{"id":150486,"date":"2026-05-17T10:00:30","date_gmt":"2026-05-17T08:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486"},"modified":"2026-05-16T16:09:27","modified_gmt":"2026-05-16T14:09:27","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (3)"},"content":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7482\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-150486-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=150486-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260517_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_3_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Sie k&ouml;nnen uns gerne weiterhin &ndash; bis zum 22. Mai 2026 &ndash; Ihre Erinnerungen an <a href=\"mailto:leserbriefe@nachdenkseiten.de\">leserbriefe@nachdenkseiten.de<\/a> mit dem Betreff &bdquo;Aufruf zum 8. Mai&ldquo; schicken.<\/strong><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;Wer wei&szlig;, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.&ldquo;<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Redaktion der Nachdenkseiten,<\/p><p>im Nachlass meiner verstorbenen Mutter (Geburtsjahrgang 1933) fand ich einige kurze handschriftliche Textpassagen mit Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die sie im Oktober 2000 verfasst hatte. Aus Anlass Ihres Aufrufes m&ouml;chte ich Ihnen drei dieser Erinnerungen, die keinen zusammenh&auml;ngenden Text bilden, &uuml;bermitteln. Ich bin mir sehr sicher, dass meine Mutter v&ouml;llig schockiert w&auml;re, wenn sie erlebt h&auml;tte, dass deutsche Politiker heutzutage wieder von &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; faseln.<\/p><p>Eine kurze Erl&auml;uterung noch zu den Aufzeichnungen: Meine Gro&szlig;eltern f&uuml;hrten eine gro&szlig;e Dorfgastwirtschaft, die unmittelbar neben dem Bahnhof meines Heimatortes an der Bahnstrecke zwischen K&ouml;ln und Minden lag. Nach Kriegsbeginn wurde dort ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem Franzosen und sp&auml;ter auch Russen untergebracht waren.<\/p><p>Ich hoffe, Ihre Aktion findet gro&szlig;e Resonanz und kann etwas bewirken. Halten Sie weiter stand gegen diese entsetzliche Kriegstreiberei!<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<\/p><p>Carola Zechert<\/p><blockquote><p>&bdquo;Im Mai 1940 erlebte ich mit Eltern, Geschwistern und Oma die erste Bombennacht. In dieser schrecklichen Nacht hielt sich unsere Familie, meine Oma, meine Eltern und Geschwister schon eine ganze Weile im Keller auf, als pl&ouml;tzlich ein dumpfer Einschlag uns aus der Unterhaltung hochschreckte. Wir stellten uns alle im Kreis auf, die Eltern und Oma umschlangen uns Kinder, und wir klammerten uns an die Eltern und schrien vor Angst. Bald war alles ganz still, und nach einer Weile gab es Entwarnung, und wir konnten nach oben gehen und fragten uns noch: &sbquo;Wo das wohl war?&lsquo;<\/p>\n<p>Das sollten wir erst morgens erfahren, als meine Gro&szlig;mutter ins Zimmer kam und uns die Hiobsbotschaft von unseren Verwandten brachte: &sbquo;Bei Trudel und Reinhard ist eine Bombe aufs Haus gefallen, sie selbst sind mit den Kindern und der Oma im Keller gewesen und haben &uuml;berlebt.&lsquo;<\/p>\n<p>Nachmittags durften wir Kinder mit unserer Mutter auch gucken, was sich in der Nacht ereignet hatte. Ich sehe meine Tante noch vor mir mit einer Wolldecke &uuml;ber den Schultern und ihrem f&uuml;nf Monate alten S&auml;ugling auf dem Arm. Sie stand wohl unter Schock, aber davon wu&szlig;ten wir damals noch nichts, und man erkl&auml;rte es uns Kindern auch nicht.