{"id":150342,"date":"2026-05-13T15:00:07","date_gmt":"2026-05-13T13:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150342"},"modified":"2026-05-13T15:49:00","modified_gmt":"2026-05-13T13:49:00","slug":"jeder-hatte-angst-was-falsches-zu-sagen-jeder-hatte-angst-den-job-zu-verlieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150342","title":{"rendered":"\u201eJeder hatte Angst, was Falsches zu sagen. Jeder hatte Angst, den Job zu verlieren\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Journalist <strong>Fabian Goldmann<\/strong> hat in seinem Buch <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\/\">&bdquo;Staatsr&auml;sonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza&ldquo;<\/a> &uuml;ber das Versagen der sogenannten deutschen &bdquo;Leitmedien&ldquo; in der Berichterstattung zum Gaza-Krieg geschrieben. Im hier abgedruckten Kapitel <em>&bdquo;Druck von allen Seiten&ldquo;<\/em> (im Buch Kapitel 8.6.) berichtet Goldmann &uuml;ber die Angst in den Redaktionen und den Druck auf Journalisten &ndash; durch ihre Vorgesetzen, Social-Media-Kampagnen sowie israelische Regierungsvertreter und Organisationen. Ein Blick hinter die Kulissen, der zeigt, wie stark die Pressefreiheit beim Thema Israel und Gaza in Deutschland aktiv eingeschr&auml;nkt wird und wie sehr auch die Journalisten selbst darunter leiden. Ein Buchausschnitt von <strong>Fabian Goldmann<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Die NachDenkSeiten hatten hierzu bereits ein Interview mit dem Autor (<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146790\">Teil 1<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146798\">Teil 2<\/a>) sowie eine <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148504\">Rezension<\/a> des Buches ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><p><strong>Druck von allen Seiten<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;Das Sprechen &uuml;ber Pal&auml;stina wird beobachtet, eingeschr&auml;nkt, kriminalisiert. Linien der Sagbarkeit verschieben sich st&auml;ndig. Viele wollen nichts Falsches sagen und sagen stattdessen nichts.&ldquo;<br>\nAlena Jabarine, Journalistin und Autorin<\/p><\/blockquote><p>In den letzten zwei Jahren habe ich mit sehr vielen Kolleginnen und Kollegen &uuml;ber ihren Eindruck von deutscher Nahost-Berichterstattung und die Erfahrungen in ihrem Job gesprochen: bei Veranstaltungen, in sozialen Medien, &uuml;ber offizielle Anfragen, in Interviews und im Bekanntenkreis. Darunter waren Redakteurinnen, Moderatoren und Autorinnen von &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien ebenso wie von regionalen und &uuml;berregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Ihre individuellen Erfahrungen waren naturgem&auml;&szlig; sehr unterschiedlich. Aber eine Sache hatten fast alle gemein: ihre Erfahrungen mit zunehmendem Druck und Anfeindungen in Zeiten der Staatsr&auml;son.<\/p><p>Die Last, die seit dem 7. Oktober auf Medienschaffende einwirkt, zeigt sich auf vielf&auml;ltige Weise: Freie Journalisten klagen, dass sie keine Auftr&auml;ge mehr bekommen, wenn sie zu kritisch berichten. Redakteurinnen berichten, ihre Vorschl&auml;ge w&uuml;rden nicht mehr angenommen. Viele Medienschaffende erz&auml;hlen von ewigen Diskussionen, die man f&uuml;hren m&uuml;sse, sobald man von den g&auml;ngigen Narrativen abweiche. Auch von der Sorge, sich selbst in der Redaktion unbeliebt zu machen, pl&ouml;tzlich als &bdquo;Antisemitin&ldquo; oder &bdquo;<em>Hamas<\/em>-Unterst&uuml;tzer&ldquo; zu gelten, etwa weil man pal&auml;stinensische Stimmen zu Wort kommen lassen wolle, sprechen einige.