{"id":150091,"date":"2026-05-07T14:04:56","date_gmt":"2026-05-07T12:04:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150091"},"modified":"2026-05-07T14:16:12","modified_gmt":"2026-05-07T12:16:12","slug":"demokratische-freie-gesellschaft-ulrike-guerot-tanzte-aus-der-reihe-wurde-und-wird-dafuer-bestraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150091","title":{"rendered":"Demokratische, freie Gesellschaft? Ulrike Gu\u00e9rot tanzt(e) aus der Reihe, wurde und wird daf\u00fcr bestraft"},"content":{"rendered":"<p>Wie geht es <strong>Ulrike Gu&eacute;rot<\/strong>? Die Politikprofessorin und Buchautorin aus Berlin gestand vor Kurzem in einem Gespr&auml;ch mit <strong>Frank Blenz<\/strong> f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> ehrlich ersch&ouml;pft, dass hinter ihr eine Schlacht l&auml;ge. Gez&auml;hlt ab 2022, f&uuml;llen allein die &Uuml;berschriften von Artikeln zu ihrer Person ein Dutzend Seiten. Die Politikwissenschaftlerin erlebte und erlebt bis heute Anfeindungen, versteckte und offene; eine K&uuml;ndigung &uuml;belster Art, Prozesse, Verurteilungen, Diffamierung, Ausgrenzung. Sie wurde plattgemacht, sie wehrte sich, lag am Boden, stand wieder auf. Ulrike Gu&eacute;rot k&auml;mpft, ist engagiert und flei&szlig;ig wie noch nie, schaut man ihre medialen Auftritte fern des Mainstreams an, liest ihre drei neuen B&uuml;cher, erf&auml;hrt von ihren Reisen und neuen beruflichen wie ehrenamtlichen Verpflichtungen au&szlig;erhalb Deutschlands, wo sie im Gegensatz zur Heimat gesch&auml;tzt und gefragt ist.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Gu&eacute;rots Mahnung<\/strong><\/p><p>Was passiert gerade, frage ich sie. &bdquo;Wir entfernen uns von der Demokratie. Der Kaiser ist nackt, und man muss sagen d&uuml;rfen, wenn er nackt ist. Demokratie hei&szlig;t, sagen, was ist. George Orwell wird das Zitat zugeschrieben, &bdquo;In Zeiten universeller T&auml;uschung ist das Aussprechen der Wahrheit ein revolution&auml;rer Akt&ldquo;. Kritik muss also erlaubt sein, sie ist essenziell f&uuml;r unsere Gesellschaft. Eigentlich werden Kritiker nur in autorit&auml;ren oder totalit&auml;ren Systemen plattgemacht. Aber dies passiert zunehmend auch bei uns.&ldquo; Ulrike Gu&eacute;rot braucht nicht akademisch zu formulieren, was sie mit der Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern schlicht beschreibt und was in diesem Land &bdquo;abgeht&ldquo;.<\/p><p><strong>Gro&szlig;es Unrecht gegen eine engagierte, ehrliche Frau<\/strong><\/p><p>Ulrike Gu&eacute;rot erlebe ich jedes Mal, wenn ich mit ihr telefoniere, als &uuml;beraus aufgeschlossenen, wachen, klugen, uneingebildeten, humorvollen Menschen, ausgestattet mit einer feinen Portion Selbstironie. Sie ist ganz und gar nicht feindselig, selbst im Eifer eines polemischen Gefechts. Ich h&ouml;re ihr fasziniert zu, ich frage neugierig nach und denke mir: Mensch, Leute wie sie sind wichtig und unentbehrlich f&uuml;r unsere Gesellschaft, gerade jetzt, da erwartet wird, nicht aus der Reihe zu tanzen, sonst &hellip; Ich halte dem entgegen: Doch! Tanzt aus der Reihe!