{"id":149696,"date":"2026-04-28T09:00:42","date_gmt":"2026-04-28T07:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149696"},"modified":"2026-04-28T09:03:59","modified_gmt":"2026-04-28T07:03:59","slug":"stimmen-aus-ungarn-der-erbe-des-systems-warum-peter-magyar-kein-ungarischer-liberaler-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149696","title":{"rendered":"Stimmen aus Ungarn: Der Erbe des Systems: Warum P\u00e9ter Magyar kein ungarischer Liberaler ist"},"content":{"rendered":"<p>Nach 16 Jahren endet die &Auml;ra Orb&aacute;n &ndash; doch der Umsturz ist kein liberaler Fr&uuml;hling, sondern die Revolte eines Insiders. P&eacute;ter Magyar hat den ungarischen Premier mit dessen eigenen Waffen geschlagen. Aber markiert der Triumph der Tisza-Partei wirklich die Wende zur Demokratie, oder erleben wir lediglich die Geburt eines &bdquo;Fidesz 2.0&ldquo; mit modernerem Antlitz? <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, langj&auml;hriger Ressortleiter bei der Tageszeitung <em>Magyar Nemzet<\/em> und profunder Kenner der politischen Eliten Budapests, bietet eine exklusive Innenansicht dieses Umbruchs. Er bricht mit den g&auml;ngigen Narrativen eines &bdquo;liberalen Aufbruchs&ldquo; und beleuchtet das reale Spannungsfeld zwischen populistischem Kalk&uuml;l, biografischen Loyalit&auml;ten und geopolitischen Realit&auml;ten. Aus dem Ungarischen &uuml;bersetzt von <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAllen Unkenrufen zum Trotz: Das ungarische System hat bewiesen, dass es demokratisch funktioniert &ndash; Viktor Orb&aacute;n ist nach 16 Jahren gest&uuml;rzt. Doch die Herausforderungen, welche die Stimmung im Wahlkampf gepr&auml;gt haben &ndash; und die vielleicht mit einer etwas zu lautstarken Vehemenz propagiert wurden &ndash;, sind auch nach dem 12. April nicht verschwunden: vom Krieg am Rande Europas &uuml;ber die sich zusammenbrauende globale Wirtschaftskrise bis hin zur Erosion der Europ&auml;ischen Union. Die Bew&auml;ltigung dieser Herausforderungen sowie die L&ouml;sung der internen Probleme warten nun auf die j&uuml;ngeren Generationen und eine neue Regierung. Es stellt sich die Frage, ob diese der Aufgabe gewachsen sind.<\/p><p>Dazu ist es notwendig zu wissen, wer P&eacute;ter Magyar eigentlich ist, was er will und wohin er das Land steuern wird. Vorerst l&auml;sst sich mit gro&szlig;er Sicherheit nur sagen, dass diese Wahl wohl eine der wichtigsten seit der Wende 1989 war &ndash; und das nicht nur, weil ihre Auswirkungen weit &uuml;ber die Grenzen Ungarns hinausreichen.<\/p><p>Ungarn erwacht langsam nach dem f&uuml;r viele &uuml;berraschend &uuml;berw&auml;ltigenden Erfolg der Partei f&uuml;r Respekt und Freiheit (Tisza), die die insbesondere in den letzten vier Jahren gegen die nationalkonservative Regierung aufgelaufene Unzufriedenheit in einen Sieg verwandelt hat.<\/p><p>Die Wahlbeteiligung erreichte rekordverd&auml;chtige 79,56 Prozent. Bei den Listenstimmen sicherte sich die Tisza-Partei mit 52,78 Prozent (3,38 Millionen Stimmen) 45 Mandate, der Fidesz mit 38,06 Prozent (2,45 Millionen Stimmen) 42 Mandate und die Partei Mi Haz&aacute;nk mit 5,67 Prozent (358.000 Stimmen) sechs Mandate.<\/p><p>In den Direktwahlbezirken gewann die Tisza-Partei 96, w&auml;hrend der Fidesz zehn Mandate errang. Insgesamt kommt die Tisza-Partei damit auf 141, der Fidesz auf 52 und Mi Haz&aacute;nk auf sechs Sitze. Damit verf&uuml;gt die Tisza-Partei &uuml;ber die meisten Mandate seit der Verkleinerung des Parlaments im Jahr 2014 und &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;te parlamentarische Mehrheit seit der Wende.