{"id":150133,"date":"2026-05-09T13:00:05","date_gmt":"2026-05-09T11:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150133"},"modified":"2026-05-08T19:00:52","modified_gmt":"2026-05-08T17:00:52","slug":"wenn-die-welt-der-kinder-untergeht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150133","title":{"rendered":"\u201eWenn die Welt der Kinder untergeht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend ihres aktuellen Aufenthaltes im Libanon hat unsere Autorin <strong>Karin Leukefeld<\/strong> den pal&auml;stinensischen Arzt <strong>Dr. Ghassan Abu Sitta<\/strong> getroffen. Abu Sitta ist Chirurg und auf plastische Chirurgie spezialisiert. Als Freiwilliger f&uuml;r&nbsp;<i>Medecins sans Frontiere<\/i>&nbsp;(<i>MSF<\/i>) [&Auml;rzte ohne Grenzen &ndash; Anm. d. Red.] ist Abu Sitta in vielen Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz gewesen. Seit 2024 leitet er den neu eingerichteten Lehrstuhl f&uuml;r &bdquo;Konfliktmedizin&ldquo; an der Amerikanischen Universit&auml;t in Beirut, AUB. Seine Aussagen sind eine Anklage gegen eine Welt, die das Leid von Kindern zur Randnotiz degradiert. Was in Gaza und nun im Libanon geschieht, beschreibt der Arzt nicht als &bdquo;Kollateralschaden&ldquo;, sondern als systematische Zerst&ouml;rung von Leben, Familien und Zukunft. Seine Erfahrungen zeigen: Der Krieg endet nicht mit Bomben &ndash; er setzt sich in den K&ouml;rpern und Seelen der &Uuml;berlebenden fort.<br>\n<!--more--><br>\n<i>In mehr als 30 Jahren hat Ghassan Abu Sitta in Kriegs- und Kriseneins&auml;tzen Erfahrungen gesammelt, die zu der Entwicklung einer &bdquo;Konfliktmedizin&ldquo; f&uuml;hrte, wie sie nur in Beirut gelehrt wird. Die Angriffe auf das Gesundheitswesen in Gaza und auch im Libanon habe Israel in einer geradezu &bdquo;spektakul&auml;ren Weise&ldquo; und dazu v&ouml;llig straffrei vollzogen, so der Arzt im Gespr&auml;ch. Das humanit&auml;re und internationale Recht werde mi&szlig;achtet. Der Genozid gegen die Pal&auml;stinenser in Gaza setze sich aktuell gegen die Bev&ouml;lkerung des Libanon fort, so Abu Sitta. Er erinnerte an die vom israelischen Mossad durchgef&uuml;hrten &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/press-releases\/2024\/09\/exploding-pagers-and-radios-terrifying-violation-international-law-say-un\">Pager-Attacken<\/a>&ldquo; am 17. September 2024, bei denen mehr als 3.000 Personen im Libanon schwerste Verletzungen erlitten, die sie ihr Leben lang zeichnen w&uuml;rden.<\/i><\/p><p><i>Israel habe alle roten Linien, die nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen worden seien, absichtlich &uuml;berschritten und werde dabei von den USA und europ&auml;ischen Staaten unterst&uuml;tzt. &bdquo;Das bedeutet, Israel handelt in deren Interesse&ldquo;, so Abu Sitta. Dieser Komplizenschaft m&uuml;sse man sich deutlich widersetzen. Dass der langj&auml;hrige Al-Khaida-Vertreter Abu Mohamed Al Jolani von US- und UN-Sanktionen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=139712\">freigesprochen<\/a> werde und gleichzeitig <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/usa-istgh-den-haag-sanktionen-richterinnen-100.html\">Richter<\/a> und Richterinnen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag und die UN-Sonderbeauftragte f&uuml;r Menschenrechte in den besetzten pal&auml;stinensischen Gebieten, <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=135981\">Francesca Albanese<\/a>, mit Sanktionen daf&uuml;r bestraft werde, dass sie den israelischen Genozid an den Pal&auml;stinensern beim Namen nenne, beweise, dass das internationale Recht zerst&ouml;rt werden solle.