{"id":149768,"date":"2026-05-01T09:00:15","date_gmt":"2026-05-01T07:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149768"},"modified":"2026-04-29T15:10:18","modified_gmt":"2026-04-29T13:10:18","slug":"heraus-zum-1-mai-aber-wofuer-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149768","title":{"rendered":"Heraus zum 1. Mai \u2013 aber wof\u00fcr eigentlich?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist wieder so weit. Wenigstens am 1. Mai erringt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das Ma&szlig; an Aufmerksamkeit, welches ihm ansonsten l&auml;ngst abhanden gekommen ist. Schlie&szlig;lich ist der 1. Mai als &bdquo;Tag der Arbeit&rdquo; ein gesetzlicher Feiertag, an dem traditionell auch die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien umfangreich &uuml;ber die zahlreichen Kundgebungen der Gewerkschaften berichten werden und Vertreter des DGB und seiner Mitgliedsverb&auml;nde ausf&uuml;hrlich zu Wort kommen lassen. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2017\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-149768-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=149768-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260429-Heraus-zum-1-Mai-wofuer-eigentlich-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Insgesamt soll es laut DGB am 1. Mai bundesweit &uuml;ber 400 Kundgebungen, Demonstrationen und Maifeste geben. Die zentrale Veranstaltung mit der DGB-Vorsitzenden Yasmin Fahimi findet diesmal in N&uuml;rnberg statt, und den Worten der anderen Mitglieder des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Vorstands und der Vorsitzenden der zum DGB geh&ouml;renden acht Einzelgewerkschaften kann man u.a. in Berlin, Bremen, M&uuml;nchen, Augsburg, Hamburg, Bielefeld, Augsburg, Rostock und Kassel lauschen.<\/p><p>Doch was werden die uns eigentlich erz&auml;hlen? Die zentrale DGB-Losung lautet in diesem Jahr &bdquo;Erst unsere Jobs, dann eure Profite&ldquo;. Unter diesem Motto werde man am 1. Mai 2026 &bdquo;k&auml;mpferisch, solidarisch und entschlossen auf die Stra&szlig;e gehen&rdquo;, hei&szlig;t es in dem <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/fileadmin\/download_center\/Aufrufe\/1._Mai_2026_Maiaufruf_final.pdf\">bundesweiten Aufruf<\/a>. Das klingt ja noch einigerma&szlig;en selbstbewusst, doch das Kleingedruckte in diesem Aufruf offenbart die ganze geballte Hilflosigkeit und Orientierungslosigkeit der Gewerkschaften.<\/p><p>Es gehe um &bdquo;Jobsicherheit und eine gerechte Arbeitswelt&ldquo; und &bdquo;eine Zukunft, die uns allen geh&ouml;rt&ldquo;, hei&szlig;t es da. Denn man befinde sich in einer Wirtschaftskrise, &bdquo;die Zehntausende Industriearbeitspl&auml;tze kostet. Standorte schlie&szlig;en, Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland. Doch die Verantwortung daf&uuml;r liegt nicht bei denen, die jeden Tag ihre Arbeit machen. Die Wahrheit ist: Viele Arbeitgeber dr&uuml;cken sich vor ihrer Verantwortung. Tag f&uuml;r Tag erleben wir Angriffe auf hart erk&auml;mpfte Rechte &ndash; auf den Achtstundentag, auf Lohnfortzahlung, auf soziale Sicherheit. Und immer wieder dieselbe falsche Behauptung: Die L&ouml;hne seien zu hoch. Damit ist jetzt Schluss!&rdquo;<\/p><p>Nein, damit ist jetzt nicht Schluss, sondern es f&auml;ngt gerade erst an, m&ouml;chte man da erwidern. Und es geht eben nicht um irgendwelche Arbeitgeber &bdquo;die sich vor ihrer Verantwortung dr&uuml;cken&ldquo;, sondern um eine umfassende, neue &ouml;konomische und politische Formierung Deutschlands, zu deren Realisierung auch ein Generalangriff auf die gesamte soziale Daseinsvorsorge und die Arbeitsbedingungen geh&ouml;rt. Fr&uuml;her nannte man so etwas auch in Gewerkschaftskreisen Klassenkampf von oben.