<\/p><p>Der Vorsitzende der Tisza-Partei und k&uuml;nftige Ministerpr&auml;sident hat radikale Umgestaltungen in Aussicht gestellt, darunter verspricht er den Abbau des in den letzten 16 Jahren aufgebauten &bdquo;Systems der Nationalen Zusammenarbeit&ldquo; (ungarisch: <em>Nemzeti Egy&uuml;ttm&#369;k&ouml;d&eacute;s Rendszere, NER<\/em>). Magyar droht mit der Absetzung der alten Nomenklatura &ndash; vom Staatspr&auml;sidenten &uuml;ber den Generalstaatsanwalt bis hin zum Verfassungsgericht. Als symbolstarkes Signal plant er, das B&uuml;ro des Regierungschefs aus dem Karmeliterkloster im Budapester Burgviertel zur&uuml;ck in die N&auml;he des Parlaments zu verlegen. Das im 18. Jahrhundert erbaute Karmeliterkloster dient seit 2019 als Amtssitz des Ministerpr&auml;sidenten und gilt Kritikern als Symbol f&uuml;r eine abgehobene, fast monarchische Machtkonzentration fernab des Parlaments. Mit der geplanten R&uuml;ckverlegung des Regierungssitzes signalisiert Magyar daher eine Abkehr von der &bdquo;&Auml;ra Orb&aacute;n&ldquo; und eine R&uuml;ckkehr zur parlamentarischen B&uuml;rgern&auml;he. Zudem steht die zentrale Nachrichtenredaktion des &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunks auf seiner Liste: Diese soll wegen des Vorwurfs der reinen Propagandat&auml;tigkeit suspendiert werden.<\/p><p><strong>Macht und Medien: ein schwieriges Verh&auml;ltnis<\/strong><\/p><p>Die Spannungen, die sich in den letzten zwei Jahren zwischen ihm und den &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien aufgestaut haben, zeigten sich deutlich in den Interviews kurz nach der Wahl, die er dem <em>Kossuth R&aacute;di&oacute;<\/em> und dem Fernsehsender <em>M1<\/em> nach anderthalb Jahren Pause gab. Nach einer &ndash; im Vergleich zu fr&uuml;her &ndash; vielleicht &uuml;berraschend gefassten internationalen Pressekonferenz kehrte der Wahlsieger zu seiner im Wahlkampf gezeigten Form zur&uuml;ck und verwickelte sich in hitzige Debatten mit den befragenden Journalisten, die sich im &Uuml;brigen gegen&uuml;ber Orb&aacute;n fr&uuml;her nie einen so harten Ton erlauben durften. Magyar ertr&auml;gt es im Allgemeinen schwer, wenn sein Gedankengang unterbrochen wird, und er schl&auml;gt zur&uuml;ck. Er kam, um anzuklagen; die Reporter gerieten in die Defensive und befanden sich in einer aussichtslosen Situation. Sie machten ihre Sache schlecht, die &bdquo;Ehre des Hauses&ldquo; lie&szlig; sich nicht verteidigen, weil dies gar nicht m&ouml;glich war. Es stimmt jedoch gleichzeitig nicht, dass sie gegen&uuml;ber dem Herausforderer arrogant oder hochn&auml;sig gewesen w&auml;ren. Sie taten, was in den letzten 16 Jahren h&auml;tte getan werden sollen: Sie fragten, hakten nach, fragten genauer nach und versuchten, das Gespr&auml;ch in geordneten Bahnen zu halten. Ziel war es, ihn zu Themen zu befragen, zu denen die Meinung des n&auml;chsten Ministerpr&auml;sidenten bekannt sein sollte.<\/p><p>Der Stil des Gespr&auml;chs passte zu seinem Naturell. Er zeigte erneut seine konfrontativen Pers&ouml;nlichkeitsmerkmale, was authentisch wirkte und seinem harten Kern von Anh&auml;ngern auch gefiel; doch viele vermissten &ndash; besonders im Bewusstsein des &uuml;berw&auml;ltigenden Sieges &ndash; in seinem Auftreten Gro&szlig;z&uuml;gigkeit und Eleganz. Andere wiederum dachten angesichts dieser Arroganz erschrocken dar&uuml;ber nach, dass dieser au&szlig;er sich geratene Mensch praktisch die totale Macht erhalten wird.