{"id":149906,"date":"2026-05-04T09:14:54","date_gmt":"2026-05-04T07:14:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149906"},"modified":"2026-05-04T10:26:57","modified_gmt":"2026-05-04T08:26:57","slug":"erste-militaerstrategie-der-bundeswehr-warum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149906","title":{"rendered":"Erste Milit\u00e4rstrategie der Bundeswehr \u2013 warum?"},"content":{"rendered":"<p>Am 22. April stellte der sozialdemokratische Verteidigungsminister die &bdquo;erste Milit&auml;rstrategie&ldquo; der Bundeswehr der &Ouml;ffentlichkeit vor. Dieses Konzeptionspapier betritt nat&uuml;rlich nicht zuf&auml;llig die &ouml;ffentliche B&uuml;hne. Mitten in der gr&ouml;&szlig;ten internationalen Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges &ndash; mindestens jedoch auf Augenh&ouml;he mit der Kubakrise &ndash; ver&ouml;ffentlicht die Bundesregierung eine &bdquo;Gesamtkonzeption milit&auml;rische Verteidigung&ldquo;, die die Forderung des Bundeskanzlers Merz, die Bundeswehr zur &bdquo;st&auml;rksten konventionellen Armee Europas&ldquo; aufzubauen, konzeptionell untermauern soll. Was sind die zentralen Inhalte und vor allem, warum dieses neue Papier? Der Beitrag erg&auml;nzt die bereits zuvor auf den <em>NachDenkSeiten<\/em> ver&ouml;ffentlichten Beitr&auml;ge zur Thematik (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149753\">Deutsche Milit&auml;rstrategie f&uuml;r einen Krieg gegen Russland<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149511\">Medienversagen bei neuer deutscher Milit&auml;rstrategie: &bdquo;Zum Gl&uuml;ck muss niemand bef&uuml;rchten, dass Deutschland einen Angriffskrieg plant&ldquo;<\/a>), da das Thema f&uuml;r Deutschland und Europa von einschneidender Relevanz zu ist und die medialen Hofschranzen es nicht fertigbringen, kritisch dazu zu berichten. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; &ndash; Begriffskl&auml;rung und Einordnung des neuen Formats<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;Milit&auml;rstrategie der Bundeswehr&ldquo; ist ein neues Format und &bdquo;konzentriert sich (&hellip;) vor allem auf die Bedrohung durch Russland&ldquo;, womit die sicherheitspolitische Sto&szlig;richtung klar und deutlich gekl&auml;rt wird.<\/p><p>Die &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; besteht tats&auml;chlich aus zwei Teilen: Erstens der eigentlichen &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; und zweitens dem &bdquo;Plan f&uuml;r die Streitkr&auml;fte&ldquo;, gemeint ist das &bdquo;&bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo;&ldquo;, was also die Bundeswehr technisch-operativ in der Lage sein muss, zu k&ouml;nnen. Daher ist die &ouml;ffentliche Darstellung, es handle sich um eine &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; etwas irref&uuml;hrend. Die &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; und der &bdquo;Plan f&uuml;r die Streitkr&auml;fte&ldquo; (&bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo;) bilden die &bdquo;Gesamtkonzeption milit&auml;rische Verteidigung&ldquo;. Und diese &bdquo;Gesamtkonzeption milit&auml;rische Verteidigung&ldquo; stellt fortan ein weiteres Format neben der 2023 verabschiedeten &bdquo;Nationalen Sicherheitsstrategie&ldquo;, die das Format &bdquo;Wei&szlig;buch&ldquo; abl&ouml;ste, und den &bdquo;Verteidigungspolitischen Richtlinien&ldquo; (VPR) f&uuml;r die Bundeswehr dar. Die drei Dokumente stehen gewisserma&szlig;en in einem hierarchischen Verh&auml;ltnis, wobei die &bdquo;Nationale Sicherheitsstrategie&ldquo; an der Spitze steht. Innerhalb des neuen Formats &bdquo;Gesamtkonzeption milit&auml;rische Verteidigung&ldquo; baut das &bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo; logischerweise auf der &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; auf: <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Mit der ersten Milit&auml;rstrategie in der Geschichte der Bundesrepublik geben wir Antworten auf die sicherheitspolitische Lage. (&hellip;). Sie beschreibt die Bedrohungslage. Sie definiert Priorit&auml;ten und sie legt fest, wie die Bundeswehr im B&uuml;ndnis abschreckt &ndash; und insbesondere: wie sie k&auml;mpft, wenn es n&ouml;tig ist.