{"id":150306,"date":"2026-05-12T10:00:05","date_gmt":"2026-05-12T08:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150306"},"modified":"2026-05-12T08:58:25","modified_gmt":"2026-05-12T06:58:25","slug":"gegen-alle-vernunft-armenien-auf-dem-weg-in-die-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150306","title":{"rendered":"Gegen alle Vernunft: Armenien auf dem Weg in die EU"},"content":{"rendered":"<p>Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan sieht sein Land sp&auml;testens in zwanzig Jahren in der EU. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in diese Richtung wurde Anfang Mai gemacht. Da fand der erste EU-Armenien-Gipfel in der armenischen Hauptstadt Jerewan statt. Rationale Gr&uuml;nde f&uuml;r die Ann&auml;herung an die EU gibt es keine. Wirtschaftlich und sicherheitspolitisch kann Armenien nur verlieren. Die EU ist bereit, in Armenien ein ukrainisches Szenario zu entwerfen. F&uuml;r die Armenier sind das keine guten Nachrichten. Von <strong>Gert-Ewen Ungar<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 4. und 5. Mai fand in der armenischen Hauptstadt Jerewan der erste EU-Armenien-Gipfel statt. Premierminister Nikol Paschinjan setzt auf eine Ann&auml;herung an die EU. In zwanzig Jahren sieht Paschinjan Armenien als EU-Mitglied, obwohl Armeniens Nachbarl&auml;nder Georgien und die T&uuml;rkei Beispiele daf&uuml;r sind, dass die EU die Aufnahme an das Recht auf Einmischung in die inneren Angelegenheiten und politische Steuerung von au&szlig;en bindet.<\/p><p>Die Motive f&uuml;r Paschinjans Dr&auml;ngen auf weitere Ann&auml;herung an die EU sind unklar, denn positive Effekte sind f&uuml;r das kleine Land mit rund drei Millionen Einwohnern kaum zu erwarten. In der gemeinsamen <a href=\"https:\/\/data.consilium.europa.eu\/doc\/document\/ST-8799-2026-INIT\/en\/pdf\">Abschlusserkl&auml;rung<\/a> des Gipfels einigten sich Armenien und die EU auf einen ganzen Katalog an Ma&szlig;nahmen. Das Dokument liest sich, als wolle die EU in Armenien ein zweites ukrainisches Szenario entfachen. Von der Einflussnahme auf die armenische Zivilgesellschaft bis hin zu milit&auml;rischer Kooperation ist alles enthalten, was das Potenzial hat, zu Verwerfungen mit Russland und zur Spaltung der armenischen Gesellschaft zu f&uuml;hren.<\/p><p>Die Zahl der in Russland lebenden Armenier ist mit rund drei Millionen &auml;hnlich gro&szlig; wie die Einwohnerzahl des Landes. Die Verbindungen nach Russland sind sehr eng. Dass eine Versch&auml;rfung des konfrontativen Kurses Paschinjans gegen&uuml;ber Russland in der armenischen Gesellschaft zur Zunahme von Spannungen f&uuml;hren wird, ist daher erwartbar.<\/p><p>Armenien ist Mitglied in der Eurasischen Wirtschaftsunion. Zu dieser Union geh&ouml;ren noch Russland, Wei&szlig;russland, Kasachstan und Kirgisien. Die Union begr&uuml;ndet einen gemeinsamen Binnenmarkt und eine Zollunion. Bei seinem Besuch in Moskau Anfang April erkl&auml;rte Pr&auml;sident Putin Premierminister Paschinjan, dass eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion und eine Assoziierung mit der EU unm&ouml;glich ist. Dabei handelt es sich nicht um eine politische Boshaftigkeit Putins, sondern allein um eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Wirtschaftsunion ist ein gemeinsamer Wirtschaftsraum mit freiem Fluss von Kapital, Waren, Dienstleistungen und Arbeit. Eine Assoziierung mit der EU w&uuml;rde Armenien wiederum in den Wirtschaftsraum der EU integrieren. Waren aus der EU w&uuml;rden &uuml;ber Armenien den Wirtschaftsraum der Eurasischen Wirtschaftsunion &uuml;berschwemmen und zum Niedergang ganzer Industrien f&uuml;hren. Die Zollunion muss sich vor diesem ungehinderten Zugang zu ihrem Markt sch&uuml;tzen.