{"id":149426,"date":"2026-04-22T09:03:56","date_gmt":"2026-04-22T07:03:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149426"},"modified":"2026-04-22T09:23:17","modified_gmt":"2026-04-22T07:23:17","slug":"amtsdeutsch-fuer-sozialkahlschlag-effizienter-ressourceneinsatz-bei-leistungsgesetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149426","title":{"rendered":"Amtsdeutsch f\u00fcr Sozialkahlschlag: \u201eEffizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Bund, L&auml;nder und Kommunen verhandeln im Geheimen die Abwicklung der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge. Ein geleaktes Arbeitspapier mit Dutzenden Zumutungen und Grausamkeiten sorgt f&uuml;r Entsetzen. Behinderte, Kinder, Alleinerziehende, Fl&uuml;chtlinge: f&uuml;r die Entscheider allesamt nur Kostenfaktoren. Der Mensch dahinter spielt keine Rolle mehr. Von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Regierungskoalition arbeitet mit Feuereifer an der Demontage des Sozialstaats. B&uuml;rgergeld, Gesundheit, Rente &ndash; die schon vorgenommenen beziehungsweise in Planung befindlichen sogenannten Reformen r&uuml;tteln an den Grundfesten des Systems der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge. W&auml;hrend die politischen Entscheider das Land mit Unsummen und dumpfer Propaganda auf Kurs Kriegst&uuml;chtigkeit trimmen wollen, wird der soziale Frieden kalkuliert aufs Spiel gesetzt. Die nieders&auml;chsische Sektion des Sozialverbands Deutschland (SoVD) beschrieb die Marschroute am vergangenen Freitag so: <a href=\"https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2026\/04\/17\/arbeitspapier-offenbart-fatales-menschenbild\/\">&bdquo;Wer nicht der &sbquo;Merzschen Norm&lsquo; entspricht, hat keine Solidarit&auml;t mehr zu erwarten.&ldquo;<\/a><\/p><p>Anlass war die Enth&uuml;llung eines nicht f&uuml;r die &Ouml;ffentlichkeit bestimmten Dokuments, das Vertreter von Bund, L&auml;ndern und Gemeinden offenbar auf Gehei&szlig; von ganz oben, sprich Friedrich Merz (CDU), erstellt haben. Dieses behandele Sozialleistungen wie Haushaltsposten, befand der Parit&auml;tische Gesamtverband. &bdquo;Die Menschen, die auf sie angewiesen sind, kommen darin nicht vor.&ldquo; Die Wohlfahrtsorganisation machte das &bdquo;Vorschlagsbuch&ldquo; mit dem Titel <a href=\"https:\/\/www.politico.eu\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/16\/Austausch-%E2%80%9EEffizienter-Ressourceneinsatz-bei-Leistungsgesetzen22.pdf\">&bdquo;Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen&ldquo;<\/a> am Donnerstag publik. Das Schriftst&uuml;ck diskutiert auf 108 Seiten in technokratischer Eisesk&auml;lte Dutzende Ma&szlig;nahmen, wie im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, im Umgang mit Familien und behinderten Menschen Einschnitte in Milliardenh&ouml;he zu realisieren w&auml;ren.<\/p><p><strong>&bdquo;Ergebnisse bis Sommer&ldquo;<\/strong><\/p><p>Beispielsweise sollen individuelle Rechtsanspr&uuml;che auf Schulbegleitung gestrichen, das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit k&ouml;rperlicher oder geistiger Beeintr&auml;chtigung beschnitten, die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe abgeschafft oder der Unterhaltsvorschuss f&uuml;r Alleinerziehende zusammengek&uuml;rzt werden. In einer <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/alle-meldungen\/enthuellung-kahlschlag\/\">Medienmitteilung<\/a> &auml;u&szlig;erte sich der Hauptgesch&auml;ftsf&uuml;hrer des Parit&auml;tischen, Joachim Rock, &bdquo;entsetzt&ldquo;. Was hier verhandelt werde, &bdquo;ist ein Angriff auf Errungenschaften, die elementar f&uuml;r soziale Teilhabe sind und die &uuml;ber Jahrzehnte erk&auml;mpft wurden&ldquo;. Dass man derart grundlegende Leistungen f&uuml;r benachteiligte Gruppen so radikal zusammenstreichen wolle und die Debatte &uuml;berdies im Verborgenen f&uuml;hre, sei &bdquo;gleicherma&szlig;en skandal&ouml;s&ldquo;.