{"id":149977,"date":"2026-05-05T14:00:36","date_gmt":"2026-05-05T12:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149977"},"modified":"2026-05-05T13:54:38","modified_gmt":"2026-05-05T11:54:38","slug":"deutsche-journalistin-seit-ueber-100-tagen-in-syrischer-gefangenschaft-die-systematische-verfolgung-von-journalisten-durch-enge-verbuendete-der-bundesregierung-kann-nicht-hingenommen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=149977","title":{"rendered":"Deutsche Journalistin seit \u00fcber 100 Tagen in syrischer Gefangenschaft &#8211; \u201eDie systematische Verfolgung von Journalisten durch enge Verb\u00fcndete der Bundesregierung kann nicht hingenommen werden.\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eva Maria Michelmann<\/strong> berichtete &uuml;ber das Wiedererstarken des IS, als sie dort am 18. Januar mit ihrem Kollegen Ahmet Polad von extremistischen Stammesmilizen in Kooperation mit der syrischen &Uuml;bergangsregierung angegriffen und entf&uuml;hrt wurde. Dies geschah in der Stadt Raqqa im Rahmen der syrischen Eroberung der autonomen kurdischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, auch als Rojava bekannt. Seit &uuml;ber 100 Tagen behauptet die syrische Regierung, nichts &uuml;ber ihren Aufenthalt zu wissen, obwohl Augenzeugen gegen&uuml;ber den Anw&auml;lten der Familie best&auml;tigten, dass ein ranghoher Repr&auml;sentant zum Zeitpunkt ihrer Verschleppung dort war. Ihr Bruder, <strong>Dr. Antonius Michelmann<\/strong>, sprach mit dem Journalisten <strong>Hassan Al Khalaf<\/strong> &uuml;ber die Haftbedingungen und Folter, die seine Schwester im syrischen Gef&auml;ngnis durchlebt, sowie &uuml;ber das dringend notwendige Handeln der Bundesregierung, aber auch, wie die Familie den fehlenden Einsatz der Bundesregierung, trotz enger Zusammenarbeit mit Damaskus, selbst ausgleichen und nach Zeugen suchen musste.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Zum Zeitpunkt des Interviews hatte die syrische &Uuml;bergangsregierung noch nicht best&auml;tigt, was die Familie schon in Erfahrung brachte: n&auml;mlich, dass sie Eva Michelmann in einem syrischen Gef&auml;ngnis festhalten.<\/em><\/p><p><strong>Hassan Al Khalaf: Wie haben Sie von Eva Marias Verschwinden erfahren?<\/strong><\/p><p><strong>Antonius Michelmann:<\/strong> Meine Schwester ist als Journalistin in Rojava gewesen. Dort gibt es eine sehr systematische Solidarit&auml;tsarbeit. Eine Organisation namens People&rsquo;s Bridge, die &Uuml;bersetzungsarbeiten der kurdischen Nachrichten aus Rojava macht, hat mich am Abend kontaktiert, als meine Schwester infolge des Angriffs entf&uuml;hrt wurde. Die Truppen der selbsternannten syrischen Regierung haben die Demokratische Selbstverwaltung Nord von Ostsyrien in Koordination mit islamistischen Stammeskriegern erobert &ndash; Leute, die wie der IS so tun, als ob sie muslimisch w&auml;ren, aber in Wahrheit faschistische Terrorbanden sind. Auf Scharas Befehl wurden Leute attackiert und die Stadt Raqqa angegriffen. Vor diesen Terroristen mussten meine Schwester und 200 weitere Zivilisten in ein Jugendzentrum fliehen. Dieses Jugendzentrum wurde dann von syrischen Regierungstruppen umstellt. Nach Verhandlungen zwischen der syrischen &Uuml;bergangsregierung mit den SDF, den kurdischen Kr&auml;ften der autonomen Region, wurden die meisten freigelassen und von besagten Kr&auml;ften in Sicherheit gebracht &ndash; nur meine Schwester und Ahmet Polad nicht. Diese beiden wurden abgesondert und in einem PKW mitgenommen.