{"id":149215,"date":"2026-04-19T12:00:47","date_gmt":"2026-04-19T10:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149215"},"modified":"2026-04-18T14:14:24","modified_gmt":"2026-04-18T12:14:24","slug":"technofeudalismus-der-plattform-staat-wenn-jeder-buerger-zu-einem-potentiellen-verdachtsfall-wird-serie-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149215","title":{"rendered":"\u201eTechnofeudalismus\u201c &#8211; der Plattform-Staat: Wenn jeder B\u00fcrger zu einem potenziellen Verdachtsfall wird (Serie, Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Wenn durch die Verschiebung staatlicher Funktionslogik jeder B&uuml;rger zu einem potenziellen Verdachtsfall wird, erodiert das Ger&uuml;st der liberalen Demokratie &ndash; nicht laut, nicht revolution&auml;r, nicht mit dem Pathos einer neuen Verfassung, sondern mit Schnittstellen, Registern, &bdquo;Matching-Diensten&rdquo; und Datenh&auml;usern. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob der Staat digital wird, sondern mit welcher Durchdringung er unser Leben &uuml;berwacht, interpretiert und vorherzusagen versucht. Wer diesen Umbau blo&szlig; f&uuml;r ein Modernisierungsprojekt h&auml;lt, verkennt seine politische Tragweite und Brisanz. Von <strong>Detlef Koch<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8423\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-149215-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=149215-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260419_Technofeudalismus_der_Plattform_Staat_Wenn_jeder_Buerger_zu_einem_potentiellen_Verdachtsfall_wird_Teil_3_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Den ersten Teil der Serie finden Sie <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148657\">unter diesem Link<\/a>, den zweiten Teil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148954\">unter diesem Link<\/a>.<\/em><\/p><p>Das Programm <em>(P20)<\/em> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<em> <\/em>entwirft f&uuml;r die deutschen Polizeien eine &bdquo;<em>single digital network<\/em>&ldquo;-Architektur mit zentralem &bdquo;<em>data house<\/em>&ldquo;. Auf europ&auml;ischer Ebene sind biometrische Interoperabilit&auml;tsdienste wie der <em>Shared Biometric Matching Service<\/em> (sBMS)[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>], das <em>Entry\/Exit System<\/em> (EES)[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] und das <em>European Travel Information and Authorisation System<\/em> (ETIAS)[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] Teil der Grenzverwaltung, das Identit&auml;ten, Reisen und Risiken schon vor der Bewegung selbst pr&uuml;ft (Interoperabilit&auml;t ist die F&auml;higkeit unterschiedlicher IT-Systeme, Daten automatisiert, standardisiert und nahtlos auszutauschen sowie effektiv zusammenzuarbeiten). Parallel entstehen im zivilen Bereich Plattformen wie <em>Telematikinfrastruktur <\/em>(TI)[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>], <em>elektronische Patientenakte<\/em> (ePA), <em>Deutsches Elektronisches Melde- und Informationssystem f&uuml;r den Infektionsschutz<\/em> (DEMIS) oder die Analyse- und Datenhaushalte der <em>Bundesagentur f&uuml;r Arbeit<\/em> (BA)[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]. Die operative Frage lautet deshalb nicht mehr, ob der Staat digital wird, sondern mit welcher Durchdringung er unser Leben &uuml;berwacht, interpretiert und vorherzusagen versucht.<\/p><p>Wer diesen Umbau blo&szlig; f&uuml;r ein Modernisierungsprojekt h&auml;lt, verkennt seine politische Tragweite und Brisanz. P20 will die heterogene IT-Landschaft der Polizeien durch standardisierte Dienste und ein zentrales Datenhaus ersetzen, in dem Informationen zusammengef&uuml;hrt, verkn&uuml;pft und &ndash; soweit rechtlich zul&auml;ssig &ndash; anderen Polizeien sowie Justiz- und Ausl&auml;nderbeh&ouml;rden zug&auml;nglich gemacht werden. Bis 2030 sollen verschiedene Informationssysteme, Anwendungen und Prozesse unter dem Dach dieses &Ouml;kosystems zusammenlaufen. Das ist mehr als digitale Aktenpflege. Es ist der &Uuml;bergang von Fachverfahren zu Infrastruktur &ndash; und damit zu einer Form von Macht, die nicht mehr nur &uuml;ber Weisungen, sondern &uuml;ber Architektur ausge&uuml;bt wird.