<\/p><p>All ihre wichtigen Informationen, eindr&uuml;cklichen Schilderungen, ehrlichen Gest&auml;ndnisse aus ihrem Innenleben, ihre Selbstkritiken, Zweifel, Hoffnungen, Bitten &ndash; sie lassen mich beinah in die Knie gehen. Warum? Ich sehe, dass der Publizistin, Wissenschaftlerin, unerm&uuml;dlichen Humanistin Ulrike Gu&eacute;rot sehr gro&szlig;es Unrecht widerf&auml;hrt, dass dieses Ungl&uuml;ck kein Naturgesetz ist, sondern bewusst von Mitmenschen, Kollegen, Vorgesetzten, Medienleuten, Entscheidungstr&auml;gern verursacht wurde und bis heute schwelt. Mitmenschen um diese Frau nahmen billigend und sogar vors&auml;tzlich in Kauf, dass sie besch&auml;digt wurde, dass sie keinen Lohn mehr bekam, dass mit dem Finger auf sie gezeigt wurde. Ich sehe, dass ihr widerfahrenes Unrecht das Unrecht eines an sich doch so freien und demokratischen Gemeinwesens ist. Aufgekeimt ist dieses Unrecht, diese uns&auml;gliche Praxis seit 2020 mit der Corona-Katastrophe, als die Folgsamkeit, das Kuschen, das Schweigen zum allein geltenden Ma&szlig;stab f&uuml;r den braven B&uuml;rger ausgerufen wurde.<\/p><p><strong>B&ouml;swillig durchkreuzter Lebensplan einer Professorin<\/strong><\/p><p>Mit Folgen. Ulrike Gu&eacute;rot war von 2021 bis Februar 2023 Professorin f&uuml;r Europapolitik an der Universit&auml;t Bonn, ihr Forschungsschwerpunkt drehte sich um Konzepte zur Zukunft des europ&auml;ischen Integrationsprozesses. Doch dann &hellip; Nach Plagiatsvorw&uuml;rfen wegen &bdquo;Verst&ouml;&szlig;en gegen wissenschaftliche Standards&ldquo; wurde ihr gek&uuml;ndigt. Ein Schock. Ein Widerspruch, die Uni hatte sich extra um sie bem&uuml;ht. &bdquo;Ich hatte f&uuml;r die n&auml;chsten zehn Jahre geplant. Bonn sollte meine Heimat werden. Meine Mutter lebt um die Ecke, ich habe eine neue Wohnung in Bonn bezogen und sie aufwendig und liebevoll renoviert. Ich war angekommen.&ldquo; Dann trifft sie der Vorwurf des Plagiats. Sie habe betrogen, geistiges Eigentum geklaut, wurde laut geschrien, und die Verantwortlichen der Uni Bonn k&uuml;ndigten Gu&eacute;rot im Februar 2023. Ihr wurde unterstellt, in Publikationen Plagiate verwendet zu haben. Sie erz&auml;hlt mir: &bdquo;Plagiat ist Diebstahl geistigen Eigentums, den habe ich nicht begangen. Zitierfehler in einer Arbeit sind hingegen solche, wenn zum Beispiel Anf&uuml;hrungsstriche nicht ganz korrekt gesetzt oder ein paar Worte verdreht werden. Das kann schnell passieren. Ich gebe zu, ich arbeite flink und intensiv, oft sogar hastig und darum manchmal zugegebenerma&szlig;en auch etwas schludrig. Doch gestohlen habe ich nie etwas. Die K&uuml;ndigung der Uni Bonn war mindestens ebenso schludrig&ldquo;, sagt sie dann.<\/p><p><strong>Gu&eacute;rot k&auml;mpft<\/strong><\/p><p>Es gab zum einen jede Menge formale Fehler bei der K&uuml;ndigung, z.B. keine Abmahnung. Zum anderen &ndash; unbeabsichtigt oder nicht &ndash; passierten fast b&ouml;swillige Dinge. &bdquo;Zum Beispiel wurde nicht einmal mehr das M&auml;rz-Gehalt 2023 &uuml;berwiesen, obgleich die K&uuml;ndigung erst zu Ende M&auml;rz ausgesprochen wurde. Der Fall ist gerade vor dem BAG (Bundesarbeitsgericht) ausgereizt, doch es wird weitergehen. Am 23. April haben sie und ihre Anw&auml;lte Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe eingelegt, aufgrund des ihrer Auffassung nach unfairen Verfahrens, erz&auml;hlt Ulrike Gu&eacute;rot. &bdquo;Es war kein faires Verfahren, das aber nach Art. 103 GG bzw. abgeleitet aus dem Rechtsstaatsprinzip nach Art. 20 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 3 Abs. 1 GG ein grundgesetzlich gesch&uuml;tztes Recht ist. Es gab auf drei instanzlichen Ebenen keine Zeugenanh&ouml;rung, Tatsachenermittlung oder unabh&auml;ngige Sachverst&auml;ndigengutachten durch das Gericht. Man nehme nur einen Verkehrsunfall, da gibt es immer unabh&auml;ngige Sachverst&auml;ndige zur Rekonstruktion der Geschehnisse. Hier wurde eine Sachfrage &ndash; n&auml;mlich, ob &sbquo;Plagiate&lsquo; vorliegen &ndash; kurzerhand zur Rechtsfrage erkl&auml;rt, die die Richter eigenm&auml;chtig entschieden haben&ldquo;, so Gu&eacute;rot.