{"id":15029,"date":"2012-11-08T12:35:58","date_gmt":"2012-11-08T11:35:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15029"},"modified":"2020-02-18T18:45:12","modified_gmt":"2020-02-18T17:45:12","slug":"altersarmut-in-einem-reichen-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15029","title":{"rendered":"Altersarmut in einem reichen Land"},"content":{"rendered":"<p>Die Logik eines scheinbaren Widerspruchs haben <strong>Gerd Bosbach<\/strong> und <strong>Jens J&uuml;rgen Korff<\/strong> analysiert.<br>\nAltersarmut erscheint in der &ouml;ffentlichen Diskussion oft als unausweichliche Folge der gesellschaftlichen Alterung. Ein Blick ins vergangene Jahrhundert zeigt allerdings, dass eine solche Entwicklung nicht zwangsl&auml;ufig ist: Die Lebenserwartung stieg in Deutschland von 1900 bis 2000 um &uuml;ber 30 Jahre, der Anteil der &Uuml;ber-65-j&auml;hrigen stieg von unter 5 auf &uuml;ber 17 Prozent und zugleich halbierte sich der Anteil der Jugendlichen. Gleichwohl nahm die Altersarmut in dieser Zeit nicht zu, sondern sank sogar rapide; auch wuchs der Wohlstand der Erwerbst&auml;tigen, und das trotz k&uuml;rzerer Arbeitszeiten. Wer ohne Scheuklappen in die Zukunft schaut, wird erkennen: Altersarmut ist keine Folge der demografischen Entwicklung, sondern einer gesellschaftlichen Umverteilung von unten nach oben. Das belegen wir in diesem Aufsatz mit zwei einfachen, leicht nachvollziehbaren &Uuml;berlegungen&hellip;<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Reallohnsteigerungen bei einem Rentenbeitrag von 40 Prozent?<\/strong><\/p><p>Bis zum Jahr 2030 gilt ein Beitragssatz von 22 Prozent in der GRV als Schallgrenze, die nicht &uuml;berschritten werden darf. Die Arbeitnehmer\/innen sollen die daraus resultierenden Leistungsk&uuml;rzungen bei der gesetzlichen Rente durch private Vorsorge ausgleichen. Man begr&uuml;ndet die K&uuml;rzungen mit der These, dass Rentenbeitr&auml;ge von 26, 28 oder gar 30 Prozent unweigerlich die realen Nettol&ouml;hne in den Abgrund rei&szlig;en w&uuml;rden. Im Extremfall, so drohte der damalige Bundesarbeitsminister Franz M&uuml;ntefering seinen SPD-Genoss(inn)en, m&uuml;sste der Beitragssatz sogar auf &uuml;ber 40 Prozent steigen, wenn die Rente ab 67 nicht eingef&uuml;hrt w&uuml;rde. Er folgte dabei einer &auml;lteren Modellrechnung des Bielefelder Bev&ouml;lkerungsforschers Herwig Birg, der als Dramatisierer bekannt ist. Das &bdquo;Geklingel&ldquo; der hohen Zahlen hat &Ouml;ffentlichkeit und Parteipolitiker so stark beeindruckt, dass Leistungsk&uuml;rzungen wie die &bdquo;Rente ab 67&ldquo; als Folge der gesellschaftlichen Alterung akzeptiert werden.<\/p><p><strong>Die Gegenrechnung<\/strong><\/p><p>Wir haben uns durch die gro&szlig;en Prozentzahlen nicht bluffen lassen, sondern nachgerechnet, ob dadurch wirklich die Reall&ouml;hne sinken m&uuml;ssten. Dazu benutzen wir den gleichen Prognosehorizont von 50 Jahren, wie er in den dramatisierenden Zukunftsszenarien &uuml;blich ist. Nehmen wir weiterhin ein nur geringes Produktivit&auml;tswachstum von durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr an, so w&auml;chst das Produkt einer Arbeitsstunde in 50 Jahren wegen des Zinseszinseffekts real um gut 64 Prozent. &Uuml;bersetzen wir diese Entwicklung auf den ausbezahlten Anteil f&uuml;r einen Arbeitnehmer, den Lohn. Bekommt er heute 2.000 EUR brutto und diese 1 % Wachstum darauf j&auml;hrlich hinzu, ergibt das in 50 Jahren einen Lohn von knapp 3.300 EUR. Bezahlt der Arbeitnehmer heute rund 10 % Beitrag f&uuml;r die gesetzliche Rente, verbleiben ihm 1.800 EUR f&uuml;r die restlichen Ausgaben. Betrachten wir jetzt die Verh&auml;ltnisse in 50 Jahren bei verschiedenen Beitragss&auml;tzen zur Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV).