{"id":149338,"date":"2026-04-20T10:01:36","date_gmt":"2026-04-20T08:01:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149338"},"modified":"2026-04-20T10:54:25","modified_gmt":"2026-04-20T08:54:25","slug":"kino-propaganda-vom-feinsten-der-magier-im-kreml","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149338","title":{"rendered":"Kino-Propaganda vom Feinsten: \u201eDer Magier im Kreml\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein aktueller Kino-Film mit Star-Besetzung zeigt in einer &bdquo;fiktiven&ldquo; Handlung den Aufstieg Wladimir Putins zum russischen Pr&auml;sidenten. Gleichzeitig gibt sich die Spielfilm-Produktion &bdquo;Der Magier im Kreml&ldquo; aber einen &bdquo;dokumentarischen&ldquo; Anstrich. Das Ergebnis ist ein Freibrief f&uuml;r Manipulation und Meinungsmache im Kinosaal. Ein Kommentar von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer aktuelle Kinofilm &bdquo;Der Magier im Kreml&ldquo; des Regisseurs Olivier Assayas bezeichnet sich gleich zu Beginn als komplett &bdquo;fiktiv&ldquo; und &bdquo;k&uuml;nstlerisch&ldquo; &ndash; gleichzeitig gibt sich die Produktion aber den Look und den Tonfall einer Dokumentation: Diese Kombination ist nichts anderes als ein Freibrief f&uuml;r Verwirrung und Behauptungen. Und diese Behauptungen sollen dann wie seri&ouml;se &bdquo;Analysen des russischen Machtapparats&ldquo; erscheinen. Denn der Film wird in den meisten Mainstream-Medien &uuml;berwiegend nicht als fiktiv wahrgenommen und dargestellt &ndash; wie denn auch, wenn mit Wladimir Putin ein lebendes und amtierendes Staatsoberhaupt und weitere reale Personen darin auftreten? <\/p><p>Im Zentrum der Handlung steht Wadim Baranow, ein enger Berater des russischen Pr&auml;sidenten Wladimir Putin. Baranow ist ein fiktiver Charakter, der wohl an den echten ehemaligen Kreml-Berater Wladislaw Surkow angelehnt ist. Auch der Plot ist, wie gesagt, fiktiv, aber es werden reale Ereignisse als Kulisse genutzt, echte Personen unter Klarnamen treten auf, andere unter falschem Namen, aber mit erkennbarer Identit&auml;t (etwa Michail Chodorkowski). <\/p><p><strong>Veredelte Meinungsmache<\/strong><\/p><p>Assayas hat mit &bdquo;Der Magier im Kreml&ldquo; den gleichnamigen Roman von Giuliani Da Empoli verfilmt. Der Trailer findet sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=BYU5iwETAl8\">unter diesem Link<\/a>. Ganz so grob, wie dieser Clip suggeriert, ist der Film nicht gestrickt: Er bedient sich teils auch feinerer Mittel der Meinungsmache. Zus&auml;tzlich ist er mit seinen teilweise sehr guten US-Schauspielern auch irgendwie als &bdquo;veredelte&ldquo; Produktion und nicht als Billig-Ramsch zu betrachten.<\/p><p>In der Rahmenhandlung erz&auml;hlt Baranow (Paul Dano) einem US-amerikanischen Professor (Jeffrey Wright), wie er sich in den 90er-Jahren vom K&uuml;nstlerboheme zum Hintergrundakteur mit Zugang zum engsten Zirkel der russischen Macht entwickelte. Erst ist er Theaterregisseur, dann Reality-TV-Produzent und schlie&szlig;lich wird er der Spin-Doctor eines aufstrebenden Geheimdienst-Agenten: Wladimir Putin (Jude Law). <\/p><p>Das Gespr&auml;ch zwischen Baranow und dem US-Professor bildet die Rahmenhandlung mit R&uuml;ckblenden. Der US-Amerikaner &uuml;bernimmt die Rolle des rechtschaffenen Zeitzeugen, der aus der angeblich &uuml;berlegenen moralischen Warte der USA heraus kopfsch&uuml;ttelnd auf die &bdquo;russischen Verh&auml;ltnisse&ldquo; blickt. Seine Aufgabe ist es auch, unbelegte Behauptungen in die Handlung einflie&szlig;en zu lassen, etwa zu den mutma&szlig;lich islamistischen Anschl&auml;gen auf Wohnh&auml;user in Moskau oder zu den durch Scharfsch&uuml;tzen get&ouml;teten Menschen auf dem Maidan-Platz in Kiew.