{"id":149829,"date":"2026-04-30T12:00:50","date_gmt":"2026-04-30T10:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149829"},"modified":"2026-04-30T13:34:50","modified_gmt":"2026-04-30T11:34:50","slug":"innere-zeitenwende-wie-eine-friedliebende-gesellschaft-zur-kriegswilligkeit-erzogen-werden-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149829","title":{"rendered":"\u201eInnere Zeitenwende\u201c: Wie eine friedliebende Gesellschaft zur Kriegswilligkeit erzogen werden soll"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Zeitenwende&ldquo; &ndash; der Ausspruch des damaligen Kanzlers Olaf Scholz wurde 2022 zum Wort des Jahres gek&uuml;rt. Was vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges als Beschreibung einer geopolitischen Z&auml;sur verstanden werden konnte, enth&uuml;llte sich vielen erst nach und nach in seinem eigentlichen Sinn: die deutsche Gesellschaft auf einen Krieg vorzubereiten, den die Bev&ouml;lkerung nicht wollen kann. <strong>Ingar Solty<\/strong> f&uuml;hrt in seinem Buch &bdquo;Innere Zeitenwende&ldquo; vor Augen, was dieses Programm f&uuml;r Deutschland bedeutet. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSprachm&auml;chtig und faktenreich: Dieses Buch garantiert spannende Lekt&uuml;re. Erhellend, weil sie Licht in dunkle Machenschaften bringt. Sie &ouml;ffnet einem die Augen und geht unter die Haut. Man liest mit gez&uuml;cktem Stift, um sich Zitate anzustreichen und manches auch herauszuschreiben. Dabei stammen die Tatsachen und Meinungen, welche der Autor zusammengetragen hat, aus allgemein zug&auml;nglichen Quellen, sind hier aber durch eine Recherche verbunden, die in ihrer Gr&uuml;ndlichkeit ihresgleichen sucht. <\/p><p>Ingar Solty ist Referent f&uuml;r Friedens- und Sicherheitspolitik am Institut f&uuml;r Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Fellow des Instituts f&uuml;r kritische Theorie e. V. und Redakteur bei der Zeitschrift <em>LuXemburg<\/em>. Zur Analyse weltpolitischer Vorg&auml;nge hat er zahlreiche Artikel und B&uuml;cher ver&ouml;ffentlicht. Nach &bdquo;Innere Zeitenwende&ldquo;, dieser Tage im VSA-Verlag erschienen, ist mit &bdquo;Der postliberale Kapitalismus&ldquo; bei Papyrossa noch ein weiteres angek&uuml;ndigt. <\/p><p>Man h&auml;tte glauben d&uuml;rfen, dass Kriegsverherrlichung hierzulande nach zwei verheerenden Weltkriegen keinen Boden mehr hat. Die DDR sah sich als Friedensstaat, und in der BRD gab es immerhin eine breite Friedensbewegung, die von Ingar Solty gew&uuml;rdigt wird. Auch heute wird zu Kundgebungen aufgerufen, aber was k&ouml;nnen sie bewirken gegen diese geballte Macht von Politik und Milit&auml;r, Konzernen und Medien? Viel mehr Menschen m&uuml;ssten sich verb&uuml;nden, statt sich in Ohnmachtsgef&uuml;hlen und Groll zu vergraben. Aber dazu muss man die Lage erst einmal durchschauen, in der wir uns befinden. Dieses Buch leistet dazu einen Beitrag.<\/p><p>Es wird ja allgemein angenommen, dass die Proklamation einer &bdquo;Zeitenwende&ldquo; die Reaktion auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine gewesen sei. Dieser begann am 24. Februar 2022, und nur drei Tage sp&auml;ter trat Bundeskanzler Scholz mit seiner markigen Ank&uuml;ndigung vors Parlament. Eine fundamentale Neuausrichtung der deutschen Au&szlig;en-, Sicherheits- und Energiepolitik &ndash; ist sie nicht schon lange vorbereitet worden, muss man sich fragen. Wartete sie nur noch auf den passenden Anlass? Wurde sie gerade wegen ihrer weitreichenden Folgen in der allgemeinen Aufregung von &bdquo;oben&ldquo; proklamiert und ohne demokratische Debatte durchgewinkt? <\/p><p><strong>Blankoschecks f&uuml;r die Waffenindustrie<\/strong><\/p><p>Zu Recht spricht Ingar Solty von einem &bdquo;demokratiepolitischen Skandal&ldquo;. Voller Ersch&uuml;tterung schaute man in Richtung Ukraine, da musste der Bundeskanzler ja irgendwie reagieren. Doch das war eben nicht nur verbal. Das hatte Methode und Konsequenzen. Was auf sie zukam, blieb manchen B&uuml;rgern zun&auml;chst noch verborgen. Auch wem die &bdquo;Zeitenwende&ldquo; nutzt.