<\/p><p><strong>Wof&uuml;r hat sie sich als Journalistin in Rojava eingesetzt?<\/strong><\/p><p>Meine Schwester ist zuallererst dahin, weil sie von der Revolution, die dort stattgefunden hatte, berichten wollte. In Rojava fand eine kleine Revolution statt, wo die Menschen sich ihre eigene Selbstverwaltung erk&auml;mpft haben. Sie k&auml;mpften daf&uuml;r, dass ethnische Minderheiten, religi&ouml;se Gruppen und alle Menschen zusammenleben, sowie daf&uuml;r, dass Frauenrechte in der Region durchgesetzt werden. Sie standen gegen faschistische, brutale Gruppen wie den islamischen Staat, Al-Nusra und Al-Qaida. Es ist somit eine demokratische Revolution gewesen. Sogar &ouml;kologische Standards wurden dort ber&uuml;cksichtigt. Dar&uuml;ber wollte sie berichten, weil sie Rojava als Vorbild f&uuml;r die Welt ansah. Sie war stets eine Unterst&uuml;tzerin Gefl&uuml;chteter, schutzsuchender Frauen und Obdachloser. Ganz konkret ging es in letzten Berichten darum, wie faschistische Kr&auml;fte, die diese Region angreifen, dort wieder erstarken. Teilweise waren es ja auch diese IS-Kr&auml;fte, die auf Befehl von Al Schara an dieser Eroberung teilnahmen und am Ende meine Schwester auch in dieses Jugendzentrum reingetrieben haben, aus dem sie dann verschleppt wurde.<\/p><p><strong>Welche Lebenszeichen haben Sie von ihr erreicht, seit sie als vermisst gilt?<\/strong><\/p><p>Wir sind als Familie sehr erleichtert dar&uuml;ber, dass meine Schwester lebt. Monatelang gab es kein richtiges Lebenszeichen von ihr. Gleichzeitig ist uns schlecht vor Sorge wegen ihres Gesundheitszustandes. Durch eigene Arbeit konnten wir vor Kurzem Zeugen auftreiben, die berichtet haben, dass meine Schwester tats&auml;chlich lebt. Es war ein SDF-K&auml;mpfer, der im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit der syrischen Regierung freigelassen wurde. Er hat berichtet, dass meine Schwester als deutsche Journalistin in Aleppo festgehalten wird und dass dort schlechte Zust&auml;nde herrschen. Er hat sie nicht getroffen, aber es ist ein offenes Geheimnis im Gef&auml;ngnis, dass dort eine deutsche Journalistin ist.<\/p><p>Das war das erste Lebenszeichen, das uns Anfang April erreicht hat. Ein anderer Zeuge, der auch im Jugendzentrum Zuflucht suchte, sah, wie ein ranghoher Oberst der syrischen Regierung w&auml;hrend ihrer Inhaftierung anwesend war. Es handelte sich um den Leiter f&uuml;r innere Sicherheit von Aleppo, Mohammed Abdul Ghani. Durch die Zeugenaussagen war einwandfrei bewiesen, dass meine Schwester lebt und von der syrischen Regierung verschleppt wurde. Erst danach war es auf einmal m&ouml;glich, dass das Ausw&auml;rtige Amt meine Schwester innerhalb weniger Tage besuchen konnte, und zwar in Damaskus. Das bedeutet, sie muss kurz nach diesem Gefangenenaustausch, als der Zeuge freikam, von Aleppo nach Damaskus verlegt worden sein.<\/p><p>Wir gehen davon aus, dass ihr Gesundheitszustand sehr schlecht ist.<\/p><p><strong>Unter welchen Bedingungen h&auml;lt man sie gefangen?