<\/i><\/p><p><i>Internationale humanit&auml;re und Hilfsorganisationen in Kriegs- und Krisengebieten sind oft im Einsatz in Kriegen, die auch von den Regierungen ihrer L&auml;nder finanziert werden. Angesichts des Genozids in Gaza sei eine scharfe Trennung erforderlich, so Abu Sitta. Gebraucht werde ein &bdquo;neuer Sozialvertrag&ldquo; so der Arzt. In humanit&auml;ren und Hilfsorganisationen werde dar&uuml;ber zunehmend gesprochen. <\/i><\/p><p><i>Das Interview wurde am 1. Mai dieses Jahres auf Englisch gef&uuml;hrt und von der Autorin ins Deutsche &uuml;bersetzt.<\/i><\/p><p><em><strong>Wenn die Welt der Kinder untergeht<\/strong><\/em><\/p><p><strong>Karin Leukefeld: Dr. Ghassan, Sie sind Pal&auml;stinenser, aber Ihr Land ist besetzt. Wir treffen uns hier in Beirut, Sie sind britischer Staatsb&uuml;rger und Rektor der Universit&auml;t in Glasgow. Wo leben Sie?<\/strong><\/p><p><strong>Dr. Ghassan Abu Sitta<\/strong>: Ich pendele zwischen den beiden L&auml;ndern. Als ich aus Gaza zur&uuml;ckkam, habe ich verschiedene Male versucht, wieder dorthin einzureisen, die Israelis haben mir die Einreise untersagt. Da ich zwischen 2011 und 2019 hier am Krankenhaus der Amerikanischen Universit&auml;t (AUB) die Abteilung f&uuml;r plastische Chirurgie geleitet habe, hatte ich noch Kontakte hierher. Uns war sehr schnell klar, dass der israelische Krieg gegen Gaza nur Teil eines sehr viel gr&ouml;&szlig;eren regionalen Projekts ist, um die Landkarte der Region zu dominieren und zu ver&auml;ndern. Und so war es.<\/p><p>Sehr schnell hatten wir hier im Libanon auch Krieg. Ich bin umgezogen und kam hier am 17. September 2024 an. (Das war der Tag der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/press-releases\/2024\/09\/exploding-pagers-and-radios-terrifying-violation-international-law-say-un\">Pager-Angriffe<\/a>&ldquo;, KL). Ich sollte als Professor den Lehrstuhl f&uuml;r Konfliktmedizin &uuml;bernehmen. Dieser Lehrstuhl spiegelt die Tatsache, dass wir in einer Region leben, wo Kriegsverletzungen zu den wichtigsten Faktoren der menschlichen Gesundheit geh&ouml;ren. Besonders der Libanon und hier das AUB-Krankenhaus sind in ihrer Geschichte durch diese Art von Verletzungen gepr&auml;gt worden.<\/p><p><strong>Sie haben einen Hilfsfonds f&uuml;r pal&auml;stinensische Kinder aus Gaza eingerichtet.<\/strong><\/p><p>Als wir den <a href=\"https:\/\/gascf.org\/\">Ghassan Abu Sitta Fonds f&uuml;r Kinder<\/a> starteten, ging es darum, pal&auml;stinensische Kinder aus Gaza hierher zu holen und sie hier zu behandeln. Der Grund war, dass es hier ein Ausma&szlig; an Fachwissen und Erfahrung f&uuml;r die Behandlung solcher Verletzungen gibt, besonders im Krankenhaus der Amerikanischen Universit&auml;t, wie man es weltweit nirgends findet, au&szlig;er in Milit&auml;rkrankenh&auml;usern. Sie werden nirgends eine zivile akademische Einrichtung finden, wo es so viel Fachwissen &uuml;ber Kriegsverletzungen gibt. Allein die Kriege im Libanon, die israelischen Invasionen in den Libanon, aber auch der Irak-Krieg und der Krieg in Syrien. Aus allen diesen Kriegen kamen Verletzte hierher, um behandelt zu werden. Viele von ihnen waren Patienten von MSF, M&eacute;decins sans Fronti&egrave;re.