<\/p><p>Ausf&uuml;hrlich dargestellt wird im Buch, wie R&uuml;stungskonzerne, vor allem in den USA, an der deutschen Aufr&uuml;stung verdienen. Solty verweist auf 760 Milliarden R&uuml;stungsk&auml;ufe seit Beginn des Ukraine-Kriegs. [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Und er setzt sich auch mit dem Argument auseinander, dass die Aufr&uuml;stung eine wirtschaftliche Chance f&uuml;r Deutschland bieten k&ouml;nne. Denn grunds&auml;tzlich dient sie der Umverteilung von unten nach oben. Aufr&uuml;stungsbeschl&uuml;sse als &bdquo;Blankoschecks f&uuml;r einen monopolistischen Markt&ldquo;. Wer wirtschaftlich gewinnt und wer die Zeche zahlt, soll tunlichst verschleiert werden. Die deutsche Bev&ouml;lkerung soll ja mittragen, was ihr da aufgehalst wird. <\/p><p>&bdquo;Die kreditfinanzierten Milit&auml;rausgaben lassen den Schuldendienst des Bundes kr&auml;ftig steigen&ldquo;, auf jetzt schon &bdquo;rund 30 Mrd. Euro&ldquo;. So wird Dirk Hierschel, Chefvolkswirt der Gewerkschaft Ver.di, zitiert. Laut Finanzplan der Bundesregierung sei &bdquo;im Jahr 2029&ldquo; mit einer Zinslast von 60 Milliarden Euro zu rechnen. Wird heute jeder 15. Euro des Bundeshaushalts f&uuml;r Zinszahlungen ausgegeben, w&uuml;rde die wachsende Verschuldung bedeuten, dass bis 2036 jeder f&uuml;nfte Euro Steuergeld f&uuml;r die Zinszahlungen aufgewendet werden muss. [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] <\/p><p>Nat&uuml;rlich sei man f&uuml;r den Frieden, t&ouml;nt es allenthalben. Aber dazu m&uuml;sse die Bundeswehr &bdquo;konventionell zur st&auml;rksten Armee Europas&ldquo; werden. R&uuml;stungskonzerne als &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Friedensbewegung der Welt&ldquo;? Das ist kein Witz. Auch die Bundeswehr wirbt auf Plakaten: &bdquo;Weil wir die st&auml;rkste Friedensbewegung Deutschlands sind&ldquo;. Der Widersinn hat Methode. Die einen fallen darauf herein, die anderen wenden sich ab: Macht euren Bl&ouml;dsinn doch alleine. <\/p><p><strong>Soll dies etwa &bdquo;der letzte Sommer im Frieden&ldquo; sein?<\/strong><\/p><p>Die hier aufgef&uuml;hrten Fakten sind ersch&uuml;tternd: &bdquo;Nach einer Umfrage von infratest-dimap im Auftrag des ARD-Deutschlandtrends vom Juni 2025 halten 50 Prozent der Bev&ouml;lkerung das 5%-Ziel f&uuml;r &bdquo;angemessen&ldquo;. Nur 35 Prozent sagen, diese Hochr&uuml;stung gehe &bdquo;zu weit&ldquo;, 7 Prozent sogar, sie gehe nicht weit genug. Sie tun dies, weil das zentrale Narrativ verf&auml;ngt, die EU-Ostgrenze, ja Deutschland selbst werde von Russland ohne diese Aufr&uuml;stung milit&auml;risch &uuml;berrannt werden. &bdquo;Die Russen kommen&ldquo;, ist heute keine ironische Bemerkung mehr wie in fr&uuml;heren Jahren.