der Weltordnung&ldquo; hei&szlig;t das neue Buch<\/a> des &Ouml;konomen Patrick Kaczmarczyk. Aktueller k&ouml;nnte ein Titel kaum sein &ndash; angesichts Iran-Krieg, steigender Energiepreise und brennender &Ouml;lterminals. Die Sache hat jedoch einen Haken! Um diese Fragen geht es in dem Buch gar nicht &ndash; oder bestenfalls nur am Rande. Kaczmarczyk geht das Ganze n&auml;mlich viel grunds&auml;tzlicher an. Er ist Entwicklungs&ouml;konom, es geht ihm also um den Globalen S&uuml;den, um die Frage, weshalb dieser heute noch abgeh&auml;ngt ist, und vor allem, was in der Entwicklungspolitik grunds&auml;tzlich schiefl&auml;uft. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie zerfallende Weltordnung, die Kaczmarczyk beschreibt, ist letztlich jene Weltordnung, die auf der Idee des Freihandels aufbaut, die &uuml;ber Jahrzehnte von Institutionen wie dem Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF) und der Weltbank gepr&auml;gt wurde und die der globale Westen auch gerne als &bdquo;regelbasierte Ordnung&ldquo; bezeichnet. Was an deren Stelle tritt; ist noch unklar. Kaczmarczyk jedenfalls beklagt nun den &bdquo;Aufstieg autokratischer Politiker und M&auml;chte, das Wiederaufflammen nationalistischer Ressentiments, die Abkehr vom Liberalismus und die wachsende Tendenz zur nationalen Abschottung&ldquo;. (S. 12) Er zitiert den italienischen Philosophen Antonio Gramsci, der diese &Uuml;bergangszeit (&bdquo;Interregnum&ldquo;) als &bdquo;Zeit der Monster&ldquo; beschrieb. (S. 31)<\/p><p><strong>Umtriebiger &Ouml;konom<\/strong><\/p><p>Kaczmarczyk ist derzeit am Kompetenzzentrum f&uuml;r Transformationsforschung der Universit&auml;t Mannheim besch&auml;ftigt. Dort hatte er im vergangenen Jahr zusammen mit dem Wirtschaftsprofessor Tom Krebs die viel beachtete Studie <a href=\"https:\/\/www.uni-mannheim.de\/newsroom\/presse\/pressemitteilungen\/2025\/juni\/ruestung-ohne-rendite\/\">&bdquo;R&uuml;stung ohne Rendite&ldquo;<\/a> verfasst. Davor war er Leiter f&uuml;r volkswirtschaftliche Grundsatzfragen beim Wirtschaftsforum der SPD und au&szlig;erdem in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit t&auml;tig, unter anderem f&uuml;r die Welthandels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNCTAD). Daher r&uuml;hrt auch sein enger Kontakt zu dem fr&uuml;heren UNCTAD-Chefvolkswirt Heiner Flassbeck, der das Vorwort zum Buch geschrieben hat. Beim Westend-Verlag sind von Kaczmarczyk au&szlig;erdem die Werke &bdquo;Raus aus dem Ego-Kapitalismus&ldquo; und &bdquo;Kampf der Nationen&ldquo; erschienen.<\/p><p>Was Kaczmarczyk letztlich antrieb, erneut zur Feder zu greifen, ist das in Deutschland traditionell stark ausgepr&auml;gte Desinteresse an Fragen der internationalen Handelspolitik. Dazu erz&auml;hlt er gern eine Anekdote, die ebenfalls mit der UNCTAD und Heiner Flassbeck zu tun hat. Letzterer habe ihm n&auml;mlich einmal gesagt, dass sich bei der Vorstellung des UNCTAD-Berichts manchmal nur ein einziger Journalist in die Bundespressekonferenz verirrt hatte. Deswegen sei in Deutschland die offizielle Pr&auml;sentation des Berichts schon in den fr&uuml;hen 2000er-Jahren eingestellt worden. Hinzu kommt dann noch Kaczmarczyks Unverst&auml;ndnis f&uuml;r allzu kleinteilige Kritik an der deutschen Entwicklungspolitik, wie sie sich zuletzt etwa in dem Schlagwort der &bdquo;Radwege in Peru&ldquo; ausdr&uuml;ckte. Sodann schreibt er: &bdquo;Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch dazu beitr&auml;gt, um die L&uuml;cke zwischen Desinteresse und primitivem Populismus mit Inhalt zu f&uuml;llen &ndash; und so f&uuml;r ein besseres Verst&auml;ndnis in Fragen der internationalen Wirtschaftspolitik zu sorgen.