{"id":149319,"date":"2026-04-20T09:00:56","date_gmt":"2026-04-20T07:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149319"},"modified":"2026-04-20T08:53:45","modified_gmt":"2026-04-20T06:53:45","slug":"die-lehre-aus-dem-holocaust-ist-keine-form-von-entmenschlichung-irgendeiner-ethnischen-oder-religioesen-gruppe-zuzulassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149319","title":{"rendered":"\u201eDie Lehre aus dem Holocaust ist, keine Form von Entmenschlichung irgendeiner ethnischen oder religi\u00f6sen Gruppe zuzulassen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Holocaust-&Uuml;berlebende <strong>Stephen Kapos<\/strong> im Gespr&auml;ch mit dem Journalisten <strong>Hassan Al Khalaf<\/strong> &uuml;ber Polizeigewalt, Meinungsfreiheit und Zionismus. Im Kindesalter musste Stephen Kapos den Holocaust durchleben, als die Wehrmacht in seine Heimat Ungarn kam. Heute geht er noch mit 88 Jahren f&uuml;r Frieden im Nahen Osten auf die Stra&szlig;e. Er schloss sich der Aktivistengruppe &bdquo;Genocide survivors and descendants against genocide in Gaza&ldquo; an und erz&auml;hlt &ouml;ffentlich &uuml;ber seine Erfahrungen, doch f&uuml;r seinen Einsatz wurde er polizeilich verh&ouml;rt. Hassan Al Khalaf sprach mit ihm &uuml;ber den Preis f&uuml;r seinen Aktivismus, die Polizeigewalt, deren Zeuge er wurde, &uuml;ber seine pers&ouml;nliche Motivation und was ihn dazu brachte, als langj&auml;hriges Mitglied der britischen Labour Party endg&uuml;ltig auszutreten.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Hassan Al Khalaf: Wie motiviert Sie Ihre fr&uuml;he Kindheit dazu, sich heute f&uuml;r Pal&auml;stina einzusetzen?<\/strong><\/p><p><strong>Stephen Kapos:<\/strong> Ich war sieben Jahre alt, als die Wehrmacht 1944 Ungarn und meine Heimatstadt Budapest besetzte. Adolf Eichmann etablierte ein SS-Hauptquartier und begann mit der Deportation ungarischer Juden. Sie beschr&auml;nkten die Menge an Land, die ein Jude besitzen durfte, und sp&auml;ter mussten wir den gelben Stern tragen. Es ging so weit, dass Juden nicht mehr mit dem Zug reisen durften, ebenso gab es weitere Einschr&auml;nkungen &ndash; man durfte zum Beispiel kein Radio besitzen. Es wurde zunehmend gef&auml;hrlich und erniedrigend. Seltsamerweise hatte ich nie Angst, weil ich zu jung war, um die Gefahr wirklich zu begreifen. R&uuml;ckblickend wurde mir jedoch klar, welches Ausma&szlig; an Erniedrigung und Leid damit verbunden war. Eine der Schlussfolgerungen aus unseren Erfahrungen war, dass wir so etwas f&uuml;r jedes Volk, &uuml;berall, f&uuml;r inakzeptabel erkl&auml;ren m&uuml;ssen. Was mich nat&uuml;rlich in Konflikt mit dem bringt, was in Gaza geschah, denn nichts anderes macht Israel.<\/p><p><strong>Haben Sie jemals irgendeine Form von Antisemitismus auf Pal&auml;stina-Demonstrationen erlebt?<\/strong><\/p><p>Nein, tats&auml;chlich ganz im Gegenteil. Ich habe mich einer kleinen Gruppe angeschlossen, die &bdquo;Holocaust-&Uuml;berlebende und Nachkommen gegen den Genozid in Gaza&ldquo; hei&szlig;t. Uns ist wichtig, dass den Menschen bewusst wird, dass es Juden gibt, die nicht automatisch Zionisten sind und Israel unterst&uuml;tzen. Wir werden jedes Mal herzlich empfangen. Die Leute danken uns, manche weinen sogar. Wir bekommen Umarmungen und K&uuml;sse &ndash; es ist eine erstaunlich warme Erfahrung. Viele bringen auch ihre Kinder mit; es hat fast etwas von einem Familienfest.