<\/strong><\/p><p>Sie wird dort gegen ihren Willen in einer Incommunicado-Haft gehalten. Diese Form der Haft trifft zu, wenn man ohne Kontakt zur Au&szlig;enwelt, zu Anw&auml;lten und sogar zu Familienangeh&ouml;rigen und unter Leugnung ihrer Verschleppung festgehalten wird. Das ist dieses sogenannte &bdquo;Verschwindenlassen&ldquo;. Es ist eine Methode, um Menschen richtig zu foltern, sie zu brechen und die Familienangeh&ouml;rigen zu terrorisieren und sie einzusch&uuml;chtern. Nach Ma&szlig;st&auml;ben der UN-Antifolterkonvention gilt die Schwelle zur Folter als &uuml;berschritten, wenn es l&auml;nger als 15 Tage dauert, aber meine Schwester ist f&uuml;r 95 Tage in Aleppo unter diesen Bedingungen festgehalten worden. Des Weiteren wissen wir von Zeugen aus Aleppo, dass die Leute dort Hunger leiden, dass sie nicht nur Beleidigungen, sondern auch k&ouml;rperlicher Gewalt ausgesetzt waren.<\/p><p>Wir haben jetzt auch eine neue Zeugin, die ganz gezielt aussagt, dass meine Schwester k&ouml;rperlich gefoltert wurde und dass sie in l&auml;ngeren Verh&ouml;ren Tag und Nacht war. Sie wurde in weitgehender Isolationshaft gehalten. Das sind alles weitere Foltermerkmale. Wir gehen davon aus, dass es meiner Schwester physisch und psychisch sehr schlecht geht. Sie muss da dringend raus. Ahmet Polad ist auch betroffen von dieser Methode, die ganz systematisch gegen Journalisten eingesetzt wird. Das Committee for protesting journalists dokumentierte, dass allein im Januar mehrere Journalisten &bdquo;verschwinden gelassen&ldquo; wurden. Unser Kampf f&uuml;r Eva und Ahmet ist ein Teil des Kampfes daf&uuml;r, dass all diese Menschen freikommen.<\/p><p><strong>Wie haben Sie Zugang zur neuesten Zeugin erhalten, die bezeugen konnte, dass Eva im Gef&auml;ngnis Folter ausgesetzt war?<\/strong><\/p><p>Die Zeugenaussagen, die wir auftreiben konnten, sind dadurch zustande gekommen, dass meine Anw&auml;lte Kommunisten sind, die sich seit Jahrzehnten sehr selbstlos und aktiv einsetzen f&uuml;r Migranten, Unterdr&uuml;ckte und f&uuml;r Verfolgte. Dementsprechend arbeiten sie eng zusammen mit Menschen, die verfolgt werden, weil ihnen vorgeworfen wird, Teil der kurdischen Befreiungsbewegung zu sein. Deswegen gibt es dort enge, vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen wie etwa zu den Menschen bei People&rsquo;s Bridge. Durch diese Vernetzung und durch das systematische Suchen nach Zeugen, aber auch durch das Bekanntmachen des Falls in der Region, war es m&ouml;glich, bestimmte Menschen zu finden. Andersherum haben sich dann auch bestimmte Menschen gemeldet, die mit ihr im Trakt waren und dann freigelassen wurden. Die Freigelassenen haben es dann weitergegeben an eine Journalistin, und sie hat es weitergegeben an eine Person, die uns dar&uuml;ber informiert hat. Die Namen liegen unseren Anw&auml;lten vor, aber sie bevorzugen, anonym zu bleiben, um sich nicht selbst in Gefahr zu begeben. Es herrscht eine sehr ernste Lage dort. Umso mehr verspr&uuml;hen wir auch ein Riesenmitgef&uuml;hl und gro&szlig;e Solidarit&auml;t mit all den anderen Menschen, Journalisten, Aktivisten und sogar Anw&auml;lten, die dort verschleppt wurden.<\/p><p><strong>Ist Ihnen ein Grund bekannt, wieso Eva Maria immer noch festgehalten und verh&ouml;rt wird?<\/strong><\/p><p>Es geh&ouml;rt zur Incommunicado-Haft, dass man die Opfer der Willk&uuml;r von Sicherheitskr&auml;ften ausliefert. Wir haben keinerlei Informationen dar&uuml;ber, was ihr vorgeworfen wird, wir wissen ja nicht mal, in welchem Gef&auml;ngnis sie ist. Wir gehen aus mehreren Gr&uuml;nden davon aus, dass sie strafrechtlich kriminalisiert wird. Der erste Grund ist, dass sie nicht Teil des Gefangenenaustauschs war. Der zweite Grund ist, dass sie von offizieller Seite verschleppt wurde. Somit sind sie gezwungen, irgendeine Rechtfertigung zu erfinden, die ihre Verschleppung legitimiert. Der dritte Punkt ist: Es gibt zahlreiche, gut dokumentierte F&auml;lle aus j&uuml;ngster Zeit, zum Beispiel durch das Committee to protect journalists, dass Journalisten, die dort teilweise mit dieser Incommunicado-Haft verschleppt wurden, hinterher Terrorismus und Spionage vorgeworfen wurde.