{"id":149187,"date":"2026-04-18T12:00:17","date_gmt":"2026-04-18T10:00:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149187"},"modified":"2026-04-17T14:55:16","modified_gmt":"2026-04-17T12:55:16","slug":"spielt-wieder-degenhardt-und-sueverkruep-trotzt-den-vergessenmachern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149187","title":{"rendered":"Spielt wieder Degenhardt und S\u00fcverkr\u00fcp &#8211; trotzt den Vergessenmachern!"},"content":{"rendered":"<p>Ab 1964 wurde aus dem Festival &bdquo;Chanson Folklore International&rdquo; auf der Hunsr&uuml;cker Burg Waldeck ein regelrechtes Labor f&uuml;r Friedensk&uuml;nstler. Aber, obwohl Franz Josef Degenhardt und Dieter S&uuml;verkr&uuml;p dort die ersten und bedeutendsten westdeutschen S&auml;nger gegen den Krieg nach dem Krieg waren: Als es vor 45 Jahren auf die ganz gro&szlig;en B&uuml;hnen in Bonn und Mutlangen ging, durften sie selten ans Mikrofon. Von <strong>Diether Dehm<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGrund war die &bdquo;Kontaktsperre DKP&rdquo;, die damals gegen Kommunisten so &auml;hnlich funktionierte wie heute gegen AfD-Leute, die es ehrlich f&uuml;r Frieden mit Russland meinen. Die damalige Brandmauer wirkte vor 45 Jahren tief hinein in die Linke und die Osterm&auml;rsche, als wir grade begonnen hatten, f&uuml;r die Gro&szlig;kundgebung gegen NATO-Raketen am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten zu mobilisieren. Wir wussten noch nicht, dass diese Kundgebung der Durchbruch w&uuml;rde. Es kamen 350.000 Menschen. Weil seit 30 Jahren mobilisiert worden war &ndash; am geduldigsten von Kommunisten; aber auch, weil jetzt enorme Promi-Namen und Kr&auml;fte von &Ouml;DP\/CSU bis DFU\/SPD-Linken auf den Flyern standen. Nur: Degenhardt und S&uuml;verkr&uuml;p geh&ouml;rten selten dazu. <\/p><p>Klar, viele von uns f&uuml;rchteten oder hofften, ohne es genau lokalisieren zu k&ouml;nnen, dass &uuml;ber DKP-Leute auch Geld aus der DDR heimlich in die westdeutsche Friedensbewegung floss. Kader aus VVN (damals noch nicht antideutsch), DFU, SDAJ, DKP und PL&Auml;NE-Verlag hatten die B&uuml;ndnisbreite &uuml;ber Jahrzehnte anzulegen geholfen &ndash; aber genau deshalb sollten sich ja KP-nahe Aktivisten &bdquo;etwas zur&uuml;ckhalten&rdquo;.<\/p><p>Als Sozialdemokrat und Liedermacher geh&ouml;rte ich zum Sprecherrat bei &bdquo;K&uuml;nstler f&uuml;r den Frieden&rdquo; &ndash; zusammen mit BAP, Peter Maffay, Klaus Lage, Dietmar Sch&ouml;nherr, G&uuml;nter Wallraff, Franz Xaver Kroetz, den bots, Katja Ebstein, Herbert Gr&ouml;nemeyer und Hannes Wader. Immer dabei &ndash; mit seiner eigent&uuml;mlichen Vorliebe f&uuml;rs Radikale in sanften Chansons &ndash; war seit der Burg Waldeck Reinhard Mey. Dann hatte ich noch Unterschriften f&uuml;r den &bdquo;Krefelder Appell&rdquo; gegen NATO-Raketen eingeholt von Roland Kaiser, Mario Adorf, Howard Carpendale, Wolf Biermann und Senta Berger<\/p><p>Die beteiligten Rockstars zollten &bdquo;dem Karratsch&rdquo; (Degenhardt) und &bdquo;dem Dieter&rdquo; (S&uuml;verkr&uuml;p) im