<\/p>\n<p>Dann vergesse ich auch nicht, dass die Stra&szlig;en rings um das total zerst&ouml;rte Haus voller neugieriger Menschen waren, die sich dr&auml;ngelten, um alles in Augenschein zu nehmen.<\/p>\n<p>Dass Krieg mehr hei&szlig;t als nur siegen, wie wir es damals t&auml;glich im Radio h&ouml;rten, bekamen wir im Laufe der Kriegsjahre deutlich zu sp&uuml;ren.<\/p>\n<p>Mein kleiner Cousin (der f&uuml;nf Monate alte S&auml;ugling) starb einen Monat sp&auml;ter an einem Lungenri&szlig;, den er in der Bombennacht erlitten hatte. Das war f&uuml;r mich ein einschneidendes Erlebnis, da ich bisher glaubte, nur alte Menschen m&uuml;ssten sterben und k&auml;men in einen Sarg. Nun sah ich zum ersten Mal einen aufgebahrten S&auml;ugling im wei&szlig;en Sarg liegen. Im selben Monat musste mein Vater in den Krieg.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&bdquo;Anfangs waren wir drei Kinder noch begeistert vom n&auml;chtlichen &sbquo;Kellergang&lsquo;. Als wir aber ab 1940 zwei Jahre lang Nacht f&uuml;r Nacht geweckt wurden oder selber wach wurden, waren wir oft hundem&uuml;de am Morgen, wenn es zur Schule ging, und wir waren w&uuml;tend auf unsere Feinde, dass sie ausgerechnet immer nachts kamen und uns im Tiefschlaf weckten.<\/p>\n<p>Die Alarmt&ouml;ne von Vor- und Vollalarm und danach Entwarnung sollte man auch als Schulkind schon erkennen k&ouml;nnen. Diese Heult&ouml;ne erzeugten bei mir sp&auml;ter immer Magenkr&auml;mpfe, die bis zum Erbrechen f&uuml;hrten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&bdquo;Ein Wachsoldat (des Kriegsgefangenenlagers) musste etwas bei uns erledigen in Begleitung eines jungen Russen, den ich noch auf den Steinstufen sitzen sehe. F&uuml;r mich war das allerdings ein alter Mann mit seiner &sbquo;Glatze&lsquo; und seinem schmutzigen Stoppelbart. Meine Mutter brachte ihm schnell eine Schale Milch, und er schl&uuml;rfte sie gierig aus, w&auml;hrend der Soldat wegschaute. Meine Mutter meinte zu mir: &sbquo;Wer wei&szlig;, ob unser Vati nicht auch einen guten Menschen in der russischen Gefangenschaft findet und gesund wiederkommt.&lsquo; Denn er war seit Juni 1944 in Russland vermisst, und wir bekamen erst Silvester 1945 das erste Lebenszeichen von ihm.&ldquo;<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&ldquo;Ja, Reinhard, wir leben.&rdquo;<\/strong><\/p><p>Ein herzliches Dankesch&ouml;n an das Team der Nachdenkseiten!<\/p><p>Diese Aktion kann helfen, den peu &agrave; peu versiegenden Erz&auml;hlstrom der Alten f&uuml;r die J&uuml;ngeren zug&auml;nglich zu halten. In der Gegenwart haben sich die Lebensverh&auml;ltnisse ja stark ver&auml;ndert und selbst engste Familienmitglieder leben oft weit entfernt voneinander. Ich glaube allerdings, dass es wohl eher die &ldquo;Mittelalterlichen&rdquo; sind, die auf diesem Weg erreicht werden. Trotzdem &ndash; sei&acute;s drum: Hier also mein Text:<\/p><p>Meine Gro&szlig;eltern haben bei einem Bombenangriff ihre Wohnung verloren und Zuflucht im Geburtsort der Gro&szlig;mutter gesucht. Aus einem Garten am Rande der Kleinstadt wurden sie von einem Mann gefragt: &ldquo;Kommt Ihr von Hannover? Ich habe da &acute;ne Schw&auml;gerin mit Mann.&rdquo; Er hatte sie nicht erkannt! Es geht mir noch immer nahe, wenn ich an die Antwort meiner Gro&szlig;mutter denke: &ldquo;Ja, Friedrich, uns geht es gut.