<\/p><p>Die Komplexit&auml;t vieler Kriegsverletzungen, die ich in Gaza gesehen hatte, erforderte das Fachwissen von &Auml;rzten, die ihr Leben lang verletzte Kinder behandelt hatten. Wir konnten Kinder aus Gaza durch &Auml;gypten hierherbringen. Doch als dann der Krieg 2024 auch im Libanon begann, haben wir zus&auml;tzlich zu den pal&auml;stinensischen Kindern auch libanesische Kinder hier behandelt. Und das machen wir bis heute. W&auml;hrend des letzten Krieges 2024 haben wir rund 1.400 Kinder behandelt, die im Krieg verletzt worden waren. Wir haben sie <a href=\"https:\/\/www.dgpraec.de\/plastische-chirurgie\/rekonstruktive-chirurgie\/\">rekonstruktiv chirurgisch<\/a> behandelt &ndash; mit Rehabilitation &ndash; und medizinisch versorgt, und gleichzeitig haben wir mehr Kinder f&uuml;r rekonstruktive Chirurgie aus dem Gazastreifen in den Libanon geholt.<\/p><p><strong>Das ist eine gro&szlig;e Zahl an Kindern. Wie viele &Auml;rzte arbeiten in Ihrem Team?<\/strong><\/p><p>Wir k&ouml;nnen alle Abteilungen des AUB-Krankenhauses hier in Beirut nutzen. Es kommt also jeweils auf die Art der Verletzung an. Einige Kinder ben&ouml;tigen eine orthop&auml;dische Operation, andere Kinder m&uuml;ssen von Augen&auml;rzten behandelt werden. Wieder andere Kinder brauchen plastische Operationen. Hier am AUB-Krankenhaus haben wir sehr viele Fachbereiche zu unserer Verf&uuml;gung, wo die Kinder je nach ihrer Verletzung behandelt werden k&ouml;nnen. Seit der aktuelle Krieg begonnen hat, haben wir ein gemeinsames Projekt mit dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF und mit dem libanesischen Gesundheitsministerium. Wir wurden die Einrichtung, in die alle p&auml;diatrischen Kriegsverletzungen &ndash; also alle Kinder mit Kriegsverletzungen &ndash; im Libanon eingewiesen wurden.<\/p><p><strong>Wie alt sind Ihre Patienten?<\/strong><\/p><p>Gestern habe ich ein sieben Monate altes Kind operiert und die &Auml;ltesten, die wir haben, sind 17, 18 Jahre alt. Wir definieren als Kind einen Patienten, der j&uuml;nger als 18 Jahre ist.<\/p><p><em><strong>Das blo&szlig;e Ausma&szlig; der Morde hat die pal&auml;stinensischen Familien komplett neu gestaltet<\/strong><\/em><\/p><p><strong>F&uuml;r die pal&auml;stinensischen Kinder ist ja auch vorgesehen, dass sie nach der Operation und der Behandlungszeit eine Zeit der Erholung bei einer Gastfamilie verbringen. Funktioniert das?<\/strong><\/p><p>Wir bringen die Familien mit, oder einen Teil der Familie. Aufgrund der Vorgehensweise der israelischen Beh&ouml;rden dar&uuml;ber, wer Gaza verlassen darf, ist es meist ein Elternteil, das die Kinder begleiten kann. Die Verw&uuml;stung in Gaza ist derart, dass in vielen F&auml;llen die Eltern unserer Patienten get&ouml;tet wurden. Wir haben also Kinder hier, die von einer Tante, einem Onkel betreut werden oder von einem einzelnen Elternteil, der &uuml;berlebt hat, oder von einer Gro&szlig;mutter, die als einzige &uuml;berlebende Erwachsene ein Kind betreut. Das blo&szlig;e Ausma&szlig; der Morde hat die pal&auml;stinensischen Familien komplett neu gestaltet. Das sieht man daran, wer in der Lage ist, ein Kind hierher zu begleiten.