<\/p><p>Frustration und Ersch&ouml;pfung sind weit verbreitet: angesichts der st&auml;ndigen Spannungen in den Redaktionen, der Berichterstattung des eigenen Mediums, des Gef&uuml;hls, den eigenen journalistischen Anspr&uuml;chen nicht gen&uuml;gen zu k&ouml;nnen, und der st&auml;ndigen Schreckensmeldungen aus Nahost. Letzteres trifft Journalistinnen mit biographischem Bezug zur Region nochmal viel h&auml;rter. Angst ist ein Wort, das ich in Gespr&auml;chen mit Kolleginnen und Kollegen in den letzten Jahren immer wieder geh&ouml;rt habe. Angst vor Job- und Ansehensverlust. Angst davor, zum Ziel organisierter rechter Shitstorms im Netz zu werden. Angst davor, als &bdquo;Antisemit&ldquo; oder &bdquo;Israel-Hasserin&ldquo; in der <em>BILD<\/em> zu landen. Angst davor, ins Visier der israelischen Botschaft zu geraten.<\/p><p>Das alles wiederum f&uuml;hrt zu schlechterer Berichterstattung: weil Medienschaffende sich selbst zensieren, sich anderen Themen zuwenden (oder ihnen zugewendet werden) oder desillusioniert gleich ganz den Job verlassen.<\/p><p><strong>Der Pitbull des deutschen Nahost-Diskurses<\/strong><\/p><p>Anfeindungen und Einsch&uuml;chterungsversuche gegen Journalisten gibt es vermutlich schon, solange es Journalismus gibt. Aber speziell in den letzten Jahren hatten orchestrierte Kampagnen gegen unliebsame Medienschaffende besonders viel Erfolg. Das Schema ist meist &auml;hnlich: Reichweitenstarke Akteure im Netz wie der X-Account &bdquo;&Ouml;RR-Watch&ldquo; stellen einen Medienschaffenden (meist mit Migrationshintergrund) &ouml;ffentlich als Extremisten dar. Rechte Politiker (oft von AfD und CDU\/CSU) und Medien (oft vom Springer-Verlag) inszenieren daraus einen &bdquo;Skandal&ldquo; &agrave; la &bdquo;Extremist beim &Ouml;RR&ldquo;, und sorgen mit immer neuen Beitr&auml;gen so lange f&uuml;r Emp&ouml;rung, bis der (oft &ouml;ffentlich-rechtliche) Arbeitgeber den Journalisten vor die T&uuml;r setzt. Nach diesem Schema verloren in den letzten Jahren unter anderem die WDR-Wissenschaftsjournalistin Nemi El Hassan, der KIKA-Moderator Matondo Castlo und gleich sieben Mitarbeiter der <em>Deutschen Welle<\/em> ihren Job.<\/p><p>Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober dauerte es nur wenige Stunden, bis diese eingespielte Cancel-Dynamik sich ihr erstes Ziel gesucht hatte. <em>&bdquo;ARTE distanziert sich in aller Sch&auml;rfe von Malcolm Ohanwes menschenverachtenden Statements, die nichts mit unserem Verst&auml;ndnis von Journalismus zu tun haben&ldquo;<\/em>, tweetet um 18:46 Uhr die Social-Media-Redaktion des deutsch-franz&ouml;sischen Kultursenders. Wenig sp&auml;ter schloss sich auch der Bayerische Rundfunk der &ouml;ffentlichen Distanzierung an. Der Grund: Der Journalist hatte gegen Mittag des Tages getan, was sich der Gro&szlig;teil seiner Kolleginnen und Kollegen noch Monate sp&auml;ter nicht trauen sollte: Er hatte auf die Vorgeschichte des Tages verwiesen.<\/p><p>Dutzende Kulturschaffende, Wissenschaftlerinnen, Politiker, Aktivistinnen und andere Personen des &ouml;ffentlichen Lebens wurden seitdem Ziel von &ouml;ffentlichen Kampagnen. Insbesondere die Medien des Axel Springer-Verlages (<em>BILD<\/em>, <em>WELT<\/em> und <em>B.Z.