{"id":150324,"date":"2026-05-12T13:36:00","date_gmt":"2026-05-12T11:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150324"},"modified":"2026-05-12T15:43:41","modified_gmt":"2026-05-12T13:43:41","slug":"algorithmen-kaufen-keine-algorithmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150324","title":{"rendered":"Algorithmen kaufen keine Algorithmen"},"content":{"rendered":"<p>Henry Fords Diktum &bdquo;Autos kaufen keine Autos&ldquo; beschreibt eines der grundlegenden Paradoxa des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts: Massenproduktion ben&ouml;tigt Massenkonsum. Wenn Arbeiter zu schlecht bezahlt werden oder durch Rationalisierung verdr&auml;ngt werden, fehlt am Ende die n&ouml;tige Kaufkraft f&uuml;r die produzierten G&uuml;ter. Massenproduktion ohne Rationalisierung ist andererseits jedoch schwer vorstellbar. Ein Widerspruch. Blicken wir in die Zukunft, sind wir mit einem noch gr&ouml;&szlig;eren Widerspruch konfrontiert. K&uuml;nstliche Intelligenz und Automatisierung erm&ouml;glichen eine Rationalisierung, die die Grenzen unserer Vorstellung sprengt. Doch woher soll die Kaufkraft kommen, wenn Algorithmen die menschliche Arbeit verdr&auml;ngen? Das gro&szlig;e Paradoxon des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts lautet daher: &bdquo;Algorithmen kaufen keine Algorithmen&ldquo;. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_244\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-150324-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=150324-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260512_Algorithmen_kaufen_keine_Algorithmen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Deutschland, 2072. Der ehemalige NachDenkSeiten-Chefredakteur Jens Berger feiert seinen 100. Geburtstag und da sich einige G&auml;ste angesagt haben und seine alte Kaffeemaschine schon verd&auml;chtige Ger&auml;usche macht, ben&ouml;tigt er Ersatz. Sein KI-Assistent bestellt das passende Ger&auml;t online. Entworfen und entwickelt wurde das Produkt eines multinationalen Konzerns von der KI, produziert in einer menschenleeren, zu 100 Prozent automatisierten Fabrik in Norwegen. 2072 spielen Lohnkosten f&uuml;r den Standortwettbewerb keine Rolle mehr. Energiekosten und -verf&uuml;gbarkeit, Lieferketten und die N&auml;he zum Markt sind die ma&szlig;geblichen Faktoren. Auch im Lager und Versandzentrum des H&auml;ndlers arbeitet kein Mensch mehr. Auftragsabwicklung, Inkasso, Warenmanagement, Marketing, Retourenmanagement &ndash; alles zu 100 Prozent automatisiert und durch die KI optimiert.  Wenige Stunden sp&auml;ter bringt eine Lieferdrohne die Kaffeemaschine vor die Haust&uuml;r. Das ist alles schnell und hocheffizient. Sch&ouml;ne neue Einkaufswelt.<\/p><p>Keine Frage: Die M&ouml;glichkeiten, teure Mitarbeiter durch KI aus unserer Arbeitswelt zu verdr&auml;ngen, sind in der Theorie grenzenlos. Automatisierung hat es schon immer gegeben; Henry Fords Flie&szlig;bandproduktion des Model T ist daf&uuml;r ja ein fr&uuml;hes Beispiel. War das schlimm? Nein, im Gegenteil. Das Model T war dank der automatisierten Produktion das erste Auto f&uuml;r den Massenmarkt. Solange es auch eine Massenkaufkraft gab, gingen technischer Fortschritt und eine Steigerung der materiellen Lebensqualit&auml;t Hand in Hand. In Summe wurden auch bei