{"id":149780,"date":"2026-05-02T12:00:13","date_gmt":"2026-05-02T10:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149780"},"modified":"2026-04-29T14:17:58","modified_gmt":"2026-04-29T12:17:58","slug":"anthologie-deutschland-neutral-ein-aufruf-zu-pazifistischem-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149780","title":{"rendered":"Anthologie \u201eDeutschland neutral\u201c \u2013 Ein Aufruf zu pazifistischem Denken"},"content":{"rendered":"<p>Seit dem Zweiten Weltkrieg wird die Bundesrepublik &uuml;ber diverse B&uuml;ndnis-Strukturen immer wieder in fremde Machtkonflikte verwickelt. Nie geht es dabei um Deutschland, nie um Verteidigung. Das muss sich &auml;ndern, lautet die Forderung einer neuen <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Deutschland-neutral\/2434\">Anthologie<\/a> aus dem Westend Verlag. Deutschland muss neutral werden! F&uuml;r den Appell haben die Herausgeber Uli Gellermann, Arnulf Rating und Jens Fischer Rodrian 31 weitere Autoren versammelt, allesamt Personen aus Kultur, Wissenschaft, Politik und Publizistik, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Eine Rezension von <strong>Eugen Zentner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nGemeinsam ist ihnen die Forderung nach einem Austritt aus der NATO, nach materieller wie verbaler Abr&uuml;stung, nach mehr Diplomatie und pazifistischem Denken. Der Journalist <em>Mathias Br&ouml;ckers<\/em> etwa schl&auml;gt einen neuen Verbund blockfreier Staaten vor, in dem sich Deutschland zusammen mit &Ouml;sterreich und der Schweiz um gute Beziehungen zu den Superm&auml;chten USA, China und Russland bem&uuml;ht, sich aber aus (deren) Kriegen heraush&auml;lt. Untermalt wird diese Idee mit viel Optimismus. Andere europ&auml;ische Staaten w&uuml;rden diesem Vorbild folgen, glaubt Br&ouml;ckers, der insbesondere Ungarn, Tschechien und die Slowakei erw&auml;hnt.<\/p><p>Deutschland muss wieder ein Volk guter Nachbarn werden &ndash; das schreibt NachDenkSeiten-Herausgeber <em>Albrecht M&uuml;ller<\/em> genauso wie sein Journalistenkollege <em>Roberto De Lapuente<\/em>, der sich zudem f&uuml;r die &bdquo;Einbindung Russlands in eine kontinentale Friedensordnung&ldquo; ausspricht. Seine Forderung nach Neutralit&auml;t unterstreicht der Journalist damit, dass es nicht bedeutet, keine Interessen zu haben, &bdquo;sondern endlich (wieder) eigene zu vertreten&ldquo;. &Auml;hnlich formuliert es die Schauspielerin und Publizistin <em>Gabriele Gysi<\/em>, f&uuml;r die Neutralit&auml;t keine Schw&auml;che ist, sondern Ausdruck der F&auml;higkeit zum Kompromiss &ndash; und die m&uuml;sse Deutschland sich aneignen.<\/p><p>So optimistisch manche Aussagen klingen, so &uuml;berholt wirken einige. Die Schnelllebigkeit der Geopolitik hat sie entwertet, so wie die in Donald Trump gesetzten Hoffnungen zum Beispiel. <em>Wolfgang Bittner<\/em> etwa verleiht ihnen noch Ausdruck: &bdquo;Die Berliner Politiker sind nach wie vor dem tiefen Staat der Regierung Obama und Biden verhaftet&ldquo;, schreibt er, um nach einem halben Absatz anzuf&uuml;gen: &bdquo;Ein Wandel k&ouml;nnte sich durch die Anspr&uuml;che Donald Trumps auf Gr&ouml;nland sowie die damit verbundenen Drohungen gegen D&auml;nemark und deren Unterst&uuml;tzer, darunter Deutschland, ergeben.