{"id":150294,"date":"2026-05-11T17:00:32","date_gmt":"2026-05-11T15:00:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150294"},"modified":"2026-05-11T18:31:56","modified_gmt":"2026-05-11T16:31:56","slug":"der-krieg-der-niemals-endet-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150294","title":{"rendered":"Der Krieg, der niemals endet"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreu&szlig;en sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. F&uuml;r Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. Gehe ich in die Zeit um 1945 zur&uuml;ck, lassen sich meine Erinnerungen in Anlehnung an eine Gedichtzeile von Heinrich Heine in dem Satz zusammenfassen: Denk ich an Schlesien in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nNoch w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs ich bis zur Vertreibung im Oktober 1945 in Gleiwitz auf, das heute Gliwice hei&szlig;t und in Polen liegt. Schon als Kind im Alter von vier Jahren nahm ich intuitiv wahr, dass das Leben endlich ist, also auch mein Leben. Als Jugendlicher wurde mir dann bewusst, dass ich meine Zukunft planen musste, wollte ich nicht in der Enge meiner damaligen neuen Umgebung verk&uuml;mmern.<\/p><p>Meine fr&uuml;hesten Erinnerungen setzten bruchst&uuml;ckhaft im Herbst 1944 ein. Jedes Mal, wenn ich heute Sirenen h&ouml;re, rieselt es mir kalt &uuml;ber den R&uuml;cken. In meiner Erinnerung br&ouml;ckelt Kalk von der Kellerdecke, an der sich Risse zeigen, die W&auml;nde beben und der Boden b&auml;umt sich auf unter meinen F&uuml;&szlig;en. Die Angst der Erwachsenen. Meine Mutter weint, die Gro&szlig;mutter betet. Im Hinterhaus ist eine Bombe eingeschlagen. Der Gro&szlig;vater wird zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, eingezogen. Die Front r&uuml;ckte immer n&auml;her.<\/p><p>In der Nacht zum 24. Januar 1945 kamen die Russen. Das Grollen der Front war immer heftiger geworden. Wir sa&szlig;en im Keller. Die unteren Fenster waren zugenagelt, die T&uuml;ren verbarrikadiert und das Hoftor mit einer dicken Kette und einem Vorh&auml;ngeschloss zugesperrt. Artilleriefeuer, das Rattern von Panzerketten, peitschende Sch&uuml;sse, manchmal vibrierte der Boden. Das Schloss am Hoftor wurde aufgeschossen, im Seitenhaus und Hinterhaus schrien die Frauen, die vor ihren Kindern vergewaltigt wurden. Aber wir hatten Gl&uuml;ck, die Haust&uuml;ren hielten den Kolbenst&ouml;&szlig;en stand.<\/p><p>Am n&auml;chsten Tag begannen die Pl&uuml;nderungen. Soldaten drangen in unser Haus ein; sie nahmen alles mit, was ihnen gefiel. Auf dem Fu&szlig;boden lagen Hausrat, Kleidungsst&uuml;cke und der Inhalt von Schr&auml;nken und Schubladen; unser Klavier zerschellte bei dem Versuch, es aus dem Fenster abzuseilen, auf dem Hof. Wir sollten erschossen werden, weil meine Mutter ihren Schmuck versteckt hatte und das Versteck nicht verraten wollte. Zwei Soldaten zerrten an ihr und meiner Tante herum, aber die Gro&szlig;mutter, die Polnisch und auch ein bisschen Russisch sprach, vermochte die Gefahr in letzter Sekunde noch abzuwenden. Tagelang ging das so weiter, der Krieg war zu uns gekommen. Ich verstand das alles nicht.