<\/p><p>Unsere Anw&auml;lte haben das Strafrecht dort untersucht. Es basiert auch weiterhin auf den Vorschriften des Assad-Regimes. Dort sind willk&uuml;rlich auslegbare Paragraphen drin, die solche Verfolgungen und Kriminalisierungen erm&ouml;glichen. Damit rechnen wir, aber es ist f&uuml;r uns keine Sache, der wir uns unterordnen. Wir fordern die Freilassung meiner Schwester. Eine Journalistin zu inhaftieren und zu kriminalisieren im Zuge einer Eroberung auf fremdem Staatsgebiet in einer selbstverwalteten Region ist ein Verbrechen. Auf Grundlage von Folter und Verbrechen hat man keine Strafverfahren zu f&uuml;hren. Das ist ganz klar die Argumentationslinie, die wir von der Bundesregierung erwarten. Es ist nicht hinnehmbar, wenn nun eine Anklage in Damaskus akzeptiert wird. Eva muss bedingungslos freikommen, und sie darf nicht f&uuml;r ihre Arbeit kriminalisiert werden.<\/p><p><strong>Besteht Grund zur Sorge, dass sie und ihr Kollege Ahmet Polad wegen journalistischer Arbeit so behandelt werden?<\/strong><\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich. Meine Schwester und Ahmet Polad waren dort in Rojava und haben &uuml;ber die fortschrittlich-demokratischen Errungenschaften wie Frauenrechte, Gleichberechtigung von Minderheiten und Anh&auml;nger diverser Weltanschauungen berichtet. Das ist so einem Regime wie dem von Al Schara, einem ehemaligen Al-Qaida- und Al-Nusra-Terroristen, zuwider. Sie begehen Massaker an der Bev&ouml;lkerung und wollen Andersdenkende unterdr&uuml;cken. Dass denen eine fortschrittliche Journalistin ein Dorn im Auge ist, ist klar. Deswegen ist die Aufkl&auml;rungsarbeit der Journalisten vor Ort eine wichtige Arbeit, auf die man stolz sein muss. Meine Schwester hat zum Beispiel kurz vor ihrer Entf&uuml;hrung vom Wiedererstarken von fundamentalistischen Terrororganisationen, aus denen Al Schara selbst stammt, berichtet. Die deutsche Regierung sucht gerade sehr enge Beziehungen zum Regime von Al Schara. Das ist eine Sache, die uns wirklich Sorgen macht. Wie kann es sein, dass die zusammenarbeiten? Vielleicht will man meine Schwester, Ahmet Polat und all diese Leute unter den Teppich kehren, um diese engen Beziehungen fortf&uuml;hren und ausbauen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wie hat es sich angef&uuml;hlt, zu sehen, dass Ahmad Al Schara in Berlin empfangen wird?<\/strong><\/p><p>Ich hab da absolut kein Verst&auml;ndnis daf&uuml;r, dass so jemand in Amt und W&uuml;rde gehoben wird &ndash; ein ehemaliger Al-Qaida- und Al-Nusra-Terrorist, der verantwortlich ist f&uuml;r Massaker an Drusen und Alawiten. Es werden zahlreiche Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverbrechen im j&uuml;ngsten Syrien dokumentiert. Dass man mit so jemandem Abschiebeabkommen schlie&szlig;t und Gesch&auml;fte machen will, daf&uuml;r fehlt mir absolut jedes Verst&auml;ndnis. Allein die Europ&auml;ische Union und die Bundesregierung haben hohe Summen f&uuml;r Al Schara versprochen. Nat&uuml;rlich wird das wieder auf deutsche Konten zur&uuml;ckgehen. Menschenrechte scheinen da keine Rolle zu spielen, und das macht mir ernsthafte Sorgen. Ich erwarte von unserer Bundesregierung, insbesondere von Friedrich Merz, Frank-Walter Steinmeier und Ursula von der Leyen, dass sie sich ganz pers&ouml;nlich daf&uuml;r stark machen, dass eine deutsche Journalistin, die dort verschleppt und gefoltert wird, nur weil sie ihre Arbeit macht, bedingungslos und ohne Kompromiss rausgelassen wird.