&rdquo; Es dauerte im &Uuml;brigen fast 10 Jahre, ehe wir (Gro&szlig;eltern und Eltern nach Flucht aus der DDR) mit einer Zuzugsgenehmigung f&uuml;r Hannover und teilweise verlorenem Baukostenzuschuss eine 3-Zimmerwohnung bekommen konnten!<\/p><p>Mein Vater erz&auml;hlte, dass sein Vater (Schreiner von Beruf) &ndash; beunruhigt durch Radiomeldungen &uuml;ber Angriffe auf Ida C&auml;sar 4 &ndash; von weither angereist war, um wenn n&ouml;tig zu helfen. Bei seiner Ankunft in Halberstadt kamen ihm viele, viele Menschen entgegen. Einer von ihnen fragte, wohin er denn wolle, und meinte dann: &ldquo;Guter Mann, kehren Sie um! Da lebt keiner mehr!&rdquo; &ldquo;Wenn das so ist, dann will ich es mit eigenen Augen sehen!&rdquo;, habe mein Gro&szlig;vater gesagt &ndash; und das war gut so. Denn tats&auml;chlich lag im Viertel rings um unser Hinterhaus herum alles in Schutt und Asche. Als erste traf er meine (hannoversche) Gro&szlig;mutter mit mir an der Hand und h&ouml;rte die erl&ouml;sende Botschaft: &ldquo;Ja, Reinhard, wir leben.&rdquo; Ich habe zwischen Tr&uuml;mmern das Laufen gelernt und bin mit der Gr&auml;uelgeschichte von Herrn und Frau Bullermann gro&szlig;geworden, die in den Kellern der Tr&uuml;mmergrundst&uuml;cke wohnen und vorwitzige Kinder bei den Beinen packen und in den Keller ziehen, wo es ihnen schlimm ergeht &ndash; ein verzweifelter (und bedenklicher), &uuml;berdies nur bedingt erfolgreicher Versuch von Erwachsenen, dem kindlichen Entdeckerdrang in einem gef&auml;hrlichen Umfeld Einhalt zu gebieten.<\/p><p>Ich selbst (Jahrgang 1944) habe als sieben- oder achtj&auml;hriges Schulkind an einer &ldquo;Steineklopfen&rdquo;-Aktion meiner Schule teilgenommen. Pl&ouml;tzlich hie&szlig; es: &ldquo;Alle Frauen und Kinder zur&uuml;ck!&rdquo; Ich h&ouml;rte, man habe wohl &ldquo;etwas gefunden&rdquo; und stellte mir vor, dass es sich wohl um tote Menschen handeln w&uuml;rde. An Blindg&auml;nger habe ich damals nicht gedacht &ndash; und tats&auml;chlich ging es auch bald wieder weiter. Am Ende durften wir uns ein St&uuml;ck aus dem im Tr&uuml;mmergrundst&uuml;ck gefundenen Hausrat aussuchen. Ich w&auml;hlte eine kleine Vase. Aber meine Mutter reagierte ganz anders als erwartet: &ldquo;Die Vase geh&ouml;rt uns nicht&rdquo;, sagte sie und bestand darauf, dass ich sie zur&uuml;ckbrachte.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Das Thema Krieg war ein st&auml;ndiges Thema in meiner Familie.<\/strong><\/p><p>Ich bin zwar erst 1957 geboren, kann mich aber noch gut an die ausf&uuml;hrliche Erz&auml;hlung meiner Mutter und Gro&szlig;mutter erinnern. Meine Gro&szlig;mutter war Deutsche und heiratete 1925 einen Niederl&auml;nder und erhielt durch die Hochzeit die niederl&auml;ndische Staatsangeh&ouml;rigkeit und wanderte in die Niederlande aus und lebte in Rotterdam.<\/p><p>Am 14.Mai 1940 bombardierten die Nazis Rotterdam. Das Zentrum wurde v&ouml;llig zerst&ouml;rt. Vier Familienmitglieder und Freunde starben. Meine Gro&szlig;mutter verstand die Welt nicht mehr. Immer und immer wieder erz&auml;hlte sie von diesem Tag und was folgte: die Besetzung der Niederlande durch Nazi-Deutschland.<\/p><p>Meine Mutter war 1940 acht Jahre alt und war Niederl&auml;nderin. Meine Mutter und alle ihre f&uuml;nf Geschwister und mein Gro&szlig;vater sprachen perfekt Deutsch. Aber niemals habe ich einen Hass gegen Deutschland und Deutsche nach 1945 durch die niederl&auml;ndischen Verwandten erlebt.