{"id":149021,"date":"2026-04-13T09:00:56","date_gmt":"2026-04-13T07:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149021"},"modified":"2026-04-13T09:03:45","modified_gmt":"2026-04-13T07:03:45","slug":"wie-von-agenten-des-gegners-gesteuert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149021","title":{"rendered":"Wie von Agenten des Gegners gesteuert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.<\/strong> Unter der Reichstagskuppel sitzen ratlos die Sozialdemokraten und wissen nicht, warum sie seit Jahren eine Wahl nach der anderen verlieren. Dabei k&ouml;nnten sie schon bei dem deutschen Dichterf&uuml;rsten f&uuml;ndig werden. Johann Wolfgang von Goethe l&auml;sst seinen Faust im Dialog mit dem naiven Gelehrten Wagner sagen: &bdquo;Was ihr den Geist der Zeiten hei&szlig;t, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.&ldquo; Nun muss nicht jedes Mitglied des SPD-Pr&auml;sidiums den &bdquo;Faust&ldquo; gelesen haben, aber einige wichtige S&auml;tze von Marx und Engels sollte es schon kennen. &bdquo;Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden&ldquo;, schrieben die Gr&uuml;nderv&auml;ter der Arbeiterbewegung. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Deutschland und Russland<\/strong><\/p><p>Aber was hat das mit unserem Niedergang zu tun, k&ouml;nnte jetzt der Vorsitzende der SPD, Lars Klingbeil, fragen. Die Antwort liegt auf der Hand. Wenn Lars Klingbeil oder andere f&uuml;hrende Sozialdemokraten sich &auml;u&szlig;ern und Reformen vorschlagen, dann sind das immer Gedanken der Herrschenden.<\/p><p>In einer Grundsatzrede im Oktober 2022 entsorgte der gl&uuml;cklose SPD-Vorsitzende Klingbeil die Ost- und Entspannungspolitik Willy Brandts und Egon Bahrs. Die These, Sicherheit und Stabilit&auml;t in Europa k&ouml;nne es nur mit und nicht gegen Russland geben, habe keinen Bestand mehr, sagte er. Vielmehr gehe es heute darum, &bdquo;Sicherheit vor Russland zu organisieren&ldquo;. Ob es ihm bewusst war oder nicht, er erkl&auml;rte damit einen Leitgedanken der in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg herrschenden Vereinigten Staaten zur Richtschnur der sozialdemokratischen &bdquo;Au&szlig;enpolitik&ldquo;. Ob Zbigniew Brzezi&#324;ski, Henry Kissinger, Paul Wolfowitz oder George Friedman, alle hatten sie in ihren B&uuml;chern oder Reden darauf hingewiesen, dass es Ziel der US-Au&szlig;enpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg war und ist, zu verhindern, dass Deutschland und Russland zusammenarbeiten. Eine enge Partnerschaft dieser beiden gro&szlig;en europ&auml;ischen L&auml;nder w&uuml;rde die Vorherrschaft der USA auf dem eurasischen Kontinent unm&ouml;glich machen. Die Zerst&ouml;rung der Au&szlig;enpolitik des Friedensnobelpreistr&auml;gers Willy Brandt fand den Beifall der CDU, deren Au&szlig;enminister Wadephul mit dem Satz &bdquo;Russland wird immer unser Feind sein&ldquo; noch einmal zu Protokoll gab, dass die Au&szlig;enpolitik der Christdemokraten seit Jahrzehnten von den USA gesteuert wird.<\/p><p>Am 25. M&auml;rz 2026 hielt Lars Klingbeil bezeichnenderweise in der konzernnahen Bertelsmann-Stiftung eine programmatische Rede. Unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Reformen f&uuml;r ein starkes Land&ldquo; sagte er: &bdquo;2026 wird uns Mut abverlangen.&ldquo; Wenn ein Sozialdemokrat heute von Mut spricht, wei&szlig; das Publikum, was ihm bl&uuml;ht: Sozialabbau. Brav betete er altbekannte Forderungen der Wirtschaftsverb&auml;nde herunter: Wir m&uuml;ssen alle l&auml;nger arbeiten, behauptete er, v&ouml;llig unbeeindruckt von steigenden Arbeitslosenzahlen und dem t&auml;glichen Verlust von Industriearbeitspl&auml;tzen. Besonders die Frauen, die viel zu oft Teilzeitarbeit in Anspruch n&auml;hmen, hatte er im Visier. Das Ehegattensplitting will er streichen und ebenso die Mitversicherung der Ehefrauen in der Krankenversicherung. Dass so das Einkommen vieler Ehepaare der Mittelschicht schrumpft, muss ein &bdquo;mutiger Sozialdemokrat&ldquo; in Kauf nehmen. Auch den Beitragssatz f&uuml;r die Rentenversicherung stabil zu halten, sei oberstes Gebot. Auf die Idee, wie in anderen L&auml;ndern allein den Beitragssatz der Arbeitgeber anzuheben, um ein h&ouml;heres Rentenniveau zu finanzieren, kommt ein Sozialdemokrat in Deutschland nicht mehr.