<\/p><p>Es ist daher kaum verwunderlich, dass ein Teil der Mitarbeiter der ungarischen Nachrichtenagentur (<em>MTI<\/em>) pl&ouml;tzlich &bdquo;erleuchtet&ldquo; die Wiederherstellung einer unabh&auml;ngigen, unparteiischen und auf fachlichen Grundlagen beruhenden Berichterstattung forderte. Doch auch auf der anderen Seite der Medienlandschaft ist ein Positionierungswettlauf im Gange. Dies zeigt sich deutlich daran, dass die einst glanzvollere Zeiten erlebende Wochenzeitung <em>HVG<\/em> in serviler Weise Magyar auf ihrer Titelseite bereits direkt mit dem Ministerpr&auml;sidenten von 1848, Graf Lajos Batthy&aacute;ny, vergleicht. Ebenso wenig &uuml;berrascht es, dass einige F&uuml;hrungskr&auml;fte, die in den vergangenen 16 Jahren in bedeutenden Positionen t&auml;tig waren, versuchen, die Verantwortung von sich zu weisen, w&auml;hrend sich Personen auf den unteren Ebenen der Macht direkt bei der Tisza-Partei zur&uuml;ckmelden.<\/p><p><strong>Zeitenwende in Budapest: Wenn Loyalit&auml;ten schwinden<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend das Gedr&auml;nge auf dem &bdquo;Weg nach Damaskus&ldquo; immer gr&ouml;&szlig;er wird, ist Orb&aacute;n aktiv geworden, und in den Kreisen des Fidesz hat die Suche nach den Ursachen der Niederlage sowie nach Wegen der Erneuerung begonnen. Es ist offensichtlich, dass sich der Fidesz v&ouml;llig in seinem eigenen Universum isoliert hat und ausschlie&szlig;lich zu seinen eigenen W&auml;hlern sprach. Die Parteif&uuml;hrung verkannte v&ouml;llig, dass immer mehr Menschen &ndash; besonders die Jungen &ndash; Orb&aacute;n einfach &uuml;berdr&uuml;ssig waren, ein neues Gesicht sehen wollten und die Partei selbst immer mehr erm&uuml;dete, w&auml;hrend sie keinerlei Zeichen der Erneuerung zeigte. Die Meinungsforscher des Fidesz erkannten auch jene soziologische Ver&auml;nderung nicht, dass 300.000 junge W&auml;hler im System erschienen sind, w&auml;hrend fast 500.000 &auml;ltere Menschen starben.<\/p><p>Aber der enge Kreis der Partei t&auml;uschte sich auch selbst, indem der Ver&auml;nderung der Volksstimmung nicht genug Beachtung geschenkt wurde &ndash; die Hoffnung auf ein knappes Ergebnis blieb bis zum letzten Moment bestehen &ndash;, und infolgedessen war die lange Zeit ausschlie&szlig;lich auf die Frage von Krieg und Frieden sowie auf Wolodymyr Selenskyj und die Spitzen der EU als Feindbilder aufgebaute Kampagnenstrategie fehlerhaft. Denn in den Augen der Jungen bedeutet das in eine immer tiefere Krise sinkende Europa immer noch eher den hei&szlig; ersehnten Westen, w&auml;hrend die Gesellschaft sich unterdessen bereits an den Krieg gew&ouml;hnt hat, sodass das Auftreten dagegen nicht mehr &uuml;ber genug Mobilisierungskraft verf&uuml;gte. Doch der wichtigste Faktor war die nicht nur durch &auml;u&szlig;ere Ursachen erkl&auml;rbare schwache Regierungsleistung der letzten vier Jahre, darin vor allem die 2023 au&szlig;er Kontrolle geratene und nur mit gro&szlig;en M&uuml;hen behandelte Inflation und parallel dazu die grassierende Korruption.<\/p><p><strong>Die Rache des Wahlsystems<\/strong><\/p><p>Bei dem Entstehen der Zweidrittelmehrheit f&uuml;r Tisza spielte auch das den Sieger unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig belohnende Wahlsystem eine wichtige Rolle. Wie der bekannte innenpolitische Analyst G&aacute;bor T&ouml;r&ouml;k formulierte: &bdquo;Das Wahlsystem hat sich gegen seinen erblindeten Sch&ouml;pfer gewendet.