<\/p><p>Meine Mutter heiratete 1955 meinen deutschen Vater. Das Thema Krieg war ein st&auml;ndiges Thema in meiner Familie. Meine Mutter hatte einen gro&szlig;en Wunsch an mich &ndash; dass ich nicht zur Bundeswehr gehe. Diesen Wunsch habe ich ihr erf&uuml;llt. Ich bin Kriegsdienstverweigerer.<\/p><p>Dieter Klaucke<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Schlie&szlig;lich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p><p>gerne folge ich Ihrem Aufruf, meine Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg mit anderen zu teilen.<\/p><p>Ich bin zwar erst 1954 geboren, aber habe noch heute einige Bilder aus meiner Kindheit im Kopf:<\/p><p>Mein Gro&szlig;vater kam erst 1952 aus russischer Gefangenschaft zur&uuml;ck. Er war Gott sei Dank nicht in Sibirien, sondern hat am schwarzen Meer beim Hafenbau mitgewirkt. Nach seinen Worten kein Zuckerschlecken, aber ich habe nie von ihm Klagen &uuml;ber schlechte Behandlung oder Folter geh&ouml;rt. Den Hunger haben sich W&auml;rter und Gefangene br&uuml;derlich geteilt.<\/p><p>Nach wenigen Wochen im lokalen Krankenhaus zum Aufp&auml;ppeln kam er nach Hause. Psychologische Behandlung bzw. Betreuung gab es damals auch noch nicht.<\/p><p>Trotzdem habe ich heute mit Abstand das Gef&uuml;hl, dass diese Zeit nicht spurlos an ihm vor&uuml;berging. Einer seiner Leits&auml;tze war klar und deutlich: &bdquo;Mir sagt keiner mehr etwas&ldquo;, was nat&uuml;rlich zu einem sehr dominanten Auftreten der Familie und dem Umfeld f&uuml;hrte. Auff&auml;llig habe ich auch in Erinnerung, dass er Frauen gegen&uuml;ber sehr dominant auftrat. F&uuml;r meine Mutter kein leichtes Dasein.<\/p><p>Auch kann ich mich sehr gut an die zum Teil schwer verletzten Kriegsheimkehrer erinnern. Da gab es unseren Poststellenhalter und Brieftr&auml;ger mit zwei Holzbeinen. Die Post fuhr er mit seinem Auto aus, der Weg zur Haust&uuml;r war ganz offensichtlich jedes Mal schmerzhaft. Aber er engagierte sich als Chorleiter im &ouml;rtlichen Gesangverein. Ich habe von ihm nie ein Wort der Klage geh&ouml;rt.<\/p><p>In guter Erinnerung blieben mir auch etliche Landwirte, die mit nur einem Arm oder einem Holzbein &bdquo;ihren Mann&ldquo; bei der Bewirtschaftung ihrer H&ouml;fe &bdquo;standen&ldquo;.<\/p><p>&Uuml;ber die psychischen Sch&auml;den wurde in dieser Zeit nicht geredet. Ich bin sicher, dass es viele Menschen gab, die ihr Leben lang von Erinnerungen geplagt wurden.<\/p><p>Mein anderer Gro&szlig;vater hat diese Zeit im vollen Programm erlebt, vom Reichsarbeitsdienst bis hin zum Gesch&uuml;tzf&uuml;hrer im gro&szlig;en Krieg und nur kurzer amerikanischer Gefangenschaft. Er war f&uuml;r mich das Sinnbild eines zufriedenen Menschen.<\/p><p>Interessant war f&uuml;r mich als Kind auch, wenn die beiden bei Familienfeiern zusammensa&szlig;en. Ja, sie haben sich &uuml;ber ihre Kriegserlebnisse ausgetauscht, aber nicht als Helden, sondern ziemlich n&uuml;chtern und besonnen, zuweilen auch kritisch.<\/p><p>Mit den Jahren und meinem Erwachsenwerden kam bei mir der Gedanke, dass sie diese Zeit nicht einfach zu den Akten legen konnten. Schlie&szlig;lich hatten sie die besten Jahre ihres Lebens diesem Krieg geopfert.<\/p><p>Wie gehe ich heute mit dem Thema Krieg und Frieden um?<\/p><p>Ich erinnere mich sehr genau an den Tag, als ich zur Bundeswehr &bdquo;einr&uuml;ckte&ldquo; und mein Gro&szlig;vater mich zum Zug fuhr. Ihn hat das sehr mitgenommen. Wahrscheinlich hatte er ganz andere Erinnerungen an seine Einberufung und die kommenden 13 Jahre seines Lebens. Ich habe das erst viel sp&auml;ter in Gespr&auml;chen mit ihm erkannt.