<\/p><p><strong>Ausgrenzung schon vor der K&uuml;ndigung<\/strong><\/p><p>Trocken wie entlarvend klingt auch das Folgende: Das Studierendenparlament und die Fachschaft f&uuml;r Politikwissenschaft der Universit&auml;t Bonn hatten sich schon im Mai 2022 von Politikprofessorin Ulrike Gu&eacute;rot distanziert. So, so, die stolzen, jungen, wilden, &bdquo;unangepassten&ldquo; Studenten. Warum? Es ging um das Erscheinen ihres Buches &bdquo;Wer schweigt, stimmt zu&ldquo; im M&auml;rz 2022, in dem Gu&eacute;rot die Corona-Ma&szlig;nahmen deutlich kritisierte. Die Einheitsmeinungsvertreter monierten dann auch ihre Wortmeldungen zum Ukraine-Krieg, wenn sie in Talkshows und Kundgebungen auftrat. Wie sagte Gu&eacute;rot dazu? &bdquo;Demokratie hei&szlig;t: Wir d&uuml;rfen nicht l&uuml;gen. Legitime Kritik muss erlaubt sein, sie ist essenziell f&uuml;r unsere Gesellschaft. Eigentlich werden Kritiker nur in autorit&auml;ren oder totalit&auml;ren Systemen plattgemacht. Aber dies passiert zunehmend auch bei uns, schaut man beispielsweise auf die skandal&ouml;sen EU-Sanktionslisten.&ldquo; Sich zu Corona oder zum Krieg in Gaza oder zum Krieg in der Ukraine souver&auml;n und eigenst&auml;ndig zu &auml;u&szlig;ern, wom&ouml;glich fern von der allgemeinen &bdquo;Marschrichtung&ldquo;, st&uuml;nde gerade jungen Menschen gut zu Gesicht, &uuml;berlege ich.<\/p><p>Die Politikprofessorin erinnert sich an ein Sommerfest an der Universit&auml;t Bonn. &bdquo;Ich ging hin und ich wusste, es w&uuml;rde f&uuml;r mich nicht einfach sein. Was ich dann aber erlebte, war geradezu surreal. Menschen mieden den Blickkontakt oder wichen mir aus. Wenn ich auf eine kleine Menschentraube zuging, l&ouml;ste die sich auf.&ldquo; Sie nahm sich vor, nicht auf dem Absatz kehrt zu machen und mindestens eine Stunde zu bleiben. Sie wollte mit Leuten ins Gespr&auml;ch kommen, doch das gelang kaum. Sp&auml;ter nahm ein Kollege sie zur Seite und teilte ihr vertraulich mit, die Uni w&uuml;sste inzwischen selber, dass die Plagiatsvorw&uuml;rfe unbegr&uuml;ndet seien. Man w&uuml;rde sie aufgrund &auml;u&szlig;eren Druckes &ouml;ffentlich r&uuml;gen m&uuml;ssen, aber sie solle sich keine Sorgen machen.<\/p><p>Ich komme ins Gr&uuml;beln und sage ihr: Derlei Verhalten muss wohl etwas mit dem Ph&auml;nomen Gu&eacute;rot zu tun haben, mit ihrer Ehrlichkeit, Dinge beim Namen zu nennen, mit ihren Schriften, mit ihren Forderungen, so wie etwa der, dass das Ziel aller Corona-Ma&szlig;nahmen das Ende aller Ma&szlig;nahmen sein m&uuml;sse, also mit einer beharrlichen Unbequemlichkeit, die jedoch als &bdquo;unerw&uuml;nscht&ldquo; erkl&auml;rt wird, weil sie eben unbequem ist. &Uuml;ber die Vorg&auml;nge an der Uni Bonn und Reaktionen von Kollegen las ich, dass nur wenige eine Art Betroffenheit &uuml;ber die Vorg&auml;nge ausdr&uuml;ckten (nur f&uuml;nf von rund 500 Professoren an der Universit&auml;t Bonn nahmen pers&ouml;nlich mit ihr Kontakt auf) und die K&uuml;ndigung wahrscheinlich eine &ouml;ffentliche Ma&szlig;regelung war, die f&uuml;r die akademische Welt einen &bdquo;Erziehungscharakter&ldquo; haben sollte: bestrafe einen, erziehe hundert.