&ldquo; Wie der Politologe anmerkt, h&auml;tte Tisza weltweit in jedem System gesiegt. W&auml;re jedoch das Gewicht der Direktmandate weniger stark ins Gewicht gefallen, st&uuml;nde der Fidesz heute politisch nicht so prek&auml;r da. Seine Sitzzahl k&auml;me der der Tisza-Partei sehr nahe, die dann ohne eine solch dominante &Uuml;bermacht regieren m&uuml;sste.<\/p><p>Er merkte noch an, dass der Fidesz als eine Partei bekannt ist, die ihre Machtinteressen im Allgemeinen gut kennt und effektiv handelt. Schritte wurden unternommen, wenn es im Interesse der Partei lag, doch jetzt geschah dies nicht. Der Politologe glaubt, dass dies kaum aus Selbstbeschr&auml;nkung geschah; viel wahrscheinlicher ist, dass sie diesmal aus irgendeinem Grund im Blindflug unterwegs waren.<\/p><p>Der Fidesz ist 2026 bei Weitem nicht so zusammengebrochen wie die MSZP im Jahr 2010. Im Vergleich zu seinem Ergebnis von 2022 verlor er einige Hunderttausend Stimmen, aber dennoch w&auml;hlten vier von zehn W&auml;hlern ihn. Mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament hat die Tisza-Partei jedoch die M&ouml;glichkeit erhalten, jeden institutionellen und personellen Beton der 16-j&auml;hrigen Regierungszeit aufzubrechen und ihre eigene Konstruktion granitfest zu machen. Wenn danach auch noch ein Verh&auml;ltniswahlrecht eingef&uuml;hrt wird, fehlt jede M&ouml;glichkeit, dass dies in Zukunft irgendjemand allein wieder &auml;ndert.<\/p><p><strong>Zwischen Tradition und Revolte: die Anatomie des &bdquo;verlorenen Sohnes&ldquo;<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Fidesz versucht, das Zerfallen der Partei zu verhindern, und vermutlich bereits an der Strategie zur Erneuerung der Partei arbeitet, wird bereits dar&uuml;ber gemutma&szlig;t, wohin sich Ungarn wendet. Um dies zu beantworten, ist zuerst zu verstehen, wer der k&uuml;nftige Regierungschef eigentlich ist. Hierzu bietet der famili&auml;re Hintergrund den ersten Anhaltspunkt. Magyar ist kein Liberaler. Laut jenen, die ihn von fr&uuml;her kennen, waren Patriotismus und das Christentum wichtig f&uuml;r ihn.<\/p><p>Sein konservatives Weltbild wurde auch durch seinen famili&auml;ren Hintergrund bestimmt. Seine Gro&szlig;mutter m&uuml;tterlicherseits, Ter&eacute;z M&aacute;dl, war die Schwester von Ferenc M&aacute;dl, der im Jahr 2000 auf Nominierung von Fidesz und MDF f&uuml;r f&uuml;nf Jahre zum Staatspr&auml;sidenten gew&auml;hlt wurde. Dieser Onkel, der Sz&eacute;chenyi-Preistr&auml;ger, Rechtswissenschaftler und Akademiemitglied ist, fungierte gleichzeitig als Taufpate des Neffen und ist sein bekanntester Verwandter. Sein Gro&szlig;vater m&uuml;tterlicherseits wiederum war der konservative P&aacute;l Er&#337;ss, Richter am Obersten Gerichtshof, der seine Bekanntheit jedoch unter anderem der Fernsehsendung &bdquo;Jogi esetek&ldquo; (Rechtsf&auml;lle) aus der Zeit vor der Wende verdankte; deshalb wurde er &bdquo;Joger&#337;s P&aacute;l&ldquo; (Rechtskr&auml;ftiger P&aacute;l) genannt.<\/p><p>Seine Mutter war ebenfalls eine namhafte Juristin, sie war Vizepr&auml;sidentin des Nationalen Amtes f&uuml;r das Justizwesen (OBH) und arbeitete zuvor auch als Generalsekret&auml;rin der K&uacute;ria (Oberstes Gericht). Sein Vater ist ebenfalls Jurist, ein in Szombathely geborener, in Budapest praktizierender Anwalt. Der Sohn erwarb ebenfalls ein Juradiplom, ebenso wie seine Ex-Frau Judit Varga eine juristische Ausbildung hat.