<\/p><p>Man nennt diese Demonstrationen &bdquo;Hassdemos&ldquo;, obwohl diejenigen das oft nie selbst gesehen haben oder es zynisch behaupten. Ich bin immer willkommen gewesen, bis auf eine k&uuml;rzliche Ausnahme: Jemand kam auf mich zu und sagte &bdquo;Shame on you&ldquo; und &bdquo;Welcher Genozid?&ldquo;. Ich antwortete: &bdquo;Diese Diskussion ist beendet. Ich spreche nicht mit jemandem, der angesichts dessen, was man sehen kann, den Genozid immer noch infrage stellt.&ldquo;<\/p><p><strong>Wie haben Sie die Befragung durch die Londoner Polizei erlebt? Warum wurden Sie am 18. Januar vergangenen Jahres vorgeladen?<\/strong><\/p><p>An diesem Tag war ich einer der Redner bei der gro&szlig;en Kundgebung. Geplant war eigentlich ein Marsch. Nach langen Verhandlungen und mit allerlei fragw&uuml;rdigen Begr&uuml;ndungen verh&auml;ngte die Polizei jedoch ein Verbot. Sie behaupteten, eine Synagoge sei zu nah und ihre Besucher w&uuml;rden eingesch&uuml;chtert werden, obwohl sie nicht wirklich in der N&auml;he war.<\/p><p>Die F&uuml;hrung der PSC (Palestine Solidarity Campaign) entschied daher, dieses kurzfristige Polizeidekret nicht zu akzeptieren. Statt eines Marsches sollte es eine kleinere Formation geben, eine Delegation &ndash; kein Marsch, sondern einzelne Personen, die jeweils Tulpen trugen. Es galt: Wenn die Polizei uns stoppt, bleiben wir friedlich stehen und legen die Blumen aus Protest gegen ihre Mitwirkung an einer ungerechten Anordnung vor ihnen nieder.<\/p><p>Die Delegation bestand unter anderem aus Rednern der Veranstaltung sowie einigen Abgeordneten. Ich stand in der ersten Reihe, mit Jeremy Corbyn zu meiner Linken und John McDonnell zu meiner Rechten. Der Direktor der PSC forderte die &uuml;brige Menge auf, sich uns nicht anzuschlie&szlig;en, damit wir passieren konnten.<\/p><p>Die erste Polizeisperre l&ouml;ste sich auf, sp&auml;ter behauptete die Polizei, Aktivisten h&auml;tten sie durchbrochen. An der letzten Absperrung blockierte die Polizei jedoch den Weg vollst&auml;ndig, einige Beamte waren in Kampfmontur. Es war v&ouml;llig klar, dass wir dort nicht durchkommen w&uuml;rden. Unser leitender Ordner, Chris Nineham, verhandelte gerade mit der Polizei. W&auml;hrend er noch sprach, st&uuml;rmten pl&ouml;tzlich Polizisten von allen Seiten auf ihn zu, rissen ihn zu Boden und warfen sich auf ihn. Das geschah direkt vor meinen Augen. Ich war v&ouml;llig schockiert, weil es offensichtlich geplant und v&ouml;llig unn&ouml;tig gewaltsam war.<\/p><p>Einige Tage sp&auml;ter wurden diejenigen von uns, die in dieser Delegation eine prominente Rolle hatten, zu einem Polizeiverh&ouml;r vorgeladen. W&auml;hrend ich befragt wurde, gab es drau&szlig;en eine beeindruckende Solidarit&auml;tskundgebung &ndash; das war sehr bewegend.<\/p><p>Mein Anwalt hatte mir geraten: &bdquo;Bei jeder einzelnen Frage, egal worum es geht, sagen Sie einfach: &sbquo;Kein Kommentar&lsquo;.&ldquo; Genau das tat ich.<\/p><p><strong>Wie sind Sie Antizionist geworden?