&ldquo;<\/p><p>Noch weiter geht Roberto De Lapuente: Er untersucht Trumps Agenda geschichtsphilosophisch und bezeichnet ihn mit Hegel als eine &bdquo;List der Vernunft&ldquo;. Erst Trumps Au&szlig;enpolitik habe es wieder m&ouml;glich gemacht, dass deutsche Politiker ohne Schaum vor dem Mund &uuml;ber Russland reden k&ouml;nnten, so die optimistische Deutung. Auf Papier gebracht wurde sie jedoch vor dem Iran-Krieg, mit dem Trump seinen Nimbus als &bdquo;Friedenspr&auml;sident&ldquo; endg&uuml;ltig verloren hat. Es w&auml;re interessant, zu erfahren, ob De Lapuente in Trumps unklugem Vorgehen im Nahen Osten weiterhin eine &bdquo;List der Vernunft&ldquo; sieht, also einen &bdquo;hochgradig paradoxen Prozess, in dem geschichtliche Akteure aus reinem Eigennutz und h&auml;ufig unter der Pr&auml;misse egoistischer Motive handelnd einem &uuml;bergeordneten vern&uuml;nftigen Gang der Geschichte dienen&ldquo;.<\/p><p>Etwas n&uuml;chterner beschreibt schon <em>Wolfgang Effenberger<\/em> den Einfluss Trumps, indem er nicht unerw&auml;hnt l&auml;sst, dass der neue US-Pr&auml;sident Deutschland dazu auffordert, die Verteidigungsausgaben zu erh&ouml;hen und eine st&auml;rkere Rolle innerhalb der NATO einzunehmen. Die Forderungen der in der vorliegenden Anthologie versammelten Beitr&auml;ge weisen jedoch in die umgekehrte Richtung. Mitherausgeber <em>Jens Fischer Rodrian<\/em> nimmt dabei vor allem die &bdquo;Kulturschaffenden&ldquo; in die Pflicht. Jetzt gehe es um alles, schreibt er, um &bdquo;Krieg oder Frieden&ldquo;. Deshalb sei es Zeit, sich der Kraft der Kultur wieder bewusst zu werden.<\/p><p>Kabarettist <em>Arnulf Rating<\/em> macht es gleich vor, mit treffenden Pointen und herrlichen &Uuml;berspitzungen: &bdquo;Wie schwer das mit der Kriegst&uuml;chtigkeit werden kann, wird sich bei den Musterungen erweisen: Von den wenigen jungen Menschen, die wir haben, sind viele zu dick. Diese Doppelwhopper passen durch keine Panzerluke. Klar: Es gibt auch die d&uuml;nnen Kinder der Veganer vom Prenzlauer Berg. Aber die m&uuml;ssen erst mal an die Gulaschkanone herangef&uuml;hrt werden.&ldquo; Satireschwester <em>Lisa Fitz<\/em> steht dem in nichts nach und garniert ihren Beitrag ebenfalls mit sp&ouml;ttischen Sentenzen: &bdquo;W&auml;hrend der B&uuml;rger Lichterketten bastelt, rechnet der Minister: &sbquo;Bumm&lsquo; bringt am meisten&ldquo;, erkl&auml;rt sie die gegenw&auml;rtige Aufr&uuml;stungseuphorie im ironischen Gestus.<\/p><p>Ihr K&uuml;nstlerkollege <em>Dietrich Br&uuml;ggemann<\/em> prophezeit der Propaganda dennoch keinen gro&szlig;en Erfolg: &bdquo;Ich glaube jedoch, dass das Kriegsgeschrei, das seit Monaten an allen Fronten auf uns eindringt, am Ende genau das sein wird: ein Rohrkrepierer&ldquo;, schreibt der Regisseur und Schriftsteller, nachdem er die Bedeutung dieses Ph&auml;nomens aus dem Milit&auml;rwesen hergeleitet und anschlie&szlig;end auf originelle Weise verdeutlicht hat, wie sehr unsere Alltagssprache durch Kriegsvokabular gepr&auml;gt ist.<\/p><p>Neben solchen wortkreativen Beitr&auml;gen mit spielerischen Elementen enth&auml;lt die Anthologie auch solche, in denen die Autoren geschichtliche Exkurse unternehmen, teilweise entlang der eigenen Vita. W&auml;hrend etwa <em>Ulrike Gu&eacute;rot<\/em> die Entwicklung der europ&auml;ischen Verteidigungspolitik seit der Nachkriegszeit nachzeichnet, geht Gabriele Gysi auf den Westf&auml;lischen Frieden und den Kauf von Manhattan ein, <em>Uli Gellermann<\/em> auf die Weimarer Au&szlig;enpolitik und den &bdquo;Hufeisenplan&ldquo; im Jugoslawien-Krieg. Wolfgang Bittner indes baut in seine Ausf&uuml;hrungen den Zwei-plus-vier-Vertrag ein, um dann festzustellen, dass Deutschland die Chance auf eine neutrale Rolle schon vor Jahrzehnten verpasst hat und heute nicht vollst&auml;ndig souver&auml;n ist.