<\/p><p>Wenige Tage sp&auml;ter pochte es an der T&uuml;r: Russische Milit&auml;rpolizei und ein Kommissar in Zivil. Jemand hatte meinen Gro&szlig;vater, der in der NSDAP gewesen war, denunziert. Er wurde &bdquo;abgeholt&ldquo;, so nannte man das. &bdquo;Ziehen Sie lieber einen Mantel an&ldquo;, riet ihm der Kommissar, obwohl das Wetter mild war und die Sonne schien. Die Frauen weinten, und der Gro&szlig;vater ging mit den M&auml;nnern, die ihn in die Mitte genommen hatten, fort. Das sehe ich noch wie heute. Wir haben nie wieder etwas von ihm geh&ouml;rt.<\/p><p>Im April 1945 wurde in Gleiwitz eine polnische Verwaltung eingesetzt, und erneut fanden tagelang Pl&uuml;nderungen statt. Diesmal drangen M&auml;nner mit rotwei&szlig;en Armbinden ein, die mit Pistolen herumfuchtelten und das mitnahmen, was die Russen &uuml;briggelassen hatten. Meine Mutter musste sich morgens um sechs zur Arbeit melden: In den Fabriken, wo demontiert wurde, beim Stra&szlig;enbau, auf dem Rangierbahnhof. Abends wurden von den Betrunkenen Frauen gejagt. So vergingen die Tage und Wochen. Wir hatten kaum zu essen, obwohl die Gro&szlig;mutter alles, was uns geblieben war, auf dem Schwarzen Markt gegen Nahrungsmittel einzutauschen versuchte.<\/p><p>Ende August hie&szlig; es schlie&szlig;lich, dass alle, die nicht f&uuml;r Polen optieren, die besetzten Gebiete bis zum 1. Oktober zu verlassen haben. Zwanzig Kilo Gep&auml;ck durfte man mitnehmen, so war auf den Aush&auml;ngen zu lesen. Meine Mutter wollte nicht polnisch werden, also mussten wir fort und alles, was uns geh&ouml;rte, zur&uuml;cklassen.<\/p><p>Anfang Oktober gingen wir zum Bahnhof, meine Mutter mit mir und den Gro&szlig;eltern aus Beuthen, deren Wohnung von einem polnischen Ehepaar besetzt worden war. Die Gleiwitzer Gro&szlig;mutter wollte bleiben, um auf den Gro&szlig;vater zu warten; sie hoffte immer noch auf seine R&uuml;ckkehr, obwohl ein Nachbar berichtet hatte, er sei totgeschlagen worden. Der Zug war v&ouml;llig &uuml;berf&uuml;llt, aber wollten wir nicht in ein Lager gebracht werden, mussten wir Gleiwitz verlassen. &Uuml;ber diese Lager, die zum Beispiel in Lamsdorf, Zgoda, Myslowitz und Jaworzno eingerichtet worden waren, gab es grauenvolle Berichte.<\/p><p>Wir fanden nur noch etwas Platz auf dem Dach des Zuges, mit dem es zun&auml;chst nach Forst an der Nei&szlig;e ging. Eine schreckliche Fahrt. Wenn Br&uuml;cken oder Tunnel kamen, mussten wir uns flach hinlegen. Ich fror die ganze Zeit und hatte Angst, die Dachschr&auml;ge hinunterzufallen. Unterwegs hielt der Zug pl&ouml;tzlich auf freier Strecke an, M&auml;nner mit Pistolen und Messern kletterten herauf. Sie schlugen auf die Menschen ein, rissen Koffer und Taschen auf, raubten alle Wertgegenst&auml;nde und warfen jeden, der sich wehrte, hinunter.<\/p><p>Als der Gro&szlig;vater nicht schnell genug seine goldene Taschenuhr herausgab, stach ein Halbw&uuml;chsiger mit dem Messer auf ihn ein. Der Gro&szlig;vater, der viel Blut verloren hatte, wurde an der n&auml;chsten Station vom Roten Kreuz versorgt, so dass er am Leben blieb. &Uuml;ber Forst, kurz hinter der bereits streng bewachten Oder-Nei&szlig;e-Grenze gelegen, ging es nach einem wochenlangen Aufenthalt in der Uckermark schlie&szlig;lich weiter nach Westen.