<\/em>) haben die Rolle eines Wachhundes des deutschen Staatsr&auml;son-Diskurses &uuml;bernommen, der zuverl&auml;ssig &uuml;ber jene herf&auml;llt, die es wagen, den engen Grenzen des Sagbaren zu nahe zu kommen.<\/p><p>Die Macht der <em>BILD<\/em> bekam am 7. April 2024 auch Helen Fares zu sp&uuml;ren. Die SWR-Moderatorin hatte in einem privaten Instagram-Video positiv &uuml;ber eine App gesprochen, die beim Boykott israelischer Produkte hilft. <em>&bdquo;Erinnerungen an die Nazi-Parole &sbquo;Kauft nicht bei Juden&lsquo;&ldquo;<\/em>, schrieb daraufhin Deutschlands gr&ouml;&szlig;te Tageszeitung. Wieder tobte der Shitstorm durchs Netz, wieder mit Erfolg: Nur zwei Tage sp&auml;ter war Fares erneut Thema in der <em>BILD<\/em>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Sender zieht Konsequenzen: Israel-Hasserin darf nicht mehr beim SWR moderieren!&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ziel einer ganzen Reihe von diffamierenden Beitr&auml;gen wurde wenig sp&auml;ter auch die Journalistin und Rundfunkr&auml;tin Khola Maryam H&uuml;bsch. Nachdem sich H&uuml;bsch mehrmals &ouml;ffentlich kritisch zur israelischen Kriegsf&uuml;hrung ge&auml;u&szlig;ert hatte, lieferte ein Talkshow-Auftritt der BILD-Redaktion den Aufh&auml;nger f&uuml;r eine &uuml;ber mehrere Wochen andauernde Kampagne. Im Talk von &bdquo;Hart aber fair&ldquo; vom 29. April 2024 hatte H&uuml;bsch versucht, mediale Zerrbilder &uuml;ber islamische Begriffe wie &bdquo;Scharia&ldquo; und &bdquo;Kalifat&ldquo; richtigzustellen. In gleich f&uuml;nf Beitr&auml;gen schm&auml;hte die <em>BILD<\/em> H&uuml;bsch daraufhin als &bdquo;Islamistin&ldquo;. Die Folge: Anfeindungen im Netz, einbrechende Auftr&auml;ge und abgesagte Veranstaltungen. Selbst ihre Kinder h&auml;tten sich in der Schule rechtfertigen m&uuml;ssen, erz&auml;hlt H&uuml;bsch. Sp&auml;ter erreichte die Autorin vor Gericht zwar eine einstweilige Verf&uuml;gung gegen den Springer-Verlag, in deren Folge <em>BILD<\/em> die Beitr&auml;ge offline nehmen musste. Den Schaden f&uuml;r das &ouml;ffentliche Ansehen und die Karriere von H&uuml;bsch konnte das Gericht aber ebenso wenig wieder zur&uuml;cknehmen wie die abschreckende Wirkung, die F&auml;lle wie dieser im Rest der Medienwelt hinterlie&szlig;en.<\/p><p><strong>Wie Israels Armeesprecher Jagd auf deutsche Journalisten macht<\/strong><\/p><p>Mit Kampagnen gegen kritische Journalistinnen ist Springer nicht allein. Auch bei <em>FAZ<\/em>, <em>Tagesspiegel<\/em>, <em>FOCUS<\/em>, der <em>J&uuml;dischen Allgemeinen<\/em> und sogar im <em>ZDF<\/em> erschienen diffamierende Hit Pieces gegen zu kritische Kollegen. Solche Medienbeitr&auml;ge sind wiederum nur Teil eines gr&ouml;&szlig;eren Diffamierungssystems, das darauf ausgelegt ist, die pers&ouml;nlichen Kosten f&uuml;r akkurate und machtkritische Berichterstattung immer weiter in die H&ouml;he zu treiben. Ganz vorne mit dabei sind vor wie nach dem 7. Oktober auch prominente pro-israelische Institutionen wie die Deutsch-Israelische Gesellschaft mit ihrem Vorsitzenden, dem Ex Gr&uuml;nen-Politiker Volker Beck, sowie Vertreter des Staates Israel in Deutschland.