<\/p><p><strong>Vom Insider zum Gegenspieler<\/strong><\/p><p>Und wie gelangte der Anw&auml;rter auf den Posten des Regierungschefs &ndash; der aus einer konservativen Familie stammende, sich sein gesamtes Erwachsenenalter in hohen Fidesz-Kreisen bewegende, aber hinsichtlich seines Einflusses der zweiten oder dritten Reihe der Partei zuzurechnende Magyar &ndash; hierher? Lange Zeit versuchte er, auf Regierungsseite in hohe Positionen zu gelangen, aber aufgrund seiner narzisstischen Pers&ouml;nlichkeit, seines streits&uuml;chtigen Stils und seiner kritischen Anmerkungen stie&szlig; er immer wieder auf Hindernisse. Lange Zeit kam er durch seine Frau voran &ndash; in Fidesz-Kreisen wurde er deshalb von mehreren &bdquo;Varg&aacute;n&eacute;&ldquo; (Frau Varga) genannt.<\/p><p>Die Familie zog noch Ende der 2000er-Jahre nach Br&uuml;ssel, wo Judit Varga Assistentin des damaligen EP-Abgeordneten und sp&auml;teren Staatspr&auml;sidenten J&aacute;nos &Aacute;der war. Sp&auml;ter kam Magyar im Diplomatenstatus an die w&auml;hrend der ungarischen Ratspr&auml;sidentschaft personell erweiterte St&auml;ndige Vertretung bei der EU. Nach der Heimkehr war er vor dem Krieg Generaldirektor des Studentendarlehenszentrums (<em>Di&aacute;khitel K&ouml;zpont<\/em>). Die Ehe ging in die Br&uuml;che, und nach der Scheidung verlor er auch seine gut bezahlte Stelle. In der Folge geriet er immer mehr aus den einflussreicheren Fidesz-Kreisen heraus.<\/p><p>Bei dem geschassten Beamten, der die T&auml;tigkeit der Orb&aacute;n-Regierung vor seinen Freunden immer offener kritisierte, war das Ma&szlig; aufgrund der ihm widerfahrenen Kr&auml;nkungen zu diesem Zeitpunkt voll. Es sagt viel &uuml;ber seine Pers&ouml;nlichkeit aus, dass er heimlich Aufnahmen von den mit seiner Frau gef&uuml;hrten Gespr&auml;chen machte, die er sp&auml;ter zu Beginn seiner politischen Karriere ver&ouml;ffentlichte und f&uuml;r den Aufbau seiner Karriere nutzte.<\/p><p>Einer breiten &Ouml;ffentlichkeit wurde er Anfang 2024 bekannt, als der ungarische Staatspr&auml;sident einen Mann begnadigte, der die Taten eines P&auml;dophilen gedeckt hatte. Seine Ex-Frau hatte die Begnadigung in ihrer Funktion als Justizministerin gegengezeichnet. Der heutige Wahlsieger erkannte darin den Moment f&uuml;r seine pers&ouml;nliche Abrechnung und die Chance, den Fidesz f&uuml;r die eigene Zur&uuml;cksetzung abzustrafen.<\/p><p>Als er seinen Weggef&auml;hrten im Fidesz erstmals offenbarte, sich offen gegen die Regierung stellen zu wollen, erntete er nur Spott. Selbst dem langj&auml;hrigen Freund der Familie, Gergely Guly&aacute;s &ndash; als Kanzleramtsminister der strategische Kopf hinter Orb&aacute;n &ndash;, drohte er mit dem Gang an die &Ouml;ffentlichkeit. Guly&aacute;s, der sich nach der Scheidung auf die Seite der Ex-Frau geschlagen hatte, fertigte ihn jedoch lachend ab: Die Meinung eines damals noch v&ouml;llig unbedeutenden Magyar werde schlichtweg niemanden interessieren.<\/p><p>Kaum einen Monat sp&auml;ter trat er auf den Plan und wirbelte damit die ungarische Innenpolitik auf. In kurzer Zeit wurde er zum wichtigsten oppositionellen Herausforderer Orb&aacute;ns. Er beschuldigte den Fidesz, dessen Mitglied er seit 2002 war, der Korruption. Das Interview sahen Millionen von Menschen, und nachdem Magyar eine Einigung mit der kleinen Tisza-Partei erzielt hatte, trat er in die Mainstream-Politik ein. Die Emp&ouml;rung war gro&szlig;, denn die Regierung hatte immer behauptet, alles f&uuml;r die Kinder und die Familien zu tun, doch dies erwies sich als Bluff. Zudem stagnierte die Wirtschaft, die Inflation stieg in den Himmel, und der neue Akteur nutzte einfach den Moment aus, als sich die Unzufriedenheit bereits angeh&auml;uft hatte.