<\/p><p><strong>Ein politischer Offenbarungseid<\/strong><\/p><p>Und es geht vor allem um das Primat der &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; in allen &ouml;konomischen und gesellschaftlichen Bereichen. Und das ist das eigentlich Verr&uuml;ckte an dem Mai-Aufruf des DGB: Mit keiner Silbe wird erw&auml;hnt, welche Rolle die Aufr&uuml;stung, die milliardenschwere Befeuerung des Krieges in der Ukraine und der Wirtschaftskrieg gegen Russland besonders im Energiesektor f&uuml;r den Niedergang der deutschen Wirtschaft spielen. Kein Wort zu der irrwitzigen Idee &bdquo;Aufschwung durch schuldenfinanzierte R&uuml;stungsproduktion&rdquo;. Kein Wort zu dem desastr&ouml;sen Agieren der deutschen Politik auf dem internationalen Parkett &ndash; sei es im Verh&auml;ltnis zu China oder in den Zollverhandlungen mit den USA. Stattdessen seltsam entr&uuml;ckte, aus der Zeit gefallene Formulierungen wie: &bdquo;Das Grundgesetz sagt: Eigentum verpflichtet. Und diese Verpflichtung hei&szlig;t konkret: Verantwortung f&uuml;r Arbeitspl&auml;tze &uuml;bernehmen, in den Standort Deutschland investieren, gemeinsam mit uns L&ouml;sungen finden.&ldquo; Es braucht schon ein geh&ouml;riges Ma&szlig; an Realit&auml;tsverleugnung, derartige Phrasen in den luftleeren Raum zu schleudern, ohne das jetzt herrschende Primat der Kriegswirtschaft auch nur zu erw&auml;hnen.<\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r die in dem Aufruf formulierten &bdquo;Forderungen an Politik und Wirtschaft&rdquo;, die da lauten (kleine Auswahl):<\/p><ul>\n<li>H&auml;nde weg vom Achtstundentag<\/li>\n<li>Unser Sozialstaat ist nicht verhandelbar<\/li>\n<li>Sichere Rente f&uuml;r alle<\/li>\n<li>Gesundheit: f&uuml;r Menschen, nicht f&uuml;r Profite<\/li>\n<li>Gerechte Steuerpolitik: Wer viel hat, muss mehr beitragen<\/li>\n<\/ul><p>und besonders sch&ouml;n<\/p><ul>\n<li>Erst Zukunftsinvestitionen f&uuml;r unsere Arbeitspl&auml;tze, dann eure Kostenoptimierung<\/li>\n<\/ul><p>Verlassen wir diesen traurigen Offenbarungseid und gehen wir zu den Ursachen. Der DGB und die meisten seiner Mitgliedsgewerkschaften stehen mit dem R&uuml;cken zur Wand. Der Mitgliederschwund h&auml;lt an &ndash; derzeit sind es noch rund 5,4 Millionen, vor zehn Jahren waren es noch &uuml;ber sechs Millionen &ndash; und die Tarifbindung erodiert weiter. Ende 2025 waren nur noch 49 Prozent aller regul&auml;r Besch&auml;ftigen in Betrieben mit Bindung an einen Fl&auml;chentarifvertrag t&auml;tig. Die kurze Phase relativ erfolgreicher Tarifverhandlungen, die teilweise sogar &ndash; wenn auch geringe &ndash; Reallohnsteigerungen brachten, ist vorbei. Angesichts des wirtschaftlichen Niedergangs bis hin zu Betriebsschlie&szlig;ungen in industriellen Kernbereichen wie Metall und Chemie stehen jetzt wieder Versuche im Mittelpunkt, durch Lohnverzicht tempor&auml;re Arbeitsplatzgarantien zu erreichen. Eine gewisse tarifpolitische Durchsetzungsmacht gibt es eigentlich nur noch im &ouml;ffentlichen Dienst und in einigen dort angegliederten Bereichen, wie etwa im Personennahverkehr.