<\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/rentenversicherung.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/rentenversicherung_small.jpg\" alt=\"\"><\/a><\/p><p>Das Ergebnis &uuml;berrascht. Selbst wenn wir ein extremes Negativszenario annehmen: Aufgrund des gestiegenen Rentneranteils braucht die GRV 40 Prozent vom Lohn; der Arbeitgeberanteil bleibt bei 10 Prozent; der Arbeitnehmeranteil steigt also auf 30 Prozent &ndash; selbst dann steigt das reale Einkommen der Arbeitnehmer noch um knapp 30 Prozent! Die gesetzliche Rente erweist sich eben doch als armutsfest, wenn, ja wenn die Produktivit&auml;tssteigerungen ausbezahlt werden und die gestiegenen Einkommen sozialversicherungspflichtig bleiben.<\/p><p>In dieser Rechnung ist keine Umverteilung zugunsten der Arbeitnehmer\/innen versteckt, weil sich das 1-prozentige Produktivit&auml;tswachstum nur auf &bdquo;seinen&ldquo; Anteil auswirkt. Auf den Unternehmeranteil wirkt das Produktivit&auml;tswachstum analog (verteilungsneutrale Entwicklung).<\/p><p>Aber werden sich die Arbeitnehmer\/innen nicht weigern, in Zukunft so viel f&uuml;r die Rente zu zahlen? Dieser Einwand unterstellt unausgesprochen, dass die L&ouml;hne nur die Preissteigerung ausgleichen d&uuml;rfen, dass der Gewinn aus den Produktivit&auml;tssteigerungen komplett bei den Unternehmern bleibt und dass der Arbeitnehmer zus&auml;tzlich noch 4 Prozent und mehr f&uuml;r die Riester-Rente ausgeben soll. In diesem Szenario hat der Arbeitnehmer als Lohn real viel weniger in der Tasche als dann, wenn ihm sein Anteil am Produktivit&auml;tsfortschritt ausgezahlt wird und die ungek&uuml;rzte gesetzliche Rente bleibt. Und sp&auml;ter h&auml;tte er zus&auml;tzlich eine sichere umlagefinanzierte Rente. W&uuml;rde &uuml;ber diese Fakten offen informiert und diskutiert, w&auml;re die Wahl der meisten Arbeitnehmer\/innen wohl eindeutig. Deshalb werden ideologische Nebelkerzen geworfen, die wir uns n&auml;her anschauen. (&hellip;)<\/p><p><strong>Prognosen mit absurden Annahmen<\/strong><\/p><p>Die meisten demografischen Horrormeldungen, mit denen Altersarmut direkt oder indirekt entschuldigt wird, betreffen weder die Vergangenheit noch die Gegenwart, sondern die fernere Zukunft. Mit gutem Grund, denn bei Aussagen &uuml;ber Vergangenheit und Gegenwart sind die wirklichen Armutsgr&uuml;nde viel leichter zu sehen. Vor allem niedrige L&ouml;hne, hohe Arbeitslosigkeit und fehlende sozialversicherungspflichtige Stellen lassen Geld in den Kassen der GRV fehlen und erzwingen so Rentenk&uuml;rzungen. Interessengeleitete Experten &bdquo;berechnen&ldquo; deshalb lieber, warum die Zukunft nur unter der Bedingung rigider K&uuml;rzungsma&szlig;nahmen bei Arbeitnehmer(inne)n, Arbeitslosen und Rentner(inne)n zu bew&auml;ltigen sei. Dazu verwenden sie scheinbar komplizierte Methoden, um sich so der &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Rechnung zu entziehen.