{"id":149958,"date":"2026-05-05T11:05:37","date_gmt":"2026-05-05T09:05:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149958"},"modified":"2026-05-05T12:03:33","modified_gmt":"2026-05-05T10:03:33","slug":"darf-man-mit-hoecke-sprechen-man-darf-nicht-nur-man-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149958","title":{"rendered":"Darf man mit H\u00f6cke sprechen? Man darf nicht nur, man muss!"},"content":{"rendered":"<p>Der Podcaster Benjamin Berndt hat es getan. Viereinhalb Stunden hat er sich vor laufender Kamera mit AfD-Politiker Bj&ouml;rn H&ouml;cke <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VO3QuFZ5rFg\">unterhalten<\/a>. Kein klassisches Interview, keine kritischen Nachfragen. Es ging auch nicht wirklich um politische Inhalte und konkrete Forderungen H&ouml;ckes oder der AfD. Ben &ndash; wie er sich nennt &ndash; hat seinem Gast vielmehr Zeit und Raum gelassen, um ihn besser kennenzulernen. H&ouml;cke kennenlernen? Der Mainstream sch&auml;umt. Aber warum eigentlich? Man muss H&ouml;cke und noch viel mehr seine Forderungen ja nicht m&ouml;gen &ndash; will man sich aber ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen, sollte man dem Mann doch zumindest zuh&ouml;ren und versuchen, zu verstehen, was ihn antreibt. Das schaffte der Podcast sogar weitestgehend und daf&uuml;r sollte man Ben dankbar sein. Klassische Medien sollten hingegen innehalten und sich einmal ernsthaft dar&uuml;ber Gedanken machen, ob sie ihr Publikum nicht f&uuml;r zu dumm halten und durch ihren von penetranten Einordnungen gepr&auml;gten Haltungsjournalismus am Ende nicht genau denen helfen, die sie zu bek&auml;mpfen vorgeben. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<div class=\"external-2click\" data-provider=\"Youtube\" data-provider-slug=\"youtube\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Videos werden Daten an Youtube &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von Youtube zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"auto\" style=\"aspect-ratio: 16 \/ 9\" src=\"\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen class=\"external-2click-target \" data-src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/VO3QuFZ5rFg?si=N1R4fwKYfXY1YTeB\"><\/iframe><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"youtube\">Inhalte von Youtube nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><\/p><p>Ich gebe zu, ich bin rettungslos altmodisch. Zumindest wenn es um Gespr&auml;che geht. Und da ich nicht nur altmodisch, sondern auch vergleichsweise meinungsstark bin, interessiert es mich ohnehin weniger, welche Positionen mein Gegen&uuml;ber vertritt, sondern warum er diese Positionen vertritt. Und das ist alles andere als profan. Es ist vielmehr die Vorrausetzung daf&uuml;r, seinen Gegen&uuml;ber &uuml;berhaupt beeinflussen und &uuml;berzeugen zu k&ouml;nnen. Und beim besten Willen &ndash; warum man mit Personen, die bestimmte Positionen vertreten, am besten &uuml;berhaupt nicht sprechen sollte, leuchtete mir noch nie ein. Wenn ich mit &bdquo;b&ouml;sen Menschen&ldquo; nicht spreche, mir ihre Beweggr&uuml;nde nicht anh&ouml;re, werde ich sie nie verstehen und auch niemals &uuml;berzeugen k&ouml;nnen. Ist das so schwer zu verstehen?<\/p><p>Zur&uuml;ck zu Bj&ouml;rn H&ouml;cke. Dessen politische Forderungen und Positionen sind ja hinl&auml;nglich bekannt. Auch ich lehne einen Gro&szlig;teil dieser Forderungen ab und habe allein schon gesellschaftspolitisch ein vollkommen anderes Weltbild als der AfD-Politiker. Nun bin aber auch ein neugieriger Mensch und wie bereits erw&auml;hnt interessiert mich vor allem, warum Bj&ouml;rn H&ouml;cke so denkt, wie er denkt. Nach viereinhalb Stunden Podcast bin ich da tats&auml;chlich schlauer.