<\/p><p>Die TV-Reporterin Sophia Maier berichtet seit vielen Jahren aus den Krisen- und Kriegsregionen dieser Welt. In ihrem Buch &bdquo;Herz aus Stacheldraht&ldquo; beschreibt sie, was ihr passierte, als sie auf <em>X<\/em> auf die T&ouml;tung von Kindern in Gaza aufmerksam machte:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die anschlie&szlig;ende Welle an b&ouml;sartigen Unterstellungen, Hassnachrichten bis hin zu Morddrohungen ist enorm. Nutzer schreiben, ich sei eine &sbquo;dreckige Kanakenhure&lsquo; und verdiene es, bespuckt und vergewaltigt zu werden. Sp&auml;ter nennt mich ein Sprecher der israelischen Armee &ouml;ffentlich &sbquo;krank&lsquo;.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Sprecher der israelischen Armee, von dem Maier spricht, ist Arye Sharuz Shalicar. Aufmerksame Leserinnen dieses Buches kennen ihn als beliebten Talkshow-Gast und Interviewpartner deutscher Medien (s. Kapitel 2.3). Auch ich habe seine Bekanntschaft schon gemacht. Am 20. Februar 2025 postete Shalicar auf <em>X<\/em> eine Liste, die er mit &bdquo;Die Top-10 Verbreiter von Judenhass auf X&ldquo; &uuml;berschrieb. Darunter unter anderem der Macher des Interview-Formats &bdquo;Jung und Naiv&ldquo; Tilo Jung, die freien Journalisten Jacob Reimann und Hanno Hauenstein, der fr&uuml;here Leiter des ZDF-Studios in Istanbul, Stephan Hallmann, die Nahost-Expertin Kristin Helberg, der langj&auml;hrige religionspolitische Korrespondent der <em>Deutschen Welle<\/em>, Martin Gak, und ich. Eine Woche sp&auml;ter wiederholte Shalicar seinen Tweet und kommentierte dazu:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Was f&uuml;r h&auml;ssliche Menschen. Was f&uuml;r ein widerlicher antisemitischer Sumpf. Sie sollten sich sch&auml;men! Sp&uuml;lt sie an den Rand der Gesellschaft.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dass der Sprecher einer Armee, die zu diesem Zeitpunkt in Gaza und im Libanon &uuml;ber 150 Journalisten get&ouml;tet hatte, nun auch in Deutschland Jagd auf Kritiker macht, rief in Politik und Medienbetrieb in Deutschland lediglich ein desinteressiertes Schulterzucken hervor. Einzig die <em>junge Welt<\/em> verurteilte &ouml;ffentlich den Angriff und solidarisierte sich mit den Betroffenen. Die gro&szlig;en Journalistenverb&auml;nde <em>DJV<\/em> und <em>DJU<\/em> wollten den Einsch&uuml;chterungsversuch selbst dann nicht verurteilen, als der Journalist Matthias Monroy f&uuml;r die Tageszeitung <em>nd<\/em> bei ihnen nachfragte. <em>&bdquo;Uns liegen dazu leider keine eigenen Erkenntnisse vor&ldquo;<\/em>, erkl&auml;rte eine Sprecherin von Deutschlands gr&ouml;&szlig;ter Journalistenorganisation <em>DJV<\/em> dazu lapidar.<\/p><p>Auch Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, nimmt gern Medienschaffende ins Visier. Zum Ziel werden meist die wenigen Redakteurinnen und Redakteure in etablierten Medienh&auml;usern, die regelm&auml;&szlig;ig kritisch &uuml;ber Israels Politik berichten, zum Beispiel Daniel Bax. Gleich mehrmals geriet der taz-Redakteur ins Visier der israelischen Botschaft. Sein &bdquo;Vergehen&ldquo;: Bax hatte &uuml;ber die T&ouml;tung von Journalisten durch die israelische Armee berichtet und in einem Kommentar Israels Teilnahme am Eurovision Song Contest kritisiert. Er kenne solche Angriffe schon l&auml;nger, berichtet Bax: <em>&bdquo;Deshalb bin ich da etwas abgeh&auml;rtet und Gegenwind gewohnt.