<\/p><p><strong>Wissen Sie, ob ihr Verbleib gegen&uuml;ber dem syrischen Pr&auml;sidenten erw&auml;hnt wurde?<\/strong><\/p><p>Es wurde uns vorher vom Ausw&auml;rtigen Amt zugesichert, dass es auf der Tagesordnung stehen w&uuml;rde. Im Nachhinein haben sich weder die verantwortlichen Politiker noch das Ausw&auml;rtige Amt in irgendeiner Pressemitteilung oder einem Pressebericht dazu ge&auml;u&szlig;ert. Wir wissen es nicht und wir gehen davon aus, dass es kein Thema war. Auch der Einsatz der Bundesregierung ist meiner Ansicht nach nicht vorhanden. Bis auf leere Worte und freundliche Versprechungen haben wir da nicht viel erfahren. Es ist im Gegenteil sogar so gewesen, dass wir das Ausw&auml;rtige Amt mit Informationen und mit weiteren Zeugenaussagen versorgen mussten, bis tats&auml;chlich endlich mal was passiert ist. Jetzt ist es auch wieder so, dass wir an der Kurzleine gehalten werden. Meine Schwester wurde jetzt kurz in Damaskus besucht unter Begleitung von syrischem Sicherheitspersonal, und wir kriegen nicht mal gesagt, in welchem Gef&auml;ngnis sie ist.<\/p><p><strong>Sehen Sie bei der Bundesregierung und dem Ausw&auml;rtigen Amt ernsthafte Bem&uuml;hungen, sie aus der Haft zu retten?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte einzelnen Sachbearbeitern im Ausw&auml;rtigen Amt nicht ihre Bereitschaft absprechen, aber es ist Tatsache, dass wir bisher alle Informationen selbstst&auml;ndig aufgetrieben und dem Ausw&auml;rtigen Amt zur Verf&uuml;gung gestellt haben. Ganz besonders durch die harte Arbeit der Menschen bei People&rsquo;s Bridge und von unseren kommunistischen Anw&auml;lten, die sehr stark in der internationalen Solidarit&auml;t vernetzt sind und deshalb Kontakte vor Ort haben. F&uuml;r uns z&auml;hlen die Ergebnisse, und das Ergebnis ist die Freilassung meiner Schwester. Obwohl sie dringend da raus muss, ist nichts passiert. Da ist ja nicht mal ein richtiger Besuch m&ouml;glich gewesen, und das trotz der engsten Zusammenarbeit mit der deutschen Bundesregierung mit diesem Regime. Das ist nicht genug. Sie ist in sehr ernster gesundheitlicher Verfassung.<\/p><p>Wir wissen aus zahlreichen F&auml;llen wie zum Beispiel Deniz Y&uuml;cel in der T&uuml;rkei oder bei der Verschleppung von Menschen in Argentinien unter der Milit&auml;rdiktatur dort, dass wenn sich Regierungen als Chefsache f&uuml;r die Freilassung dieser Menschen eingesetzt haben, dass sie dann auch freigekommen sind. Zugleich wissen wir auch, was passiert, wenn die Regierungen nichts tun, wie im Fall von Elisabeth K&auml;semann. Sie wurde von der argentinischen Milit&auml;rdiktatur gefangen genommen, und alle anderen L&auml;nder wie Gro&szlig;britannien und Frankreich haben sich daf&uuml;r eingesetzt, ihre Staatsb&uuml;rger zu befreien. Nur die deutsche Regierung hat sie dort sitzen lassen, bis sie dann am Ende get&ouml;tet wurde. Dazu werden wir es nicht kommen lassen. Deswegen sind wir unbedingt auch auf die Aufmerksamkeit der &Ouml;ffentlichkeit angewiesen, damit dort nicht einfach durch irgendwelche opportunistischen Verhaltensweisen gegen&uuml;ber so einem Regime aufgrund von Gesch&auml;ftsinteressen die Gesundheit meiner Schwester und anderer Journalisten auf der Strecke bleibt. Es muss Aufmerksamkeit darauf fallen, was die Bundesregierung treibt und mit was f&uuml;r Leuten sie zusammenarbeitet, damit der Druck auf die syrische Regierung gro&szlig; wird.