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Das &bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo; wiederum ist <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>das zentrale bedarfsbegr&uuml;ndende Dokument der Bundeswehr und legt fest, &uuml;ber welche F&auml;higkeiten die Bundeswehr verf&uuml;gen muss: Was braucht die Bundeswehr, um unser Land, seine B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und unsere Alliierten verteidigen zu k&ouml;nnen. Die im &bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo; der Bundeswehr beschriebenen Streitkr&auml;fte bilden die Grundlage f&uuml;r die Verteidigungsaufstellung.<\/em><\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Auf eine kurze Formel gebracht, bedeutet das: Die Milit&auml;rstrategie beschreibt, wie wir handeln &ndash; das &bdquo;F&auml;higkeitsprofil&ldquo; beschreibt, womit wir handeln&ldquo;, so die Begriffserl&auml;uterung in der Gesamtkonzeption. <\/p><p>Zentral in der &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; ist dementsprechend die Bedrohungsperzeption, mithin, wie die deutschen Sicherheitsorgane die Bedrohungslage f&uuml;r Deutschland, Europa und die NATO einsch&auml;tzen und welche Strategien erforderlich sind, um diesen Bedrohungen zu entgegnen. Alle drei Formate leiden gewisserma&szlig;en unter einem hohen Ma&szlig; an Redundanz, das hei&szlig;t, sie wiederholen sich in erheblichem Ausma&szlig;, insbesondere hinsichtlich der analysierten Bedrohungslage. Dies kann ein Zufall, kann aber auch intendiert sein, um das konstatierte Bedrohungsszenario m&ouml;glichst h&auml;ufig gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit zu wiederholen und auf diese Weise dieses Szenario in den K&ouml;pfen der Menschen zu verfestigen. Hierzu passt auch der massive Anstieg von Bundeswehroffizieren an Schulen, wie eine <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/bundeswehr-besucht-mehr-schulen-100.html\">Kleine Anfrage der Linksfraktion dokumentiert<\/a>.<\/p><p><strong>&bdquo;Bedrohungsumfeld&ldquo;<\/strong><\/p><p>Im Folgenden werden die zentralen Aussagen der Bedrohungsperzeption dargestellt und auf ihre &Uuml;berzeugungsqualit&auml;t hin &uuml;berpr&uuml;ft:<\/p><p>Zun&auml;chst einmal bleibt zu konstatieren, dass die &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; das tats&auml;chlich gegenseitige Bedrohungsgef&uuml;hl auf eine einseitige Bedrohung durch Russland verengt: <\/p><blockquote><p>\n    &bdquo;<em>In Europa bleibt Russland absehbar die gr&ouml;&szlig;te Bedrohung f&uuml;r unsere Sicherheit. (&hellip;). <\/em><\/p>\n<p>    <em>Auch die europ&auml;ische und deutsche Sicherheit werden durch Russland bedroht. Russland schafft die Voraussetzungen f&uuml;r einen Krieg gegen die NATO und f&uuml;hrt bereits jetzt hybride Operationen gegen die Mitgliedsstaaten der Allianz durch. Das heutige Russland stellt daher auf absehbare Zeit die gr&ouml;&szlig;te unmittelbare Bedrohung f&uuml;r Frieden und Sicherheit in Deutschland und im euroatlantischen Raum dar.