&ldquo; (S. 50)<\/p><p><strong>Globaler Erfolg nur wenig global<\/strong><\/p><p>Doch was hat Kaczmarczyk nun zu der aktuellen Weltordnung zu sagen? Seiner Ansicht nach waren die Erfolge der Globalisierung nur wenig global. Einzig die asiatischen Tigerstaaten (S&uuml;dkorea, Taiwan, Hongkong, Singapur) und China konnten bedeutende Fortschritte erzielen. Das sind ausgerechnet jene &Ouml;konomien, die nicht die &bdquo;g&auml;ngigen Regeln der Wirtschaftsordnung&ldquo; umgesetzt haben. Den Wandel in diesen L&auml;ndern f&uuml;hrt Kaczmarczyk vielmehr auf gezielte staatliche Strategien, massive Investitionen in Bildung und Infrastruktur sowie eine kluge wirtschaftspolitische Steuerung zur&uuml;ck. &bdquo;Von einem sich selbstregulierenden Markt, der von sich aus f&uuml;r eine Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse sorgen w&uuml;rde &ndash; wie es die &acute;Konvergenztheorie&acute; des &ouml;konomischen Mainstreams vorhersagt &ndash; ist empirisch nichts zu sehen&ldquo;, schreibt er weiter. (S. 142)<\/p><p>Die Integration der &uuml;brigen Entwicklungsl&auml;nder in die globale &Ouml;konomie sei dagegen katastrophal verlaufen. So habe die Liberalisierung der Kapitalm&auml;rkte in weiten Teilen des Globalen S&uuml;dens zu Instabilit&auml;t und Chaos gef&uuml;hrt. Kaczmarczyk verweist zudem auf einen Teufelskreislauf aus hohen Refinanzierungskosten, Klimaschocks, einer strukturell benachteiligten Position im Welthandel und Weltfinanzsystem sowie einer wenig diversifizierten Wirtschaftsstruktur. In der Folge lebten heute mehr als 3,3 Milliarden Menschen in L&auml;ndern, in denen die Ausgaben f&uuml;r Zinsen die Ausgaben f&uuml;r Gesundheit oder Bildung &uuml;bersteigen. &bdquo;Viele L&auml;nder mussten die Erfahrung machen, dass die formale Unabh&auml;ngigkeit, die sie im Laufe der Zeit erlangen konnten, sich nicht auf ihre wirtschaftspolitische Souver&auml;nit&auml;t und Freiheit erstreckte&ldquo;, schreibt er. (S. 182)<\/p><p><strong>Von China bis Haiti<\/strong><\/p><p>Anschauungsmaterial liefert Kaczmarczyk reichlich. Die Beispiele reichen von dem bereits erw&auml;hnten Aufsteiger China bis hin zu &bdquo;failed states&ldquo; wie Haiti und Simbabwe, die heute noch massiv unter den Folgen der Kolonialzeit zu leiden h&auml;tten. Ein weiterer pr&auml;gnanter Fall ist der Franc-CFA (communaut&eacute; financi&egrave;re africaine), ein Zusammenschluss von 14 afrikanischen L&auml;ndern, die in zwei W&auml;hrungsunionen unterteilt sind und deren wirtschaftliches Schicksal nach wie vor stark von der einstigen Kolonialmacht Frankreich abh&auml;ngt. Laut Kaczmarczyk zeigt der Fall CFA in aller Deutlichkeit, wie &bdquo;die konkreten Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie aussehen &ndash; mitsamt der Abh&auml;ngigkeit des