<\/strong><\/p><p>In Ungarn stellten Zionisten nur einen kleinen Teil dar und wurden von der allgemeinen j&uuml;dischen Bev&ouml;lkerung eher als eine Art Extremisten betrachtet. Sie waren zahlenm&auml;&szlig;ig sehr gering und spielten keine bedeutende Rolle. Die Beh&ouml;rden gingen sogar so weit, zu empfehlen, dass die j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung ihre j&uuml;disch klingenden Namen ablegen und neue, einheimisch klingende Namen annehmen solle, damit sie nicht auffallen und in ihrem beruflichen Leben keine Feindseligkeit auf sich ziehen. Meine Familie hat das ebenfalls getan, daher hatte ich keinen zionistischen Hintergrund.<\/p><p>Als ich jedoch zum ersten Mal Verwandte besuchte, die nach Israel ausgewandert waren, nach Haifa, noch vor dem Krieg von 1967, war ich v&ouml;llig schockiert: Ich fand sie rassistisch vor, voller Ablehnung gegen&uuml;ber der lokalen Bev&ouml;lkerung. Das hat mich abgesto&szlig;en, ebenso wie der Militarismus, den ich &uuml;berall sah. Diese beiden Dinge haben mich unmittelbar gegen den Zionismus und gegen Israel eingestellt.<\/p><p><strong>Wie kommt es Ihrer Meinung nach dazu, dass manche Holocaust-&Uuml;berlebende Zionisten werden?<\/strong><\/p><p>Ich war besonders erstaunt dar&uuml;ber, wie Menschen, eine Tante, die den Holocaust erlitt, und ein Cousin, der aus Auschwitz kam, voller Hass gegen&uuml;ber jenen waren, die sie abf&auml;llig &bdquo;Araber&ldquo; nannten; sie sagten nie &bdquo;Pal&auml;stinenser&ldquo;. Offenbar hatten sie den Mythos &uuml;bernommen, wonach die einheimische Bev&ouml;lkerung nur auf eine Gelegenheit warte, sie ins Meer zu treiben. Das war das Bild, das sie von Pal&auml;stinensern hatten. Deshalb &uuml;bernahmen sie auch die Vorstellung, stark und gewaltsam sein zu m&uuml;ssen, um sie niederzuhalten. Das schuf eine rassistische Atmosph&auml;re.<\/p><p>Von den Propagandamitteln der Zionisten ist meines Erachtens das wirksamste, der eigenen Bev&ouml;lkerung zu vermitteln, sie sei st&auml;ndig in t&ouml;dlicher Gefahr durch die einheimische Bev&ouml;lkerung, die bereit sei, sie zu t&ouml;ten.<\/p><p>Bei all meinen Kontakten mit Pal&auml;stinensern, damals wie heute, kann ich mir kaum ein friedlicheres und freundlicheres Volk vorstellen. Manchmal denke ich, wenn die Behandlung, die die Pal&auml;stinenser erfahren, den Ungarn widerfahren w&auml;re, dann w&auml;ren heute wohl alle Terroristen. Sie h&auml;tten nicht diese vergleichsweise friedliche, wenig verbitterte Reaktion gezeigt, die ich bei fast allen Pal&auml;stinensern erlebt habe, vom Taxifahrer in Haifa bis hin zu Menschen, die ich hier treffe.<\/p><p><strong>Warum haben Sie und Ihre Eltern entschieden, in Europa zu bleiben, wo Juden w&auml;hrend des Holocaust verfolgt wurden, anstatt nach Nordamerika oder Pal&auml;stina auszuwandern?<\/strong><\/p><p>Die Idee eines Schutzraums f&uuml;r Juden, wie geht das voran? Israel ist vermutlich der unsicherste Ort &uuml;berhaupt. Es stimmt, dass der Holocaust und die &uuml;berwiegend passive Reaktion der lokalen Bev&ouml;lkerungen viele Juden tief ersch&uuml;ttert haben. Einige, wie meine Familie, haben das jedoch anders verarbeitet und gesagt, wir setzen auf ein neues Verst&auml;ndnis, auf einen Neuanfang, der Sozialismus wird das heilen.