der Produktion des Model T ja keine Arbeitspl&auml;tze vernichtet; h&auml;tte Ford das Model T in reiner Handarbeit fertigen lassen, h&auml;tte es schlie&szlig;lich gar keinen Markt f&uuml;r das dann extrem teure Endprodukt gegeben. Und mit der Industrialisierung und sp&auml;teren technologischen Entwicklungen entstanden neue Jobs. Den von mir ausge&uuml;bten Beruf des Onlineredakteurs gab es beispielsweise vor 50 Jahren &uuml;berhaupt noch nicht und auch viele meiner Freunde sind in Berufen t&auml;tig, die es in dieser Form fr&uuml;her gar nicht gab.<\/p><p>Warum sollten die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und damit die Massenkaufkraft durch die bevorstehende KI-Revolution anders sein? Nun, durch die Automatisierung in der Massenproduktion wurden erst in der Breite M&auml;rkte f&uuml;r Produkte und sp&auml;ter Dienstleistungen geschaffen, f&uuml;r die es zuvor keinen Markt gab. Das nennt sich Wachstum. Wenn zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Handarbeit K&uuml;hlschr&auml;nke gefertigt wurden, waren sie so teuer, dass ohnehin nur die Oberschicht als K&auml;ufer infrage kam. Durch die Automatisierung und Rationalisierung wurden K&uuml;hlschr&auml;nke zum Alltagsgegenstand f&uuml;r jedermann und in Summe arbeiteten in den Fabriken mehr Menschen als in den einzelnen kleinen Manufakturen, die diese Ger&auml;te zuvor in Handarbeit hergestellt hatten. Auch wenn pro produziertem K&uuml;hlschrank deutlich weniger menschliche Arbeit n&ouml;tig war, f&uuml;hrt das massive Wachstum der Produktionsmengen in toto zu deutlich mehr Menschen, die in der &bdquo;K&uuml;hlschrankherstellung&ldquo; besch&auml;ftigt waren. Und da auch immer mehr Menschen durch diese und andere Formen des Wachstums einen ausreichenden Lohn bezogen, war auch der Massenabsatz der neuen Produkte garantiert.<\/p><p>Dies ist jedoch bei der KI-Revolution anders. Hier geht es weniger darum, durch Rationalisierung und Produktivit&auml;tssteigerung neue Technologien in den Massenmarkt zu bringen, sondern darum, die bereits vorhandene Massenproduktion und den bereits vorhandenen Verwaltungs- und Dienstleistungsbereich durch KI kosteneffizienter zu machen. Das soll vor allem durch die Verdr&auml;ngung teurer menschlicher Arbeitskraft gelingen und anders als bei der Automatisierung ist davon weniger der Arbeiter in der Produktion (&bdquo;Blue Collar&ldquo;), sondern mehr der Angestellte am Schreibtisch (&bdquo;White Collar&ldquo;) betroffen. Diese Entwicklung ist jetzt bereits im Gange. Streng genommen hat die KI das Potenzial, nahezu den gesamten Verwaltungsapparat von Unternehmen zu ersetzen &ndash; Millionen Jobs, vom kleinen kaufm&auml;nnischen Angestellten in der Personalabteilung, &uuml;ber den Ingenieur in der Entwicklung bis hin zur kompletten Rechtsabteilung. Sie k&ouml;nnten schon bald durch die KI ersetzt werden. Es ist aber fraglich, ob in ausreichendem Tempo neue Branchen und T&auml;tigkeitsfelder entstehen werden, die die freigesetzten Mitarbeiter auch nur im Ansatz auffangen. Alles wird effizienter, der menschliche Anteil sinkt und damit auch die Arbeitseinkommen.