<\/p><p><strong>Konnten auch kriegsverletzte Kinder aus Syrien oder aus dem Irak so unterst&uuml;tzt werden? <\/strong><\/p><p>Zwischen 2012 und 2019 war ich an einem &auml;hnlichen Projekt f&uuml;r kriegsverletzte Kinder beteiligt. Damals war ich Leiter der Abteilung f&uuml;r plastische Chirurgie am AUB-Krankenhaus. Wir hatten ein p&auml;diatrisches Projekt f&uuml;r kriegsverletzte Kinder in dessen Rahmen auch kriegsverletzte Kinder aus Syrien behandelt wurden. Gleichzeitig habe ich auch verletzte irakische Kinder behandelt, die aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem AUB-Krankenhaus und dem irakischen Gesundheitsministerium gekommen waren.<\/p><p><em><strong>Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr<\/strong><\/em><\/p><p><strong>Gibt es &Auml;hnlichkeiten bei den Kriegsverletzungen aus den verschiedenen L&auml;ndern? Oder unterscheiden sie sich?<\/strong><\/p><p>Die Art der Kriegsverletzungen sind verschieden. Die pal&auml;stinensischen Kinder in Gaza und die libanesischen Kinder werden bei sich zu Hause verletzt, auf die gleiche Weise. Oder sie werden in einem Auto verletzt, wenn sie versuchen, von zu Hause zu fliehen. Das bedeutet, dass sie unterschiedslos Geschwister oder Eltern verloren haben, oder beides. Die Verletzung ist nicht nur physisch, sondern diese Kinder sind emotional, sozial und existenziell verletzt. Die Welt dieser Kinder ist untergegangen. Die Welt, die sie kannten, gibt es nicht mehr. Ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Nachbarschaft, ihre Geschwister, ihre Schule, alles gibt es nicht mehr. Und diese Verletzungen sehen wir auch jetzt bei den libanesischen Kindern in diesem Krieg. Alle wurden zu Hause verletzt. Fast alle haben entweder die Eltern oder Geschwister verloren. <\/p><p>Wir haben mittlerweile eine Besprechung mit dem gesamten Team eingef&uuml;hrt, das die Kinder betreut. Dabei geht es um Fragen, wie diese Kinder angesprochen werden, wenn sie in der Intensivstation aufwachen. Wie sagt man ihnen, dass ihre Geschwister get&ouml;tet wurden, dass ihre Eltern get&ouml;tet wurden? Wir haben das Team also um einen Psychologen erweitert. Einer unserer Kollegen arbeitet in der Kinderpalliativstation im AUB-Krankenhaus, er wird jetzt mit uns zusammenarbeiten. Das erm&ouml;glicht uns, diesen Kindern die schlechten Nachrichten zu &uuml;berbringen. Wir m&uuml;ssen das in Zusammenarbeit mit der Person machen, die von der Familie &uuml;berlebt hat. Und wir m&uuml;ssen es richtig machen.<\/p><p><strong>Das AUB-Krankenhaus ist ja ein Universit&auml;tskrankenhaus. Arbeiten auch Medizinstudenten mit den kriegsverletzten Kindern?<\/strong><\/p><p>Ja. Unser Lehrstuhl f&uuml;r Konfliktmedizin ist ein p&auml;dagogischer Lehrstuhl. Der Lehrstuhl erkennt die Tatsache an, dass jeder Arzt, der in dieser Region ausgebildet wird, auch in der Behandlung gesundheitlicher Kriegsfolgen ausgebildet werden mu&szlig;. Denn Kriegsverletzungen sind ein wichtiger Faktor in der hiesigen Gesundheitsversorgung. Wenn jemand morgen als ausgebildeter Arzt in Pal&auml;stina oder Libanon oder Syrien, Irak, Libyen eingesetzt wird, wird er dort mit Kriegsverletzungen und deren Folgen konfrontiert. Darum sind wir &uuml;berzeugt, dass die medizinische Ausbildung in unserer Region die Behandlung von Kriegsverletzungen beinhalten muss.