<br>\nZuweilen ist es aber schlichte Dummheit, die f&uuml;r ein demografisches Zerrbild verantwortlich ist: &bdquo;Im Osten droht extreme Alterung &ndash; Studie: 2050 in Brandenburg 90 Prozent Rentner&ldquo; &ndash; so oder &auml;hnlich lauteten im Juli 2009 die Schlagzeilen, etwa in der Frankfurter Allgemeinen vom 1.7.2009. Eine groteske Vorstellung: Auf einem ganz normalen Marktplatz sind samstags 100 Menschen unterwegs; davon sind 90 Rentner\/innen, 2 Kinder und 8 j&uuml;ngere Erwachsene. Auf einen j&uuml;ngeren Erwachsenen kommen &uuml;ber 11 Rentner\/innen. Wie kam es zu dieser Horrormeldung? Der &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen&ldquo; hatte im Rahmen einer Langzeitprognose f&uuml;r Brandenburg im Jahr 2050 einen Altenquotienten von 90&nbsp;angenommen. Das bedeutet: Auf 100 Menschen im erwerbsf&auml;higen Alter kommen 90 Senior(inn)en. Selbst unter der unrealistischen Annahme, dass es 2050 in Brandenburg kein einziges Kind mehr gibt, w&auml;re der Anteil der Senior(inn)en an der Bev&ouml;lkerung dann 90 von 190, also 47 Prozent. Das w&auml;re nicht sch&ouml;n, aber ewig weit von den behaupteten 90 Prozent Rentner(inne)n entfernt! Verantwortlich f&uuml;r diesen Unsinn waren die &bdquo;Demografie-Experten&ldquo; vieler gro&szlig;er Zeitungen, die eine fehlerhafte dpa-Meldung zu eigenen, namentlich gekennzeichneten Artikeln aufgebauscht haben.<br>\nAuch wenn wir von solch peinlichen Pannen der Schwarzmaler absehen, ist es ein bekanntes Ph&auml;nomen, dass gut bezahlte Experten genau jene Annahmen in ihren Rechenmodellen verwenden, die zu dem vom Auftraggeber gew&uuml;nschten Ergebnis f&uuml;hren. Da aus Erfahrung bekannt ist, dass sich kaum jemand die Annahmen genauer anschaut, werden die &bdquo;Katastrophenrechner&ldquo; frech:<\/p><ul>\n<li>Der Pr&auml;sident der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, Frank-J&uuml;rgen Weise, lie&szlig; im Mai 2011 errechnen, dass 2025 in Deutschland 6 bis 7 Mio. Fachkr&auml;fte fehlen. Um das hinzubekommen, mussten seine Experten u.a. annehmen, dass es keine Wanderung mit dem Ausland und keine &Auml;nderung des Erwerbsverhaltens der Frauen gibt, und dass sich die Rente mit 67, die verk&uuml;rzte Gymnasialzeit sowie der Aussetzung von Wehr- und Zivildienst nicht auswirken. Angesichts des vermeintlich riesigen Fachkr&auml;ftemangels von 6 bis 7 Mio. sind diese Annahmen geradezu grotesk. Trotzdem hat diese Zahl seitdem die Diskussion bestimmt.<\/li>\n<li>Prof. Fritz Beske, Leiter des Instituts f&uuml;r Gesundheits-System-Forschung (IGSF) in Kiel, &bdquo;ermittelte&ldquo; 2007 eine Verdopplung des Ausgabenanteils f&uuml;r Krankheitskosten bis 2050. Wesentliche Annahme dabei: Die Ausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steigen j&auml;hrlich um 1 Prozent. Mit anderen Worten: Beske hat herausgefunden, dass dann, wenn die Gesundheitskosten steigen, die Gesundheitskosten steigen. Da er j&auml;hrliche Kostensteigerungen von vornherein in sein Modell eingebaut hat, bekommt er sie hinten f&uuml;r 40 Jahre nat&uuml;rlich dramatisch heraus. Die gleiche Rechnung bot er auch f&uuml;r eine zweiprozentige j&auml;hrliche Steigerung an. (&hellip;)<\/li>\n<\/ul><p>Bei vielen Zukunftsstudien weisen die Autoren wichtige Annahmen f&uuml;r die Zukunft gar nicht oder sehr verklausuliert aus. Damit ist jede &Uuml;berpr&uuml;fung ihrer Glaubw&uuml;rdigkeit von vornherein unm&ouml;glich, eine rechentechnische Kontrolle ebenso. Doch ein derart unseri&ouml;ses Vorgehen schadet der Verbreitung der &bdquo;Ergebnisse&ldquo; nicht, weil interessierte finanzkr&auml;ftige Unterst&uuml;tzerkreise f&uuml;r die wohlwollende &Ouml;ffentlichkeit sorgen. Prof. Dr. Bernd Raffelh&uuml;schen und sein Institut f&uuml;r Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universit&auml;t Freiburg tun sich hier besonders emsig hervor.