<\/p><p>Datiert ist das Papier auf den 25. M&auml;rz 2026. Es bildete die Grundlage eines nicht &ouml;ffentlichen Treffens einer Bund-L&auml;nder-Arbeitsgruppe vom selben Tag im Bundeskanzleramt. Urheber der Empfehlungen sind die Bundesministerien f&uuml;r Arbeit und Soziales sowie f&uuml;r Bildung und Familie, der Deutsche St&auml;dtetag (DST), der Deutsche Landkreistag (DLT), der Deutsche St&auml;dte- und Gemeindebund (DStGB), dazu die Bundesl&auml;nder Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Brandenburg. Die Inhalte bilden nur die Momentaufnahme eines schon seit Jahresende 2025 laufenden Prozesses, in dessen Zuge die Beteiligten regelm&auml;&szlig;ig zusammenkommen, um Ideen zu Eingriffen in verschiedenen sozialstaatlichen Regelungsbereichen zu er&ouml;rtern, zuletzt am zur&uuml;ckliegenden Mittwoch. Wie tagesschau.de festhielt, wolle der Kanzler <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/kanzleramt-streichliste-jugendhilfe-100.html\">&bdquo;Ergebnisse bis zum Sommer&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Hilfspaketchen aus Berlin<\/strong><\/p><p>Zum Hintergrund: Die Kommunen klagen schon lange und immer lauter, dass per Bundesgesetz aus Berlin Leistungen bestellt werden, die dann durch sie ohne entsprechende Kompensation umgesetzt und bezahlt werden m&uuml;ssen. Das betrifft insbesondere Ausgaben f&uuml;r die Kinder- und Jugendhilfe, die Eingliederungshilfe, Hilfen zur Pflege sowie f&uuml;r die Unterbringung und Betreuung von Fl&uuml;chtlingen &ndash; gerade auch derjenigen, die seit 2022 in gro&szlig;er Zahl aus der Ukraine nach Deutschland gekommen sind. J&uuml;ngst erst hatte das Statistische Bundesamt ein neues <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2026\/04\/PD26_114_71137.html\">&bdquo;Rekorddefizit&ldquo;<\/a> von St&auml;dten und Gemeinden in H&ouml;he von knapp 32 Milliarden Euro f&uuml;r das Jahr 2025 vermeldet. Deren Vertreter pl&auml;dieren f&uuml;r eine grundlegend neue Lastenverteilung bei der Finanzierung gesamtstaatlicher Aufgaben. Ein Drittel sollten sie selbst, ein Drittel die Bundesl&auml;nder und ein Drittel der Bund beisteuern.<\/p><p>Die Bundesregierung will da nicht mitmachen und bel&auml;sst es in Sachen &bdquo;Unterst&uuml;tzung&ldquo; bei Symbolpolitik. Vor einer Woche hat das Bundeskabinett ein <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/520516.kommunale-finanzen-ein-hilfspaketchen-von-klingbeil.html\">&bdquo;Hilfspaketchen&ldquo;<\/a> im Umfang von vier Milliarden Euro bis einschlie&szlig;lich 2029 f&uuml;r L&auml;nder und Gemeinden geschn&uuml;rt. Es sei der Regierung <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/aktuelles\/bund-entlastet-laender-kommunen-2420860\">&bdquo;ein wichtiges Anliegen, dass die Kommunen handlungsf&auml;hig sind und sie vor Ort investieren k&ouml;nnen&ldquo;<\/a>, verbreitete das Bundespresseamt. Das sei &bdquo;leider Gottes nur der ber&uuml;hmte Tropfen auf den hei&szlig;en Stein&ldquo;, beschied man dagegen beim Deutschen St&auml;dte- und Gemeindebund. Nun wird offenbar: W&auml;hrend sich der Verband nach au&szlig;en gerne als Opfer darstellt, bet&auml;tigt er sich hinter den Kulissen als Mitt&auml;ter beim konzertierten Sozialkahlschlag.