privaten Gespr&auml;ch zwar stets allergr&ouml;ssten Respekt, empfanden es aber als gott-medien-gewollt, dass die beiden Kommunisten bei den TV-Aufzeichnungen draussen blieben. Daf&uuml;r rangelten ihre Managements hinter den Kulissen um die besten Pl&auml;tze in der &bdquo;Tagesschau&rdquo;, m&ouml;glichst neben Erhard Eppler, Heinrich B&ouml;ll, sp&auml;ter Willy Brandt und anderen A-Promis. (Die meisten von den Popstars zogen dann, 1999, mit Joschka Fischers NATO-Bombern gegen Belgrad).<\/p><p>Gleichwohl: Degenhardt und S&uuml;verkr&uuml;p wurden beim neuen Friedenslied zuerst genannt &ndash; und meist in einem Atemzug. Dabei waren sie einander un&auml;hnlicher als ein Goldschmied und ein S&auml;belfechter (auch eine Widerlegung des Vorurteils, linke Gleichheitsgrunds&auml;tze st&uuml;nden f&uuml;r Gleichmacherei).<\/p><p>Da klaffte allein schon im Umgang mit der Gitarre ein Unterschied: S&uuml;verkr&uuml;p war als bester deutscher Gitarrist der D&uuml;sseldorfer Jazzband &bdquo;Feetwarmers&rdquo; mehrfach pr&auml;miert worden, setzte seine Virtuosit&auml;t auf dem Griffbrett zum Kommentieren ausgefeilter Texte ein. Dagegen verblieb Degenhardts Gitarrenspiel dem Lagerfeuer der Burg Waldeck und der Jugendbewegung &bdquo;treu&rdquo;, seine Balladentexte nur untermalend. F&uuml;r Kompilzierteres bat er darum sp&auml;ter seinen Sohn Kai mit auf die B&uuml;hne.<\/p><p>Aber beide Liedermacher setzten v&ouml;llig neue, bis heute unerreichte Standards. Ein Satz aus dem D&uuml;sseldorfer Vortrag von Hanns Eisler 1931 erl&auml;utert die Dialektik aus Form und Inhalt, &bdquo;dass jeder neue Musikstil nicht aus einem &auml;sthetisch neuen Standpunkt entsteht, also keine Material-Revolution darstellt, sondern die &Auml;nderung des Materials zwangsl&auml;ufig bedingt wird durch eine historisch notwendige &Auml;nderung der Funktion der Musik in der Gesellschaft &uuml;berhaupt&ldquo;. <\/p><p>Genau darum brauchte damals unser Aufstieg von kleinen Osterm&auml;rschen in vielen Gro&szlig;st&auml;dten zur gro&szlig;en zentralen Auflehnung gegen die NATO-Atomraketen auch die neuen Lieder der beiden. Dass ich in den Achtzigern f&uuml;r eine Million verkaufter Vinylschallplatten f&uuml;r mein Bots-Friedenslied &bdquo;Das weiche Wasser bricht den Stein&rdquo; eine Platin-LP &uuml;berreicht bekam, w&auml;re ohne vorherige Nachhilfe bei Degenhardt und S&uuml;verkr&uuml;p kaum gegl&uuml;ckt &ndash; aber auch (damals!) kaum ohne Biermann. Heute in der (wieder mal: neuen) Un&uuml;bersichtlichkeit brauchen wir solch durchschlagende Songs wieder. Nebst vernetzten Oppositionsmedien, wie es der DKP-nahe PL&Auml;NE-Verlag einst war und die Liederb&uuml;cher aus alternativen Verlagen, die damals schon als &bdquo;moskau-nah&rdquo; immer wieder aus den grossen kommerziellen Reichweiten herausgemobbt wurden &ndash; auch von jenen M&auml;chten, die heute die damaligen Songs vergessen machen wollen.<\/p><p>Degenhardt und S&uuml;verkr&uuml;p wirkten internationalistisch, aber in jener Dialektik, die das &bdquo;Kommunistische Manifest&rdquo; vorschlug: &bdquo;Der Form nach ist der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie ein nationaler.