<\/p><p>Dieses Problem ist in der EU &uuml;brigens hinl&auml;nglich bekannt. Bereits 2013 z&ouml;gerte der damalige ukrainische Pr&auml;sident Janukowitsch die Unterzeichnung des EU-Assoziierungsabkommens zun&auml;chst hinaus, um es dann ganz abzulehnen. In einem Gespr&auml;ch setzte Putin Janukowitsch auseinander, dass die Ukraine f&uuml;r den Fall einer Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU den Zugang zum Binnenmarkt der Eurasischen Wirtschaftsunion verlieren wird. Dieser Vorgang wiederholt sich nun eins zu eins in Armenien.<\/p><p>Nachdem Janukowitsch im November 2013 schlie&szlig;lich die Unterschrift verweigerte und forderte, dass die EU, Russland und die Ukraine gemeinsam nach einer L&ouml;sung f&uuml;r das Problem suchen, nahmen die Maidan-Proteste an Fahrt auf. Dass es dabei massive Einmischung von au&szlig;en gegeben hat, ist bestens belegt. Schlie&szlig;lich kam es zum Putsch. Unmittelbar nach der Absetzung Janukowitschs wurde das Assoziierungsabkommen unterschrieben. Damit wurde der wirtschaftliche Niedergang der Ukraine eingeleitet.<\/p><p>Dass die EU bereit ist, diesen Ablauf mit Armenien zu wiederholen, zeigt, dass sie die Absicht hat, das wirtschaftliche Wohl Armeniens dem Willen zur Aggression gegen&uuml;ber Russland unterzuordnen. Paschinjan ist bereit, sein Land zu opfern. Dass sich die Pl&auml;ne der EU und des armenischen Premierministers gegen Russland richten, hat man in Moskau gut verstanden. Die Frage, die sich daran anschlie&szlig;end auftut, ist die nach der Motivation Paschinjans.<\/p><p>Trotz aller vollmundigen Versprechen ist klar, dass eine Ann&auml;herung an die EU f&uuml;r Armenien vor allem Nachteile mit sich bringt. Der wichtigste Handelspartner Armeniens ist Russland. Den gr&ouml;&szlig;ten Teil seiner &Ouml;l- und Gasimporte bezieht Armenien aus Russland. Armenien exportiert nach Russland Agrarprodukte. Wein und Weinbrand aus Armenien sind in Russland in jedem Supermarkt zu finden. Zudem werden Metalle wie beispielsweise Kupfer nach Russland exportiert. Nebenbei bemerkt, Armenien kommt auch eine wichtige Bedeutung f&uuml;r den sogenannten Parallelimport nach Russland zu. Um die Sanktionen zu umgehen, tritt Armenien aus Zwischenh&auml;ndler auf. Deutsche Automobile, die man in Russland nach wie vor kaufen kann, werden unter anderem &uuml;ber Armenien nach Russland eingef&uuml;hrt. Auf all diese Gesch&auml;fte m&uuml;sste Armenien verzichten.<\/p><p>Brisant ist auch, dass die EU die Stilllegung von Armeniens einzigem Atomkraftwerk fordert. Das Kraftwerk deckt rund ein Drittel des Strombedarfs von Armenien. Die EU f&uuml;hrt als Begr&uuml;ndung Sicherheitsbedenken an, dabei wurde das Kraftwerk mit russischer Unterst&uuml;tzung erst modernisiert und die Laufzeit bis 2036 verl&auml;ngert. Kein &Ouml;l und Gas aus Russland, Atomkraftwerk abgeschaltet &ndash; die Energiesicherheit Armeniens steht auf dem Spiel, denn in der Abschlusserkl&auml;rung wurde festgeschrieben, dass die EU von Armenien die Umsetzung der Russlandsanktionen erwartet. In diesem Zusammenhang ist davon auszugehen, dass die EU auch auf Einhaltung der Sanktionen gegen China dr&auml;ngen wird. China steht aber im Ranking der wichtigsten Handelspartner Armeniens hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten an dritter Stelle. Erst an vierter Stelle findet sich die EU. F&uuml;r Armenien kommen die Forderungen der EU der Aufforderung zu einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich. Die EU ist wirtschaftlich selbst in prek&auml;rer Verfassung und nicht in der Lage, die Ausf&auml;lle Armeniens, die ein Schwenk weg von Russland und China nach sich ziehen w&uuml;rde, zu kompensieren oder auch nur abzufedern.