<\/p><p><strong>Behindertenrechte? Kinderrechte? Nix da!<\/strong><\/p><p>Beispiele: Der gesetzliche Anspruch von geistig und k&ouml;rperlich beeintr&auml;chtigten Kindern auf Schulbegleitung soll gestrichen werden. Bei Umsetzung bek&auml;men rund 300.000 Leidtragende nicht l&auml;nger einen eigenen, individuellen Betreuer zur Seite gestellt. Alternative Unterst&uuml;tzungsangebote sollen die Schulen auf eigene Rechnung begleichen &ndash; als pfiffen die nicht selbst personell auf dem letzten Loch. Falls sich diese Linie als nicht durchsetzbar erweist, peilt man als R&uuml;ckfalloption die Ausweitung des sogenannten Poolings an, also Gruppenl&ouml;sungen, bei denen sich mehrere Kinder eine Begleitperson teilen. Pooling ist allerdings qua Gesetz nur statthaft, sofern es f&uuml;r das Kind zumutbar ist und dessen individueller Bedarf gedeckt bleibt. Diese Bedingung soll nach den Pl&auml;nen ausgehebelt werden.<\/p><p>Das Vorgehen w&auml;re nicht nur sozialpolitisch hochproblematisch, sondern auch in rechtlicher Hinsicht. Der Eingriff widerspricht der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN), die f&uuml;r die BRD seit 2009 zumindest auf dem Papier bindend ist. Auch die angestrebte Unterbringung unbegleiteter minderj&auml;hriger Gefl&uuml;chteter ab 16 Jahren in Unterk&uuml;nften f&uuml;r Erwachsene mit reduzierten Standards verletzt internationale Rechtsnormen, n&auml;mlich die der UN-Kinderrechtskonvention. Auf Amtsdeutsch h&ouml;rt sich der Plan dagegen ganz harmlos an: &bdquo;Daher ist insbesondere f&uuml;r diese &auml;lteren Jugendlichen eine Rechtslage zu schaffen, die sich dem Umgang mit erwachsenen geflohenen Menschen ann&auml;hert.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Alles wird zunichtegemacht&ldquo;<\/strong><\/p><p>Abgeschafft werden soll auch die Nachbetreuung junger Erwachsener, die die Jugendhilfe bislang dabei unterst&uuml;tzt, sich ein eigenverantwortliches Leben aufzubauen. Au&szlig;erdem will man den Unterhaltsvorschuss f&uuml;r Alleinerziehende zusammenstreichen. Der wird gezahlt, sofern ein Elternteil, zumeist der Vater, seinen Unterhaltspflichten nicht nachkommt. Im Jahr 2024 haben davon bundesweit 850.000 Kinder profitiert. Der Vorschlag lautet, den Zuschuss nur noch f&uuml;r unter 13-J&auml;hrige und l&auml;ngstens 72 Monate zu gew&auml;hren. Ferner soll der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung f&uuml;r Schulkinder vertagt oder &bdquo;abweichend gestaltet&ldquo; werden d&uuml;rfen.<\/p><p>Einschnitte beim Wunsch- und Wahlrecht von Behinderten laufen darauf hinaus, dass diese nicht l&auml;nger dar&uuml;ber bestimmen k&ouml;nnen, wer ihnen bei der t&auml;glichen K&ouml;rperpflege hilft, sie beim Wohnen begleitet oder ihnen im Alltag zur Seite steht. Geplant ist ein Rollback in die Zeit vor 2016, als sich mit Inkrafttreten des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) die Logik der Eingliederungshilfe vom f&uuml;rsorglichen Verwalten zum personenzentrierten Leistungsrecht verlagerte. &bdquo;Die &Uuml;berlegungen machen alles Erreichte zunichte&ldquo;, beklagte Niedersachsens SoVD-Chef Dirk Swinke. &bdquo;Wer den Sozialstaat Schritt f&uuml;r Schritt aush&ouml;hle, riskiere nicht nur, dass Menschen abgeh&auml;ngt werden, sondern setze auch den demokratischen Zusammenhalt aufs Spiel.