<\/p><p>Nun werden Anh&auml;nger der KI-Revolution sicher argumentieren, dass die damit verbundenen Kostenvorteile ja an den Kunden weitergegeben werden k&ouml;nnen, und im Kern kann man da auch gar nicht widersprechen. Doch wer soll sich diese Produkte und Dienstleistungen &ndash; auch wenn sie etwas g&uuml;nstiger werden &ndash; noch leisten k&ouml;nnen, wenn sein Job durch die KI wegrationalisiert wurde? Autos kaufen keine Autos und Algorithmen kaufen keine Algorithmen. Menschen sind es, die am Ende der Wertsch&ouml;pfungskette Produkte und Dienstleistungen einkaufen. Und das geht nur, wenn eine Massenkaufkraft gegeben ist. Ohne ausreichend breite Erwerbseinkommen und Transfersysteme ger&auml;t die Massenkaufkraft jedoch unter Druck. Und ohne einen Absatzmarkt n&uuml;tzt die effizienteste Rationalisierung nichts. Wenn es keine K&auml;ufer gibt, kann man auch nichts verkaufen. Die Wirtschaft wird so am Ende von der KI totrationalisiert.<\/p><p>Dieses Problem wird von den Tech-Gurus und paradoxerweise auch vielen Linken zwar sehr wohl erkannt, aber nicht als Problem, sondern als Chance gesehen. So h&ouml;rt man immer wieder, dass der Wegfall von Arbeit ja die M&ouml;glichkeit schaffe, Arbeit neu zu verteilen, sodass wir alle weniger arbeiten m&uuml;ssen. Tolle Idee. Bei vollem Lohnausgleich? Sch&ouml;n, aber warum sollte ein Unternehmen KI einsetzen, die ja auch nicht kostenlos ist, ohne gleichzeitig Lohnkosten zu sparen? Oder kommen wir dann auch mit weniger Geld aus? M&ouml;glich, aber dann sinkt auch die Massenkaufkraft, ohne die &ndash; siehe oben &ndash; eine Massenproduktion auf dem gegebenen Niveau nicht m&ouml;glich ist. Ein Widerspruch.<\/p><p>Sehr beliebt ist in diesen Kreisen ja auch die Idee, die Massenkaufkraft durch ein bedingungsloses Grundeinkommen aufrechtzuerhalten. Dieser Denkfehler erlebt zurzeit gerade bei den &bdquo;Tech-Bros&ldquo; ja ein echtes Revival. Stellt sich nur die Frage, wer dieses Grundeinkommen wie finanzieren soll. Wir selbst &uuml;ber Steuern? Egal ob wir hier nun &uuml;ber Einkommens- oder indirekte Verbrauchssteuern sprechen &ndash; betrachtet man nicht das Individuum, sondern die Gesellschaft als Ganzes, erkennt man schnell, dass dies ein Zirkelschluss ist. Ich nehme Dir einen Euro Steuern ab, den ich Dir dann als Grundeinkommen wieder auszahle. An der Kaufkraft &auml;ndert dies exakt gar nichts.<\/p><p>Nun kommen nat&uuml;rlich die &bdquo;Vision&auml;re&ldquo; und sprechen bereits von einer Maschinensteuer. Nicht die menschliche Arbeit, sondern die Produktivit&auml;t der Maschinen und Algorithmen solle besteuert werden. Diese Idee ist zumindest nicht vollends dumm, aber wie sollte so etwas konkret vonstatten gehen? Wo wird der &bdquo;steuerpflichtige&ldquo; Mehrwert bei einem Algorithmus geschaffen? Im Rechenzentrum? Im globalen Netz? Unser gesamtes System der Unternehmensbesteuerung und der Z&ouml;lle ist ein System, das f&uuml;r den klassischen G&uuml;terhandel des 20. Jahrhunderts geschrieben ist. Wie aber will der deutsche Fiskus zum Beispiel Zugriff auf Gewinne erhalten, die ein globales KI-Unternehmen sehr kreativ auf seine Rechenzentren verteilen kann? Raten Sie mal, warum derzeit die Idee von <a href=\"https:\/\/www.zdfheute.de\/wissen\/musk-weltall-rechenzentren-satelliten-experte-100.html\">Datenzentren im All<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wissen\/schwimmendes-ki-rechenzentrum-wind-liefert-strom-ozean-die-kuehlung-zr-94209040.html\">auf dem offenen Meer<\/a> so popul&auml;r ist! Ganz einfach &ndash; dort gibt es weder eine nationale Steuerhoheit noch sonst einen nationalen Rechtsrahmen. Mir pers&ouml;nlich fehlt auch jede Fantasie, dass man dies auf internationaler Ebene &ndash; die nationale Ebene scheidet hier logischerweise aus &ndash; l&ouml;sen k&ouml;nnte.