<\/p><p><strong>Das Ausland ruft<\/strong><\/p><p>In Deutschland mehr und mehr an den Rand gedr&auml;ngt und als &bdquo;umstritten&ldquo; abgestempelt, gibt Gu&eacute;rot dennoch nicht auf: die Welt steht ihr offen. Beispiel Frankreich, dort nimmt sie einen <a href=\"http:\/\/www.ICES.fr\/\">Lehrauftrag<\/a> an. Ein chinesisches Forschungsinstitut (Lyn Zhang, Silk Road Studies Center) nimmt ebenfalls ihre Kompetenzen in Anspruch, zum Beispiel, um aus europ&auml;ischer Perspektive &uuml;ber den UN Human Rights Council zu schreiben. Dazu kommen Kurzstudien zur Sicherheitspolitik und der Zukunft der NATO. Sogar das ferne Russland klingelt an. Sie wird in den akademischen Beirat einer philosophischen Zeitschrift aufgenommen, die von der renommierten Lomonossow-Universit&auml;t Moskau, gegr&uuml;ndet 1755, herausgegeben wird. F&uuml;r ein Christlich-Philosophisches Journal ist sie dann im Sommer f&uuml;r ein Seminar im spanischen Andalusien, &bdquo;Ich k&ouml;nnte weiter aufz&auml;hlen, in Barcelona war ich k&uuml;rzlich bei <a href=\"http:\/\/www.cidob.es\/\">CIDOB<\/a> f&uuml;r einen Vortrag, in Istanbul habe ich an mehreren Universit&auml;ten &uuml;ber mein letztes Buch diskutiert, &bdquo;ZeitenWenden&ldquo;, das ins T&uuml;rkische und &uuml;brigens auch ins Russische &uuml;bersetzt wurde. Mit der Medienplattform <a href=\"http:\/\/www.harici.tr\"><em>HARICI<\/em><\/a> planen wir im September eine gro&szlig;e &bdquo;East-West-Konferenz&ldquo; zu den derzeitigen globalen, geostrategischen Verschiebungen. Dazu gibt es Vortr&auml;ge in &Ouml;sterreich, Wien, zum Thema &bdquo;Multiparadigmenwechsel&ldquo; oder in Gro&szlig;britannien die &bdquo;London Free Speech Conference&ldquo;, z&auml;hlt die Politikwissenschaftlerin auf.<\/p><p><strong>Ein Russland-Besuch<\/strong><\/p><p>Sie machte sich also sogar auf eine Reise nach Russland auf, und das in schweren Zeiten, in einer Phase, in der solch ein Besuch einen &bdquo;umstrittenen&ldquo; Menschen aus dem Blickwinkel westlicher Doppelmoral noch &bdquo;umstrittener&ldquo; werden lassen kann. Sie f&auml;hrt im April nach Moskau. Auf der Buchmesse dort ist sie ein gefragter Gespr&auml;chspartner, der Dekan der philosophischen Fakult&auml;t redet mit ihr, sie sitzt auf einem Panel auf dem Moscow Economic Forum, h&auml;lt einen Vortrag an der Lomonossow-Universit&auml;t und an der Moscow International University. Gu&eacute;rot erg&auml;nzt: &bdquo;Die Geschichte zusammengefasst kann im Video <a href=\"https:\/\/youtu.be\/HYK7egi-mwI?si=dnF_HRgKaUAJIVs\">&bdquo;Bubeck-Gu&eacute;rot&ldquo;<\/a> angeschaut werden. Und im Rahmen meines YouTube-Kanals <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=auBZVVSYJ9Y\">&bdquo;Ulrikes Panoptikum&ldquo;<\/a> habe ich meine Eindr&uuml;cke vom Moscow International Forum zusammengefasst&ldquo;<\/p><p><strong>Aufarbeitung Corona<\/strong><\/p><p>Gu&eacute;rot blickt auf die Bem&uuml;hungen in Sachen Aufarbeitung von Corona. Sie sieht &ndash; wie viele &ndash; Einseitigkeit in der Berichterstattung, viel Engagement f&uuml;r eine Aufarbeitung, aber auch konsequentes &amp; rigoroses Abblocken. Hoffnung macht ihr ein wenig die Enquete-Kommission Corona, in der nach und nach vieles ans Tageslicht kommt und das ganze Pandemie-Narrativ eigentlich schon zerschellt ist. &bdquo;Es sind zumindest kleine Erfolge, denn es wehren sich zunehmend Menschen gegen das Unrecht, das bis heute nicht wirksam aufgearbeitet und entsch&auml;digt ist. Es muss noch lange gefochten werden. Man sieht die Ohnmacht gegen&uuml;ber der etablierten Macht. Viele wissen, dass die Corona-Ma&szlig;nahmen falsch und v&ouml;llig &uuml;berzogen waren und die Impfpropaganda buchst&auml;blich gemeinwohlsch&auml;digend. Wir leben in einer &bdquo;Schuldgemeinschaft&ldquo;, die kaum die F&auml;higkeit besitzt, aufzubereiten. Ich pl&auml;diere insgesamt f&uuml;r gerechte, aber gesichtswahrende L&ouml;sungen f&uuml;r die Verantwortlichen, denn der &bdquo;Ruf nach Handschellen&ldquo; verh&auml;rtet nur die Fronten.