&rdquo; Und so waren die Figuren in ihren Liedern, die b&ouml;sen wie die fortschrittlichen, &uuml;berwiegend deutsche Pers&ouml;nlichkeiten, die gewachsen waren aus regionalen Traditionen im Widerstreit sozialer Anspr&uuml;che. Der Nationalstaat ist Boll- und Regel-Werk f&uuml;r verletzbare Wurzeln. Degenhardt formulierte &ndash; wohl auch in Anlehnung an Woody Guthries heimlicher US-Nationalhymne &bdquo;This land is my land&rdquo; &ndash; sein: &bdquo;Dies Land ist unser Land&rdquo; (&bdquo;aus diesem Land sind meine Lieder, die der Rundfunk nicht mehr bringt&rdquo;).<\/p><p>1982 bat ich als Manager der &bdquo;Zupfgeigenhansel&rdquo; Dieter S&uuml;verkr&uuml;p um ein &bdquo;Heimatlied&rdquo; f&uuml;r deren LP &bdquo;Miteinander&rdquo;. Herausgekommen ist ein lyrisches Meisterwerk: &bdquo;Da liegt das gute Land &hellip; wie hinter Fensterscheiben, ist zum Greifen nah&rdquo;; dann empfahl S&uuml;verkr&uuml;p, &bdquo;dass wir das Land beim Worte nehmen, so, als ob es unsers w&auml;r&rdquo;.<\/p><p>Degenhardt und S&uuml;verkr&uuml;p schufen vollkommen unterschiedliche Skizzen von Gesichtern des Widerstands gegen Krieg und das grosse Geld. S&uuml;verkr&uuml;p entwarf, als fr&uuml;herer Werbedesigner, seine Plattencover und Graphiken selber. F&uuml;r &bdquo;Karratsch&rdquo; malte dessen Schw&auml;gerin Gertrude Degenhardt Illustrationen zu seinen Songs, die in kaum einer friedensbewegten WG-Wohnk&uuml;che fehlen durften.<\/p><p>Beide waren auch in ihrer gemeinsam francophilen Zuneigung v&ouml;llig unterschiedlich. Der vor 1968 illegalisierte Kommunist S&uuml;verkr&uuml;p hatte schon lange mit dem &Uuml;bersetzer franz&ouml;sischer Revolutionslieder Gerd Semmer gearbeitet. Vor seinen eigenen Liedern war daraus eine PL&Auml;NE-LP unter dem Titel &bdquo;Ca Ira&rdquo; entstanden.<\/p><p>SPD-Mitglied Degenhardt war in den Sechzigerjahren Dozent am &bdquo;Institut f&uuml;r europ&auml;isches Recht&rdquo; im francophil gepr&auml;gten Saarbr&uuml;cken und war der gefeierte Star des neuen B&auml;nkellieds in der Tradition von Francois Villon und George Brassens. Sein Hit war damals &bdquo;Spiel nicht mit den Schmuddelkindern&ldquo;. Noch nannte er sich &bdquo;V&auml;terchen Franz&rdquo;, einen &bdquo;versoffenen Chronisten&ldquo;, und erz&auml;hlte von skurril gekr&uuml;mmten Gestalten &ndash; aus Innenansichten des Nachkriegsextremismus, aus der Mitte der &bdquo;formierten Gesellschaft&rdquo;. Bei den gro&szlig;en IG-Metall-Kundgebungen gegen die Notstandsgesetze war er noch der Star, bis er als Anwalt nach 1968 Kommunisten und RAF-Verd&auml;chtige verteidigte und dann mit seinem Kanzleikollegen Groenewold eine Dokumentation &uuml;ber den &bdquo;Ausweisungsterror gegen Pal&auml;stinenser&rdquo; herausgab. 1971 schloss die SPD ihren ber&uuml;hmtesten Liedermacher aus.