{"id":149703,"date":"2026-04-28T11:04:47","date_gmt":"2026-04-28T09:04:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149703"},"modified":"2026-04-28T14:23:31","modified_gmt":"2026-04-28T12:23:31","slug":"hohe-benzinpreise-und-uebergewinne-es-gibt-keine-einfachen-loesungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149703","title":{"rendered":"Hohe Benzinpreise und \u00dcbergewinne \u2013 es gibt keine einfachen L\u00f6sungen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man regelm&auml;&szlig;ig die <em>BILD<\/em> liest, k&ouml;nnte man glatt denken, der Benzinpreis sei der Deutschen wichtigstes Thema. Und da scheint ja auch etwas dran zu sein. W&auml;hrend unsere Mitb&uuml;rger sich nur selten kritisch zu den nur noch als wahnhaft zu bezeichnenden R&uuml;stungsausgaben &auml;u&szlig;ern, scheint das &bdquo;Gemecker&ldquo; &uuml;ber zu hohe Benzin- und Dieselpreise ja hierzulande zum guten Ton zu geh&ouml;ren. Sei&rsquo;s drum. Hohe Energiepreise sind selbstverst&auml;ndlich sowohl ein soziales als auch ein volkswirtschaftliches Problem. Dieses Problem ist jedoch strukturell und es gibt leider keine einfachen und schon gar keine kurzfristigen L&ouml;sungen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEi, der Daus! Nun hat auch <a href=\"https:\/\/www.zew.de\/presse\/pressearchiv\/12-uhr-tankregel-6-cent-hoehere-marge-auf-benzin\">das ZEW herausgefunden<\/a>, was die <em>NachDenkSeiten<\/em> vor wenigen Wochen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148068\">prognostiziert haben<\/a> &ndash; die &bdquo;12-Uhr-Regelung&ldquo; f&uuml;hrt nicht zu geringeren, sondern zu h&ouml;heren Gewinnmargen bei den Mineral&ouml;lkonzernen. Die werden in diesem Jahr &uuml;brigens laut einer aktuellen <a href=\"https:\/\/www.oxfam.de\/presse\/pressemitteilungen\/2026-04-27-94-milliarden-dollar-reingewinn-2026-shell-exxon-co\">Oxfam-Studie<\/a> 94 Mrd. Dollar Reingewinn verzeichnen und dabei pro Tag rund 37 Mio. Dollar mehr Gewinn &bdquo;erwirtschaften&ldquo; als im Vorjahr. Verst&auml;ndlich, dass nun gerade Parteien, die sich eher links der politischen Mitte lesen, an diese &bdquo;&Uuml;bergewinne&ldquo; heranwollen. Das ist jedoch keinesfalls so einfach, wie es von Anh&auml;ngern einer &Uuml;bergewinnsteuer dargestellt wird.<\/p><p>Was sind eigentlich &Uuml;bergewinne und wie kann man sich eine Besteuerung dieser &Uuml;bergewinne vorstellen? Um diese Fragen zu beantworten, lohnt sich ausnahmsweise mal ein Blick auf die USA. Dort hat der Staat bereits 1940 &ndash; also vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg &ndash; eine &Uuml;bergewinnsteuer f&uuml;r Kriegsgewinne eingef&uuml;hrt. Wenn die Gewinne eines Unternehmens &uuml;ber dem Durchschnitt der Vorkriegsjahre 1936 bis 1939 lagen, mussten sie mit einem Satz von 25 bis 50 Prozent zus&auml;tzlich versteuert werden. Der Steuersatz wurde immer wieder angehoben und betrug ab 1943 stolze 95 Prozent. Am 1. Januar 1946 wurde diese Steuer abgeschafft, w&auml;hrend des Koreakriegs aber wieder mit etwas geringeren Steuers&auml;tzen eingef&uuml;hrt. Danach geriet die Idee in Vergessenheit.