&ldquo;<\/p><p><strong>Zustand Europa<\/strong><\/p><p>Ulrike Gu&eacute;rot spricht akzentfrei drei sch&ouml;ne W&ouml;rter aus: &bdquo;Libert&eacute;, Egalit&eacute;, Fraternit&eacute;.&ldquo; W&auml;ren ihr Sinn und Gehalt in Europa verwirklicht, st&uuml;nde es gut um unseren Kontinent. Aber so? Sie sagt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben lange keine soziale Marktwirtschaft mehr. Das Ganze wird eher nach den Algorithmen eines Tech-Feudalismus gehandhabt, wie Janis Varoufakis das in seinem gleichnamigen Buch nennt. Und ich denke an mein eigenes Buch &sbquo;Endspiel Europa&lsquo;, das der eigentliche Anlass f&uuml;r die K&uuml;ndigung war. Dabei hatte das neue, europapolitische Institut an der Universit&auml;t Bonn eigentlich den Arbeitsauftrag, &sbquo;Europa jenseits der paradigmatischen Annahmen des 20. Jahrhunderts neu zu denken&lsquo; (<a href=\"http:\/\/www.cerc.uni-bonn.de\/\">CERC<\/a>). Dies w&auml;re auch sehr wichtig, denn die politische Realit&auml;t zeigt eine enorme Spaltung &uuml;berall in Europa. Die Schere zwischen den politischen Eliten und den europ&auml;ischen B&uuml;rgern &ouml;ffnet sich, wohin man blickt. Konstruktives Nachdenken zu Europa und seiner Zukunft &ndash; Fehlanzeige. Und dann muss man erleben, dass an Exzellenz-Universit&auml;ten de facto f&uuml;r einen Krieg gegen Russland getrommelt wird und z.B. Debatten &uuml;ber ein neutrales Europa praktisch nicht zugelassen werden. Militarisierung, wohin man schaut, weit und breit ist nichts mehr vom europ&auml;ischen Friedensprojekt zu sehen. Dabei ist meine Utopie einer Europ&auml;ischen Republik von 2016 immer noch die gleiche: Wir europ&auml;ischen B&uuml;rger m&uuml;ssen die Gestaltung f&uuml;r die Bewahrung des Friedens in Europa &uuml;bernehmen, anstatt von unseren jeweiligen Regierungen in einen Krieg gef&uuml;hrt zu werden.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Das Leben ohne die Uni Bonn, der Blick nach vorn, ein neues, ein ganz anderes Buch?<\/strong><\/p><p>Ulrike Gu&eacute;rot blickt optimistisch in die Zukunft: &bdquo;Ja, das Leben au&szlig;erhalb einer Uni ist nicht langweilig. Ich habe einen gut gehenden YouTube-Kanal, in dem ich zum Beispiel politikwissenschaftliche B&uuml;cher bespreche, halte Vortr&auml;ge in ganz Europa und arbeite an meinem n&auml;chsten Buch, das im Oktober erschient &ndash; eine General&uuml;berholung meiner europ&auml;ischen Utopie, denn eine solche braucht Europa ja am dringendsten.&ldquo; Ich h&ouml;re sie und merke ihren Tatendrang. Ich frage mich, woher nimmt diese kleine Frau die Energie? Sie f&auml;hrt fort, mal einen Roman? Das w&auml;re doch auch noch ein Projekt &hellip; Sie hat auch schon einen Titel: &bdquo;Bitte einzeln eintreten&ldquo;. Sie erinnert sich an die skurrile Situation, als die Abordnung der Uni Bonn von f&uuml;nf Personen am Arbeitsgericht Bonn die T&uuml;r weit aufgehalten bekam &hellip;<\/p><p>&bdquo;Ich hingegen wurde von einem Polizisten derb ermahnt, dass der Eintritt in das Arbeitsgericht nur