<\/p><p>Mit S&uuml;verkr&uuml;p und Degenhardt durfte ich auftreten, bei beiden durfte ich als 18-j&auml;hriger Liedermacher wohnen und lernen. Dabei waren beide zwar &bdquo;old school&rdquo;, aber v&ouml;llig verschieden. Bei &bdquo;Karratsch&ldquo; drehte sich das Gespr&auml;ch oft anst&auml;ndig um Unanst&auml;ndiges, um pralle Weine, Weiber und Weisheiten (&bdquo;&hellip; bei Mutter Mathilde, da riecht es gut \/ nach klarem Schnaps, Buletten und Futt &hellip;&rdquo;). Nebst versch&auml;rftem Feixen &uuml;ber angepasst-ideologische Flachpfeifen im Liedermacher-Dress, &uuml;ber den &bdquo;Wildledermantelmann&rdquo; oder &uuml;ber &bdquo;Bodo, genannt der Rote&rdquo; (wobei er Bodo Ramelow noch gar nicht kannte). Es waren k&ouml;stliche Spottlieder auf die Weichsp&uuml;ler der Bewegung. Wollten wir heute Aggregate unserer Widerspenstigkeit neu wieder aufladen, w&auml;re dazu von S&uuml;verkr&uuml;p besonders der sarkastische Song anzuempfehlen: &bdquo;Die Kunst, Andersdenkende vom Sozialismus zu &uuml;berzeugen&rdquo;.<\/p><p>Seit der Waldeck mussten wir uns immer wieder unsere Machtlosigkeit eingestehen, die unter Oppositionellen den Boden bereitete f&uuml;r die Sirenenkl&auml;nge, endlich irgendwo mitzuregieren. Via &bdquo;Marsch durch die Institutionen&rdquo; ein Zipfelchen Macht zu ergattern, wenigstens einen Staatssekret&auml;r zu den pers&ouml;nlichen Freunden z&auml;hlen zu d&uuml;rfen. Aber war dem Gef&uuml;hl der Machtlosigkeit nicht besser mit Kunst beizukommen: als nachhaltigerer Selbsterm&auml;chtigung? Lied und Lyrik von Degenhardt, Festivalkultur und selbstvergewissernde Publikumsreaktionen unterhalb der B&uuml;hne liefern Gegenpower &ndash; ohne mitzuregieren! Auch am Lagerfeuer, am &bdquo;Tisch unter Pflaumenb&auml;umen&rdquo; und anderen mutmachenden Ansprachen von Degenhardt an die &bdquo;Kumpanen&rdquo;.<\/p><p>S&uuml;verkr&uuml;p wirkte unnahbarer, seine Songs sezierender, auch musiktheoretisch auf gr&ouml;&szlig;ere Entfaltung bedacht. Es ging ihm weniger um die Abbildung gro&szlig;er <em>Charaktere<\/em> in kleinen Balladen als um die Spiegelung gro&szlig;er Zusammenh&auml;nge in kleinen <em>Ereignissen<\/em> &ndash; unter Zuhilfenahme nicht billiger Diskrimierung, sondern kostbarer Polemik. Ber&uuml;hmt daf&uuml;r wurde sein Lied &bdquo;Wie man in D&uuml;sseldorf eine Kunstausstellung er&ouml;ffnet&rdquo;.<\/p><p>Als Degenhardt sp&auml;ter in den Balladen vom &bdquo;Horstie Schmandhoff&rdquo; und vom &bdquo;Alten Notar Bolamus&ldquo; den &ouml;konomischen Wiederaufstieg von Faschisten besang, beileibe nicht nur die geheimdienstdurchwirkte NPD, sondern auch die deutschnationalistischen EU-Macher wie H. J. Abs von der Deutschen Bank, begannen viele fr&uuml;here G&ouml;nner des &bdquo;V&auml;terchen Franz&rdquo; zu fr&ouml;steln. Und seit seinem &bdquo;Wenn der Senator erz&auml;hlt&ldquo; (wie der mit &bdquo;alten Freunden aus schwerer Zeit&rdquo; dann wieder unter Adenauer &ndash; H&uuml;ttenwerke und Ferienparadiese gebaut hatte), als Degenhardt damit mehr Kapitalgeschichte in seine Geschichten einlie&szlig;, begann die mediale Resonanz einzufrieren. Auf Zero. Wie l&auml;ngst bei S&uuml;verkr&uuml;p. <\/p><p>V&ouml;llig unterschiedlich, aber