&ldquo;<\/em> Aber nicht alle w&uuml;rden so entspannt mit solchen Angriffen umgehen:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich habe gemerkt, dass viele Kolleginnen und Kollegen nach dem 7. Oktober 2023 Angst hatten, sich kritisch zum israelischen Vorgehen in Gaza zu &auml;u&szlig;ern oder auch nur solche Texte zu ver&ouml;ffentlichen. [&hellip;] Das ganze Thema ist extrem angstbesetzt, es ist ein Eiertanz. Niemand hat Lust, Gefahr zu laufen, als Antisemit diffamiert zu werden, darum sind viele extrem vorsichtig. Das schlie&szlig;t Chefredakteure und Journalistenverb&auml;nde mit ein. Das l&auml;sst jenen, die noch jedes israelische Vorgehen vollmundig verteidigen, unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig viel Raum.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Auch ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann bekam mehrmals den Emp&ouml;rungseifer des Botschafters zu sp&uuml;ren &ndash; so etwa am 17. Juli 2025. Von der Tann hatte auf ihrem privaten Instagram-Kanal einen Gastbeitrag des israelischen Holocaust-Forschers Omar Bartov aus der <em>New York Times<\/em> geteilt, in dem dieser Israel einen Genozid vorwarf. Welche Folgen f&uuml;r die Berichterstattung solche &ouml;ffentlichen Einsch&uuml;chterungsversuche und die Angst vor Shitstorm haben, hat von der Tanns ARD-Kollegin Hanna Resch einmal beschrieben:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Das kann zu einem Reflex f&uuml;hren, Themen, die vom g&auml;ngigen Narrativ abweichen, gleich besser ganz sein zu lassen. Das ist keine Zensur, die irgendwer &sbquo;da oben&lsquo; angeordnet hat. Das ist Angst, die zu Selbstzensur f&uuml;hrt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Wenn selbst die eigenen Kollegen sich abwenden<\/strong><\/p><p>F&uuml;hren Verleumdungen von Redakteurinnen etablierter Medien wie im Fall von Sophie von der Tann zumindest in Teilen der Branche zu gelegentlichen Solidarit&auml;tserkl&auml;rungen, werden Angriffe auf Journalisten abseits der gro&szlig;en Medienh&auml;user in der Branche oftmals nicht einmal wahrgenommen, geschweige denn kritisiert. Dabei treffen die Angriffe Medienschaffende ohne etablierten Arbeitgeber im R&uuml;cken oftmals noch einmal deutlich h&auml;rter.<\/p><p>Der Journalist Tarek Ba&eacute; geh&ouml;rt wahrscheinlich zu den lautesten deutschen Kritikern von Israels Vorgehen in Gaza und dessen Unterst&uuml;tzung durch Politik und Medien. Der Preis, den er daf&uuml;r zahlen muss, ist hoch. Am 10. Januar 2024 erschien im Online-Angebot von <em>ZDF heute<\/em> eine als &bdquo;exklusiv&ldquo; angepriesene Recherche &uuml;ber ihn. Er sei ein &bdquo;Anti-Israel-Influencer&ldquo; und Teil eines &bdquo;islamistischen Netzwerks&ldquo;, hie&szlig; es dort. Wirklich &bdquo;exklusiv&ldquo; war an all dem nichts. &Auml;hnliche Diffamierungen gegen Ba&eacute; waren bereits zuvor in der Springer-Zeitung <em>WELT<\/em> und im rechten Online-Medium <em>Apollo News<\/em> erschienen. Auch diese bestanden, wie f&uuml;r dieses Genre &uuml;blich, vor allem aus vagen Andeutungen und Kontaktschuldvorw&uuml;rfen. Echte Belege f&uuml;r tats&auml;chlich extremistische oder strafbare Vergehen blieb auch der <em>ZDF heute<\/em> Beitrag schuldig. Dass sich in Ba&eacute;s Kan&auml;len keine extremistischen Inhalte finden lassen, er sich im Gegenteil dort regelm&auml;&szlig;ig und f&uuml;r jedermann sichtbar gegen Diskriminierung und Rassismus einsetzt, half ihm allerdings nicht.