<\/p><p>Mein sp&auml;teres Berufsleben hat mich, ich gestehe es, in die R&uuml;stungsindustrie gef&uuml;hrt. Diese 10 Jahre haben mich fachlich, aber auch menschlich sehr gepr&auml;gt. Ich wei&szlig; sehr genau, was der &bdquo;Oppenheimer-Effekt&ldquo; bedeutet.<\/p><p>Das Wichtigste aber, ich habe in diesen Jahren gelernt, was Krieg wirklich bedeutet, auch wenn wir bei unserer T&auml;tigkeit ja nur geforscht, entwickelt und Probesch&uuml;sse abgefeuert haben.<\/p><p>Heute besch&auml;ftige ich mich intensiv mit dem Thema Krieg und Frieden und wundere mich, mit welcher Begeisterung man kriegst&uuml;chtig werden will.<\/p><p>Die lautesten Schreier haben nicht verstanden, was Krieg aus einem Menschen macht. Der Mensch wird einerseits zum puren Verf&uuml;gungsobjekt, quasi entmenschlicht, und zum anderen lernt er zwangsl&auml;ufig, aus reinem &Uuml;berlebenstrieb, dass man &bdquo;zuerst schie&szlig;en&ldquo; muss. Dazu kommt noch &bdquo;Befehl und Gehorsam&ldquo;; alleine dies zeigt, wie unmenschlich Krieg ist, denn ohne diese strenge Disziplin, ohne den Druck der Gewalt w&uuml;rde sich wohl kaum ein Mensch daf&uuml;r hergeben, auf andere Menschen zu schie&szlig;en.<\/p><p>Das ist f&uuml;r mich menschenverachtend, ja fast schon pervers.<\/p><p>Ich hoffe, dass es in naher Zukunft vern&uuml;nftige Menschen und Politiker gibt, die den aktuellen Kurs &auml;ndern wollen und k&ouml;nnen. Folgt man der Geschichte, stehen die Zeichen aber nicht gut. Ganz offensichtlich gibt es nicht mehr genug Menschen an entsprechender Position, f&uuml;r die Frieden das h&ouml;chste und wichtigste Gut ist.<\/p><p>Volker Obel<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Noch ein Wort zu den M&uuml;ttern&hellip;<\/strong><\/p><p>Es war zeitiges Fr&uuml;hjahr 1945, ich war 8 Jahre alt, meine Schwester 5, mein Vater als Soldat an der Front in der Sowjetunion und Breslau zur Festung erkl&auml;rte Gro&szlig;stadt. Wir wohnten in einer Neubausiedlung am Rande der Stadt in der N&auml;he des Flugplatzes.<\/p><p>Die Front kam immer n&auml;her, Befehl! Alle Zivilisten sollten die Stadt verlassen. Im April aber nicht mehr m&ouml;glich, da Breslau durch die Rote Armee eingeschlossen war. Davor weigerten sich viele M&uuml;tter mit ihren Kindern. Wo sollten sie so schnell auch hin! Unsere H&auml;user hatten Keller, die gegen Bomben und Beschuss keinen Schutz boten. Bei Alarm mussten wir einen Bunker aufsuchen.<\/p><p>Beim letzten Mal: Das Trommelfeuer grollte, alle Leute waren ganz still und hofften, dass der Bunker standh&auml;lt. Leider hielt w&auml;hrend der Zeit im Bunker unser Haus nicht stand. Es wurde durch eine Granate getroffen und nicht mehr bewohnbar. Wir zogen nun in die Innenstadt in eine fremde Wohnung. Nicht lange w&auml;hrte der neue Wohnsitz. Wieder eine Granate! Sie zerst&ouml;rte das Treppenhaus und wir hausten einige Zeit im Keller mit Schmutz, Finsternis und Hunger. W&auml;hrend einer Feuerpause zogen wir weiter in der Stadt, um eine neue Unterkunft zu suchen. Wieder eine fremde Wohnung!<\/p><p>Hier war endlich Schluss mit Furcht und Finsternis in Kellern. Kapitulation!!<\/p><p>Der Krieg war zu Ende, die Rote Armee zog ein. Wir beguckten &auml;ngstlich und neugierig die Panzer, die Lkw und die Panjewagen und vor allem die fremden Soldaten. Als wir von ihnen ein St&uuml;ck Brot bekamen, war die Scheu vor ihnen vorbei. Wir waren gl&uuml;cklich: Endlich frei von Angst zu sein, nicht mehr in Kellern hausen zu m&uuml;ssen und auf der Stra&szlig;e spielen zu k&ouml;nnen. Die aufregende Zeit war allerdings damit nicht vorbei.