<\/p><p>Eine solche &Uuml;bergewinnsteuer k&ouml;nnte man sich ja sehr gut f&uuml;r die europ&auml;ische R&uuml;stungsindustrie vorstellen, die sich in den letzten Jahren ja dank des grassierenden Aufr&uuml;stungswahns dumm und d&auml;mlich verdient. Komischerweise kamen die &bdquo;linken&ldquo; Parteien, die nun eine &Uuml;bergewinnsteuer f&uuml;r Mineral&ouml;lkonzerne fordern, noch nie auf die Idee, diese Steuer auf R&uuml;stungskonzerne anzuwenden.* Doppelt &auml;rgerlich ist dabei, dass eine Idee, die gigantische Gewinne zulasten der Steuerzahler bei den R&uuml;stungskonzernen absch&ouml;pfen k&ouml;nnte, bei den Mineral&ouml;lkonzernen gar nicht sonderlich sinnvoll ist. Warum das?<\/p><p>Bereits vor zwei Wochen sind die <em>NachDenkSeiten<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=147530\">ja auf die Frage eingegangen<\/a>, wie sich der Preis des Kraftstoffs an der Tankstelle &uuml;berhaupt zusammensetzt. Es ist ja nicht der Tankwart, der &bdquo;&Uuml;bergewinne&ldquo; einf&auml;hrt. Die den Markt bestimmenden internationalen Mineral&ouml;lkonzerne haben ein geschlossene vertikale Wertsch&ouml;pfungskette &ndash; das hei&szlig;t, sie beherrschen die komplette Lieferkette, von der F&ouml;rderung &uuml;ber den Transport, die Raffinerien, den Gro&szlig;handel und oft sogar das Endkundengesch&auml;ft. Daher haben wir es hier auch mit einem Oligopol zu tun und es herrscht kein echter Wettbewerb. Wo ein Mineral&ouml;lkonzern nun durch kreative Buchf&uuml;hrung seine Gewinne erzielt, ist ihm selbst &uuml;berlassen. Das hat massive Folgen f&uuml;r eine angedachte &Uuml;bergewinnsteuer. Kein Mineral&ouml;lkonzern w&auml;re schlie&szlig;lich so dumm, seine Gewinne in einem Land entstehen zu lassen, in dem eine solche Besteuerung droht. Dann lie&szlig;e man die Gewinne halt nicht beispielsweise im deutschen Gro&szlig;handel, sondern in der Raffinerie in Rotterdam oder gleich bei dem Roh&ouml;lhandelsunternehmen mit steuerlichem Sitz auf den Kanalinseln oder in Singapur entstehen. Der deutsche Fiskus ginge in diesem Fall leer aus, da die Tochterfirmen mit Steuersitz in Deutschland in diesem Fall ja gar keine &Uuml;bergewinne erzielen und die ausl&auml;ndischen Tochterfirmen mit ihren &Uuml;bergewinnen nicht der deutschen Besteuerung unterliegen.<\/p><p>Oder um es zuzuspitzen: Nat&uuml;rlich kann man eine &Uuml;bergewinnsteuer f&uuml;r Mineral&ouml;lkonzerne verabschieden, sie w&uuml;rde aber kaum etwas einbringen und schon gar nichts am Tankstellenpreis f&uuml;r Kraftstoffe &auml;ndern. Und selbst wenn rein theoretisch &Uuml;bergewinne durch eine Steuer abgesch&ouml;pft werden k&ouml;nnten, w&uuml;rden die Konzerne &ndash; schlie&szlig;lich haben sie ja ein Oligopol &ndash; diese Kosten ganz einfach auf die Kunden umlegen. Dann w&uuml;rde der Preis an der Zapfs&auml;ule durch die &Uuml;bergewinnsteuer steigen. Wer etwas anderes behauptet, hat offenbar in der Uni in den Vorlesungen f&uuml;r Wettbewerbstheorie sehr tief geschlafen.