<\/p><p>Wenige Tage nach Ver&ouml;ffentlichung des ZDF-Beitrages geriet auch Ba&eacute; ins Visier von Armee-Sprecher Shalicar. &bdquo;Die Islamofaschisten der Hamas scheinen in Deutschland ganz offensichtlich mehrere Sprachrohre zu haben, die ihre Message t&auml;glich auf Deutsch zu euch ins Wohnzimmer tragen&ldquo;, schrieb dieser in einem Tweet. Darunter standen die Namen der pal&auml;stinast&auml;mmigen Autorin und ehemaligen Staatssekret&auml;rin im Berliner Senat Sawsan Chebli und von Tarek Ba&eacute;. Unterst&uuml;tzung aus der Medien-Branche, so sagt Ba&eacute;, w&uuml;rde er nicht erfahren. Im Gegenteil: Kollegen h&auml;tten sich abgewendet.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Meine Arbeit erfolgt nur noch unter Begleitung st&auml;ndiger Morddrohungen. Es ist normal geworden, dass ich als Journalist im Internet als Antisemit, Islamist, Terrorunterst&uuml;tzer oder Hamas-Anh&auml;nger diskreditiert werde. Solidarit&auml;t gibt es lediglich aus der Leserschaft. [&hellip;] Dazu, dass ich weitermache, hat die deutsche Presse-Bubble nichts beigetragen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Kultur der Angst<\/strong><\/p><p>Vor den Folgen &ouml;ffentlicher Diffamierungskampagnen und Einsch&uuml;chterungsversuche f&uuml;r die Pressefreiheit in Deutschland warnte im April 2025 auch <em>Reporter ohne Grenzen<\/em>. Die Organisation sprach nach eigenen Angaben mit &uuml;ber 60 Medienschaffenden. Viele best&auml;tigten <em>&bdquo;die Angst vor Blo&szlig;stellung in anderen Medien und auf Social Media.&ldquo;<\/em><\/p><p>&Ouml;ffentliche Diffamierungen und Einsch&uuml;chterungsversuche sind aber nur die Spitze des Eisbergs, der zum Untergang des deutschen Nahost-Journalismus beitrug. Auch hinter den Kulissen hat der Druck auf Medienschaffende zugenommen. Schon seit L&auml;ngerem kursieren in der Branche Storys, wonach bei Herausgebern und Chefredaktionen pl&ouml;tzlich die israelische Botschaft anrufe und &Auml;nderungen von Beitr&auml;gen oder den Rausschmiss von Mitarbeitern verlange. Auch dar&uuml;ber berichtet <em>Reporter ohne Grenzen<\/em> in seinem Bericht:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Nicht wenige sehe sich auch durch h&auml;ufige und massive Interventionen der israelischen Botschaft oder der Deutsch-Israelischen Gesellschaft bei Chefredaktionen unter Druck. Vor allem Journalist*innen bekannter Medienh&auml;user berichteten, dass sich die israelische Botschaft seit Jahren immer wieder in Mails und Briefen &uuml;ber ihre Berichterstattung beschwere.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Welche weitreichenden Folgen konstanter medialer und politischer Druck haben kann, zeigt sich zum Beispiel bei der <em>Deutschen Welle<\/em>. Martin Gak hat zehn Jahre als religionspolitischer Korrespondent bei dem Sender gearbeitet. Er erinnert sich, wie sich schon vor dem 7. Oktober immer wieder staatliche israelische Stellen bei der Redaktionsleiterin des Senders beschwerten und &Auml;nderungen im Programm verlangten. Teils mit Erfolg, sagt Gak.