<\/p><p>Mein Eindruck: H&ouml;cke wirkt wie aus der Zeit gefallen. Das merkt man bereits an seiner Sprache und seiner Wortwahl. H&ouml;cke &bdquo;erinnert&ldquo; sich nicht, er &bdquo;memoriert&ldquo;. F&uuml;r ihn ist es auch v&ouml;llig unverst&auml;ndlich, dass Menschen, die in Deutschland leben, kein deutsches Gedicht &uuml;ber den Fr&uuml;hling aufsagen k&ouml;nnen. Zu meiner Schande muss ich eingestehen, dass ich dies trotz Abi-Pr&uuml;fungsfach Deutsch auch nicht hinbekomme &ndash; meine Frau und mein Sohn w&uuml;rden &uuml;brigens auch am &bdquo;H&ouml;cke-Test&ldquo; scheitern, wie wir zu dritt am&uuml;siert feststellten. Alles in allem gab H&ouml;cke im Gespr&auml;ch mit Ben das Bild eines verkopften Reaktion&auml;rs, dessen Weltbild von Versatzst&uuml;cken der deutschen Romantik gepr&auml;gt ist. Weltflucht, der Fetisch vom deutschen Wald und dem Wandern und auch das Leitbild des Patriotismus und Nationalismus spielen da eine Rolle. Doch anders als die Romantik der 1830er- und 1840er-Jahre ist H&ouml;ckes Nationalismus nicht progressiv, nicht inkludierend, sondern konservativ und exkludierend.<\/p><p>H&ouml;ckes pr&auml;gendes Ideal vom Deutschtum erinnert mich mehr an den Stereotyp des reaktion&auml;ren Geschichtslehrers meiner Kindheit &ndash; auch H&ouml;cke war ja mal Geschichtslehrer. Waren das die Aussagen eines Nazis? Sie k&ouml;nnen mich gerne mit b&ouml;sen Briefen bombardieren, aber ich habe da keinen klassischen Nazi, sondern vielmehr einen verkopften reaktion&auml;ren Deutschnationalen gesehen, wie er sehr gut in die 1930er passen w&uuml;rde &ndash; deutscht&uuml;melnd, patriotisch, national, sehr auf die deutsche Kultur bezogen, anti-modernistisch, anti-progressiv und stets ein wenig &bdquo;schrullig&ldquo;. In der Nachkriegszeit fanden solche Charaktere in der CDU, aber mehr noch in den Vertriebenenverb&auml;nden ein politisches Zuhause. Auch H&ouml;cke scheint sehr von seiner famili&auml;ren Herkunft aus Ostpreu&szlig;en und der Vertreibung seiner Familie gepr&auml;gt zu sein.<\/p><p>Nimmt man all diese Versatzst&uuml;cke zusammen, ergibt sich ein Bild, ja schon fast ein Stereotyp. H&ouml;cke ist ein Idealist, dessen Ideal vollkommen anachronistisch ist. Ich kann aber durchaus verstehen, dass sich viele Menschen mit diesem Ideal identifizieren oder es zumindest als Gegenentwurf zum Modernismus attraktiv finden. F&uuml;r mich gilt das freilich nicht. Selbst wenn man die im Vergleich zu heute eher einfach strukturierte Welt der Vergangenheit gerne wieder h&auml;tte &ndash; man kann die Uhr nicht zur&uuml;ckdrehen.<\/p><p>Haben die viereinhalb Stunden H&ouml;cke nun mein Weltbild ersch&uuml;ttert? Nat&uuml;rlich nicht. H&auml;tte der Podcaster Ben auf dieses Gespr&auml;ch verzichten sollen? Um Himmels Willen, nein. Wer verstehen und nicht nur Vorgedachtes nachplappern will, muss sich ein eigenes Bild machen und das geht nun einmal nur, wenn man auch die M&ouml;glichkeit dazu bekommt. Daf&uuml;r sind Medien ja eigentlich da. Aufgabe von Medien ist nicht die Indoktrination des Publikums, sondern das Angebot m&ouml;glichst ungefilterter Fakten, aber auch Geschichten, aus denen man sich dann seine eigene Position bilden kann. Auch wenn viele Menschen dies verlernt haben, so bin ich felsenfest davon &uuml;berzeugt, dass ein Gro&szlig;teil der Menschen durchaus intelligent genug ist, sich auch ohne Einordnung ein eigenes Bild machen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Im zeitgen&ouml;ssischen Haltungsjournalismus ist diese Sichtweise offenbar verp&ouml;nt. Dementsprechend hyperventilierend reagierte man daher auch auf das H&ouml;cke-Gespr&auml;ch von Ben. Und dies wird nicht nur inhaltliche Gr&uuml;nde haben. Das Video hat vielmehr in den ersten f&uuml;nf Tagen bereits 3,3 Millionen Aufrufe &ndash; das ist fast f&uuml;nfmal so viel wie die Auflage des <em>SPIEGEL<\/em>. Es wird immer deutlicher, wie den klassischen Medien ihr &bdquo;Meinungsbildungsmonopol&ldquo; entrinnt. Dass sich &bdquo;das System&ldquo; das nicht gefallen l&auml;sst, sondern immer wilder um sich schl&auml;gt und Alternativmedien immer schriller d&auml;monisiert, ist verst&auml;ndlich. Erreichen werden <em>SPIEGEL<\/em> und Co. damit jedoch das genaue Gegenteil. Die Leute sind ja nicht dumm; zumindest nicht so dumm, f&uuml;r wie <em>SPIEGEL<\/em> und Co. sie gerne verkaufen.