<\/p><p>Mein Vater war Arzt und stimmte als junger Mann stark mit der damals vorherrschenden Haltung in Ungarn &uuml;berein, j&uuml;disches Leben eher durch Integration als durch Abgrenzung oder Auswanderung zu gestalten. Er war weder gl&auml;ubig noch religi&ouml;s. Seine Ansicht war, man sollte in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen. Es gibt nichts grunds&auml;tzlich &Uuml;berlegenes an den &Uuml;berzeugungen oder Praktiken j&uuml;discher Menschen im Vergleich zu anderen.<\/p><p>All das sprach daf&uuml;r, zu bleiben, sich zu integrieren, das Beste daraus zu machen und gewisse Nachteile in Kauf zu nehmen. Andere sind gegangen, aber da der Zionismus in Ungarn nur wenig Einfluss hatte, wanderten diejenigen, die gingen, gr&ouml;&szlig;tenteils in andere L&auml;nder aus: nach Australien, Neuseeland, in die USA, was allerdings schwierig war, oder auch nach Skandinavien.<\/p><p>In Rum&auml;nien, wo ein Teil meiner Familie herkam, gab es eine besondere Situation: Obwohl die Grenzen geschlossen waren und man nicht in westliche L&auml;nder ausreisen durfte, war ein Land erlaubt. Israel zahlte der rum&auml;nischen Regierung mehrere Tausend Dollar pro Kopf: De facto &bdquo;kauften&rdquo; sie Juden. Anfang der 1950er-Jahre zog ein gro&szlig;er Teil meiner Familie aus Rum&auml;nien auf diese Weise nach Haifa um.<\/p><p><strong>Wie f&uuml;hlt es sich f&uuml;r Sie an, dass Deutschland die Erinnerung an den Holocaust nutzt, um Pal&auml;stina-Solidarit&auml;t zu unterdr&uuml;cken?<\/strong><\/p><p>Das ist ein v&ouml;llig abscheulicher Missbrauch der Lehre aus dem Holocaust, und zwar in die genau entgegengesetzte Richtung, in der sie eigentlich verstanden werden sollte. Ich w&uuml;nsche mir, man versteht, dass man bei solchen kleineren Erscheinungsformen nicht tolerant sein darf, weil sie extrem gef&auml;hrlich sind und zum vollst&auml;ndigen Faschismus f&uuml;hren k&ouml;nnen. Es werden Freiheiten genommen, wenn es nicht erlaubt ist, eine pal&auml;stinensische Flagge zu zeigen oder &bdquo;From the river to the sea, Palestine will be free&ldquo; zu sagen.<\/p><p>Das sind Einschr&auml;nkungen der Meinungsfreiheit und manchmal auch der Versammlungsfreiheit, kleine Schritte in Richtung Unfreiheit. Sobald man diesen Weg einschl&auml;gt, ist das extrem gef&auml;hrlich und kann sehr leicht wieder zu vollst&auml;ndigem Faschismus f&uuml;hren.<\/p><p>Ich sah Aufnahmen, in denen junge deutsche Demonstrierende von der Polizei brutal geschlagen wurden. Das ist nicht sehr weit entfernt von den Braunhemden 1930.<\/p><p><strong>Halten Sie es f&uuml;r gerechtfertigt, wenn man sagt, es sei respektlos oder antisemitisch, Parallelen zwischen dem Holocaust und der massiven Zerst&ouml;rung in Gaza zu ziehen?<\/strong><\/p><p>Ich denke, Zionisten versuchen, das zu einem Tabu zu machen, also jede Art von Parallele oder Vergleich mit dem NS-Regime zu unterbinden. Das ist v&ouml;llig haltlos und nicht gerechtfertigt. Es gibt Merkmale, die sehr &auml;hnlich sind. Die faschistischen Milizen in Budapest haben in den letzten Wochen des Krieges die &ouml;rtliche j&uuml;dische Bev&ouml;lkerung in zwei j&uuml;dischen Krankenh&auml;usern terrorisiert. Diese Faschisten griffen sie an und exekutierten alle. Es war ein gro&szlig;es Massaker in der N&auml;he, wo wir uns versteckten.