einzeln erfolgen darf, und mir wurde die Glast&uuml;r vor der Nase zugeschlagen. Diese Episode und viele weitere in eine literarische Geschichte zu verarbeiten, das k&ouml;nnte es sein&ldquo;, sagt sie. Und schlie&szlig;lich holt sie tief Luft und sagt nochmal das Wort &bdquo;Verfassungsbeschwerde&ldquo;. &bdquo;Ich habe das Bundesverfassungsgericht angerufen. Ich wehre mich vor allem, auch im Namen meiner Kinder &amp; zuk&uuml;nftigen Enkel, gegen den Vorwurf der &sbquo;arglistigen T&auml;uschung&lsquo;. Doch jenseits der &sbquo;Causa Gu&eacute;rot&lsquo; geht es mit Blick auf die Gesellschaft um die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit, um das Recht, ein kritisches Buch schreiben zu k&ouml;nnen, ohne sanktioniert zu werden, und schlie&szlig;lich inzwischen um Rechtsstaatlichkeit und das Recht auf ein faires Verfahren, das alle B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger angeht. Da bin ich kein Einzelfall.&ldquo;<\/p><p>Apropos kein Einzelfall. Ich las &uuml;ber sie, dass sie immer geglaubt habe, dass die Universit&auml;t hierzulande ein Ort sei, an dem auch wissenschaftlich unterschiedliche Einsch&auml;tzungen, Bewertungen oder Perspektiven Platz haben &ndash; auch in schwierigen Zeiten. Aber das scheint nicht mehr der Fall zu sein, und das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Eine empirische Studie mit dem Titel <a href=\"https:\/\/westendverlag.de\/Wer-stoert-muss-weg\/2198\">&bdquo;Wer st&ouml;rt, muss weg&ldquo;<\/a> dokumentiert, dass die Zahl der Professoren, die seit 2020 unter fadenscheinigen Gr&uuml;nden von deutschen Hochschulen gek&uuml;ndigt wurden, sprunghaft zugenommen hat. Das sollte allen in der Bundesrepublik Deutschland zu denken geben.<\/p><p><small>Titelbild: Carmela Negrete Navarro<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie geht es <strong>Ulrike Gu&eacute;rot<\/strong>? Die Politikprofessorin und Buchautorin aus Berlin gestand vor Kurzem in einem Gespr&auml;ch mit <strong>Frank Blenz<\/strong> f&uuml;r die <em>NachDenkSeiten<\/em> ehrlich ersch&ouml;pft, dass hinter ihr eine Schlacht l&auml;ge. Gez&auml;hlt ab 2022, f&uuml;llen allein die &Uuml;berschriften von Artikeln zu ihrer Person ein Dutzend Seiten. Die Politikwissenschaftlerin erlebte und erlebt bis heute Anfeindungen, versteckte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150091\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":122798,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,198],"tags":[3041,3058,1101,3204,930,3468,1865,309,827,968],"class_list":["post-150091","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-europaeischer-gedanke","tag-guerot-ulrike","tag-justiz","tag-kuendigung","tag-meinungsfreiheit","tag-repressionen","tag-stigmatisierung","tag-wissenschaftsfreiheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Interview_Guerot.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150091","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150091"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150091\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150097,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150091\/revisions\/150097"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/122798"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150091"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150091"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150091"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}