Globalen S&uuml;dens vom Norden, dem Verlust der geldpolitischen Souver&auml;nit&auml;t und viel zu hohen Kosten f&uuml;r die Kreditaufnahme&ldquo;. (S. 127)<\/p><p>Einen weiteren Schwerpunkt im Buch bildet die Politik des IWF, der seit den Achtzigerjahren mit seinen marktliberalen Programmen nahezu die gesamte Welt &uuml;berzieht. Privatisierungen, die Liberalisierung des Kapitalverkehrs, die &Ouml;ffnung der M&auml;rkte und der R&uuml;ckzug des Staates aus zentralen Versorgungsbereichen sind in den betroffenen L&auml;ndern seither an der Tagesordnung. Konkret schildert Kaczmarczyk die Auswirkungen in Kenia, Pakistan und vor allem Argentinien. Letzteres ist nicht nur die Heimat von &bdquo;Kettens&auml;gen&ldquo;-Pr&auml;sident Javier Milei, sondern auch das Land weltweit, das die mit Abstand meisten IWF-Kredite erhalten hat. &bdquo;Obwohl das Land lediglich 0,6 Prozent des globalen BIP ausmacht, entfallen auf Argentinien mehr als ein Drittel (34 Prozent) aller IWF-Kredite&ldquo;, schreibt Kaczmarczyk. (S. 162)<\/p><p><strong>Kooperatives Modell<\/strong><\/p><p>Statt der &uuml;blichen marktliberalen Politik schl&auml;gt Kaczmarczyk sodann einen Richtungswechsel hin zu einem kooperativen Modell der internationalen Zusammenarbeit vor, das auf f&uuml;nf Prinzipien aufbaut: Erstens der kurzfristigen Erweiterung der finanzpolitischen Spielr&auml;ume f&uuml;r die Staaten des Globalen S&uuml;dens, zweitens der langfristigen Stabilisierung der Kapitalm&auml;rkte, drittens der Schaffung industriepolitischer Spielr&auml;ume f&uuml;r Entwicklungsl&auml;nder, viertens einer inklusiven Lohn- und Wachstumspolitik und f&uuml;nftens dem Aufbau einer globalen Finanzaufsichts- und Wettbewerbsbeh&ouml;rde. (S. 187) Allerdings ist sich Kaczmarczyk auch der Tatsache bewusst, dass eine solche Liste unter den aktuell herrschenden Bedingungen nicht mehr als reine Utopie ist.<\/p><p>Deutlich realistischer sind dagegen seine Prognosen hinsichtlich der Zukunft des Westens in einer sich zusehends multipolar ausrichtenden Welt. So schreibt er: &bdquo;Obwohl sich die globalen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse verschoben haben (und sich weiterhin zugunsten der L&auml;nder des Globalen S&uuml;dens verschieben werden), bleibt der politische, &ouml;konomische und milit&auml;rische Einfluss der Staaten des Globalen Nordens, der gerade einmal zehn Prozent der globalen Bev&ouml;lkerung ausmacht, &uuml;berproportional hoch. Es ist somit weniger ein &acute;Kontrollverlust&acute;, den wir erlebt haben, sondern lediglich ein Verlust der westlichen Monopolstellung.&ldquo; (S. 48)<\/p><p><em>Patrick Kaczmarczyk: Der Zerfall der Weltordnung. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3987913457, 24 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/zerfall-der-weltordnung.html\">&bdquo;Der Zerfall der Weltordnung&ldquo; hei&szlig;t das neue Buch<\/a> des &Ouml;konomen Patrick Kaczmarczyk. Aktueller k&ouml;nnte ein Titel kaum sein &ndash; angesichts Iran-Krieg, steigender Energiepreise und brennender &Ouml;lterminals. Die Sache hat jedoch einen Haken! Um diese Fragen geht es in dem Buch gar nicht &ndash; oder bestenfalls nur am Rande. 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