<\/p><p>Wenn nun Israel systematisch Krankenh&auml;user in Gaza bombardiert und angreift, wie kann man da nicht an diese Parallele denken?<\/p><p><strong>Welche &Auml;hnlichkeiten sehen Sie zwischen der Entmenschlichung von Juden durch das NS-Regime und der Entmenschlichung von Pal&auml;stinensern durch israelische Regierungsvertreter?<\/strong><\/p><p>Die Parallelen sind offensichtlich: Juden wurden von den Nazis als &bdquo;Ratten&ldquo; bezeichnet, und heute werden in Gaza Pal&auml;stinenser offiziell als &bdquo;menschliche Tiere&ldquo; und als &bdquo;Amalek&ldquo; beschrieben. Ab 1944 wurden in Ungarn entmenschlichende Gesetze verabschiedet: Man durfte keine Schulen gemeinsam besuchen, Ehen zwischen Juden und Nichtjuden wurden verboten. Dass es im Westjordanland jahrzehntelang keine gleichen Rechte gibt, ist ebenfalls eine Form der Entmenschlichung: offene Pogrome, Hauszerst&ouml;rungen, das n&auml;chtliche Herausrei&szlig;en von Kindern aus ihren Betten ohne Grund, Inhaftierungen ohne Anklage. All das zusammen ist ein enormes Ma&szlig; an Entmenschlichung, das sich schrittweise versch&auml;rft. Diese Praktiken werden durch die Legislative gest&uuml;tzt. Die Knesset kam zum Entschluss, dass Vergewaltigungen m&auml;nnlicher Gefangener akzeptabel sind. Nicht einmal die Nazis sind so weit gegangen. Israelis machen stolz einen Kult um das, was sie tun, w&auml;hrend die Deutschen versucht h&auml;tten, es zu verbergen, was nat&uuml;rlich auch nicht klappte. Ich habe ein Video gesehen, in dem IDF-Soldaten jubelten und sich selbst filmten, w&auml;hrend sie Sprengs&auml;tze in einer Universit&auml;t anbrachten und bet&auml;tigten &ndash; noch dazu in einem Gebiet, das sie besetzt und von der Hamas ger&auml;umt hatten. Als wollten sie sagen: &bdquo;Als Pal&auml;stinenser habt ihr kein Recht auf Kultur.&ldquo; Dasselbe auch bei Trumps Aussage &uuml;ber Iran: &bdquo;Wir bomben euch zur&uuml;ck in die Steinzeit.&ldquo;<\/p><p>Die Lehre aus dem Holocaust ist, keine Form von Entmenschlichung irgendeiner ethnischen oder religi&ouml;sen Gruppe zuzulassen.<\/p><p><strong>Sie waren Mitglied der Labour Party. Wie wurden Sie dort behandelt, und was hat zu Ihrem Austritt gef&uuml;hrt?<\/strong><\/p><p>Ich war Sekret&auml;r der &ouml;rtlichen Parteigruppe bzw. Co-Vizevorsitzender der lokalen Labour Party. Pl&ouml;tzlich hat die Parteif&uuml;hrung diese aus meiner Sicht falsche Antisemitismuskampagne gegen Corbyn &uuml;bernommen. Wir waren entsetzt &uuml;ber diesen neuen Fokus darauf, Antisemitismus innerhalb der Partei auszumerzen, obwohl wir keinerlei nennenswerte Erscheinungsformen davon erkennen konnten. Als Holocaust-&Uuml;berlebender bin ich f&uuml;r Antisemitismus sehr empfindlich, aber ich habe in unserem Verband selbst keinen erlebt und auch nicht gesehen, dass andere betroffen w&auml;ren. Vor etwa drei Jahren, am Holocaust-Gedenktag im Januar, fragte mich ein Mitglied des Socialist Labour Network, ob ich Teil eines Panels sein und als Holocaust-&Uuml;berlebender &uuml;ber meine Erfahrungen sprechen w&uuml;rde. Er sagte auch: &bdquo;Wir sind eine verbotene Gruppe, es k&ouml;nnte f&uuml;r Sie unangenehm sein.&ldquo; Ich antwortete: &bdquo;Ich spreche mit jeder Gruppe &uuml;ber den Holocaust. Wenn mich die Konservativen fragen, w&uuml;rde ich ebenfalls sprechen.