&ldquo;<\/p><p><strong>70-mal Rotstift<\/strong><\/p><p>Besagtes Arbeitspapier listet insgesamt 70 Rezepte mit einem bezifferten Volumen von 8,6 Milliarden Euro auf. Die komplette K&uuml;rzungslast d&uuml;rfte noch viel schwerer sein. F&uuml;r knapp zwei Drittel der Punkte liegt gar keine Kostenabsch&auml;tzung vor. Laut Parit&auml;tischem durchzieht den Katalog ein plumpes Muster: &bdquo;Teure individuelle Hilfen sollen durch billigere kollektive Angebote ersetzt werden, egal ob diese Angebote &uuml;berhaupt existieren oder den Bedarf decken k&ouml;nnen.&ldquo; Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer Rock schockiert im Speziellen die Abgebr&uuml;htheit, mit der die Verfasser ihre Ideen vortragen, und &bdquo;das vollst&auml;ndige Fehlen jeder Abw&auml;gung&ldquo;. An keiner Stelle werde gefragt, ob die angepeilten Einsparungen den individuellen und gesellschaftlichen Schaden rechtfertigen, den sie anrichten k&ouml;nnten.<\/p><p>In einer separaten <a href=\"https:\/\/www.der-paritaetische.de\/fileadmin\/user_upload\/Publikationen\/doc\/paritaetischer_drohender-kahlschlag-2026.pdf\">Bewertung der Vorschl&auml;ge<\/a> f&uuml;hrt der Verband aus: &bdquo;Dass junge Erwachsene ohne Nachbetreuung auf der Stra&szlig;e landen, dass befristete Hilfen mehr B&uuml;rokratie erzeugen, als sie einsparen: kein Thema. Armut, Gewalt und psychische Erkrankungen als eigentliche Treiber steigender Fallzahlen: ebenfalls kein Thema.&ldquo; Dabei stimme es, dass die Ausgaben gestiegen sind. &bdquo;Aber sie sind gestiegen, weil die Gesellschaft politische Entscheidungen getroffen hat, die richtig waren&ldquo;, also mehr und bessere Kindertagesbetreuung, intensivierter Kinderschutz, mehr ambulante statt station&auml;rer Hilfen, die Aufnahme gefl&uuml;chteter Kinder und Jugendlicher, eine st&auml;rkere Personenzentrierung in der Eingliederungshilfe.<\/p><p><strong>SPD-Fraktion nicht d&rsquo;accord<\/strong><\/p><p>&bdquo;Diese Liste ist eine Schande, die Regierung sollte sich in Grund und Boden sch&auml;men&ldquo;, monierte auch Heidi Reichinnek, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke. Mit <a href=\"https:\/\/www.dielinkebt.de\/presse\/pressemitteilungen\/detail\/die-regierung-sollte-sich-in-grund-und-boden-schaemen\/\">&bdquo;beispielloser Brutalit&auml;t&ldquo;<\/a> werde &bdquo;&uuml;berall der Rotstift angelegt&ldquo;, bemerkte sie in einem Pressestatement. &bdquo;Besonders perfide&ldquo; ist f&uuml;r sie der Plan, den Unterhaltsvorschuss radikal einzuk&uuml;rzen, w&auml;hrend die Gruppe in Sonntagsreden stets ganz hoch im Kurs steht. &bdquo;Familien bekommen in diesem Land sowieso schon zu wenig Unterst&uuml;tzung, die Besch&auml;ftigten in den Einrichtungen sind &uuml;berlastet, das System steht kurz vor dem Kollaps.&ldquo; Aber die Antwort von Union und SPD laute: &bdquo;Noch mal richtig draufhauen.&ldquo;<\/p><p>Immerhin: Auch in den Reihen der SPD regt sich Protest. &bdquo;Die &Uuml;berlegungen zu tiefgreifenden Einschnitten im sozialen Bereich sind nicht nur besorgniserregend, sondern in ihrer Tragweite schlicht inakzeptabel&ldquo;, verlautete am Donnerstag seitens der Bundestagsfraktion. <a href=\"https:\/\/www.spdfraktion.de\/presse\/pressemitteilungen\/rechten-menschen-behinderungen-darf-nicht-gespart\">&bdquo;Einsparungen auf dem R&uuml;cken der Schw&auml;chsten wird es mit uns nicht geben.&ldquo;<\/a> Dann muss man sich ja keine Sorgen machen &hellip;<\/p><p><small>Titelbild: ImageFlow \/ Shuterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0c5a02c4d4cc4d4483e4f4fd6a547ece\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bund, L&auml;nder und Kommunen verhandeln im Geheimen die Abwicklung der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge. 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