<\/p><p>Gerade die Polizei zeigt, wie weit dieser &Uuml;bergang bereits fortgeschritten ist. Seit 2015 l&auml;sst sich ein klarer Trend von ortsbezogenen Prognosewerkzeugen wie <em>Predictive Monitoring \/ Analysis \/ Prediction<\/em>(PreMAP)[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>], <em>Kriminalit&auml;tsprognose<\/em> (KrimPro)[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>], <em>Kriminalit&auml;tslagebild<\/em>(KLB-operativ)[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>], <em>System zur Kriminalit&auml;tsauswertung und Lageantizipation<\/em> (SKALA)[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] oder <em>Pre Crime Observation System<\/em> (PRECOBS) hin zu verfahrens&uuml;bergreifenden Analyseplattformen beobachten. <\/p><p>In Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern laufen mit hessenDATA, <em>Datenbank&uuml;bergreifende Analyse und Recherche<\/em> (DAR)[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] und <em>Verfahrens&uuml;bergreifende Recherche- und Analyseplattform<\/em> (VeRA) Palantir-basierte Systeme; parallel existieren mit Gesichtserkennungssystem (GES) und Radar Islamistisch-Terroristische Gef&auml;hrderbewertung (RADAR-iTE)[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] bundesweite Infrastrukturen. Der entscheidende Punkt ist nicht der Name der Software. Entscheidend ist der Funktionswandel: weg von der einzelnen Spur, hin zum verkn&uuml;pfbaren Datenraum.<\/p><p>Die Hamburger Forschungsgruppe um Simon Egbert und Susanne Krasmann hat diesen Wandel pr&auml;zise beschrieben. Predictive Policing sei keine totale Revolution, wohl aber eine Z&auml;sur, weil Polizeiarbeit datafiziert und plattformisiert werde. Vorhersagen, Ermittlungsunterst&uuml;tzung und Pr&auml;vention werden in dieselbe datengetriebene Logik eingespannt; die Zukunft der Polizeiarbeit liege in der Verkn&uuml;pfung vielf&auml;ltiger Datens&auml;tze, auch aus polizeiexternen Quellen.[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] Damit verschiebt sich der Modus staatlichen Wissens: von der fallbezogenen Rekonstruktion zum vorausschauenden Vergleich von Zusammenh&auml;ngen, in Fachkreisen auch antizipative Korrelation genannt. Nicht Gewissheit, sondern Relevanz wird zur operativen W&auml;hrung.<\/p><p>Im Bereich Grenzschutz erscheint dieselbe Logik in gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig;stab und mit geringerer Sichtbarkeit. Das operative Gef&uuml;ge aus Schengener Informationssystem (SIS), Visa Information System (VIS), Eurodac, EES und sBMS verschiebt die Kontrolle von der physischen Grenze auf vorgelagerte Datenpr&uuml;fungen. EES registriert Ein- und Ausreisen biometrisch; ETIAS[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] soll visumfreie Reisende anhand von Screening-Regeln, Risikoindikatoren und Watchlists vorab bewerten; das European Search Portal (ESP) und das Common Identity Repository (CIR) sollen getrennte Register in Richtung einer &uuml;bergreifenden Suche und konsolidierten Identit&auml;t verschieben. Hinzu kommen die Dienste des European Border Surveillance System (EUROSUR) Fusion Services, die Anomalien erkennen und Schiffspositionen prognostizieren. So entsteht kein digitaler Schlagbaum, sondern ein dichtes Vorfeld aus Verifikation, Priorisierung und Verdachtsproduktion.<\/p><p>Auch die zivile Verwaltung folgt dieser Plattformlogik. Im Gesundheitsbereich[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] koppeln TI, ePA, E-Rezept, DEMIS, SurvNet@RKI, <em>Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System<\/em> (SORMAS) und <em>Elektronisches Melde- und Informationssystem Gesundheits&auml;mter<\/em> (EMIGA) Versorgung, Meldewesen und Sekund&auml;rnutzung zu zentral oder zentral koordinierten Infrastrukturen. Besonders folgenreich ist die Opt-out-Logik der ePA: Sie verlagert den Schwerpunkt von individueller Einwilligung zur populationsweiten Bereitstellung. In der Arbeits- und Sozialverwaltung bilden Vermittlungs-, Beratungs- und Informationssystem (VerBIS), Arbeitslosengeld II\/Sozialgeld-Leistungsverfahren (ALLEGRO), das Data Warehouse der BA, Datenbasierte operative Ressourcenallokation (DORA) und der Grundsicherungsdatenabgleich einen stark zentralisierten Komplex aus Fallbearbeitung, Auswertung und Kontrolle. Selbst kommunale Datenhubs und digitale Zwillinge in St&auml;dten wie Hamburg, Leipzig oder M&uuml;nchen folgen diesem Muster: Daten werden nicht blo&szlig; gesammelt, sondern als administrativ wirksame Infrastruktur f&uuml;r Zuteilung, Priorisierung, Monitoring und Ressourcensteuerung eingerichtet.