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ob Russland tats&auml;chlich die &bdquo;Voraussetzungen&ldquo; (gemeint ist die Aufr&uuml;stung milit&auml;rischer F&auml;higkeiten) schafft, um einen Krieg gegen die NATO zu f&uuml;hren, kann ich nicht abschlie&szlig;end beurteilen. Es k&ouml;nnte auch eine Ma&szlig;nahme sein, die eigenen Verteidigungf&auml;higkeiten gegen die NATO zu st&auml;rken, so wie die NATO ihrerseits erkl&auml;rt, ihre Verteidigungsf&auml;higkeit durch Aufr&uuml;stung gegen Russland st&auml;rken zu m&uuml;ssen (Sicherheitsdilemma). Fakt ist jedoch, dass allein die milit&auml;rischen F&auml;higkeiten der europ&auml;ischen NATO-Staaten im konventionellen Bereich derzeit <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=129641\">klar denen Russlands noch &uuml;berlegen sind<\/a>. <\/p><p>Andererseits ver&auml;ndert sich das Schlachtfeld. Das Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts wird eben nicht mehr mit der materiellen land-, luft- und seebasierten &Uuml;berlegenheit gewonnen, wie die USA und Israel gerade <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149200\">diese schmerzhafte Erfahrung mit dem Iran machen m&uuml;ssen<\/a>. Und Russland hat in dem Bereich der Hightech-Waffen nicht nur aufgeholt, sondern auch in gewissen Segmenten wie der <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=141913\">Hyperschall- und der Drohnentechnologie eine F&uuml;hrungsrolle &uuml;bernommen<\/a>. Auch verweisen westliche Kritiker darauf, Russland produziere wesentlich mehr Waffen, als es f&uuml;r den Krieg gegen die Ukraine ben&ouml;tige. Angesichts dieser von Russland geschaffenen &bdquo;Voraussetzungen&ldquo; wird eine Angriffsabsicht auf die NATO abgeleitet:<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Es bereitet sich durch seine Aufr&uuml;stung auf eine milit&auml;rische Auseinandersetzung mit der NATO vor (&hellip;)&ldquo; <\/em><\/p><\/blockquote><p>Ob diese Absicht Russlands tats&auml;chlich besteht oder nicht, ist nichts weniger als ein Blick in die Glaskugel, denn ein Blick in die K&ouml;pfe der russischen Regierung ist bekannterweise nicht m&ouml;glich. <\/p><p>Geradezu eine Realsatire sind folgende Aussagen: Russland sehe den &hellip;<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Einsatz milit&auml;rischer Gewalt als legitimes Instrument zur Durchsetzung seiner Interessen<\/em>&ldquo;. <\/p><\/blockquote><p>Und: <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Androhung und Einsatz milit&auml;rischer Gewalt als Instrumente zur Durchsetzung nationaler Interessen sind zur&uuml;ck in der internationalen Politik.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>H&auml;tten die Autoren der &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; einen Blick in das &ndash; auch f&uuml;r Offizierssch&uuml;ler &ndash; Standardwerk &bdquo;Vom Kriege&ldquo; des preu&szlig;ischen Milit&auml;rphilosophen Carl von Clausewitz geworfen, dann w&uuml;ssten sie, dass der Krieg die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln ist. Und was legitim ist oder nicht &ndash; und das ist der Unterschied zur gesetzlichen Rechtm&auml;&szlig;igkeit &ndash; ist sehr subjektiv. Davon einmal abgesehen, ist es ganz offensichtlich kein Monopol Russlands, milit&auml;rische Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen einzusetzen &ndash; ein kritischer Blick nach Washington und NATO-Br&uuml;ssel d&uuml;rfte wohl ausreichen, um der Formulierung &bdquo;sind zur&uuml;ck in der internationalen Politik&ldquo; den Stempel &bdquo;was f&uuml;r eine abenteuerliche Selbstwahrnehmung&ldquo; aufzudr&uuml;cken.<\/p><p>Jedenfalls ist diese einseitige Bedrohungsperzeption fatal, zumal auch auf der &bdquo;Gegenseite&ldquo; die au&szlig;en- und sicherheitspolitischen sowie milit&auml;rischen und nachrichtendienstlichen Entscheidungstr&auml;ger in Russland geradezu spiegelbildlich den Westen, insbesondere die Europ&auml;er und hier nochmals besonders Gro&szlig;britannien, Frankreich und Deutschland, ihrerseits ausschlie&szlig;lich als Bedrohung perzipieren, was die internationale Lage nochmals verschlechtert. Es fehlt also an sicherheitspolitischer Empathie auf beiden Seiten, einer Eigenschaft, die absolut notwendig ist, um eine stabile Sicherheitsarchitektur &uuml;berhaupt zu schaffen. Empathie bedeutet, eben auch die Gegenseite zu verstehen und tragbare Kompromisse zu finden.