<\/p><p>Um vertane M&ouml;glichkeiten geht es auch in dem Beitrag von Albrecht M&uuml;ller, der an die erste Regierungserkl&auml;rung des 1969 neu gew&auml;hlten Bundeskanzlers Willy Brandt und die damalige Haltung der Union erinnert. Letztere, so der NachDenkSeiten-Herausgeber, offenbarte damals eine Schw&auml;che dadurch, dass sie zu allen V&ouml;lkern Osteuropas keine freundschaftlichen Beziehungen pflegte. Was Russland betrifft, hat sich das bis heute nicht ge&auml;ndert.<\/p><p>Werden bei M&uuml;ller noch eigene Erfahrungen eingeflochten, n&auml;hert sich <em>Dirk Pohlmann<\/em> dem Thema im objektiven Modus. Er formuliert zun&auml;chst zwei Leitfragen, um sie anschlie&szlig;end analytisch-argumentativ zu beantworten. &bdquo;Wie beurteilen die deutschen Verb&uuml;ndeten und die wichtigsten internationalen Akteure eine m&ouml;gliche deutsche Neutralit&auml;t?&ldquo;, lautet die erste. W&auml;hrend Pohlmann auf diese Frage noch eine eindeutige Antwort geben kann, f&auml;llt ihm dies bei der zweiten schon schwerer: &bdquo;Ist Neutralit&auml;t f&uuml;r Deutschland eine sinnvolle Option?&ldquo; Diese m&uuml;sse angesichts &bdquo;des Ukrainekriegs, der Unberechenbarkeit der USA und der sich abzeichnenden neuen multipolaren Weltordnung&ldquo; neu bewertet werden, so Pohlmann, der schlie&szlig;lich drei Faktoren nennt, die zum derzeitigen Zeitpunkt f&uuml;r eine Neutralit&auml;t sprechen.<\/p><p>Auch die Journalistin <em>Madita Hampe<\/em> ist sich sicher: &bdquo;Eine gewisse Neutralit&auml;t sowohl im Politischen wie im Pers&ouml;nlichen ist notwendig, um auf beiden Ebenen einen solchen friedlichen Weg einzuschlagen&ldquo;, schreibt sie und haucht ihren Worten ein wenig Lebensweisheit ein: &bdquo;Ungeeignet f&uuml;r eine neutrale Politik sind Charaktere, die nicht bereit sind, pers&ouml;nliche Beziehungen zu Menschen einzugehen, deren Handlungen sie f&uuml;r moralisch verwerflich, gef&auml;hrlich oder verachtenswert halten. Solche Kontakte zu vermeiden, ist ein Luxus, den sich Privatpersonen leisten k&ouml;nnen, Politiker jedoch nicht.&ldquo;<\/p><p>Wie Hampe bejahen alle Autoren die Frage nach der Notwendigkeit von Neutralit&auml;t, untermauern ihre &Uuml;berzeugungen aber in einem ganz pers&ouml;nlichen Stil. Das macht das Buch so besonders. Es ist ein Blumenstrau&szlig; aus Argumenten und Darstellungsweisen, eine kurzweilige Lekt&uuml;re &ndash; anregend und unterhaltsam zugleich.<\/p><p><em>Uli Gellermann, Arnulf Rating, Jens Fischer Rodrian (Hrsg.): Deutschland neutral! Mit Sicherheit f&uuml;r Frieden. Neu-Isenburg 2026, Westend Verlag, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN 978-3987913679, 24 Euro.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/fb80cbc4ec0e4190b8483d2fad8e8734\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit dem Zweiten Weltkrieg wird die Bundesrepublik &uuml;ber diverse B&uuml;ndnis-Strukturen immer wieder in fremde Machtkonflikte verwickelt. Nie geht es dabei um Deutschland, nie um Verteidigung. Das muss sich &auml;ndern, lautet die Forderung einer neuen <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Deutschland-neutral\/2434\">Anthologie<\/a> aus dem Westend Verlag. Deutschland muss neutral werden! 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