<\/p><p>Die 90er- und die folgenden Jahre in Russland werden im Film in so plakativen wie selektiven Ausschnitten &bdquo;portr&auml;tiert&ldquo;: die Partyszene, die Terroranschl&auml;ge von Moskau, der Tschetschenienkrieg, der Untergang des Atom-U-Boots &bdquo;Kursk&ldquo;, die Maidan-Proteste in der Ukraine, die olympischen Winterspiele in Sotschi &ndash; zum Zeitpunkt des Romans war Russland noch nicht in die Ukraine einmarschiert. <\/p><p><strong>Ein Klischee reiht sich ans andere<\/strong> <\/p><p>In manchen Hollywoodfilmen l&auml;sst sich der oft vorhandene Anteil an Propaganda (etwa f&uuml;r die US-Armee oder die US-Wirtschaftsordnung) weitgehend ignorieren &ndash; dann lassen sich spektakul&auml;re US-Produktionen und gro&szlig;e, dort dargebotene Schauspielleistungen meiner Meinung nach trotzdem genie&szlig;en. Bei diesem Film ist es mir nicht so gegangen, denn er funktioniert auch auf der Unterhaltungsebene nicht gut.<\/p><p>Die von Paul Dano gespielte Figur Baranow erscheint so flach und so wenig geistreich, dass es unglaubw&uuml;rdig erscheint, dass sie so einflussreich h&auml;tte werden k&ouml;nnen. Seine extra eint&ouml;nige Stimme nervt auf Dauer ungemein, zumindest in der deutschen Synchronfassung. Au&szlig;erdem formuliert er fortw&auml;hrend mit bedeutungsschwangerer Haltung Selbstverst&auml;ndlichkeiten. Oder auch &bdquo;Analysen&ldquo; wie diese hier: &bdquo;Was in Russland z&auml;hlt, ist die N&auml;he zur Macht.&ldquo; Oder: &bdquo;In Russland l&auml;uft es in der Regel gut, aber wenn es schlecht l&auml;uft, l&auml;uft es richtig schlecht.&ldquo; Zus&auml;tzlich werden im Film weltweit praktizierte Techniken der Propaganda und des Machterhalts als etwas speziell &bdquo;Russisches&ldquo; dargestellt. <\/p><p>Dazu kommt ein Hang des Films zum allzu russischen Klischee: Man sieht viel dunkles Holz und Teeservice, oder wie Christine Hamel <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/der-magier-im-kreml-putins-architektur-der-macht,VFpn5LB\">in ihrer Kritik im <em>BR<\/em><\/a> schreibt: &bdquo;Kaviar, Kasatschok und K&auml;lte&ldquo;.<\/p><p><strong>Putin und die Oligarchen<\/strong><\/p><p>Und schon gar nicht funktioniert der Film auf der inhaltlich-politischen Ebene. Die Produktion pr&auml;sentiert Russland als einen aus effekthascherischen Einzelmomenten gezimmerten, groben Holzschnitt. Dazu kommt die indirekte D&auml;monisierung bzw. Ver&auml;chtlichmachung Putins. Aber <a href=\"https:\/\/www.radiodrei.de\/themen\/film\/rezensionen\/2026\/04\/der-magier-im-kreml.html\"><em>Radio Drei<\/em> meint<\/a> tats&auml;chlich &uuml;ber einen (Spiel-)Film, in dem Putin fast durchg&auml;ngig nur &bdquo;der Zar&ldquo; genannt wird: &bdquo;Man k&ouml;nnte dem Film vorwerfen, dass Putin zu gut wegkommt&ldquo; &ndash; was aber ein ziemlich absurder Vorwurf w&auml;re.<\/p><p>Indirekt will der Film seinem Publikum verkaufen, dass die Oligarchen-Anarchie, die Russland in den Jelzin-Jahren der 90er im Griff hatte, ein &bdquo;normaleres Russland&ldquo; darstellen w&uuml;rde, als die anschlie&szlig;ende Regentschaft Putins. So darf der im Film prominent und unter seinem realen Namen pr&auml;sentierte Oligarch Boris Abramowitsch Beresowski an einer Stelle &uuml;ber Putin klagen: &bdquo;Zehn Jahre lang haben wir daf&uuml;r geackert, dass Russland ein normales Land ist. Und nun ist alles weg.&ldquo; Er f&uuml;gt noch hinzu: &bdquo;Er wird Russland in Ketten legen.&ldquo; <\/p><p>Das Verh&auml;ltnis zwischen den Oligarchen und Putin, der einen Teil von ihnen teilweise entmachtet hatte, bildet eine Zwickm&uuml;hle f&uuml;r den Film: Es ist nun einmal schwierig, beide Seiten gleicherma&szlig;en zu d&auml;monisieren. Der Film schl&auml;gt sich tendenziell auf die Seite der Mafiosi, indem er die Bek&auml;mpfung des Chaos einzig durch die Brille der Kritik an &bdquo;der Macht&ldquo; und ihrem autorit&auml;ren Auftreten darstellt. Ich will zu diesem Machtkampf keine eindeutige moralische Stellung beziehen, man kann nat&uuml;rlich viele dabei entstandene autorit&auml;re Ausw&uuml;chse vonseiten des Staates kritisieren &ndash; aber das darf nicht im luftleeren Raum geschehen und muss in Rechnung stellen, an welchem Punkt der Anarchie und des Chaos sich Russland im Moment von Putins Macht&uuml;bernahme befunden