gleicherma&szlig;en liebevoll haben dann beide &bdquo;ihre Kommunisten&ldquo; gezeichnet. Und zwar zun&auml;chst gegen die Berufsverbote (f&uuml;r die sich als einziger sp&auml;ter Willy Brandt &ouml;ffentlich entschuldigte) als Nachzeichnung jener &bdquo;menschenfreundlichen Radikalen&rdquo;, die vor 50 Jahren aus dem &ouml;ffentlichen Dienst geworfen wurden. Endlich f&uuml;hrten diese Figuren auch wirkm&auml;chtige Streiks f&uuml;r die 35-Stunden-Woche. Bei S&uuml;verkr&uuml;p: &bdquo;Warum wird so einer Kommunist?&rdquo; und vor allem: &bdquo;Die erschr&ouml;ckliche Moritat vom Krypto-Kommunisten&ldquo;. Und bei Degenhardt: die &bdquo;Natascha Speckenbach&rdquo; und vor allem: &bdquo;Rudi Schulte&ldquo;. <\/p><p>S&uuml;verkr&uuml;ps Ideal-Kommunist trug &bdquo;Unterwanderstiefel&rdquo;, vertilgte t&auml;glich blonde blau&auml;ugige S&auml;uglinge und genoss &bdquo;nur zur Tarnung&rdquo; Bachs H-Moll-Messe &ndash; eine k&ouml;stliche Persiflage auf dumpfen Antikommunismus, Vorl&auml;ufer von heutigen Marktlibert&auml;ren in CDU, SPD, FDP und AfD. Degenhardts eher gebrochener Kommunist Rudi Schulte war ein ruhrp&ouml;ttischer Z&uuml;chter von Tauben, mit denen er &uuml;ber Lenin redete wie Don Camillo mit seinem Jesus am Kreuz. Und bei denen er sich dar&uuml;ber beschwerte, wie er (ausgerechnet er!) gerade von Polpot-Anh&auml;ngern als &bdquo;feiger Revisionist&rdquo; beschimpft worden war &ndash; von Linksradikalismus-Imitatoren, also den Vorl&auml;ufern gr&uuml;nlicher Cancel-Culture. <\/p><p>Als Thomas Rothschild, der eigenwilligste Chronist dieses k&uuml;nstlerischen Aufbruchs seit den Waldeck-Festivals, 1980 sein Fischer-Taschenbuch &bdquo;Liedermacher&ldquo; mit 23 Portraits vorlegte, war ich zwar m&auml;chtig stolz auf die lobenden Zeilen zu meiner Ballade von der sozialdemokratischen &bdquo;Oma Krug&ldquo;. Aber gleichzeitig war ich traurig dar&uuml;ber, wie Rothschild die &bdquo;infame Methode S&uuml;verkr&uuml;p&rdquo; meines Vorbilds reduziert hatte auf ein angebliches &bdquo;Ad-Absurdum-F&uuml;hren&rdquo; durch kabarettistische Wortspielereien (wie &bdquo;sektierischer Ernst&rdquo;, &bdquo;ask&auml;se-bleich und &bdquo;Um-Phallus&rdquo;). Aber vor S&uuml;verkr&uuml;ps gro&szlig;em Chanson &bdquo;Kirschen auf Sahne &ndash; Blutspur im Schnee&ldquo; verneigte sich damals schon auch Thomas Rothschild. Weil er Geschmack hat und es eigentlich auch gar nicht anders geht!<\/p><p>Degenhardt widersprach 1968 den &uuml;ber den sowjetischen Einmarsch auftrumpfenden Antikommunisten: &bdquo;Die schw&auml;rmen jetzt vom goldenen Prag &ndash; und wenn die &lsquo;Gold&lsquo; sagen, meinen die Gold&ldquo;. Bei S&uuml;verkr&uuml;p hiess das sp&ouml;ttisch: &bdquo;BleimSe mir doch weg mit ihrem Schei&szlig;-Vietnam &ndash; nach Prag!&ldquo;. <\/p><p>Selbst Biermann hat in seinem ber&uuml;hmten K&ouml;lner IG-Metall-Konzert im November 1976 (woran der unkluge Schlaumeier Honecker die Ausb&uuml;rgerung aufh&auml;ngte) vom &bdquo;Januskopf des 17. Juni 1953&Prime; geredet: als &bdquo;halbfaschistisch und halb Volksaufstand&ldquo;. Sp&auml;ter, nachdem Biermann vom Wolf zum NATO-Kettenhund geschrumpft war, gelang ihm zur Strafe kein gescheites und bekanntes Lied mehr.