<\/p><p><strong>Wie reagieren die Studenten auf die Arbeit mit den verletzten Kindern?<\/strong><\/p><p>Sie werden &uuml;berrascht sein &ndash; viele der Studenten wollen diese Arbeit machen. Und wir zeigen Ihnen auch, dass das Verst&auml;ndnis des Sozialen und der Psychologie im Umgang mit den kleinen Patienten genauso wichtig ist wie die klinische Versorgung. Sie sollen bei uns lernen, Kriegsverletzungen anders, neu zu sehen und zu behandeln.<\/p><p><strong>Die Studenten werden vermutlich noch nicht mit solchen Verletzungen konfrontiert worden sein. Gibt es Unterst&uuml;tzung?<\/strong><\/p><p>Es gibt Unterst&uuml;tzung, ja. Das wurde mit den medizinischen Ausbildungszentren vereinbart. Das ist auch erforderlich, weil der Umgang mit p&auml;diatrischen Kriegsverletzungen sehr viel schwieriger ist.<\/p><p><strong>Sie sagten, in anderen L&auml;ndern werden diese Verletzungen in Milit&auml;rkrankenh&auml;usern behandelt. Hier in Beirut ist es aber eine Sache der Notwendigkeit?<\/strong><\/p><p>Ja, und es ist eine Erfahrung. F&uuml;r mich ist klar, dass man hier nicht davon ausgehen kann, dass dieser eine Krieg der letzte Krieg sein wird. Der Krieg, der alle Kriege beendet, sozusagen &hellip;<\/p><p><strong>&hellip; wie man beim Ersten Weltkrieg sagte und das Ergebnis war dann ein Frieden, der jeden Frieden <a href=\"https:\/\/ia803101.us.archive.org\/11\/items\/APeaceToEndAllPeaceTheFallOfTheOttomanEmpireAndTheCreationOfTheMiddleEast1989\/A%20Peace%20to%20End%20All%20Peace%2C%20The%20Fall%20of%20the%20Ottoman%20Empire%20and%20the%20Creation%20of%20the%20Middle%20East%20%281989%29.pdf\">beendete<\/a> &hellip;<\/strong><\/p><p>Ja.<\/p><p><strong>Als Sie nach Ihrer R&uuml;ckkehr aus Gaza Ende 2023 &uuml;ber Ihre Erfahrungen dort sprachen, sagten sie auch, dieser Krieg wird in den Libanon kommen.<\/strong><\/p><p>Genau. Es ist offensichtlich, dass Israel alles, was s&uuml;dlich des Litani-Flusses liegt, dem Norden von Gaza gleichmachen will. Verbrannte Erde, einschlie&szlig;lich der Unternehmen, die Israel anheuert, um selbst die Tr&uuml;mmer der D&ouml;rfer abzutragen. Es soll nicht einmal mehr Tr&uuml;mmer dort geben, nur flaches Land. Israel bezahlt den Unternehmen pro Geb&auml;ude 5.000 Schekel, die gleiche Summe wie in Gaza. Es sind die gleichen Unternehmen, die sie f&uuml;r Beit Hanoun und Jabalia bezahlt haben, die sie jetzt f&uuml;r Khiam und Bint Jbeil bezahlen.<\/p><p><strong>Dieser Lehrstuhl f&uuml;r Konfliktmedizin ist etwas Au&szlig;ergew&ouml;hnliches, an europ&auml;ischen Universit&auml;ten gibt es das nicht. Wie hat es angefangen?<\/strong><\/p><p>Mir war schon 2011, als ich das erste Mal hier gearbeitet habe, aufgefallen, dass die Kollegen im AUB-Krankenhaus, die Kriegsverletzte behandelten, ihre Ausbildung in der Zeit des B&uuml;rgerkrieges (1975 &ndash; 1990) gemacht hatten. Die jungen Kollegen, die aus den USA oder Europa kamen, kannten das nicht. Die Erfahrung verschwand also, wenn die &auml;lteren Kollegen pensioniert wurden, und angesichts der Situation in dieser Region musste sich da etwas &auml;ndern. Die Erfahrung, Kriegsverletzungen zu behandeln, musste institutionalisiert werden, damit sie in der Einrichtung bleibt und von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. So entstand hier die Konfliktmedizin.