<\/p><p>Dass der Wille zur empathischen Sicherheitspolitik auch in Berlin derzeit eine Mangelware darstellt, indiziert geradezu die Aussage, der &bdquo;russische Angriffskrieg gegen die Ukraine richtet sich gegen die europ&auml;ische und die globale Friedensordnung&ldquo;. Realiter handelt sich eben nicht um eine nachhaltige &bdquo;europ&auml;ische und globale Friedensordnung&ldquo;. Eine &bdquo;Friedensordnung&ldquo;, in der ein Akteur mit Verb&uuml;ndeten im Schlepptau den europ&auml;ischen Kontinent erneut teilt (NATO-Osterweiterung) und dem Rest der Welt seine Interessen unter Androhung und gar Anwendung von Gewalt diktiert (die &bdquo;Pax Americana&ldquo;), statt Kompromisse auf Augenh&ouml;he zu finden, ist keine &bdquo;Friedensordnung&ldquo;, sondern ein tempor&auml;rer hegemonialer Zustand, der fr&uuml;her oder sp&auml;ter herausgefordert werden wird. Dass diese unipolare Weltordnung irgendwann von aufstrebenden M&auml;chten herausgefordert werden w&uuml;rde, erkl&auml;rt nicht nur die politikwissenschaftliche Denkschule des &bdquo;Realismus&ldquo;, sondern sollte auch ein Ergebnis des klaren Menschenverstandes sein. Die &bdquo;Pax Americana&ldquo; ist eben keine &bdquo;Pax&ldquo;-, also keine Friedensordnung, sondern nur eine verkappte US-Globaldominanz gewesen.<\/p><p>Die jeweils einseitige Darstellung der Verantwortung f&uuml;r die europ&auml;ische und globale Konfliktsituation auf beiden Seiten der Konfliktlinie verdeutlicht einmal mehr die Unwilligkeit, auch eigene Fehler bereitwillig zu reflektieren, so auch in der Milit&auml;rstrategie:<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Alte Gewissheiten sind ins Wanken geraten. Internationale Regeln, auf die wir uns verlassen haben, werden zunehmend infrage gestellt und angegriffen. Damit ver&auml;ndert sich auch unser strategisches Umfeld im B&uuml;ndnis.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Bei der Feststellung der Angriffe auf die &bdquo;internationalen Regeln&ldquo; w&auml;re es angesichts der eigenen, wohl in Qualit&auml;t und Quantit&auml;t f&uuml;hrenden Rechtsbr&uuml;che des US-gef&uuml;hrten Westens &ndash; ohne die Russlands zu relativieren &ndash; mehr als angeraten, diese nicht als Indiz f&uuml;r eine Verschlechterung der internationalen Beziehungen anzuf&uuml;hren. Nicht zuletzt hat der kanadische Premierminister Carney auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos genau diese Doppelstandards als nicht mehr zukunftsf&auml;hig konzediert:<\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Wir wussten, dass die Geschichte der regelbasierten internationalen Ordnung teilweise falsch war. Dass die St&auml;rksten sich ausnahmen, wenn es ihnen passte. Das Handelsregeln asymmetrisch durchgesetzt wurden. Und dass internationales Recht je nach Identit&auml;t des Beschuldigten oder des Opfers unterschiedlich streng angewandt wurde. Diese Fiktion war n&uuml;tzlich<\/em>,(&hellip;). (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=145397\">&bdquo;Der Mensch ist des Menschen Wolf&ldquo; &ndash; und Staaten als W&ouml;lfe unter sich?<\/a> )<\/p><\/blockquote><p><strong>&bdquo;St&auml;rkste konventionelle Armee Europas&ldquo;<\/strong><\/p><p>Schlie&szlig;lich benennt die Milit&auml;rstrategie dann doch endlich die beiden tieferliegenden Gr&uuml;nde f&uuml;r die in den Augen der Bundesregierung notwendige Aufr&uuml;stung der Bundeswehr &bdquo;zur st&auml;rksten konventionellen Armee Europas&ldquo;: <\/p><p>Erstens ist es der Weltneuordnungsprozess unter Anwendung auch milit&auml;rischer Machtmittel. Es geht darum, Europa als Subjekt statt Objekt in der neuen multipolaren Weltordnung zu positionieren:<\/p><blockquote><p>\n    <em>&bdquo;Das milit&auml;rstrategische Handlungs- und Bedrohungsumfeld ist gepr&auml;gt von zunehmender Multipolarit&auml;t und strategischer Rivalit&auml;t. (&hellip;).