<\/p><p><strong>Steigende Lebenserwartung ohne gesundheitliche Fortschritte?<\/strong><\/p><p>In puncto Pflegekosten hat sich Raffelh&uuml;schen wohl zum meistzitierten Experten Deutschlands gemausert. Nach seiner jahrelangen (und aus seiner Sicht: erfolgreichen) Lobbyisten-T&auml;tigkeit f&uuml;r die private Rente haben er und sein Institut viele Studien zu den zuk&uuml;nftigen Kosten f&uuml;r Altenpflege bis 2050 oder gar 2060 erstellt.<br>\nSo titelte Focus Online am 28. Juli 2007: &bdquo;Pflegebeitrag: Raffelh&uuml;schen warnt vor Vervierfachung\/Die Pflege &auml;lterer Menschen wird nach Berechnungen des Sozialexperten Bernd Raffelh&uuml;schen in den kommenden Jahren drastisch teurer werden.&ldquo; Das Ergebnis klingt auf den ersten Blick plausibel: Je mehr &auml;ltere Menschen es gibt, desto mehr Pflegebed&uuml;rftige sollte es geben. Gleichwohl beruht die Argumentation auf einem schwerwiegenden methodischen Denkfehler. Zur Verdeutlichung erl&auml;utern wir diesen anhand von aktuellen Zahlen. <\/p><p><strong>Die Vermischung von dynamischer und statischer Betrachtung<\/strong><\/p><p>Die Anzahl der Pflegebed&uuml;rftigen entspricht zurzeit etwa der H&auml;lfte der Anzahl der &Uuml;ber-85-J&auml;hrigen. Da sich nach den Modellrechnungen des Statistischen Bundesamtes der Anteil der &Uuml;ber-85-J&auml;hrigen &ndash; auch Hochbetagte genannt &ndash; bis 2050 etwa vervierfacht, wird vielfach f&uuml;r diesen Zeitpunkt mit einer Vervierfachung der Pflegekosten gerechnet. Um den methodischen Fehler aufzuzeigen, &uuml;bernehmen wir hier die Annahmen des Statistischen Bundesamtes zur Alterung (Anstieg der Lebenserwartung um ca. 7 Jahre bis 2050), obwohl es auch hier Gr&uuml;nde zum Zweifel gibt. Bei der Lebenserwartung ist Raffelh&uuml;schens Denkweise dynamisch: Er vollzieht eine Ver&auml;nderung bis 2050 nach. Die Altersgrenze jedoch, bei der er die Gruppe der Hochbetagten beginnen l&auml;sst, bleibt konstant bei 85 stehen. An dieser Stelle rechnet Raffelh&uuml;schen pl&ouml;tzlich statisch! Wenn das stimmen w&uuml;rde, hie&szlig;e dies, dass die &Auml;lteren im Jahr 2050 alle sieben Jahre, die sie an Lebenszeit hinzugewonnen haben, in Krankheit und Pflegebed&uuml;rftigkeit verbringen. Das widerspricht nicht nur allen historischen Erfahrungen, es ist auch schlicht unlogisch: Denn warum sollten wir sieben Jahre &auml;lter werden, wenn unsere Gesundheit keine Fortschritte macht? <\/p><p>Die &Auml;lteren unter uns wissen, dass sie heute mit 60 in der Regel erheblich r&uuml;stiger sind, als es ihre Gro&szlig;eltern mit 60 waren. Einige Mediziner versuchen diese Erfahrung in Zahlen auszudr&uuml;cken und sch&auml;tzen, dass heute ein 60-J&auml;hriger im Schnitt die physische Konstitution eines 50-J&auml;hrigen aus der Zeit vor 30 Jahren hat. Auch die Statistiker des Max-Planck-Instituts f&uuml;r demografische Forschung in Rostock ziehen aus den Daten der Jahre 1991 bis 2003 den Schluss: &bdquo;Steigende Lebenserwartung geht mit besserer Gesundheit einher.