<\/p><p>Je &ouml;fter es wiederholt wird, umso bereitwilliger wird es geglaubt. Mit Angst wird Politik gemacht. Dass dies &bdquo;der letzte Sommer im Frieden&ldquo; sein d&uuml;rfte, warnte der Milit&auml;rhistoriker S&ouml;nke Neitzel, Dauergast bei Talk-Shows. Und Carlo Masala legte sich in einem fiktiven Szenario gar auf ein konkretes Datum fest. Am 27. M&auml;rz 2028 w&uuml;rde Narwa &uuml;berfallen. F&uuml;r die NATO w&uuml;rde der B&uuml;ndnisfall eintreten. [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Aber ist die Bedrohung durch Russland nicht real?, fragt Ingar Solty und gibt sich selbst die Antwort:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Sie ist es in dem Ma&szlig;e, wie sich Russland und die europ&auml;ischen NATO-Staaten gegenseitig hochschaukeln. Es ist eine brandgef&auml;hrliche Situation. S&auml;belrasseln war schon vor dem Ersten Weltkrieg t&ouml;richt, im Atomzeitalter muss es sich verbieten. Es besteht aber heute weder im Hinblick auf R&uuml;stungsasymmetrien noch in Bezug auf die russischen Geopolitikziele eine Bedrohung der europ&auml;ischen NATO-Staaten, auf die mit Aufr&uuml;stung zu reagieren w&auml;re &hellip; Die tats&auml;chliche russische Kriegf&uuml;hrung deutet auf g&auml;nzlich andere Kriegsziele hin. N&auml;mlich die Eroberung gr&ouml;&szlig;erer Teile des Donbass, um sich mit den Oblasten Saporischja und Kherson die Landverbindung zur 2014 annektierten Krim-Halbinsel zu sichern, und auf die Erzwingung der B&uuml;ndnisneutralit&auml;t der Ukraine mit milit&auml;rischen Mitteln.<\/em>&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Kriegsziele, die im Westen wohl gesehen, aber zur&uuml;ckgewiesen werden. Keinesfalls soll Russland sie erreichen, sondern &bdquo;ruiniert&ldquo; werden, wie die einstige Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock 2025 vollmundig verk&uuml;ndete. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Kein Gedanke daran, dass eine stabile europ&auml;ische Friedensordnung im deutschen Interesse w&auml;re. Weil eine Ostbindung Deutschlands den USA ein Dorn im Auge ist? Im Buch &bdquo;Die einzige Weltmacht&ldquo; von Zbigniew Brzezi&#324;ski wird diese Doktrin in aller Deutlichkeit dargestellt. [<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Oder m&uuml;sste sich Deutschland laut Klaus von Dohnanyi erst von den USA emanzipieren, um im eigenen Interesse zu handeln? [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] N&uuml;chternes Denken aber ist gegenw&auml;rtig rar. Hei&szlig;sporne scheinen an der Macht.<strong> <\/strong><\/p><p><strong>Deutschland spielt wieder Gernegro&szlig;<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nnte das alles ironisch nehmen: &bdquo;Ein mittlerweile wirtschaftlicher Zwerg beansprucht, au&szlig;enpolitischer Riese zu sein&ldquo;, schreibt Ingar Solty [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Aber vor dem Hintergrund geopolitischer Verteilungsk&auml;mpfe ist das bitterernst. Auf Teufel komm raus beansprucht Deutschland, zur milit&auml;rischen F&uuml;hrungsmacht in Europa aufzusteigen, selbst um den Preis einer verarmten Bev&ouml;lkerung. &bdquo;Bundespr&auml;sident Horst K&ouml;hler musste 2010 noch zur&uuml;cktreten, als er die deutsche Beteiligung im Afghanistankrieg mit dem Argument rechtfertigte: &sbquo;Ein Land unserer Gr&ouml;&szlig;e mit dieser Au&szlig;enhandelsorientierung und damit auch Au&szlig;enhandelsabh&auml;ngigkeit (muss) auch wissen, dass im Zweifel, im Notfall auch milit&auml;rischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren.&lsquo;&ldquo; [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]<\/p><p>Inzwischen hat nicht zuletzt Trumps Beispiel daf&uuml;r gesorgt, dass Machtpolitik ohne Maske auskommt. &bdquo;Pazifismus hei&szlig;t jetzt aufr&uuml;sten&ldquo;, sagte der ehemalige Ministerpr&auml;sident von Baden-W&uuml;rttemberg, Winfried Kretschmann, im <em>ZDF<\/em> [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>]. &bdquo;Das hier ist keine &Uuml;bung&ldquo;, titelte Ende M&auml;rz 2025 die <em>Zeit<\/em>, und ihr langj&auml;hriger Feuilletonchef Jens Jessen pochte darauf, dass der &bdquo;politische Imperativ [&hellip;], Deutschland m&uuml;sse wieder &rsaquo;kriegsf&auml;hig&lsaquo; werden&ldquo;, nicht allein durch &bdquo;Milliardenschulden f&uuml;r die R&uuml;stung&ldquo; zu haben sei, sondern dass es &bdquo;f&uuml;r die Wehrf&auml;higkeit noch etwas anderes als Geld und Waffen braucht. Es braucht die Wertsch&auml;tzung der Soldaten [&hellip;], Anerkennung und Sympathie &ndash; vielleicht sogar Bewunderung.