<\/p><p>Innerhalb weniger Monate erlangte er Popularit&auml;t, weil allgemein darauf gehofft wurde, dass sich endlich etwas &auml;ndert. Bei den Europawahlen 2025 gewann die Tisza-Partei sieben der 21 Mandate Ungarns. Die Fidesz-Vergangenheit des &bdquo;verlorenen Sohnes&ldquo; spielte ihm unerwartet in die H&auml;nde. Eigentlich gab es in Bezug auf ihn keine Illusionen, schlie&szlig;lich hatte er 15 Jahre lang nicht gegen den Fidesz rebelliert, aber es fehlte an Alternativen. &bdquo;Jetzt w&auml;hlen wir gegen Orb&aacute;n, nicht f&uuml;r Magyar. Er ist kein gro&szlig;er Sympathietr&auml;ger, aber er ist auch nicht so wichtig. Wer um sein Leben k&auml;mpft, achtet nicht auf die Farbe des Rettungsbootes&ldquo;, hie&szlig; es oft. Er wurde zur Verk&ouml;rperung der Hoffnung auf Ver&auml;nderung, und der unterdessen zur Besinnung kommende Fidesz wusste mit dieser Situation nicht viel anzufangen.<\/p><p><strong>Orb&aacute;n 2.0 oder die R&uuml;ckkehr der Technokraten?<\/strong><\/p><p>Aufgrund seines famili&auml;ren und Fidesz-Hintergrunds denken viele, dass Ungarns n&auml;chste Regierung Mitte-rechts orientiert sein wird. Nicht zuletzt auch deshalb, um die Bed&uuml;rfnisse der entt&auml;uschten Konservativen zu befriedigen und so die ohnehin schon verunsicherten W&auml;hler des Fidesz noch mehr zu verunsichern. Wenn sich der Wahlsieger n&auml;mlich als ein von Korruption gereinigter &bdquo;Orb&aacute;n 2.0&ldquo; verkaufen kann, dann kann er damit der nach 16 Jahren etwas ersch&uuml;tterten nationalkonservativen Partei Fidesz einen weiteren Schlag versetzen. Um die Abtr&uuml;nnigen muss er nat&uuml;rlich mit der radikalrechten Mi Haz&aacute;nk (Unsere Heimat) k&auml;mpfen, die als dritte Partei ebenfalls ins Parlament eingezogen ist.<\/p><p>Was wir nach den Wahlen auf der internationalen Pressekonferenz von Magyar h&ouml;ren konnten, ist &ndash; abgesehen von der Beschimpfung Orb&aacute;ns und dem Versprechen der Abrechnung &ndash; im Wesentlichen die Fortsetzung der Orb&aacute;n&rsquo;schen Politik mit diplomatischeren Mitteln. Man k&ouml;nnte hierbei auch einen Vergleich mit der Politik von Janos K&aacute;d&aacute;r vor 1989 heranziehen, da deren Kern ebenfalls darin bestand, neben akzeptablen Beziehungen zum Machtzentrum einen eigenen Weg zu verfolgen &ndash; Wirtschaftsreformen, Reisem&ouml;glichkeiten in den Westen usw. Auch dieses Mal k&ouml;nnten sich somit jene geopolitischen Theorien best&auml;tigen, nach denen die Interessen und M&ouml;glichkeiten eines Landes ma&szlig;geblich durch seine geografische Lage bestimmt werden.<\/p><p><strong>Der Spagat zwischen Souver&auml;nit&auml;t und Globalismus<\/strong><\/p><p>Es bleibt nat&uuml;rlich die Frage, mit welcher Wirksamkeit dieser pragmatische &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen: in vielerlei Hinsicht weiche &ndash; Wechsel vollzogen werden kann. Im Bereich der Wirtschafts- und Au&szlig;enpolitik w&uuml;rden die in multinationalen Konzernen sozialisierten und in die globalistische Linie eingebetteten Regierungsmitglieder &ndash; Istv&aacute;n Kapit&aacute;ny (Wirtschaft, Energetik), Anita Orb&aacute;n (Energetik und Au&szlig;enpolitik) sowie Andr&aacute;s K&aacute;rm&aacute;n (Finanzen) &ndash; sicherlich mit der souver&auml;nistischen Politik brechen und sich in den westlichen Mainstream einf&uuml;gen. Die Liberalen wiederum, die nach 16 Jahren versuchen, zumindest f&uuml;r eine letzte Runde zur&uuml;ckzukehren, m&ouml;chten vor allem in der Kultur und den Medien ihre alten Positionen zur&uuml;ckgewinnen.