<\/p><p>Das Programm umfasste Forschung, Ausbildung und die klinische Praxis. Wir konzentrierten uns auf die Versorgung der Kinder aus den Kriegen Syrien und Irak, auch mit Unterst&uuml;tzung des irakischen Gesundheitsministeriums, wie ich schon sagte. Das konnte fortgesetzt werden, bis 2019 der Zusammenbruch des libanesischen Bankensystems alles stoppte. Ich ging zur&uuml;ck ins Vereinigte K&ouml;nigreich.<\/p><p><strong>Die Kriege in der Region gingen weiter &ndash; in Syrien, im Irak, im Jemen. Und Sie waren weiter zu Eins&auml;tzen an verschiedenen Fronten?<\/strong><\/p><p>Ja, als Arzt war ich immer wieder vor Ort in Eins&auml;tzen, und als der Gaza-Krieg 2023 begann, gab es in der AUB in Beirut die Entscheidung, einen Lehrstuhl f&uuml;r Konfliktmedizin einzurichten. Als ich aus Gaza zur&uuml;ckkam, wurde ich gefragt, ob ich als Professor die Leitung &uuml;bernehmen wolle, zumal ich das Programm der Konfliktmedizin mitentwickelt hatte. So war das.<\/p><p>Das Ganze entwickelt sich weiter. Eigentlich m&uuml;ssen wir heute die Bezeichnung &bdquo;Konfliktmedizin&ldquo; in &bdquo;Nachkriegschirurgie&ldquo; &auml;ndern. Bisher sprach man von &bdquo;Kriegschirurgie&ldquo; und der Arzt ist der Typ, der die Kugeln entfernt und die Knochen flickt. Aber wir sehen, dass jeder Aspekt der Medizin von der Verletzung beeinflu&szlig;t wird. Wir brauchen Augen&auml;rzte, Mikrobiologen, Intensivmediziner, orthop&auml;dische Chirurgen und Gef&auml;&szlig;chirurgen und vieles mehr. So, wie die industrielle Revolution die moderne Medizin beeinflusst hat, so bringen Kriege Umw&auml;lzungen eines &auml;hnlichen Ausma&szlig;es mit sich, die Medizin in allen Bereichen formen.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie das f&uuml;r Laien etwas konkretisieren?<\/strong><\/p><p>Es geht nicht darum, einen neuen Fachbereich zu schaffen, sondern in jedem Bereich die Besonderheit von Kriegsverletzungen und wie sie sich darstellen zu verstehen und einzubeziehen. Ein Augenarzt muss verstehen, wie die Druckwelle einer Explosion das Auge zerrei&szlig;t, wie er am besten so viel wie m&ouml;glich erhalten kann, wenn Splitter in das Auge eingedrungen sind. Ein orthop&auml;discher Chirurg muss den Unterschied verstehen zwischen einer Fraktur, die durch einen Verkehrsunfall verursacht wurde oder durch eine Explosion.<\/p><p>Und dann haben wir ein riesiges Problem im Bereich der Mikrobiologie. In der ganzen Region k&auml;mpfen wir mit multiresistenten Bakterien. Das wurde erstmals nach 2003 von den Amerikanern beschrieben, die vom &bdquo;Iraqibacter&ldquo; sprachen. Sie fanden diese Bakterien in irakischen Soldaten, die aus dem Irak-Krieg mit bakteriellen Infektionen zur&uuml;ckkamen. Und diese Bakterien waren gegen die meisten Antibiotika resistent. Heute ist es so, dass nahezu alle Kriegsverletzten in Gaza und im Libanon multiresistente bakterielle Infektionen aufweisen. Wir sehen, dass alles, was mit menschlicher Gesundheit zu tun hat, durch Krieg neu geformt wird, sich ver&auml;ndert. Es ist also notwendig, dass es innerhalb einer akademischen Einrichtung, innerhalb einer Klinik immer Fachkr&auml;fte gibt, die diese Patienten betreuen, die darin ausgebildet sind, den Zusammenhang zu verstehen.