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie sich erkl&auml;ren, wieso die syrische &Uuml;bergangsregierung f&uuml;r lange Zeit behauptete, nichts &uuml;ber ihren Aufenthalt zu wissen, obwohl sie laut offiziellen Aussagen des Ausw&auml;rtigen Amtes in einem syrischen Gef&auml;ngnis festsitzt?<\/strong><\/p><p>Jetzt ist meine Schwester eine Zeugin dessen, was dort wirklich passiert. Genauso nat&uuml;rlich die anderen verschleppten Journalisten, die der &Uuml;bergangsregierung ein Dorn im Auge sind. Wir wissen durch zahlreiche Zeugenaussagen, dass meine Schwester in Syrien verschleppt ist, wir wissen vom Ausw&auml;rtigen Amt, dass sie besucht wurde, und wir wissen auch, wer die Verantwortlichen waren. Ganz konkret vor Ort war es Mohammed Abdul Ghani, ein Verantwortlicher des syrischen Sicherheitsapparates in Aleppo. Wir wissen, dass der gesamte Angriff auf diese Region, wo meine Schwester war, unter direktem Befehl von Al Schara und der syrischen &Uuml;bergangsregierung stattfand. Es ist nat&uuml;rlich klar, dass eine Journalistin, die dar&uuml;ber berichtet, wie solche IS-Terrorbanden mit einem Jolani zusammenarbeiten, im Fokus von so einem Regime steht und dass man sie deshalb verschleppen und verstummen will. Zugleich versucht gerade die deutsche Bundesregierung, mit ebenjenem Al Schara eng zusammenzuarbeiten. Das bedeutet dass nat&uuml;rlich beide Regierungen Interesse daran haben, denen die Weste wei&szlig;zuwaschen, um so zu tun, als ob demokratische Zust&auml;nde dort herrschen. Das bereitet uns ernste Sorgen.<\/p><p><strong>Sie haben einen Offenen Brief an den Kanzler, den Bundespr&auml;sidenten und die EU-Kommissionspr&auml;sidentin unterzeichnet. Was sind Ihre konkreten Forderungen?<\/strong><\/p><p>Erstmal sind wir bez&uuml;glich des Offenen Briefs sehr dankbar, dass er von 160 Menschen, von Mitgliedern des Bundestags, von Menschenrechtsaktivisten und von zahlreichen Journalisten unterzeichnet wurde. Unsere Forderung richtet sich vor allem nat&uuml;rlich an die syrische Regierung, dass sie unsere Journalisten Ahmet Polat und meine Schwester Eva Maria Michelmann freilassen sollen. Weiterhin fordern wir, dass die Bundesregierung und die EU-Kommissionspr&auml;sidentin Ursula von der Leyen diesen Fall pers&ouml;nlich zur Chefsache machen. Die systematische Verfolgung von Journalisten durch enge Verb&uuml;ndete der Bundesregierung kann nicht hingenommen werden. Menschenrechte sind nichts, was bei Verhandlungen hinten steht, das hat ganz vorne zu stehen. Das ist es, was wir fordern mit Unterst&uuml;tzung von den Unterzeichnern.<\/p><p><strong>War Eva Maria Michelmann jemals auf so einen Fall vorbereitet? <\/strong><\/p><p>Meine Schwester ist eine mutige Journalistin, die das Herz am rechten Fleck hat, aber sie ist gleichzeitig auch keine Abenteurerin oder Tr&auml;umerin. Sie st&uuml;rzt sich nicht blind in sinnlose Gefahren. Sie hat einen schlauen und aufmerksamen Verstand. Sie wusste ganz genau, was sie da tut. Sie ist in eine Region gereist, die insgesamt sehr umk&auml;mpft ist, aber sie hielt sich in einem sicheren Gebiet auf: die demokratische Region Nordost-Syrien Rojava. Dort musste man sich als Frau und als Journalistin keine Sorgen machen. Dass die syrische Regierung diese Region mit R&uuml;ckendeckung von Gro&szlig;m&auml;chten wie den USA und der T&uuml;rkei &uuml;berf&auml;llt, bleibt ein Verbrechen. Sie war sicherlich darauf vorbereitet, dass solche Verbrechen passieren k&ouml;nnen. Ohne das in Kauf zu nehmen, w&auml;re sie dort nicht hingegangen. Nur weil man seine Arbeit ernst nimmt und versteht, welches Berufsrisiko es gibt, ist es keine Rechtfertigung, sie dort alleine zu lassen.