<\/p><p>Gerade darin liegt der Kern des Problems. Diese Systeme treffen meist nicht das letzte Urteil. Sie ordnen Aufmerksamkeit. Sie markieren Zonen, Personen, Fahrzeuge, Reisen oder Fallkonstellationen als relevant. Genau darin besteht ihre Macht. Wer Aufmerksamkeit sortiert, verschiebt faktisch Verdacht, Ressourcen und Eingriffsintensit&auml;t. Die entscheidende politische Frage lautet daher nicht, ob Maschinen &bdquo;intelligent&ldquo; sind, sondern wer durch ihre Risikologik sichtbarer, verd&auml;chtiger oder kontrollierbarer wird. Das Europ&auml;ische Netzwerk gegen Rassismus (ENAR)[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] spricht von einem &bdquo;hardwiring&ldquo; diskriminierender Polizeipraktiken, wenn historische Verzerrungen in technische Verfahren eingeschrieben werden. Amnesty International[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] beschreibt predictive policing als Form massenhafter &Uuml;berwachung mit &bdquo;chilling effects&ldquo; (abschreckende Wirkung), Transparenzdefiziten und fehlenden Rechtsbehelfen. <\/p><p>Der B&uuml;rgerrechtsabbau vollzieht sich in diesem Modell nicht als dramatische Suspendierung, sondern als strukturelle Verschiebung. <\/p><p>Erstens wird der Eingriff zeitlich vorverlagert: Nicht erst die Tat oder der konkrete Antrag, sondern bereits Risikozuordnung, Anomalie oder Korrelation k&ouml;nnen operative Reaktionen ausl&ouml;sen. Zweitens wird die Person funktional entgrenzt: Wer in solchen Architekturen erscheint, ist nicht mehr nur Reisender, Patient, Leistungsbezieher oder Beschuldigter, sondern ein verkn&uuml;pfbarer Datenpunkt in mehreren Systemen zugleich. Drittens wird Rechtsschutz asymmetrisch: Betroffene wissen oft nicht, dass sie profiliert wurden, auf welcher Datenbasis dies geschah und wie sie eine maschinell vermittelte Einsch&auml;tzung wirksam anfechten k&ouml;nnten. Das ist kein Randproblem technischer Verwaltung. Das ist die stille Verschiebung vom liberalen Rechtsstaat der Akte zum pr&auml;ventiven Plattformstaat der Korrelation.<\/p><p>Die Informationsasymmetrie ist dabei kein Begleitschaden, sondern Funktionsbedingung. Der Staat &ndash; oft zusammen mit privaten Anbietern &ndash; wei&szlig; immer mehr &uuml;ber die Verkn&uuml;pfbarkeit von Daten, die Herkunft von Signalen und die Logik ihrer Bewertung; der Einzelne wei&szlig; immer weniger dar&uuml;ber, wann er von diesen Prozessen erfasst, gerankt oder weitergereicht wird. Selbst dort, wo Transparenz versprochen wird, bleiben Datenquellen, Schnittstellen und Erfolgsma&szlig;e h&auml;ufig unklar.[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>][<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]<\/p><p>Die Kartierung operativer Polizeisoftware nennt als wiederkehrende Probleme unklare Quellsysteme, den Blackbox-Charakter propriet&auml;rer Plattformen und die Nichtver&ouml;ffentlichung von Erfolgs- und Fehlschlagsdaten aus ermittlungstaktischen Gr&uuml;nden. Kommunale Plattformdokumente wiederum lassen Hosting, Echtzeitkopplung und Entscheidungsautomatisierung oft im Ungef&auml;hren. Das Machtgef&auml;lle entsteht also nicht nur aus mehr Daten, sondern aus ungleichem Wissen &uuml;ber die Regeln ihrer Verkn&uuml;pfung. <\/p><p>Dass diese Entwicklung mit dem Rechtsstaat kollidiert, ist l&auml;ngst sichtbar. Der zentrale Bruch verl&auml;uft dort, wo aus klassischer Datenverarbeitung f&uuml;r konkrete Zwecke eine zweck&auml;ndernde, verfahrens&uuml;bergreifende Analyse wird, die &bdquo;neues Wissen&ldquo; generiert. Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 die damaligen Normen in Hessen und Hamburg zur automatisierten Datenanalyse wegen unzureichender Eingriffsschwellen, mangelnder Normenklarheit und fehlender Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeit beanstandet; die L&auml;nder reagieren nun mit neuen Rechtsgrundlagen. Aber gerade dieser Vorgang zeigt, wie der Abbau von Freiheitsgarantien heute funktioniert: nicht prim&auml;r durch den offenen Bruch, sondern durch die nachtr&auml;gliche Legalisierung eines technisch bereits eingeschliffenen Modus. Erst wird die Infrastruktur geschaffen. Dann ringt das Recht um Anschluss.<\/p><p>Wer diese Entwicklung nur national betrachtet, untersch&auml;tzt ihre Reichweite. F&uuml;r Polizei, Grenze und Milit&auml;r ist nicht &uuml;berall eine gemeinsame F&uuml;hrungsstruktur sichtbar, sehr wohl aber eine funktionale Konvergenz: Datenfusion, Sensorik, Interoperabilit&auml;t und &bdquo;Data-to-Decision&ldquo; pr&auml;gen die operative Grammatik aller drei Felder. Im milit&auml;rischen Bereich ist &ouml;ffentlich vor allem assistierte, nicht vollautonome Nutzung k&uuml;nstlicher Intelligenz (KI) dokumentiert; gerade deshalb ist der Befund so aufschlussreich. Die Macht liegt weniger in der automatisierten Wirkausl&ouml;sung als in &bdquo;digitalen Backbones&ldquo; (digitales R&uuml;ckgrat), Mission Networks, Lagebildsystemen und der Transparenzasymmetrie, die sie erzeugen. <\/p><p>Die politische Pointe ist unangenehm schlicht: Selbst wo Menschen formell entscheiden, entscheiden sie zunehmend in R&auml;umen, deren Relevanzen, Priorit&auml;ten und Sichtbarkeiten technisch vorstrukturiert sind.<\/p><p>Hier helfen die Begriffe der Plattformtheorie weiter. Jos&eacute; van Dijck und ihre Co-Autoren schreiben, Plattformen bildeten soziale Strukturen nicht blo&szlig; ab, sondern produzierten sie. Vili Lehdonvirta beschreibt digitale Plattformen als regelsetzende Autorit&auml;ten, die staatliche Funktionen nachbilden. Auf die aktuelle Entwicklung &uuml;bertragen hei&szlig;t das: Die zentrale Bewegung ist keine Entstaatlichung, sondern eine Neuformatierung staatlicher Macht in Plattformform. Macht organisiert sich weniger &uuml;ber sichtbare Hierarchie und mehr &uuml;ber Zugang zu Infrastrukturen, Standards, Daten und Matching-Diensten. Gerade Palantir in der Polizei, sBMS im Grenzschutz oder TI und ePA im Gesundheitssektor zeigen, dass operative Steuerung an technische &Ouml;kosysteme gebunden wird &ndash; und damit oft auch an private Mitsteuerung.<\/p><p>Deshalb reicht die &uuml;bliche Debatte &uuml;ber &bdquo;mehr Effizienz&ldquo; oder &bdquo;mehr Datenschutz&ldquo; nicht aus. Effizienz ist in diesen Infrastrukturen nie neutral; sie entscheidet dar&uuml;ber, welche Daten anschlussf&auml;hig werden, welche Stellen Zugriff erhalten und welche Lebensbereiche in dieselbe operative Logik gezogen werden. Datenschutz wiederum bleibt notwendig, aber er greift zu kurz, wenn die eigentliche Machtverschiebung in Architekturen, Standards, Beschaffungslogiken und unsichtbaren Bewertungsroutinen liegt. <\/p><p>Der Bericht zu algorithmic accountability im &ouml;ffentlichen Sektor nennt daf&uuml;r die naheliegenden, bisher aber auffallend schwach institutionalisierten Gegenmittel: Transparenz, Folgenabsch&auml;tzungen, Audits, unabh&auml;ngige Aufsicht, Anh&ouml;rungsrechte und Beschaffungsbedingungen. Dass solche Instrumente heute wie Notma&szlig;nahmen wirken, ist bereits Teil der Diagnose.<\/p><p>Nicht einzelne KI-Tools ver&auml;ndern den Staat, sondern die Tatsache, dass Polizei, Grenze, Milit&auml;r und zivile Verwaltung ihre operative Arbeit zunehmend als Plattformbetrieb organisieren. Was als technischer Fortschritt verkauft wird, ist in Wahrheit ein Umbau des Regierens selbst: weg von punktueller Reaktion, hin zu permanenter Verkn&uuml;pfung, Vorpr&uuml;fung und Priorisierung. Der moderne Staat verschwindet nicht im Digitalen. Er wird dort neu gebaut. Die offene Frage ist nicht, ob er dadurch leistungsf&auml;higer wird, sondern ob eine Demokratie, die sich immer tiefer in unsichtbare Infrastrukturen einl&auml;sst, am Ende noch wei&szlig;, wie