<\/p><p>Die Verwahrlosung der sozialpolitischen Vorstellungen der ehemaligen Arbeitnehmerpartei macht nichts deutlicher als der Stolz darauf, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu halten. Die dem Zeitgeist Tribut zollenden Sozialdemokraten der heutigen Tage verteidigen mannhaft eines der schlechtesten Rentenniveaus in Europa. Der Gedanke, dass die deutschen Rentner genauso gute Renten haben wollen wie ihre europ&auml;ischen Nachbarn, kommt ihnen nicht mehr in den Sinn. In &Ouml;sterreich hat ein Standardrentner 800 Euro mehr im Monat! Trotz der schlechten Erfahrungen mit der Riester-Rente haben sich die Sozis mit den Christdemokraten darauf verst&auml;ndigt, die Rente weiter zu privatisieren.<\/p><p>Die Finanzindustrie freut sich, aber viele zuk&uuml;nftige Rentnerinnen und Rentner werden deshalb nicht SPD w&auml;hlen, vor allem weil die Rentenprivatisierung im Ergebnis immer zu Lasten der gesetzlichen Rente geht.<\/p><p><strong>Selbstsch&auml;digende Politik<\/strong><\/p><p>Zu allem &Uuml;berfluss diskutieren Christ- und Sozialdemokraten jetzt dar&uuml;ber, ob man die gro&szlig;en Haushaltsl&ouml;cher nicht mit einer saftigen Mehrwertsteuererh&ouml;hung stopfen k&ouml;nnte. Zwar gibt es Widerspruch, aber vom Tisch ist diese gl&auml;nzende Idee, die die schwergebeutelte Partei weitere W&auml;hlerstimmen kosten w&uuml;rde, noch lange nicht.<\/p><p>Mit stolzgeschwellter Brust verk&uuml;ndete Klingbeil bei seiner Rede in der Bertelsmann-Stiftung, man wolle in Zukunft viel mehr Geld f&uuml;r die R&uuml;stung ausgeben. Selbstverst&auml;ndlich werde man, statt in Deutschland soziale Leistungen zu verbessern, auch in Zukunft mit vielen Milliarden die Ukraine unterst&uuml;tzen, wohl zum Dank daf&uuml;r, dass die Ukrainer im Verbund mit den USA Deutschlands wichtigste Energieleitung Nord Stream gesprengt, so die Wettbewerbsf&auml;higkeit der deutschen Industrie zerst&ouml;rt und die Lebensbedingungen der deutschen Bev&ouml;lkerung nachhaltig verschlechtert haben.<\/p><p>Die Erkl&auml;rung f&uuml;r eine solche unglaublich selbstsch&auml;digende Politik liefert eine angels&auml;chsische Weisheit: Manche Organisationen verhalten sich so, als seien sie von Agenten des Gegners gesteuert. Die Agenten, die die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten steuern, sind bekannt: der Geist der Zeiten, die herrschenden Gedanken, die der Absicherung der Herrschaft derjenigen dienen, die am meisten von der heutigen Gesellschaftsstruktur profitieren. Vielleicht hilft ja Einstein weiter: Die h&ouml;chste Form des Wahnsinns ist es, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten. Nur wenn sich die heutige Sozialdemokratie dem Zeitgeist des die Demokratie untergrabenden Finanz- und &Uuml;berwachungskapitalismus verweigert, wenn sie sich auf ihre Urspr&uuml;nge besinnt und zu den Leitgedanken der &uuml;beraus erfolgreichen Sozialdemokratie Willy Brandts zur&uuml;ckkehrt, wenn sie Krieg, Aufr&uuml;stung, Sozialabbau und Einschr&auml;nkung der Meinungsfreiheit eine Absage erteilt, hat sie wieder eine Chance, das verlorene Vertrauen zur&uuml;ckzugewinnen.<\/p><p>Wer Geld sucht, findet es in der wahnsinnigen Aufr&uuml;stung. Und in den Ukraine-Milliarden, die nur zu Tod und Zerst&ouml;rung f&uuml;hren. Wer die Zukunft gewinnen will, muss in Forschung und Bildung investieren. Wer wei&szlig;, dass ein gutes Bildungswesen Voraussetzung f&uuml;r wirtschaftlichen Aufstieg ist, muss die unkontrollierte Migration stoppen, weil man in Klassen, in denen die H&auml;lfte der Sch&uuml;ler kein Deutsch spricht, nicht mehr unterrichten kann. Wer die Deindustrialisierung aufhalten will, braucht wieder preiswerte Energie, und das geht nur mit Russland. Wer von Demokratie redet, muss die die Gesellschaft zerst&ouml;renden Algorithmen von Big Tech einer demokratischen Kontrolle unterwerfen. Wer die Arbeiter zur&uuml;ckgewinnen will, muss ihre Sprache wieder lernen und nicht &bdquo;Kolleg:innen&ldquo; s&auml;useln. Kurz: Mit Luther muss man wieder lernen, dem Volk aufs Maul zu schauen und, was noch wichtiger ist, mit ihm zu f&uuml;hlen.<\/p><p><em>Dieser Artikel erschien zuerst <a href=\"https:\/\/weltwoche.de\/story\/wie-von-agenten-des-gegners-gesteuert\/\">in der Weltwoche Nr. 15.26<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: photocosmos1\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Zum Niedergang der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.<\/strong> Unter der Reichstagskuppel sitzen ratlos die Sozialdemokraten und wissen nicht, warum sie seit Jahren eine Wahl nach der anderen verlieren. Dabei k&ouml;nnten sie schon bei dem deutschen Dichterf&uuml;rsten f&uuml;ndig werden. 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