<\/p><p><strong>Ist Syrien mit Hinblick auf Presse- und Meinungsfreiheit ein sicheres Herkunftsland, in das die Bundesregierung guten Gewissens abschieben sollte?<\/strong><\/p><p>Wir haben ja gesehen, wie sicher dieses Land ist, anhand dessen, wie wir unsere Zeugen sch&uuml;tzen m&uuml;ssen, weil sie Angst um ihr Leben haben. Dort gab es allein im letzten, aber auch in diesem Jahr au&szlig;ergerichtliche Hinrichtungen auf offener Stra&szlig;e. Es sind Tausende Alawiten und Drusen in Massengr&auml;bern hingerichtet worden. In Aleppo sind noch &uuml;ber hunderttausend Menschen auf der Flucht vor diesen Banden. Wir haben jetzt gesehen, wer und was das war, die in Raqqa meine Schwester verfolgt haben. Das waren marodierende Milizen, die auf Befehl der syrischen &Uuml;bergangsregierung handeln. Wenn man ein freiheitsliebender Mensch ist, seine Meinung sagen will und wenn man gleichberechtigt leben will, dann ist es nat&uuml;rlich kein sicheres Land. Deswegen muss jeder Mensch das Recht haben, von dort zu fliehen. Ich bin grunds&auml;tzlich der Meinung, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, zu entscheiden, wo er leben will, aber ich bin nicht daf&uuml;r, dass jeder Verbrecher sein Land wechseln kann.<\/p><p>Wenn Al Schara oder auch Assad gesagt h&auml;tte, &bdquo;ich will mich vor der syrischen Bev&ouml;lkerung in Sicherheit bringen&rdquo;, dann finde ich nat&uuml;rlich, er muss dort bleiben und sich den Konsequenzen stellen. Doch jeder friedliebende Mensch soll in der Lage sein, seinen Lebensort w&auml;hlen zu d&uuml;rfen. Ich bin v&ouml;llig gegen diese Abschiebeabkommen, und erst recht nat&uuml;rlich mit so einem verbrecherischen Regime. Da sieht man, wie sehr die Arbeit von Journalisten, die &uuml;ber die wahre Lage dort aufkl&auml;ren, den Pl&auml;nen von Al Schara und leider auch unserer Bundesregierung einen Strich durch die Rechnung macht.<\/p><p><small>Titelbild: wk1003mike\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><em>&Uuml;ber den Interviewpartner: <strong>Dr. Antonius Michelmann<\/strong> engagiert sich seit der Verschleppung von Eva Michelmann mit seiner Familie f&uuml;r ihre Freilassung aus syrischer Haft. Er verf&uuml;gt &uuml;ber einen Doktortitel in Chemie, unterrichtet Naturwissenschaften an einer weiterf&uuml;hrenden Schule, und sogar seine Sch&uuml;ler erstellten ein Video f&uuml;r Social Media, um auf ihre Inhaftierung aufmerksam zu machen. F&uuml;r die anfallenden Kosten, die daf&uuml;r notwendig sind, sammelt die Familie Spenden auf Solidarit&auml;t International e.V.<\/em><\/p><p><em>Die deutsche Journalistin <strong>Eva Michelmann<\/strong> arbeitete unter anderem f&uuml;r die Nachrichtenagentur ETHA, beherrscht kurdisch als auch t&uuml;rkisch und lebt seit 2022 in Rojava.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Eva Maria Michelmann<\/strong> berichtete &uuml;ber das Wiedererstarken des IS, als sie dort am 18. Januar mit ihrem Kollegen Ahmet Polad von extremistischen Stammesmilizen in Kooperation mit der syrischen &Uuml;bergangsregierung angegriffen und entf&uuml;hrt wurde. 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