&ldquo; Raffelh&uuml;schen kennt die Problematik seines Vorgehens. Da er wegen der gro&szlig;en zahlenm&auml;&szlig;igen Wirkung aber nicht auf diesen &bdquo;Denkfehler&ldquo; verzichten will, versteckt er sein Vorgehen unter Formulierungen wie &bdquo;konstante altersspezifische Pflegewahrscheinlichkeit&ldquo;.<\/p><p>Weil der methodische Fehler, eine Vermischung von dynamischen und statischen Modellen, nicht so leicht zu begreifen ist, sei er hier noch an einem anderen Beispiel erkl&auml;rt: Das ist so, als w&uuml;rde man bei den Olympischen Spielen trotz der st&auml;ndigen Steigerung der Leistungsf&auml;higkeit der Athleten die Qualifikationsgrenzen f&uuml;r die Teilnahme der Sportler\/innen stets auf einem bestimmten Stand, beispielsweise von 1960, stehen lassen und sich dann wundern,&nbsp;wenn die Olympiamannschaften so gro&szlig; werden, dass in die Stadien &uuml;berhaupt kein Publikum mehr hineinpasst. (&hellip;)<\/p><p><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/p><p>Die gesellschaftliche Diskussion wird oft durch Negativbilder &uuml;ber die zuk&uuml;nftige Entwicklung gepr&auml;gt. Die Demografie, genauer: die vermeintlich viel zu hohe Anzahl der &auml;lteren Menschen, soll an allem &Uuml;bel schuld sein. Gesellschaftliche Probleme wie Arbeitslosigkeit, Niedrigl&ouml;hne, Umverteilung von unten nach oben und soziale Ungleichheit werden dadurch verdeckt. Sinkende gesetzliche Renten  und Armut im Alter sollen als zwangsl&auml;ufig erscheinen. So konnten die an Umverteilung interessierten Kreise leicht verst&auml;ndliche volkswirtschaftliche Betrachtungen wie die Wirkung selbst von geringen Produktivit&auml;tssteigerungen systematisch aus der Debatte ausblenden. Zu Experten emporstilisierte Wissenschaftler schrecken in ihren unterst&uuml;tzenden Studien selbst vor den absurdesten Annahmen f&uuml;r die Zukunft nicht zur&uuml;ck: kein Bev&ouml;lkerungsausstauch mit dem Ausland trotz hohem Fachkr&auml;ftemangel; sieben Jahre l&auml;nger leben, aber alle komplett in Krankheit und Pflege&hellip; Da sie diese Annahmen der &Ouml;ffentlichkeit gegen&uuml;ber weitestgehend verschweigen, gelten die Ergebnisse solcher Rechnungen als &bdquo;realistischer&ldquo; Blick in die Zukunft. Willf&auml;hrige Journalisten verk&uuml;rzen die Botschaft zu eing&auml;ngigen Schlagzeilen, die sie als &bdquo;Fakten, Fakten, Fakten&ldquo; verkaufen. Aufkl&auml;rung, das sei abschlie&szlig;end betont, ist schwierig, aber m&ouml;glich!<\/p><p><em>Im vollst&auml;ndigen Buchbeitrag finden Sie nicht nur Belege f&uuml;r alle Aussagen, sondern auch weitere Beispiele: die volkswirtschaftliche Betrachtung, dass ein wachsender &bdquo;Kuchen&ldquo;, aufgeteilt auf weniger G&auml;ste, nicht kleinere, sondern gr&ouml;&szlig;ere Kuchenst&uuml;cke f&uuml;r jeden ergeben m&uuml;sste; historische Belege f&uuml;r die These, dass die Reall&ouml;hne auch bei steigenden Rentenbeitr&auml;gen steigen k&ouml;nnen; absurde Annahmen in der Propaganda f&uuml;r Riester-Fondssparpl&auml;ne, seinerzeit vorgebracht von der angeblich seri&ouml;sen Zeitschrift &bdquo;Finanztest&ldquo;; eine Beispielrechnung, die die gravierenden Folgen von Raffelh&uuml;schens &bdquo;Denkfehler&ldquo; bei der Pflegebed&uuml;rftigkeit belegt; sowie mehrere Beispiele f&uuml;r die beliebte T&auml;uschungsmethode, kleine Ver&auml;nderungen &uuml;ber lange Zeitr&auml;ume aufzuaddieren.