&ldquo; [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p>Kriege fressen Menschen. &bdquo;Um Deutschland verteidigungsf&auml;hig zu machen&ldquo;, k&auml;me man an der Wehrpflicht nicht mehr vorbei, wird hier aus einem Interview von Patrick Sensburg mit der <em>Welt<\/em> zitiert. &bdquo;Nach Berechnungen der Bundeswehr&ldquo;, so k&uuml;ndigte er als Pr&auml;sident des Reservistenverbandes an, w&uuml;rden &bdquo;im Kriegsfall pro Tag 1000 Soldaten an der Front sterben oder so schwer verwundet sein, dass sie nicht mehr k&auml;mpfen k&ouml;nnen&ldquo;. [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]<\/p><p>Was die Infrastruktur betrifft, bef&uuml;rchte man Probleme, da sei noch allerhand zu tun, &bdquo;beim Bestattungswesen allerdings sei man optimistisch&ldquo;. Schon seit Fr&uuml;hjahr 2024 gibt es einen 1.000-seitigen &bdquo;Operationsplan Deutschland&ldquo;, welcher die zivil-milit&auml;rische Zusammenarbeit regeln soll. Selbstredend wurde er geheim, hinter dem R&uuml;cken der Bev&ouml;lkerung, erarbeitet. Ebenso wie die &bdquo;erste Milit&auml;rstrategie der Bundeswehr&ldquo;, vorgestellt in groben Z&uuml;gen am 22. April 2026 von Minister Pistorius auf einer Pressekonferenz in Berlin. &bdquo;Dabei wird die Auseinandersetzung mit Russland in alter Tradition zum existentiellen &Uuml;berlebenskampf Deutschlands verkl&auml;rt&ldquo;, hei&szlig;t es in der<em> jungen welt<\/em>. Eine besondere Bedeutung wird der Reserve zugemessen, die sozusagen &bdquo;das Scharnier zwischen Milit&auml;r und Zivilgesellschaft&ldquo; bilden und als &bdquo;Heimatschutz&ldquo; die Nachschubwege offenhalten soll. [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]<\/p><p><strong>Minderj&auml;hrige in der Bundeswehr<\/strong><\/p><p>Was ich schon l&auml;ngst h&auml;tte wissen k&ouml;nnen, aber erst aus diesem Buch erfahre: Wie die Bundeswehr zunehmend auch Minderj&auml;hrige rekrutiert, die sie mit Ausbildungsm&ouml;glichkeiten und Bezahlung k&ouml;dert. Jeder zehnte Rekrut sei mittlerweile minderj&auml;hrig. [<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] Man mag es kaum glauben: 17-J&auml;hrige d&uuml;rfen mit Zustimmung der Eltern langfristige Verpflichtungserkl&auml;rungen unterschreiben. Bereits seit 2011, also l&auml;ngst vor dem Ukrainekrieg. Eine ausgekl&uuml;gelte Werbeoffensive richtet sich insbesondere an die junge Generation. Die Bundeswehr stellt sich als &bdquo;normaler Arbeitgeber&ldquo; dar, spricht Abenteuerlust, Sport- und Technikbegeisterung an. &bdquo;Action. Adrenalin. Abenteuer. Die Herausforderung deines Lebens wartet auf dich. Krasse Wasserwettk&auml;mpfe, crazy Strandspiele und coole Beachpartys&ldquo; werden versprochen. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>] <\/p><p>Was immer Jugendliche sich w&uuml;nschen, sich erhoffen f&uuml;r ihr Leben, auch im Zivilen &ndash; psychologisch aufger&uuml;stet kn&uuml;pft die Bundeswehr daran an. &bdquo;Wir vertrauen dir. Weil du es kannst&ldquo; &ndash; Wo sonst kommt man jungen Menschen noch so entgegen wie bei der Karriereberatung dort? <\/p><p>Das Titelbild des Buches zeigt einen Jungen, der offenbar Spa&szlig; daran hat, ein Gewehr in der Hand zu halten. Neben ihm ein Bundeswehrsoldat, der ihm Mut zuspricht. Wie sollte das nicht verfangen? Viele Beispiele finden sich im Text, wie sogar Kinder spielerisch ans Kriegerische herangef&uuml;hrt werden sollen &ndash; mit Panzer-H&uuml;pfburgen und Popcorn-Beh&auml;ltern in Tarnfarben. Schon im Januar 2014 hat der UN-Ausschuss f&uuml;r die Rechte des Kindes gegen&uuml;ber Deutschland diesbez&uuml;glich Besorgnis ge&auml;u&szlig;ert. [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] Aber das wird ebenso in den Wind geschlagen wie das Friedensgebot des Grundgesetzes. Mittlerweile scheint fast alles erlaubt, wenn es nur gegen Russland geht.<\/p><p><strong>Oder m&uuml;ssen gar alle Russisch lernen? <\/strong><\/p><p>Unter der Ma&szlig;gabe, westliche Werte zu verteidigen, werden Demokratie und Freiheit durch Militarisierung zur Disposition gestellt. &bdquo;Zur Inneren Zeitenwende geh&ouml;rt die verbreitete Tendenz zur pauschalen Delegitimierung jedes oppositionellen Arguments als Narrativ des &auml;u&szlig;eren Feindes&ldquo;, stellt Ingar Solty fest. &bdquo;Die autorit&auml;re Praxis in Deutschland ist erheblich und willk&uuml;rliche Herrschaftspraxis nimmt zu.&ldquo; Noch nie habe es in der Geschichte so viele Strafanzeigen von Politikern gegen die eigenen B&uuml;rger gegeben. Allein Friedrich Merz hat seit 2021 &bdquo;Tausende Strafantr&auml;ge wegen Beleidigung&ldquo; gestellt. [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>]<\/p><p>Woher kommt diese Hysterie? Aus welcher Not wird &uuml;ber Bord geworfen, was als liberale Tugend hochzuhalten war? &bdquo;Wir k&ouml;nnen uns verteidigen lernen oder alle Russisch lernen&ldquo;, so haben es Jens Spahn und Marie-Agnes Strack-Zimmermann nahezu wortgleich ausgedr&uuml;ckt. [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] Wer wie ich einst in der DDR, also im sowjetischen Imperium, lebte, kann da nur lachen. Mit Russisch-Kenntnissen war es bei DDR-B&uuml;rgern oft nicht weit her. Aber heute d&uuml;rften Sprachkurse kein Problem sein mit Hilfe der vielen Ukrainer, die jetzt in Deutschland leben. Die meisten von ihnen sprechen ja allerfeinstes Russisch. <\/p><p>Aber ernsthaft: Wenn die Ukraine trotz aller Unterst&uuml;tzung am Ende doch einen Friedensvertrag zu den Bedingungen Russlands schlie&szlig;en muss, w&auml;re das, da hat Ingar Solty recht, eine narzisstische Kr&auml;nkung f&uuml;r all jene, die sich insgeheim endlich mal daf&uuml;r r&auml;chen wollen, dass Nazideutschland im Zweiten Weltkrieg unterlag. Die nun f&uuml;r einen Sieg &uuml;ber Russland den Kampf bis zum letzten Ukrainer finanzieren und das deutsche Volk in Haftung nahmen, w&auml;hrend sie selbst am Krieg verdient haben. &bdquo;Friedensangst schockt Anleger!&ldquo;, titelte der <em>B&ouml;rsen-Express<\/em> im November 2025, als Trump einen angeblichen Friedensplan f&uuml;r die Ukraine vorlegte. &bdquo;Was f&uuml;r die Welt eine gute Nachricht w&auml;re, versetzt R&uuml;stungsaktion&auml;re in Angst.&ldquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>]<\/p><p>Schon 1916 hat Rosa Luxemburg das in ihrer Schrift &bdquo;Die Krise der Sozialdemokratie&ldquo; auf den Punkt gebracht : &bdquo;Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen.&ldquo; [<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] Aber vorher k&ouml;nnten wir eine innere Zeitenwende erleiden, welche die Bev&ouml;lkerung sogar selbst herbeif&uuml;hren wird. Denn nur ihre Zustimmung erh&auml;lt das liberal-demokratische System am Leben. Die aber ist durch Wohlstand erkauft. So viel wird geredet &uuml;ber westliche Werte im Gegensatz zu autorit&auml;ren Regimen. Aber Deutschland k&ouml;nnte bald zu Letzteren geh&ouml;ren, wenn niemand den Mut hat zu einer Zeitenwende hin zu Friedenspolitik und mehr Verteilungsgerechtigkeit.