<\/p><p>Eines Abends kam unsere Mutter vom Enttr&uuml;mmern und berichtete, dass wir wegziehen m&uuml;ssten, dass Breslau eine polnische Stadt wird. Wir sollten die Ersten sein. Unsere Eltern erz&auml;hlten sp&auml;ter, dass vormals illegale Antifaschisten das organisiert hatten, da sie erfahren hatten, was die Alliierten endg&uuml;ltig in Potsdam beschlie&szlig;en wollten.<\/p><p>Im Juli ging es los: Zu Fu&szlig;, mit Pferdewagen, mit Verpflegung und dem Schutz der Roten Armee. Das war notwendig, denn am dritten Tag knallte es. Wir verkrochen uns im Stra&szlig;engraben und unsere Besch&uuml;tzer mussten irgendwelche Banditen abwehren. Wir Kinder fanden das recht abenteuerlich, war aber leider eine lebensgef&auml;hrliche Situation.<\/p><p>Nach fast zwei Wochen kamen wir an unserem Ziel, in Dresden an. Unterkunft in Baracken, die vorher als Unterkunft f&uuml;r Zwangsarbeiter dienten. Unsere Mutter arbeitete dann als Betreuerin in einer Unterkunft f&uuml;r obdachlose und Waisenkinder, in der meine Schwester und ich auch untergebracht waren. Ich ging im September in Dresden\/Neustadt zur Schule und alles war vorerst in Ordnung.<\/p><p>Aber an ein ruhiges Leben in diesen Umbruchzeiten war nicht zu denken. Unsere Mutter wurde angeworben und &uuml;berzeugt, Neulehrerin zu werden. Wir mussten also w&auml;hrend der Zeit des Lehrgangs f&uuml;r ein Jahr in einem Kinderheim leben. Dort ging es uns gut, aber unsere Mutter fehlte uns sehr. Leider waren Besuche zu dieser Zeit schwierig. Verkehrsmittel waren kaum vorhanden.<\/p><p>Nach dieser langen Zeit ohne Mutter endlich eine Wohnung in Freital! Wir waren wieder zusammen. Dann kam auch unser Vater aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zur&uuml;ck. Wir waren als Familie wieder komplett, hatten eine Wohnung, Schule, Beruf und Arbeit.<\/p><p>Unbedingt und mit gro&szlig;er Dankbarkeit noch ein Wort zu den M&uuml;ttern mit ihren gro&szlig;en und kleinen Kindern: Sie meisterten selbstlos diese schweren Zeiten. Sie trotzten Tod, Verletzungen, Krankheiten und Hunger! Halfen sich gegenseitig, wenn n&ouml;tig.<\/p><p>Unsere &bdquo;Zeitenwender&ldquo; vergessen oder negieren die Auswirkungen der Vorbereitung eines Krieges, geschweige denn die eines Krieges. Die Demonstrationen gegen die Wiedereinf&uuml;hrung der Wehrpflicht machen ein wenig Hoffnung im Kampf f&uuml;r eine friedliche Welt, aber es muss noch mehr Widerstand gegen die &bdquo;Kriegst&uuml;chtig&ldquo;- Ma&szlig;nahmen geben.<\/p><p>Udo Heinzel<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg\">wikicommons<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3293,1055,3390,2104,2394,893,2433,966],"class_list":["post-150486","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-bellizismus","tag-fluechtlinge","tag-kriegsgefangene","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-militarisierung","tag-wehrdienst","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/junge-berlin.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150486"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150486\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150559,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150486\/revisions\/150559"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}