<\/em><\/p><p><em><strong>Den gek&uuml;rzten Artikel entnehmen wir dem heute bei Campus erscheinenden Buch &bdquo;Armut im Alter &ndash; Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung&ldquo; (hg. v. Christoph Butterwegge, Gerd Bosbach und Matthias Birkwald). Das Buch gibt einen kompetenten und wissenschaftlich fundierten &Uuml;berblick &uuml;ber zahlreiche Aspekte der Altersarmut und m&ouml;gliche Alternativen. Daf&uuml;r b&uuml;rgen neben den Herausgebern Autoren wie Gerhard B&auml;cker, Annelie Buntenbach, Ernst Kistler, Daniel Kreutz, Anton Schaaf, Winfried Schm&auml;hl, Jutta Schmitz, Ottmar Schreiner, Hans-J&uuml;rgen Urban oder Diana Wehlau. F&uuml;r die freundliche Genehmigung f&uuml;r den Abdruck danken wir den Autoren und dem Verlag.<\/strong><\/em><\/p><p><strong>Ein kurzer  Blick ins Inhaltsverzeichnis<\/strong><\/p><ul>\n<li>Christoph Butterwegge untersucht die Entwicklung des Sozialstaates. <\/li>\n<li>Winfried Schm&auml;hl fragt nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gesetzlichen Rentenversicherung.<\/li>\n<li>Gerhard B&auml;cker seziert die Fallstricke der einseitigen Rentenreformdebatte.<\/li>\n<li>Ernst Kistler und Falko Trischler sehen nach, wie die Senkung des Rentenniveaus mit demografischen Mythen begr&uuml;ndet wird.<\/li>\n<li>Diana Wehlau stellt das Lobbying der Finanzbranche am Beispiel der Riester-Rente dar.<\/li>\n<li>Annelie Buntenbach, Adolf Bauer, Hans-J&uuml;rgen Urban, Anton Schaaf, Ottmar Schreiner, Wolfgang Strengmann-Kuhn, Matthias Birkwald und andere pr&auml;sentieren Alternativkonzepte, die in den Gewerkschaften, Sozialverb&auml;nden, der SPD, bei den Gr&uuml;nen und bei den Linken diskutiert werden.<\/li>\n<\/ul><p><em><strong>Christoph Butterwegge (Hg.), Gerd Bosbach (Hg.), Matthias W. Birkwald (Hg.):<\/strong><\/em><br>\n<em><strong>Armut im Alter. Probleme und Perspektiven der sozialen Sicherung<\/strong><\/em><br>\n<em>Kartoniert, 393 Seiten, zahlr. Tabellen und Grafiken<\/em><br>\n<em>EAN 9783593397528, &euro; 19,90<\/em><br>\nMehr zum Buch beim <a href=\"http:\/\/www.campus.de\/wissenschaft\/politikwissenschaft\/Sozialpolitik.40412.html\/Armut+im+Alter.100355.html\">Campus-Verlag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Logik eines scheinbaren Widerspruchs haben <strong>Gerd Bosbach<\/strong> und <strong>Jens J&uuml;rgen Korff<\/strong> analysiert.<br \/> Altersarmut erscheint in der &ouml;ffentlichen Diskussion oft als unausweichliche Folge der gesellschaftlichen Alterung. Ein Blick ins vergangene Jahrhundert zeigt allerdings, dass eine solche Entwicklung nicht zwangsl&auml;ufig ist: Die Lebenserwartung stieg in Deutschland von 1900 bis 2000 um &uuml;ber 30 Jahre, der Anteil<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15029\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[155,11,132],"tags":[635,291],"class_list":["post-15029","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demografische-entwicklung","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-altersarmut","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15029","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=15029"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15029\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58603,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/15029\/revisions\/58603"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=15029"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=15029"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=15029"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}