<\/p><p>Im Nachbarland Georgien war die Situation &auml;hnlich. Wirtschaftswachstum entsteht dort nicht durch die EU. Die mischte sich aber massiv in die inneren Angelegenheiten Georgiens ein &ndash; unter anderem mithilfe von durch die EU finanzierten NGOs, die vorgeblich die Zivilgesellschaft st&auml;rken sollen, ganz konkret aber die politische Meinungsbildung im Sinne Br&uuml;ssels beeinflussen. Georgien zog daher die Notbremse und hat den Ann&auml;herungsprozess an die EU im Jahr 2024 ausgesetzt. Zudem wurde ein Gesetz erlassen, nach dem NGOs ihre Finanzierung transparent machen m&uuml;ssen. In Br&uuml;ssel reagierte man auf den Schritt mit Zornesausbr&uuml;chen &ndash; der Grund daf&uuml;r ist klar. Br&uuml;ssel verlor ein wichtiges Tool der Steuerung georgischer Politik.<\/p><p>Der wirtschaftlichen Entwicklung Georgiens hat die Absage an die EU &uuml;brigens nicht geschadet, im Gegenteil. 2025 ist das BIP um rund 7,5 Prozent gewachsen. F&uuml;r dieses Jahr wird ein Wachstum von &uuml;ber f&uuml;nf Prozent prognostiziert &ndash; Werte, von denen die EU nur tr&auml;umen kann. &Auml;hnliche Wachstumsraten erzielte auch Armenien, damit ist es aber im Fall einer weiteren Ann&auml;herung an die EU ganz sicher vorbei.<\/p><p>Dass Paschinjan nun bereit ist, den entgegengesetzten Weg Georgiens einzuschlagen, der f&uuml;r Armenien und die armenische Bev&ouml;lkerung absehbar nachteilig ist, erkl&auml;rt man sich in Russland mit Korruption. Paschinjan hat sich kaufen lassen, hei&szlig;t es. Beweise daf&uuml;r gibt es zwar keine, aber der Verdacht liegt nahe, denn es ist f&uuml;r Armenien kein positives Szenario denkbar, das sich aus einer Ann&auml;herung an die EU ergeben k&ouml;nnte.<\/p><p>Vergangenen September wurde der armenische Oppositionspolitiker Wolodja Grigorjan erschossen. Er galt als wichtiger politischer Gegner Paschinjans. Der T&auml;ter wurde bisher nicht gefasst. In Armenien geht man von einem politisch motivierten Anschlag aus. Auch hier gibt es keine Belege, aber viele Ger&uuml;chte.<\/p><p>Regierungskritiker m&uuml;ssen in Armenien mit strafrechtlicher Verfolgung rechnen. Das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung ist unter Druck. Dass sich durch die Ann&auml;herung an die EU die Situation verbessert, ist nicht zu erwarten. Repression nimmt auch in der EU zu. Meinungs- und Pressefreiheit existieren dort nur auf dem Papier, wie die Sanktionen gegen kritische Journalisten und Publizisten deutlich machen. Das Br&uuml;sseler Demokratie-Geschwurbel dient nur der PR. Wenn es den politischen Zielen der EU dient, ist man bereit, auch bei groben Verletzungen der &bdquo;europ&auml;ischen Werte&ldquo; beide Augen zuzudr&uuml;cken. Darauf kann sich Paschinjan verlassen. Ganz bestimmt!<\/p><p><small>Titelbild: Alexandros Michailidis\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armeniens Premierminister Nikol Paschinjan sieht sein Land sp&auml;testens in zwanzig Jahren in der EU. Ein weiterer Schritt auf dem Weg in diese Richtung wurde Anfang Mai gemacht. Da fand der erste EU-Armenien-Gipfel in der armenischen Hauptstadt Jerewan statt. Rationale Gr&uuml;nde f&uuml;r die Ann&auml;herung an die EU gibt es keine. 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