<\/p><p>Auch die politischen Koordinaten haben sich ver&auml;ndert. Zwar wird die traditionelle Verbundenheit der DGB-Gewerkschaften zur SPD vor allem in den F&uuml;hrungsetagen personell noch aufrechterhalten, doch an der Basis sieht das anders aus. In einigen Bundesl&auml;ndern haben bei den letzten Landtagswahlen und auch bei der Bundestagswahl deutlich mehr Gewerkschaftsmitglieder die AfD als die SPD gew&auml;hlt &ndash; und alles spricht daf&uuml;r, dass sich dieser Trend noch verst&auml;rken wird. Zumal viele Gewerkschaftsf&uuml;hrer den von der SPD in der Regierung nicht nur mitgetragenen, sondern von Exponenten wie Vizekanzler und Parteichef Lars Klingbeil und Kriegsminister Boris Pistorius forcierten Kurs der mit massivem Sozialabbau verbundenen Militarisierung der Wirtschaft offensiv vertreten. Was &ndash; so absurd das auch erscheinen mag &ndash; auf das Konto der AfD einzahlt.<\/p><p><strong>Auch der DGB will kriegst&uuml;chtig sein<\/strong><\/p><p>Dazu geh&ouml;rt, dass die Gewerkschaften &ndash; von einigen wackeren K&auml;mpfern auf unteren und mittleren Ebenen mal abgesehen &ndash; eine ihrer traditionellen Wurzeln, n&auml;mlich die Verbundenheit mit der Friedensbewegung, weitgehend gekappt haben. Vielmehr unterst&uuml;tzt man den Ausbau der R&uuml;stungsindustrie inklusive der Umstellungen von ziviler auf milit&auml;rische Produktion &ndash; etwa in der Automobil-, Schiffbau- und Flugzeugindustrie &ndash; ausdr&uuml;cklich, um &bdquo;Arbeitspl&auml;tze zu schaffen und zu sichern&ldquo;. Eine Haltung, die in vielen Betrieben und Branchen leider auf recht breite Unterst&uuml;tzung trifft, wie friedensbewegte Gewerkschafter immer wieder erschrocken konstatieren m&uuml;ssen. Und dass die Gewerkschaften bereit und in der Lage w&auml;ren, den angek&uuml;ndigten &bdquo;Sozialreformen&rdquo; irgendetwas Wirkm&auml;chtiges entgegenzustellen, kann man wohl kaum noch erwarten. Man will zwar irgendwie Kanonen und Butter, aber es gibt halt nur noch Kanonen statt Butter.<\/p><p>Ja, es gibt auch Widerstand gegen diesen Kurs, vor allem auf Bezirksebenen. Und es gibt auch Vernetzungsversuche wie die <a href=\"https:\/\/gewerkschaften-gegen-aufruestung.de\/\">&bdquo;Gewerkschaften gegen Aufr&uuml;stung&ldquo;<\/a>. Und es ist zu erwarten, dass Kritiker des Kurses der DGB-F&uuml;hrung auf vielen Kundgebungen und Demonstrationen am 1. Mai deutlich h&ouml;r- und sichtbar in Erscheinung treten.<\/p><p>Aber an dem &uuml;berwiegend traurigen Gesamtbild des DGB als weitgehend regierungs- und damit auch kriegskonformer Organisation, nebst zahnlosem Gebarme &uuml;ber den Sozialabbau und den Angriff auf Arbeitsstandards, wird das leider derzeit wenig &auml;ndern. Und angesichts des niederschmetternden Aufrufs des DGB zum diesj&auml;hrigen 1. Mai freut man sich, dass an diesem Tag auch noch andere Traditionen gepflegt werden. Wie etwa die &bdquo;Revolution&auml;re 1.-Mai-Demo&rdquo; in Berlin, bei der bis zu 20.000 Teilnehmer erwartet werden. Eine der beteiligten Gruppen mobilisiert f&uuml;r diese Demo mit einer sehr griffigen Losung: &bdquo;Gegen die Gesamtschei&szlig;e&ldquo;. Damit kann man wenigstens was anfangen.<\/p><p><em><strong>Lesetipp:<\/strong> Ulrike Eifler (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/www.vsa-verlag.de\/nc\/buecher\/detail\/artikel\/gewerkschaften-in-der-zeitenwende\/\">Gewerkschaften in der Zeitenwende<\/a>, Hamburg 2025, VSA Verlag, Taschenbuch, 144 Seiten, ISBN 978-3964882516, 12,80 Euro.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: ojka\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b7d1613148b8471da6413f2cb6229a7e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist wieder so weit. Wenigstens am 1. Mai erringt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das Ma&szlig; an Aufmerksamkeit, welches ihm ansonsten l&auml;ngst abhanden gekommen ist. Schlie&szlig;lich ist der 1. 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