<\/p><p>Es ist fraglich, ob uns &ndash; als Gesellschaft &ndash; die Arbeit durch die Rationalisierung &uuml;berhaupt ausgehen wird. Arbeit gibt es ohne Ende. Allein schon der Bereich Care-Arbeit (z.B. Kinderbetreuung, Altenpflege) wird schon wegen des demografischen Wandels in Zukunft massiv wachsen. Nun kommen die n&auml;chsten &bdquo;Vision&auml;re&ldquo; um die Ecke und tr&auml;umen von einer Verlagerung der Arbeitspl&auml;tze. Dann soll halt der durch die KI ersetzte Firmenanwalt k&uuml;nftig als Pfleger im Altenheim arbeiten. Nette Idee. Doch wer bezahlt diese T&auml;tigkeit? Die Sozialsysteme? Wohl kaum, da ihre Finanzierung ja ma&szlig;geblich an die Einkommen sozialversicherungspflichtiger Arbeit gekoppelt ist. Und wenn die produktiven Arbeitspl&auml;tze wegfallen, werden die Sozialsysteme schlichtweg kein Geld mehr haben. Der Steuerzahler? Wenn es in Deutschland kaum noch besteuerungsf&auml;hige Arbeit gibt und die Unternehmen einen Gro&szlig;teil des besteuerungsf&auml;higen Gewinns an ihre KI-Dependancen im steuerlich nicht greifbaren Offshore-Raum auslagern, d&uuml;rfte auch das eine Herkulesaufgabe sein. Oder lassen Sie es mich ein wenig zuspitzen: Erst wenn der letzte Bandarbeiter bei VW entlassen wurde und der letzte Ingenieur bei BASF zum Pfleger umgeschult wurde, werdet ihr merken, dass Gleichstellungsbeauftragte, Yogalehrer und taz-Kolumnistinnen allein nicht ausreichen, um den gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten.<\/p><p>Eine Wirtschaft kann nicht dauerhaft nur auf Effizienzsteigerung beruhen, wenn sie zugleich die Einkommensbasis ihrer Konsumenten untergr&auml;bt. Der Geist ist aus der Flasche, ein Zur&uuml;ck nicht mehr m&ouml;glich. Richtig ist aber auch: Historisch haben technologische Revolutionen oft neue Berufe, neue M&auml;rkte und neue Bed&uuml;rfnisse geschaffen. Die Frage ist daher weniger, ob Automatisierung und KI Arbeit verdr&auml;ngen &ndash; das tun sie und wir k&ouml;nnen das ohnehin nicht verhindern &ndash;, sondern ob schnell genug neue Einkommensquellen entstehen. Kann man die Auswirkungen durch politische Ma&szlig;nahmen abfedern? L&auml;sst sich Kaufkraft beispielsweise durch eine Umverteilung von oben nach unten st&auml;rken? W&auml;re eine Umorientierung des Steuersystems von der Arbeit zum Kapital nicht eine sinnvolle Alternative? Hier ist die Politik gefragt! Doch wo findet die daf&uuml;r n&ouml;tige Debatte statt?<\/p><p><small>Titelbild: elenabsl\/shutterstock.com<\/small><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0d6133bd6e4d4767870cd9b71a87f762\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Henry Fords Diktum &bdquo;Autos kaufen keine Autos&ldquo; beschreibt eines der grundlegenden Paradoxa des Kapitalismus des 20. Jahrhunderts: Massenproduktion ben&ouml;tigt Massenkonsum. Wenn Arbeiter zu schlecht bezahlt werden oder durch Rationalisierung verdr&auml;ngt werden, fehlt am Ende die n&ouml;tige Kaufkraft f&uuml;r die produzierten G&uuml;ter. 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