<\/p><p><em><strong>Alles, was mit menschlicher Gesundheit zu tun hat, wird durch Krieg neu geformt<\/strong><\/em><\/p><p><strong>Sie sind nicht nur erfahrener Chirurg und Professor an der Amerikanischen Universit&auml;t und Klinik in Beirut, sie sprechen &uuml;ber den Krieg und die Folgen auch &ouml;ffentlich. Dabei haben sie einmal europ&auml;ische Staaten als &bdquo;Achse des V&ouml;lkermords&ldquo; bezeichnet, warum?<\/strong><\/p><p>Es steht v&ouml;llig au&szlig;er Zweifel, dass Israel ohne die materielle Unterst&uuml;tzung verschiedener Staaten den V&ouml;lkermord in Gaza nicht h&auml;tte ausf&uuml;hren k&ouml;nnen. Das Vereinigte K&ouml;nigreich hat nicht nur Waffen an Israel geliefert und das Land finanziell unterst&uuml;tzt, 60 Prozent der elektronischen &Uuml;berwachung wurde von Flugzeugen der Royal Airforce durchgef&uuml;hrt, die von Zypern gestartet sind. Als die Israelis Jemen bombardierten, haben Jets der italienischen Luftwaffe sie aufgetankt. Die Amerikaner haben 80 Prozent der Waffen und Munition geliefert, Deutschland kommt gleich danach. Im &Uuml;brigen bin ich davon &uuml;berzeugt, dass Edward Said recht hatte, als er feststellte, &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.merriam-webster.com\/dictionary\/the%20tail%20wagging%20the%20dog\">Der Hund wackelt mit dem Schwanz<\/a>&ldquo;. Israel bleibt eine Siedlerkolonie des westlichen Imperialismus. Darum wird es von den westlichen Staaten unterst&uuml;tzt.<\/p><p><strong>Manche in vergleichbarer Position wie Sie sprechen nicht oder kaum. Sie dagegen sagen laut und deutlich Ihre Meinung &ndash; ist das auch Ergebnis dessen, was Sie seit Jahrzehnten erlebt und gesehen haben?<\/strong><\/p><p>Genauso ist es. Es gibt keinen Platz f&uuml;r Zur&uuml;ckhaltung, nachdem 22.000 Kinder v&ouml;llig straffrei ermordet wurden. 64.000 Kinder wurden zu Waisen gemacht. Als ich in Gaza war, habe ich damit angefangen, so eine Formel auf die Patientenbl&auml;tter zu schreiben, eine Art Code: &bdquo;WCNSF, Wounded Child no surviving Family &ndash; verletztes Kind, keine &uuml;berlebende Familie&ldquo;. Das war ein Hinweis an die Mitarbeiter der Sozialabteilung im Al Shifa Krankenhaus, die das Kind f&uuml;ttern mussten. Am n&auml;chsten Tag musste jemand dem Kind etwas zu essen geben, musste es versorgen, die Verb&auml;nde wechseln. Das ist ein Ph&auml;nomen, das ich hier wieder sehe und das ich nie zuvor bei meinen Eins&auml;tzen gesehen hatte. Das muss aufh&ouml;ren. Mit dieser erzwungenen Art des V&ouml;lkermords muss gebrochen werden. Gaza ist kein Einzelfall. Gaza wird sich &uuml;berall wiederholen.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Ghassan Abu Sitta\/privat<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend ihres aktuellen Aufenthaltes im Libanon hat unsere Autorin <strong>Karin Leukefeld<\/strong> den pal&auml;stinensischen Arzt <strong>Dr. Ghassan Abu Sitta<\/strong> getroffen. Abu Sitta ist Chirurg und auf plastische Chirurgie spezialisiert. Als Freiwilliger f&uuml;r&nbsp;<i>Medecins sans Frontiere<\/i>&nbsp;(<i>MSF<\/i>) [&Auml;rzte ohne Grenzen &ndash; Anm. d. Red.] ist Abu Sitta in vielen Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz gewesen. 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