<\/em><\/p>\n<p>    <em>Wachsende Interkonnektivit&auml;t von Akteuren und Krisenlagen f&uuml;hrt zudem dazu, dass regionale Konflikte globale Bedeutung gewinnen k&ouml;nnen (&hellip;). Daher m&uuml;ssen einzelne Ereignisse jederzeit auf Verbindungen mit anderen geostrategischen R&auml;umen und weiteren Akteuren gepr&uuml;ft werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Die neue, sich etablierende Weltordnung, die multipolare Welt, wird somit nicht als Chance, als gemeinsames neues Weltprojekt, sondern als volatil, unsicher und instabil, kurzum als Gefahr perzipiert. Deutschland soll, so will es die gegenw&auml;rtige Bundesregierung, zur F&uuml;hrungsnation Europas werden und den europ&auml;ischen Kontinent, wenn m&ouml;glich mit den USA (pr&auml;ferierte Option), wenn n&ouml;tig ohne die USA (Notoption) in der Welt und besonders gegen Russland behaupten.<\/p><p>Um zu f&uuml;hren, so scheint man in der Bundesregierung der Auffassung zu sein, ist es nicht nur wichtig, ein &ouml;konomischer, sondern auch ein milit&auml;rischer Akteur zu sein:<\/p><p>&bdquo;Als gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft Europas und bedeutender Alliierter ohne eigene Nuklearkr&auml;fte tr&auml;gt Deutschland besondere Verantwortung&ldquo; f&uuml;r Europa und die NATO. Neben der Machts&auml;ule &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Volkswirtschaft Europas&ldquo; soll sodann die zweite Machts&auml;ule &bdquo;st&auml;rkste konventionelle Armee Europas&ldquo; etabliert werden. Es geht faktisch darum, dass Deutschland via Bundeswehr die europ&auml;ische F&uuml;hrungsrolle (F&uuml;hrungsnation) beansprucht. Ob diese ambitionierte F&uuml;hrungsrolle bei den europ&auml;ischen Partnern vor dem Hintergrund der Geschichte Europas so auf uneingeschr&auml;nkte Gegenliebe sto&szlig;en wird, bleibt noch abzuwarten.<\/p><p>Zweitens geht es um die (tendenzielle) Abwendung der USA von Europa, von der NATO. Ob die Abwendung der USA unter Trump absolut sein wird, Stichwort &bdquo;Ende der NATO&ldquo;, oder nur tendenziell, also die m&ouml;gliche Einschr&auml;nkung des US-amerikanischen Schutzversprechens, was aber auch in letzter Konsequenz das Ende der NATO bedeuten w&uuml;rde, sei dahingestellt. Jedenfalls bem&uuml;ht sich die Bundesregierung um die Gunst der USA ganz so, als w&uuml;rde die alte transatlantische Liebe nur eine von Trump auferlegte Zwangspause erleiden, die nun jedoch genutzt werden m&uuml;sse, um zu liefern, damit der g&uuml;tige Hegemon seine Liebe zur transatlantischen Welt zumindest teilweise wiederentdecken kann: <\/p><blockquote><p>&bdquo;<em>Die NATO muss europ&auml;ischer werden, um transatlantisch zu bleiben<\/em>.&ldquo; (&hellip;) <em>&bdquo;Die USA sind politisch und durch ihre milit&auml;rischen F&auml;higkeiten f&uuml;r die Allianz essenziell. Sie erkl&auml;ren dabei aber, sich strategisch zunehmend in ihre westliche Hemisph&auml;re und den Indopazifik zu orientieren. Auch jenseits dieser Neuorientierung in den Indopazifik verlangen die USA in ihrer 2026 National Defense Strategy von ihren Verb&uuml;ndeten gr&ouml;&szlig;ere Anstrengungen, die eigene Sicherheit zu gew&auml;hrleisten. Deutschland muss daher den USA ein noch st&auml;rkerer milit&auml;rischer Verb&uuml;ndeter werden und gleichzeitig gemeinsam mit den Alliierten mehr Verantwortung f&uuml;r die gemeinsame euro-atlantische Sicherheit &uuml;bernehmen, um erfolgreich abschrecken und das B&uuml;ndnis auch weiterhin verteidigen zu k&ouml;nnen.