&ldquo;<\/p><p>Daraufhin setzten sie mich als Redner auf den Flyer. Am n&auml;chsten Tag erhielt ich ein offizielles Schreiben vom regionalen B&uuml;ro der Labour Party. Darin hie&szlig; es, man habe zur Kenntnis genommen, dass ich als Redner bei einer Veranstaltung dieser verbotenen Gruppe angek&uuml;ndigt sei. Sollte ich dort auftreten, muss ich mit einem Disziplinarverfahren innerhalb der Partei rechnen. Ich habe daraufhin umgehend schriftlich meinen Austritt aus der Labour Party erkl&auml;rt &ndash; in einem deutlichen Brief. Am Ende schrieb ich, dass solche restriktiven Ma&szlig;nahmen vielleicht kurzfristig politische Vorteile bringen m&ouml;gen. Langfristig jedoch wird es f&uuml;r die Labour Party eine Schande sein, Kontaktschuld in die britische Politik importiert zu haben. Es ist ein Vorgehen, das die freie Meinungs&auml;u&szlig;erung unterdr&uuml;ckt.<\/p><p><strong>F&uuml;hlen Sie sich in Ihre Kindheit zur&uuml;ckversetzt, wenn Sie Aufnahmen von Kindern in Gaza sehen?<\/strong><\/p><p>Ja, eine Sache, die mir besonders in Erinnerung bleibt, ist, dass Kinder selbst im Krieg einen Weg finden zu spielen. Selbst in Ruinen erschaffen sie sich mit dem, was sie vorfinden, ihre eigene Spielwelt. Zum Beispiel waren wir schon vor der deutschen Besatzung Luftangriffen durch die Amerikaner und Briten ausgesetzt. Als der Wiederaufbau begann und die Tr&uuml;mmer ger&auml;umt waren, gingen wir auf die Stra&szlig;en, um Tr&uuml;mmer einzusammeln. Wir spielten auch sehr gern in zerst&ouml;rten Geb&auml;uden, kletterten hinein und spielten Verteidigung und Angriff. Heute sehe ich, dass die Kinder von Gaza genauso Wege finden, zwischen Ruinen zu spielen.<\/p><p><strong>Glauben Sie, das die Geschichtsschreibung sich so an Gaza erinnern wird, wie die westliche Welt heute des Holocaust gedenkt?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Ich denke, das ist ein gro&szlig;es historisches Ereignis. Denn es geht nicht nur um die Zerst&ouml;rung eines Gebiets und seiner Bev&ouml;lkerung, sondern auch um ein symbolisches Ereignis, das L&auml;nder politisch sortiert, auch solche, die nicht unmittelbar betroffen sind. Und es trennt Menschen: diejenigen, die menschlich handeln, von denjenigen, denen es gleichg&uuml;ltig ist und die wegsehen.<\/p><p>Das erinnert wiederum an die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust, als viele den einfachen Weg w&auml;hlten und so taten, als geschehe nichts. Auf der anderen Seite gab es einige, die den Mut hatten, Risiken einzugehen. Auf der &bdquo;richtigen Seite der Geschichte&ldquo; zu stehen, erfordert immer ein gewisses Ma&szlig; an Einsatz, manchmal sogar Opfer.<\/p><p>Heute sind es zum Beispiel junge, prinzipientreue Studierende, die Protestcamps organisieren und damit ihre Karrieren riskieren, wie junge Menschen von &bdquo;Palestine Action&ldquo;. Das sind mutige Menschen, aber man kann von niemandem verlangen, heldenhaft zu sein. Was man jedoch erwarten kann, ist, nicht gleichg&uuml;ltig zu bleiben.