<\/p><p><em>Ingar Solty: Innere Zeitenwende. Die Militarisierung von Deutschlands Gesellschaft und Alltagskultur. Eine Flugschrift. VSA Verlag, 120 S., br., 12 &euro;.<\/em><\/p><p><em><strong>Buchpremiere mit Ingar Solty und Irmtraud Gutschke am Montag, dem 4. Mai, 18 Uhr im Salon Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin.<\/strong><\/em><\/p><p><small>Titelbild: Kastoluza \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 41<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;<\/a>] Dierk Hirschel: Kanonen oder Butter? Aufr&uuml;stung ist kein Wachstumstreiber, in: Ulrike Eifler (Hrsg.): Gewerkschaften in der Zeitenwende. VSA Verlag 2025, S. 30. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;<\/a>] Carlo Masala: Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario. C.H.Beck 2025<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 23 f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/ukraine-krieg-baerbock-ueber-sanktionen-das-wird-russland-ruinieren-RZDYS2DEPRK5OST7ZGGRZ6UN4I.html\">rnd.de\/politik\/ukraine-krieg-baerbock-ueber-sanktionen-das-wird-russland-ruinieren-RZDYS2DEPRK5OST7ZGGRZ6UN4I.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;<\/a>] Zbigniew Brzezi&#324;ski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft und der Kampf um Eurasien. Nomen Verlag 2026 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;<\/a>] Klaus von Dohnanyi: Nationale Interessen. Orientierung f&uuml;r deutsche und internationale Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che. Siedler 2022<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 27<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 30<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/politik\/deutschland\/winfried-kretschmann-pazifismus-aufruestung-wirtschaft-100.html\">zdfheute.de\/politik\/deutschland\/winfried-kretschmann-pazifismus-aufruestung-wirtschaft-100.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 57<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 59<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/521384.milit%C3%A4rstrategie-der-bundeswehr-den-feind-markieren.html\">jungewelt.de\/artikel\/521384.milit&auml;rstrategie-der-bundeswehr-den-feind-markieren.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 61<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.friedenskooperative.de\/friedensforum\/artikel\/ueberblick-ueber-die-werbeoffensive-der-bundeswehr.html\">friedenskooperative.de\/friedensforum\/artikel\/ueberblick-ueber-die-werbeoffensive-der-bundeswehr.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.kindersoldaten.info\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Fakten-und-Hintergru%CC%88nde-Minderja%CC%88hrige-und-Bundeswehr.pdf\">kindersoldaten.info\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Fakten-und-Hintergru%CC%88nde-Minderja%CC%88hrige-und-Bundeswehr.pdf<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 93f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 20<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;<\/a>] Solty, S. 51<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/ines-schwerdtner\/anlass-zum-aufstand\">freitag.de\/autoren\/ines-schwerdtner\/anlass-zum-aufstand<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Zeitenwende&ldquo; &ndash; der Ausspruch des damaligen Kanzlers Olaf Scholz wurde 2022 zum Wort des Jahres gek&uuml;rt. 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