<\/p><p>Im Gegensatz zum medienverw&ouml;hnten Biermann wollten S&uuml;verkr&uuml;p und Degenhardt nie arrogant und elit&auml;r auftreten. Diese beiden hochartifiziellen Marxisten haben auch schlichtere Lieder nie verachtet. S&uuml;verkr&uuml;p stellte sich auf der Waldeck sch&uuml;tzend vor grobschl&auml;chtigere Agitprop-Genossen. Degenhardt war mit Freddy Quinn und Drafi Deutscher befreundet. Das liegt daran, dass man eben aus d&uuml;mmerer Kunst kl&uuml;gere Technik folgern kann. Popul&auml;re Unterhaltung braucht Kenntnisse der Trivialit&auml;t. So entfaltete S&uuml;verkr&uuml;p seinen Kinder-Hit &bdquo;Der Baggerf&uuml;hrer Willibald&rdquo; und Degenhardt die deutschen Fassungen der Folksongs &bdquo;Sacco und Vanzetti&rdquo; und &bdquo;Grandola vila morena.&rdquo; <\/p><p>Bei Degenhardts &bdquo;Mutter Mathilde&rdquo; wurden von der Kneipenwirtin jene G&auml;ste besonders z&auml;rtlich versorgt, deren Gesundheit &bdquo;man verarbeitet hat zu Dividendenschrott in der Fabrik &hellip;&ldquo;. Darum sollte Mathildes Kneipe auch plattgemacht werden; von &bdquo;Visavie&rdquo;, von der Fabrikleitung: &bdquo;Man telefonierte den Nazitrupp \/ der sowas am Ende dann f&uuml;r die macht \/ die schlugen dann Tresen und Tische kaputt &hellip; der Staatsanwalt hat mit den Schultern gezuckt \/ ein bisschen aus Angst, ein bisschen aus Freud&acute;.&rdquo; Nur ein Streik konnte der Arbeiterkneipe noch helfen. Und danach: Vertrauensleute machten &bdquo;den Herren von der Fabrikleitung schnell klar: die Werksschreinerei repariert kostenlos \/ bei Mutter Mathilde das Inventar&rdquo;.<\/p><p>Beim Streik in Rheinhausen 1987 waren auch fast alle Kneipiers mit dabei &ndash; in einer Volksfront aus Eigeninteressen: B&auml;cker, &Auml;rzte und Friseure. Betroffene von Deindustrialisierung, sp&auml;ter: von Corona-Lockdowns, Inflation durch NATO-Aufr&uuml;stung und sozialen Leistungsk&uuml;rzungen. <\/p><p>Ich durfte das Solikonzert &bdquo;AufRuhr&rdquo; der &bdquo;K&uuml;nstler f&uuml;r den Frieden&rdquo; vor 40.000 Kolleginnen in der Werkhalle mit Gr&ouml;nemeyer, Wader, Katja Ebstein, Lage u.a. mitorganisieren und moderieren. Campino von den &bdquo;Toten Hosen&rdquo; urinierte auf die B&uuml;hne &ndash; aus &bdquo;Solidarit&auml;t&rdquo; mit den um den Arbeitsplatz K&auml;mpfenden. Zehn Jahre sp&auml;ter zog auch er hinter Joschka Fischer in den Jugoslawien-Feldzug der NATO. <\/p><p>Die Volksfront mit proletarischem Kern &ndash; und weil der Mensch ein Mensch ist: die Arbeitereinheitsfront &ndash; hatte auch S&uuml;verkr&uuml;p in seinem &bdquo;Phrix-Lied&rdquo; im Auge, (&bdquo;Rote Fahnen sieht man besser&rdquo;). Damals, als der <em>WDR<\/em> noch solche Dokumentarfilme senden durfte. Seinen Song untertitelte er augenzwinkernd: &bdquo;F&uuml;r ein Schullesebuch gedacht&rdquo;. <\/p><p>Dieter S&uuml;verkr&uuml;p schrieb f&uuml;r &bdquo;Zupfgeigenhansel&rdquo; den doppelsinnigen