<\/p><p>Ein Beispiel: Ein Freund meiner Familie, Emil Wiesemayer, besa&szlig; eine Druckerei. W&auml;hrend des Holocaust stellte er nachts gef&auml;lschte Papiere f&uuml;r j&uuml;dische Menschen her, etwa doppelte Staatsb&uuml;rgerschaften, zum Beispiel ungarisch und zus&auml;tzlich spanisch, um ihnen Schutz zu verschaffen oder ihnen die Flucht zu erm&ouml;glichen. Das war extrem gef&auml;hrlich. W&auml;re er entdeckt worden, h&auml;tte man ihn sofort erschossen.<\/p><p>Doch diesen Mut kann man nicht von jedem erwarten, und man wei&szlig; auch nicht, ob man selbst dazu f&auml;hig ist, solange man nicht in eine Situation ger&auml;t, die diesen Mut erfordert.<\/p><p><strong>Was bewegt Sie, noch hoffnungsvoll zu bleiben?<\/strong><\/p><p>Ich bin davon &uuml;berzeugt, dass die &uuml;berw&auml;ltigende Mehrheit der Menschen auf der Seite der Pal&auml;stinenser und inzwischen auch auf der Seite der iranischen Bev&ouml;lkerung, die bombardiert wird, steht. Die Haltung unserer Politiker, die oft halbherzig oder sogar offen unterst&uuml;tzend ist, ist der Mehrheit der Menschen fremd.<\/p><p>Darin liegt meine Hoffnung: dass sich diese Haltung letztlich durchsetzen wird.<\/p><p>Genauso denke ich, dass Israel einen V&ouml;lkermord begangen hat, und von einem V&ouml;lkermord gibt es kein Zur&uuml;ck. Ich denke, es ist unumkehrbar f&uuml;r Israel und f&uuml;r den Zionismus. Es ist nur eine Frage der Zeit.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Stephen Kapos<\/strong> kam 1937 in Budapest zur Welt und &uuml;berlebte als Kind den Holocaust. Heute ist er Architekt im Ruhestand und Aktivist der Gruppe &bdquo;Genocide survivors and descendants against genocide in Gaza&ldquo;.<\/p><p><strong>Hassan Al Khalaf<\/strong> ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt arabischer Raum. Er ist in Bagdad geboren und zweisprachig aufgewachsen. Durch Arabisch als Muttersprache hat er einen direkten Zugang zu interessanten Stimmen aus der Region.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Holocaust-&Uuml;berlebende <strong>Stephen Kapos<\/strong> im Gespr&auml;ch mit dem Journalisten <strong>Hassan Al Khalaf<\/strong> &uuml;ber Polizeigewalt, Meinungsfreiheit und Zionismus. Im Kindesalter musste Stephen Kapos den Holocaust durchleben, als die Wehrmacht in seine Heimat Ungarn kam. Heute geht er noch mit 88 Jahren f&uuml;r Frieden im Nahen Osten auf die Stra&szlig;e. Er schloss sich der Aktivistengruppe &bdquo;Genocide survivors<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149319\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":149320,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,209,171,161],"tags":[282,1917,1289,1557,1560,303,1648,826,309,827,668,1281],"class_list":["post-149319","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","category-wertedebatte","tag-buergerproteste","tag-genozid","tag-holocaust","tag-israel","tag-labour-party","tag-palaestina","tag-parteiaustritt","tag-rassismus","tag-repressionen","tag-stigmatisierung","tag-ungarn","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/stephen-kapos-lg.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149319"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149319\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149334,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149319\/revisions\/149334"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/149320"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}