sie sich selbst vor der totalit&auml;ren &Uuml;bernahme sch&uuml;tzen soll. <\/p><p>Akteure, die den Staat schleichend &uuml;bernehmen, brauchen Zugang zu Parteien, Ministerien, Aufsichtsbeh&ouml;rden und &ouml;ffentliche Deutungsmilieus. Wie Wahlkampfspenden, Think-Tank-Netzwerke, Personalverflechtungen, regulatorische Einflussnahme und die N&auml;he zu bestimmten politischen Lagern &ndash; bis hin zu den religi&ouml;s aufgeladenen Weltbildern des christlichen Fundamentalismus die Macht der Tech-Giganten festigen und sich exzessiver Reichtum in politische Strukturmacht &uuml;bersetzt, davon handelt der 4. Teil dieser Serie.<\/p><p><small>Titelbild: wacomka\/shutterstock.com<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148657\">&bdquo;Technofeudalismus&rdquo; &ndash; das Weltbild: Freiheit, Mensch und Macht (Serie, Teil 1)<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148954\">&bdquo;Technofeudalismus&ldquo; &ndash; das Gesch&auml;ftsmodell der Macht: Monopol, Risiko-Kapital und Plattform&ouml;konomie (Serie, Teil 2)<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bmi.bund.de\/SharedDocs\/downloads\/DE\/publikationen\/themen\/sicherheit\/BMI23004.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=7\">P20\/20<\/a> Im Ergebnis des Programms P20 sollen die circa 320.000 Polizeibesch&auml;ftigten jederzeit und &uuml;berall Zugriff auf die Informationen haben.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/documents\/news\/2018\/jul\/eu-lisa-shared-biometric-matching-service-feasibility-study-report.pdf\">Shared Biometric Matching Service<\/a> (sBMS) ist nur einer der Bausteine der vorgesehenen Interoperabilit&auml;tsarchitektur. Es ist ein gemeinsamer biometrischer Abgleichdienst, der horizontale, standardisierte biometrische Funktionen f&uuml;r verschiedene gro&szlig; angelegte Informationssysteme bereitstellt &ndash; die totale Vernetzung.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/fileadmin\/Redaktion\/Publikationen\/Information\/Info52_EES_bf.pdf\">EES<\/a> &ndash; Das europ&auml;ische Ein- und Ausreisesystem &ndash; EU-Datenbank als grund- und menschenrechtliche Herausforderung<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.statewatch.org\/media\/1235\/sw-automated-suspicion-full.pdf\">ETIAS<\/a> &ndash; Automatisierte Verd&auml;chtigung<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Die Telematikinfrastruktur (TI) soll alle Beteiligten im Gesundheitswesen miteinander vernetzen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] <a href=\"https:\/\/atlas.algorithmwatch.org\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Atlas_der_Automatisierung_von_AlgorithmWatch.pdf\">AW<\/a> &ndash; Automatisierte Entscheidungen und Teilhabe in Deutschland (2019)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] PreMAP &ndash; Software zur Vorhersage von Einbruchskriminalit&auml;t (wo k&ouml;nnte als N&auml;chstes etwas passieren?)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/fachbereich-sowi\/ueber-den-fachbereich\/fachgebiete\/fachgebiet-kriminologische-sozialforschung\/predictive-policing\/egbert-krasmann-2019-predictive-policing-projektabschlussbericht.pdf\">KrimPro<\/a> &ndash; Allgemeines System f&uuml;r statistische Vorhersagen von Straftaten<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] <a href=\"https:\/\/rsm-bst-live.bertelsmann-stiftung.de\/fileadmin\/files\/BSt\/Publikationen\/GrauePublikationen\/predictive.policing.pdf\">KLB-operativ Tool zur aktuellen Lageanalyse (wo passiert gerade was, wo muss Polizei hin?