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Sie hatten st&auml;ndig Angst vor Israels Botschafter, der Bild oder irgendwelchen Politikern. Anstatt sich zu verteidigen, haben sie die eigenen Leute fallen lassen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der Druck auf die Belegschaft sei schlie&szlig;lich so gro&szlig; gewesen, dass die Redaktionsleitung am 7. Oktober niemand habe finden k&ouml;nnen, der bereit war, vor die Kamera zu gehen, sagt Gak: <em>&bdquo;Jeder hatte Angst, was Falsches zu sagen. Jeder hatte Angst, den Job zu verlieren&ldquo;<\/em> Gaks Schilderungen best&auml;tigen auch eine Recherche von Jad Salfiti. F&uuml;r <em>Al Jazeera<\/em> sprach der Journalist neben Gak noch mit zw&ouml;lf weiteren Mitarbeitern der <em>Deutschen Welle<\/em>. Sein Res&uuml;mee: <em>&bdquo;Die Deutsche Welle f&ouml;rdert eine Kultur der Angst unter Journalisten, die &uuml;ber Israels Krieg gegen Gaza berichten sollen.&ldquo;<\/em> Auch im Fall von Martin Gak wirkte der Druck:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Mir wurde gesagt, dass sie mich k&uuml;ndigen, wenn ich nicht mit den [israelkritischen] Postings aufh&ouml;re. Ich habe zwei Kinder zu ern&auml;hren, also habe ich aufgeh&ouml;rt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Gek&uuml;ndigt wurde er trotzdem. Im Oktober 2024 verlie&szlig; er den Sender.<\/p><p><small>Titelbild: Manifest Verlag<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Ausschnitt aus dem Buch:<\/em><\/p><p><em>Fabian Goldmann: <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\/\">Staatsr&auml;sonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza<\/a>. Berlin 2026, Manifest Verlag, Taschenbuch, 407 Seiten, ISBN 978-3961561452, 22 Euro.<\/em><\/p><p><em>Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Manifest Verlags.<\/em><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=148504\">Untersuchung der Berichterstattung zum Gaza-Krieg: deutsche Journalisten blamiert<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146790\">Wie kam es zum journalistischen Totalversagen bei der Berichterstattung &uuml;ber Gaza und Israel? &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=146798\">Wie kam es zum journalistischen Totalversagen &uuml;ber Gaza und Israel &ndash; Teil 2<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Journalist <strong>Fabian Goldmann<\/strong> hat in seinem Buch <a href=\"https:\/\/manifest-buecher.de\/produkt\/staatsraesonfunk\/\">&bdquo;Staatsr&auml;sonfunk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza&ldquo;<\/a> &uuml;ber das Versagen der sogenannten deutschen &bdquo;Leitmedien&ldquo; in der Berichterstattung zum Gaza-Krieg geschrieben. Im hier abgedruckten Kapitel <em>&bdquo;Druck von allen Seiten&ldquo;<\/em> (im Buch Kapitel 8.6.) berichtet Goldmann &uuml;ber die Angst in den Redaktionen und den Druck auf Journalisten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150342\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":148505,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,41,183,11],"tags":[313,3525,3041,3058,302,1557,2269,1415,1934,1113,2374,827,220],"class_list":["post-150342","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-oerr","tag-buchauszug","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-gaza","tag-israel","tag-konformitaetsdruck","tag-pressefreiheit","tag-reporter-ohne-grenzen","tag-soziale-medien","tag-staatsraeson","tag-stigmatisierung","tag-zensur"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/260330-Dillmann-StaatsFunk.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150342"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150413,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150342\/revisions\/150413"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/148505"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}