<\/p><p>Helmstedt, so hie&szlig; der erste Ort hinter der so genannten Demarkationslinie (zwischen der russischen und der britischen Zone), wo wir in einem Sammellager notd&uuml;rftig untergebracht wurden. Ich bekam nach den Entbehrungen der vergangenen Tage eine schwere Erk&auml;ltung, der Lagerarzt vermutete Keuchhusten. Daraufhin erhielten wir die Genehmigung, weiter zu meinem Vater nach Ostfriesland zu reisen. Er lag dort nach einer schweren Verwundung in einem Lazarett und meine Mutter hatte ihn &uuml;ber den inzwischen eingerichteten Suchdienst ausfindig gemacht.<\/p><p>Ich erinnere mich noch genau an die &Uuml;bernachtung in einem verwanzten Bunker in Braunschweig, an die Fahrt auf einem Lastwagen nach Hannover, an schrecklich kalte Bahnh&ouml;fe in Bremen und Oldenburg. Dort bekamen wir einen Zug an die K&uuml;ste. Am 12. Januar 1946 erreichten wir endlich, halb verhungert, abends gegen neun Uhr Wittmund, eine Kleinstadt in Ostfriesland, damals am Rande der Welt.<\/p><p>Die Stadt, die vielleicht 4.000 Einwohner z&auml;hlte, dazu etwa 2.000 Fl&uuml;chtlinge und Vertriebene, lag auf einem Geestr&uuml;cken am Rande der Marsch; bis zur Nordseek&uuml;ste waren es nur zehn Kilometer. 1933 hatten die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und die Deutschnationale Volkspartei zusammen einen Stimmenanteil von 85,6 Prozent erhalten. Die damals wirtschaftlich und kulturell unterentwickelte Region hatte Tausende von heimatlosen Menschen aufzunehmen, was nat&uuml;rlich zu Lasten der einheimischen Bev&ouml;lkerung ging, die ihren Unmut nicht zur&uuml;ckhielt.<\/p><p>Die Atmosph&auml;re war feindlich, wir waren Eindringlinge, St&ouml;renfriede, f&uuml;r viele Einheimische &bdquo;Polacken&ldquo; und &bdquo;Rucksackgesindel&ldquo;. Als meine Mutter im Herbst 1946 einen Bauern nach Fall&auml;pfeln fragte &ndash; der Garten lag voll davon &ndash;, wurden wir mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Der folgende Winter war sehr kalt, wir hatten kaum zu essen und zu heizen.<\/p><p>Zuerst erhielten wir vom Wohnungsamt zwei Mansardenzimmer in einem Einfamilienhaus, sp&auml;ter zogen wir dann ins Fl&uuml;chtlingslager am Stadtrand, wo wir zehn Jahre blieben, bis es uns allm&auml;hlich wieder besser ging. Ich verlie&szlig; die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, endg&uuml;ltig 1966, nachdem ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, um an der Universit&auml;t in G&ouml;ttingen zu studieren. Wenn ich es mir r&uuml;ckblickend &uuml;berlege, ging f&uuml;r mich der Krieg eigentlich erst dann zu Ende. Aber das Gef&uuml;hl von Heimatlosigkeit blieb bis heute.<\/p><p>Wenn ich jetzt einige der meinungsf&uuml;hrenden Politiker und Journalisten h&ouml;re und sehe oder ihre Verlautbarungen lese, str&auml;uben sich mir die Haare. Sie sagen, Deutschland m&uuml;sse aufr&uuml;sten und wieder &bdquo;kriegst&uuml;chtig&ldquo; werden, und die Bev&ouml;lkerung m&uuml;sse sich deswegen einschr&auml;nken. Mir dreht sich dabei der Magen um. Gut, dass immer mehr Menschen begreifen, dass sie belogen und betrogen werden.<\/p><p><em>Der Schriftsteller Wolfgang Bittner lebt in G&ouml;ttingen. 2019 erschien sein Roman &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, 2014 das Buch &bdquo;Die Eroberung Europas durch die USA &ndash; Eine Strategie der Destabilisierung, Eskalation und Militarisierung&ldquo;.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreu&szlig;en sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. F&uuml;r Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. 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