<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] <a href=\"https:\/\/lka.polizei.nrw\/sites\/default\/files\/2018-06\/180208_Abschlussbericht_SKALA.pdf\">SKALA<\/a> &ndash; Prognose von Kriminalit&auml;tsbrennpunkten sowie die Effizienz und Effektivit&auml;t polizeilicher Interventionen<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.landtag.nrw.de\/portal\/WWW\/dokumentenarchiv\/Dokument\/MMD18-1044.pdf\">DAR<\/a> &ndash; Gotham basiert (Analysetool der US-Firma Palantir)<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] <a href=\"https:\/\/algorithmwatch.org\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/AlgorithmWatch_Report-Predictive-Policing.pdf\">iTE = <em>Islamist Terrorists in Europe<\/em><\/a><em> &ndash; <a href=\"https:\/\/www.cilip.de\/2025\/08\/20\/automatisierte-ungerechtigkeit-predictive-policing-in-deutschland\">Automatisierte Ungerechtigkeit<\/a><\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.wiso.uni-hamburg.de\/fachbereich-sowi\/ueber-den-fachbereich\/fachgebiete\/fachgebiet-kriminologische-sozialforschung\/predictive-policing\/egbert-krasmann-2019-predictive-policing-projektabschlussbericht.pdf\">Egbert, S.; Krasmann, S. (2019)<\/a>: <em>Predictive Policing. Eine ethnographische Studie&hellip;<\/em>, Universit&auml;t Hamburg.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.frontex.europa.eu\/what-we-do\/etias-ees\/about-etias\">Das gesamte ETIAS-&Ouml;kosystem<\/a> ist komplex und besteht aus der von Frontex betriebenen ETIAS-Zentrale, den ETIAS-Nationalstellen in 30 europ&auml;ischen L&auml;ndern und dem von eu-LISA entwickelten und gepflegten gro&szlig; angelegten Informationssystem.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ccc.de\/en\/updates\/2025\/epa-transparenz\">CCC<\/a>: Ohne Transparenz kein Vertrauen in elektronische Patientenakte<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.enar-eu.org\/wp-content\/uploads\/data-driven-profiling-web-final.pdf\">ENAR<\/a> Ethnische Profilerstellung f&uuml;hrt zu &uuml;berm&auml;&szlig;iger Polizeipr&auml;senz gegen&uuml;ber Minderheiten und deren Gemeinschaften.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] <a href=\"https:\/\/media.amnesty.org.uk\/documents\/Automated20Racism20Report20-20Amnesty20International20UK20-202025.pdf\">AI-Report Automated Racism<\/a>: Der Einsatz von Vorhersage- und Profilingsystemen zur gezielten &Uuml;berwachung geografischer Gebiete sowie von Einzelpersonen und Gemeinschaften kann die F&auml;higkeit und Bereitschaft der Menschen, ihr Recht auf Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit wahrzunehmen, erheblich beeintr&auml;chtigen.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] <a href=\"https:\/\/wp.oecd.ai\/app\/uploads\/2025\/05\/algorithmic-transparency-in-the-public-sector.pdf\">GPAI (2024)<\/a>: &ldquo;Algorithmic Transparency in the Public Sector: A state-of-the-art report of algorithmic transparency instruments&rdquo;. Report, May 2024, Global Partnership on Artificial Intelligence<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] <a href=\"https:\/\/knowledgehub.transparencycdn.org\/kproducts\/Algorithmic-Transparency_2021.pdf\">Transparency International:<\/a> Algorithmic transparency and accountability\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn durch die Verschiebung staatlicher Funktionslogik jeder B&uuml;rger zu einem potenziellen Verdachtsfall wird, erodiert das Ger&uuml;st der liberalen Demokratie &ndash; nicht laut, nicht revolution&auml;r, nicht mit dem Pathos einer neuen Verfassung, sondern mit Schnittstellen, Registern, &bdquo;Matching-Diensten&rdquo; und Datenh&auml;usern. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob der Staat digital wird, sondern mit welcher Durchdringung er unser<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149215\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":149216,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,126,205],"tags":[1112,1762,2094,1494,1805,3111,421],"class_list":["post-149215","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-erosion-der-demokratie","category-neoliberalismus-und-monetarismus","tag-buergerrechte","tag-biometrische-daten","tag-digitalisierung","tag-infrastruktur","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-plattformoekonomie","tag-polizei"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/shutterstock_2473578301.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149215"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149309,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149215\/revisions\/149309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/149216"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}