Titel &bdquo;Miteinander&rdquo; auf die italienische &bdquo;La Lega&rdquo;-Musik: &bdquo;Im wesentlichen Falle, da brauchen wir uns alle \/ auf diesem Erdenballe, damit er nicht zerknalle \/ Schiebt alle Streitigkeiten \/ f&uuml;r eine Weil&rsquo; beiseiten \/&nbsp;und la&szlig;t uns dr&uuml;ber streiten \/ dereinst in Friedenszeiten. Oli, oli, ola, wir sind miteinander da &hellip;&rdquo;<\/p><p>Ganz anders klang Volksfront bei Degenhardt. Bei ihm tr&auml;gt der Zauber, der auch jedem revolution&auml;ren Anfang werkt&auml;tigen Volks innewohnt, mehr pers&ouml;nliches Gesicht und Charisma:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Jo&szlig; Fritz: &hellip; gejagt, gesucht, versteckt \/ Und die ihn h&ouml;ren und ber&uuml;hren, sind aufger&uuml;hrt und angesteckt \/ Mal ist er M&ouml;nch, mal Landsknecht, Bettler \/ mal zieht ein Gaukler &uuml;ber Land \/ Und mal erkennen ihn Genossen \/ am Muttermal auf seiner Hand \/ das gro&szlig;e B&uuml;ndnis will er kn&uuml;pfen \/ mit Ritter, B&uuml;rger, Bauer, Pfaff \/ Plebejer, Bettler und Soldaten \/ und immer warnt er vor der Hast: \/ La&szlig;t nicht die roten H&auml;hne flattern, ehe der Habicht schreit&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><p>Wollen wir heute den Kriegsmachern trotzen, brauchen wir wieder mehr solcher Balladen. Zur Selbstvergewisserung. Dann muss auch wieder mehr Brecht aufgef&uuml;hrt werden. Und dann k&ouml;nnten bei politischen Versammlungen ruhig auch alte Songs von S&uuml;verkr&uuml;p und Degenhardt geh&ouml;rt, bedacht und er&ouml;rtert werden.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot SWR via YouTube <\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab 1964 wurde aus dem Festival &bdquo;Chanson Folklore International&rdquo; auf der Hunsr&uuml;cker Burg Waldeck ein regelrechtes Labor f&uuml;r Friedensk&uuml;nstler. Aber, obwohl Franz Josef Degenhardt und Dieter S&uuml;verkr&uuml;p dort die ersten und bedeutendsten westdeutschen S&auml;nger gegen den Krieg nach dem Krieg waren: Als es vor 45 Jahren auf die ganz gro&szlig;en B&uuml;hnen in Bonn und Mutlangen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149187\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":149269,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[170,917],"tags":[282,1120,1268,1678,1176],"class_list":["post-149187","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-friedenspolitik","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-buergerproteste","tag-friedensbewegung","tag-kalter-krieg","tag-kuenstler","tag-streik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/degenhardt.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149187","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149187"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149187\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149271,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149187\/revisions\/149271"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/149269"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}