<\/p><p>Dies verdeutlicht auch, dass die Basis der Tisza-Partei ziemlich heterogen ist, und das Verschwinden des bisher zusammenhaltenden gemeinsamen Feindes durch den Sturz von Orb&aacute;n k&ouml;nnte ernste Probleme verursachen. Vor allem dann, wenn mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Gro&szlig;teil der Versprechen nicht eingel&ouml;st werden kann. Ja, sie werden zu Sparma&szlig;nahmen gezwungen sein. Der interne Wettbewerb zwischen den drei Richtungen ist unvermeidlich, und dabei ist noch nicht davon die Rede, dass f&uuml;r den Erhalt der bisher eingefrorenen EU-Gelder unumg&auml;nglich die Bedingungen der Europ&auml;ischen Union erf&uuml;llt werden m&uuml;ssen. Diese erstrecken sich nicht nur auf ein Vorgehen gegen Korruption, die Reform der Justiz oder der Medien und der akademischen Sph&auml;re, sondern auch auf au&szlig;enpolitische und ideologische Fragen.<\/p><p>So l&auml;sst sich vorerst sagen, dass Magyar von seiner Grundhaltung her eher konservativ ist &ndash; allerdings eher im &bdquo;europ&auml;ischen&ldquo; Sinne einer Volkspartei, wenn man so will, im Stile der CDU und nicht im klassischen Sinne. Tats&auml;chlich ist er jedoch eher ein Technokrat und Populist; aufgrund seiner Pers&ouml;nlichkeitsmerkmale und seiner Affinit&auml;t zu den sozialen Medien ziehen viele Vergleiche zu Donald Trump.<\/p><p>Daher werfen immer mehr Menschen die Frage auf &ndash; und seine ersten Schritte untermauern dies &ndash;, ob Magyar sowohl seine Unterst&uuml;tzer als auch seine Gegner &uuml;berraschen wird und die Mehrheit wahrscheinlich nicht das von ihm erhalten wird, was sie vorab erwartet hat. In einem Balanceakt zwischen den Widerspr&uuml;chen versucht er, Ungarn zur&uuml;ck in den europ&auml;ischen Mainstream zu f&uuml;hren, um so die EU-F&ouml;rdergelder zu sichern &ndash; jedoch zu einem m&ouml;glichst geringen Preis.<\/p><p>Die Europ&auml;ische Kommission wird jedoch, von Orb&aacute;n lernend, bereits jetzt versuchen, den neuen Machthaber an der kurzen Leine zu halten. Dieser wird derweil versuchen, etwas von seinen populistischen Versprechen zu erf&uuml;llen, mit m&ouml;glichst wenig Konflikten &ndash; was fast unm&ouml;glich ist &ndash; den NER abzubauen, die sich vertiefende Wirtschaftskrise zu bew&auml;ltigen und gleichzeitig den in ideologischer Hinsicht moderat konservativen, liberalen und globalistischen Teil seines Lagers und vor allem des unmittelbaren Umfelds der Partei zufriedenzustellen. Keine einfache Aufgabe, wissend, dass Magyar im Begriff ist, ein Erbe anzutreten, dessen Last ihn schneller erdr&uuml;cken k&ouml;nnte, als es seinen W&auml;hlern lieb ist.<\/p><p><small>Titelbild: jorisvo \/ Shutterstock<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/a2ed4a0a536f47f193b9c192edca4cad\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach 16 Jahren endet die &Auml;ra Orb&aacute;n &ndash; doch der Umsturz ist kein liberaler Fr&uuml;hling, sondern die Revolte eines Insiders. P&eacute;ter Magyar hat den ungarischen Premier mit dessen eigenen Waffen geschlagen. 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