<\/p><p>Ist der Staat denn dann beim Problem der &Uuml;bergewinne der Mineral&ouml;lkonzerne vollkommen handlungsunf&auml;hig? Ja und nein. Ein m&ouml;gliches, wenn auch sehr theoretisches Instrument w&auml;ren Monopolstrafen. Auch wenn der deutsche Staat ausl&auml;ndische Gewinne nicht besteuern kann, so kann er ausl&auml;ndischen Konzernen, die in Deutschland &Uuml;bergewinne erzielen, durchaus mit dem passenden Gesetzesrahmen Strafen aufbrummen. Hohe Strafen f&uuml;r Wettbewerbsverst&ouml;&szlig;e sind in der EU gang und g&auml;be. Und wenn diese im Strafma&szlig; h&ouml;her als die &Uuml;bergewinne selbst sind, w&auml;re dies ein guter &ouml;konomischer Grund, solche &Uuml;bergewinne gar nicht erst entstehen zu lassen. Abschreckung statt Strafe. Nur so k&ouml;nnte man dem Gewinnstreben der Konzerne Einhalt gebieten k&ouml;nnen. Aber mal ganz ehrlich? K&ouml;nnten Sie sich vorstellen, dass die auf Bundes- und mehr noch auf EU-Ebene traditionell konzernfreundliche und von Lobbyisten durchsetzte Politik zu einem solch scharfen Schwert greift? Wohl kaum.<\/p><p>W&uuml;rde man den Gedanken freien Raum geben, k&ouml;nnte man sich sogar noch sch&auml;rfere Schwerter vorstellen. So k&ouml;nnte man die Oligopole auch &bdquo;ganz einfach&ldquo; zerschlagen. Man k&ouml;nnte die Versorgung mit Kraftstoffen auch als Grundversorgung definieren und den gesamten Sektor verstaatlichen und k&uuml;nftig als Non-Profit-Sektor im Sinne des Allgemeinwohls f&uuml;hren. Aber klar, das ist noch unrealistischer als eine Durchsetzung von hohen Monopolstrafen.<\/p><p>Die unbefriedigende Antwort auf das Benzinpreisproblem ist also: Es gibt keine realistische L&ouml;sung, sondern nur kosmetische Eingriffe, die am Ende ohnehin verpuffen aber zumindest den Eindruck vermitteln, man t&auml;te was.<\/p><p>Auch wenn es einige unser Leser nicht gerne h&ouml;ren werden: Die wohl sinnvollste L&ouml;sung des Problems ist es, mittel- bis langfristig die volkswirtschaftliche Abh&auml;ngigkeit von fossilen Brennstoffen, &uuml;ber die man als Volkswirtschaft keine direkte Kontrolle hat, herunterzufahren. Die Energie- und Mobilit&auml;tswende w&auml;re da ein erfolgsversprechender Ansatz. Schlie&szlig;lich l&auml;sst sich ein elektrisch betriebenes Auto bei gegebenen Voraussetzungen sogar autark laden oder zumindest &uuml;ber kommunale Versorger mit selbst produziertem Strom antreiben; und dies ohne &Uuml;bergewinne, ohne einen gigantischen Kapitalabfluss ins Ausland und ohne Abh&auml;ngigkeiten. Aber ja, auch das ist leider unrealistisch, wenn man sich die politische und gesellschaftliche Gemengelage anschaut.<\/p><p>Zynisch k&ouml;nnte man den B&uuml;rgern daher folgen Pro-Tipp mit auf den Weg geben: Kaufen Sie sich doch am besten Aktien der Mineral&ouml;lkonzerne. Dann erhalten Sie die hohen Gewinnmargen der Konzerne &uuml;ber den Umweg der Dividende sp&auml;ter wieder zur&uuml;ck. Was? Sie k&ouml;nnen sich weder den Sprit noch Aktien leisten? Pech gehabt.<\/p><p>* Erg&auml;nzung 28.04.2026 14:15 Uhr:  Ein Leser machte uns darauf aufmerksam, dass es diese Forderung seitens einiger Akteure sehr wohl gegeben h&auml;tte. Das ist richtig. Richtig ist aber auch, dass diesen Aussagen nie konkrete politische Initiativen gefolgt sind. Dennoch ist dieser Satz, so wie er formuliert ist, nicht ganz korrekt. Wir bitten dies zu entschuldigen.<\/p><p><small>Titelbild: Elnur\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/3fff01c3c4be429b8f13fc4a803d3dbb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man regelm&auml;&szlig;ig die <em>BILD<\/em> liest, k&ouml;nnte man glatt denken, der Benzinpreis sei der Deutschen wichtigstes Thema. Und da scheint ja auch etwas dran zu sein. 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