hatte. <\/p><p><strong>Entspannung fordert keine &bdquo;russischen Verh&auml;ltnisse&ldquo; <\/strong><\/p><p>&Uuml;brigens: Wer gegen Spannungen mit Russland ist, einen Krieg mit diesem Land verhindern m&ouml;chte und wer zum beiderseitigen Nutzen Handel mit ihm treiben will, der w&uuml;nscht sich noch lange keine &bdquo;russischen Verh&auml;ltnisse&ldquo; hier in Deutschland. Das wird aber oft unterstellt, wie ich etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141515\">in diesem Artikel<\/a> beschrieben hatte. <\/p><p>Manchmal soll ja in der Ukrainedebatte der indirekte Eindruck erweckt werden, dass es bei dem geopolitischen Stellvertreterkrieg in der Ukraine darum gehen w&uuml;rde, &bdquo;russische Zust&auml;nde&ldquo; in Deutschland zu verhindern, was als grober Fall von mutma&szlig;lich vorget&auml;uschter Naivit&auml;t einzuordnen ist. Der Schluss daraus kann dann trotzdem die wirkungsvolle Propaganda-Behauptung sein, dass sich Gegner der deutschen Ukrainepolitik eben &bdquo;russische&ldquo; innenpolitische Zust&auml;nde in Deutschland herbeiw&uuml;nschen w&uuml;rden. <\/p><p>Wer die irrationalen Reaktionen der deutschen Politik auf den Ukrainekrieg kritisiert, der verteidigt aber nicht die konkreten russischen Kriegshandlungen. Und der verteidigt auch nicht die Haft von Pussy Riot, das Verbot von Memorial oder andere fragw&uuml;rdige innenpolitische Vorg&auml;nge in Russland &ndash; es wirft ein schr&auml;ges Licht auf die deutsche Debattenkultur, dass man solche Selbstverst&auml;ndlichkeiten &uuml;berhaupt erw&auml;hnen muss. Dass Russland umgehend in Friedensverhandlungen eintreten sollte, hatte ich bereits etwa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=133757\">in diesem Artikel<\/a> formuliert.<\/p><p><strong>Die Krux mit den &bdquo;wahren Begebenheiten&ldquo; <\/strong><\/p><p>Vor zahlreichen Filmen mit historischem Bezug findet sich diese Formulierung: &bdquo;Dieser Film beruht auf wahren Begebenheiten, aus dramaturgischen Gr&uuml;nden sind einzelne Szenen fiktiv&ldquo;. Ich finde bereits diese Erkl&auml;rung problematisch, weil sie einerseits historische Echtheit suggeriert, aber gleichzeitig eine Hintert&uuml;r f&uuml;r fiktionale Elemente offenh&auml;lt &ndash; die Unterscheidung wird dann in den Filmen selber oft nicht deutlich gemacht. <\/p><p>Der Film &bdquo;Der Magier im Kreml&ldquo; geht noch weiter, indem er dem Film voranstellt, dass die gesamte Handlung fiktiv sei &ndash; in dem Wissen, dass der Film von vielen Mainstream-Journalisten aber nicht als fiktiv wahrgenommen werden wird. Bei diesem umfangreichen Freibrief f&uuml;r Behauptungen (ist ja schlie&szlig;lich alles &bdquo;fiktiv&ldquo;), fragt man sich dauernd, was denn nun authentisch ist und was nicht. Dass sich die von mir gesch&auml;tzten Schauspieler Paul Dano, Jeffrey Wright und Jude Law in den Dienst dieser Farce stellen, ist bitter. <\/p><p><small>Titelbild: Screenshot\/Trailer\/Constantin Film<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=53316\">Propaganda im Film: Die neue Welle antirussischer Meinungsmache<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147850\">Irankrieg: Hilfe! &Uuml;berall Propaganda!<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147802\">Der Oscar-Preistr&auml;ger Sean Penn und seine Propaganda f&uuml;r Selenskyj<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58895\">Roter Teppich f&uuml;r Hillary: Clinton-Propaganda auf der Berlinale<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=56104\">Die radikale TV-Propaganda von Amazon<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=52384\">Propaganda zum D-Day: &bdquo;Der Anfang von Hitlers Ende&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/5341c40651de4508990660f4440a2356\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein aktueller Kino-Film mit Star-Besetzung zeigt in einer &bdquo;fiktiven&ldquo; Handlung den Aufstieg Wladimir Putins zum russischen Pr&auml;sidenten. 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