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Diese Aussagen sind als starke Signale der Unterw&uuml;rfigkeit an die US-F&uuml;hrung adressiert, wobei Deutschland als europ&auml;ische F&uuml;hrungsnation mit und f&uuml;r die USA wirken will. Und sollten die USA die Liebessignale nicht erwidern, so m&uuml;sse Deutschland als F&uuml;hrungsnation eben Europa als selbstst&auml;ndigen Akteur in der internationalen Politik etablieren. Die Philosophie ist also, wenn m&ouml;glich mit und unter Washington, wenn n&ouml;tig ohne Washington. <\/p><p>Vieles wird auch davon abh&auml;ngen, ob und wie Trump auf die Gehorsamsverweigerung der Europ&auml;er, ihn im Irankrieg auch milit&auml;risch zu unterst&uuml;tzen und teilweise die Luftr&auml;ume f&uuml;r die US-Luftwaffe zu sperren, noch reagieren wird. Die Unterw&uuml;rfigkeit der europ&auml;ischen NATO-Mitgliedsstaaten ist zwar offensichtlich, jedoch nicht homogen und auch nicht grenzenlos, wie der Iran-Krieg zeigen sollte. Ausl&ouml;ser f&uuml;r diese Weigerung d&uuml;rfte nicht zuletzt der Anspruch Trumps auf Gr&ouml;nland gewesen sein, der ein Erweckungserlebnis in den europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten zumindest ansatzweise erzeugte.<\/p><p><strong>Fazit<\/strong><\/p><p>Deutschland, EU-Europa und die NATO auf der einen und Russland auf der anderen Seite betrachten sich gegenseitig als existentielle Bedrohung. Die &bdquo;Milit&auml;rstrategie&ldquo; zeigt keinen konstruktiven diplomatischen Ausweg aus der gegenseitigen, scheinbar unaufl&ouml;sbaren Bedrohungsperzeption, sondern vertieft diese Wahrnehmung lediglich. Statt ein auf Ausgleich orientiertes Wording, statt um Diplomatie geht es um die vermeintliche Notwendigkeit der Aufr&uuml;stung und Kampfbereitschaft. Die Aufr&uuml;stung und die Forderung nach F&uuml;hrung Deutschlands in Europa hat jedoch einen tieferliegenden Grund: Die Ablehnung der multipolaren Welt. Sollte dies nicht verhinderbar sein, dann die Sicherung Europas als eines der globalen Kraftzentren mit Deutschland an der Spitze Europas, sowohl &ouml;konomisch als auch konventionell-milit&auml;risch &ndash; mit (pr&auml;ferierte Option) oder auch ohne die USA (Notoption).<\/p><p><small>Titelbild: Filmbildfabrik\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/6582b26f934046c7bdedd5d686677284\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 22. April stellte der sozialdemokratische Verteidigungsminister die &bdquo;erste Milit&auml;rstrategie&ldquo; der Bundeswehr der &Ouml;ffentlichkeit vor. Dieses Konzeptionspapier betritt nat&uuml;rlich nicht zuf&auml;llig die &ouml;ffentliche B&uuml;hne. Mitten in der gr&ouml;&szlig;ten internationalen Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges &ndash; mindestens jedoch auf Augenh&ouml;he mit der Kubakrise &ndash; ver&ouml;ffentlicht die Bundesregierung eine &bdquo;Gesamtkonzeption milit&auml;rische Verteidigung&ldquo;, die die Forderung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149906\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":149907,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,172,11],"tags":[358,3212,1426,2301,3276,466,259,1556],"class_list":["post-149906","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-aufruestung","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bundeswehr","tag-doppelte-standards","tag-hegemonie","tag-konfrontationspolitik","tag-multipolare-welt","tag-nato","tag-russland","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/shutterstock_1120746680.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149906","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149906"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149906\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149922,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149906\/revisions\/149922"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/149907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149906"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149906"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149906"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}