<\/p><p>Unabh&auml;ngig von parteipolitischen Fragen ist diese Entwicklung zu begr&uuml;&szlig;en. Wir m&uuml;ssen wieder lernen, zuzuh&ouml;ren. Zuh&ouml;ren hei&szlig;t ja nicht zustimmen. Man kann freilich nur noch mit Gleichdenkenden sprechen und sich gegenseitig auf die Schulter hauen. Langweilig. Ich pers&ouml;nlich finde es da viel spannender, mich beispielsweise mit gegenseitigem Respekt mit &uuml;berzeugten Anh&auml;ngern der AfD oder auch der Gr&uuml;nen zu unterhalten, und dabei herauszufinden, warum sie diese oder jene Position vertreten. Denn erst wenn man das versteht, kann man auch in die eigentliche inhaltliche Debatte gehen und vielleicht sogar sein Gegen&uuml;ber &uuml;berzeugen. Wer gar nicht erst mit Andersdenkenden spricht, wird nat&uuml;rlich nie jemanden &uuml;berzeugen, das ist klar.<\/p><p>Sicher ist meine Position da &ndash; wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise &ndash; &auml;hnlich anachronistisch wie die eines Bj&ouml;rn H&ouml;cke. Wir waren da in der Tat schon weiter. Fr&uuml;her brauchte es keinen Ben auf <em>YouTube<\/em>, da hat noch der gro&szlig;e G&uuml;nter Gaus im Fernsehen ausf&uuml;hrlich mit Leuten wie <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SeIsyuoNfOg\">Rudi Dutschke<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jpfA-d_YeGc\">Franz Josef Strau&szlig;<\/a> gesprochen, die ja in gewisser Weise damals die politischen R&auml;nder repr&auml;sentierten. H&auml;tte Gaus mit H&ouml;cke gesprochen? Vermutlich ja. Seine Nachfolger beim Fernsehen verabscheuen das echte Gespr&auml;ch und veranstalten lieber Tribunale gegen Andersdenkende. Ja, wir m&uuml;ssen nicht nur lernen, zuzuh&ouml;ren, sondern auch wieder miteinander zu sprechen &ndash; auf Augenh&ouml;he und ohne Schaum vorm Mund.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot {ungeskriptet} by Ben via YouTube<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/4ffd001dfb2e4159b7a20534612ed493\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Podcaster Benjamin Berndt hat es getan. Viereinhalb Stunden hat er sich vor laufender Kamera mit AfD-Politiker Bj&ouml;rn H&ouml;cke <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=VO3QuFZ5rFg\">unterhalten<\/a>. Kein klassisches Interview, keine kritischen Nachfragen. Es ging auch nicht wirklich um politische Inhalte und konkrete Forderungen H&ouml;ckes oder der AfD. Ben &ndash; wie er sich nennt &ndash; hat seinem Gast vielmehr Zeit und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149958\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":149959,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,41,183,161],"tags":[3646,3028,1920,835,3417],"class_list":["post-149958","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-medienanalyse","category-medienkritik","category-wertedebatte","tag-berndt-benjamin","tag-haltungsjournalismus","tag-hoecke-bjoern","tag-nationalismus","tag-zivilgesellschaftlicher-dialog"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/260505_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149958","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149958"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":149971,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149958\/revisions\/149971"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/149959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}