{"id":150564,"date":"2026-05-18T09:04:22","date_gmt":"2026-05-18T07:04:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150564"},"modified":"2026-05-18T10:14:35","modified_gmt":"2026-05-18T08:14:35","slug":"arroganz-politischer-eliten-hat-diplomatie-zerstoert-belarus-aeussert-sich-zu-ukraine-und-kritisiert-osze-scharf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150564","title":{"rendered":"\u201eArroganz politischer Eliten hat Diplomatie zerst\u00f6rt\u201c \u2013 Belarus \u00e4u\u00dfert sich zu Ukraine und kritisiert OSZE scharf"},"content":{"rendered":"<p>Vom Westen her werden die Russische F&ouml;deration und ihr westlicher Nachbar, Belarus, zumeist in einen Topf geworfen. Viele der EU-Sanktionspakete gegen Russland gelten auch f&uuml;r Belarus. Doch ist Belarus kein kriegsf&uuml;hrendes Land &ndash; eine direkte Involvierung lehnte Pr&auml;sident Lukaschenko immer klar ab. Von <strong>Dieter Reinisch<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn Wien, am Sitz der Organisation f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), will niemand davon etwas h&ouml;ren. Als Anfang Dezember 2025 sich die Mitgliedstaaten in der Hofburg trafen, um den Festakt zum 50. Jahrestag der Erkl&auml;rung von Helsinki zu begehen, offenbarte sich die tiefe Spaltung der Organisation: Vom Westen und seinen Alliierten wurde in den Reden die Aushebelung des Konsensprinzips gefordert. Russland und im gleichen Atemzug Belarus sollen aus der OSZE ausgeschlossen werden, war oft zu h&ouml;ren. Damit r&uuml;ttelt der Westen am Grundprinzip der OSZE.<\/p><p>Nun &auml;u&szlig;erte sich Belarus erstmals scharf zu diesen Entwicklungen. In einer Rede vor dem St&auml;ndigen Rat der OSZE am 30. April griff der OSZE-Botschafter Andrei Dapkyunas die Organisation scharf an und &auml;u&szlig;erte sich zum Ukraine-Krieg &ndash; eine Seltenheit aus Belarus. Die Rede wurde bisher nicht ver&ouml;ffentlicht. Sie liegt dem Autor im belarussischen Original vor.<\/p><p>In seiner Rede betonte der St&auml;ndige Vertreter von Belarus bei der OSZE, dass sich sein Land zum Tagesordnungspunkt &bdquo;andauernde russische Aggression gegen die Ukraine&ldquo; bisher &bdquo;nicht proaktiv ge&auml;u&szlig;ert habe&ldquo;. Die Debatte &uuml;ber den Tagesordnungspunkt w&uuml;rde &bdquo;konfrontativ gef&uuml;hrt&ldquo; werden: &bdquo;Wir hingegen betrachten eine Diskussion, die bewusst anklagend und nicht dialogisch gef&uuml;hrt wird, als Zeichen diplomatischer Schw&auml;che (der OSZE)&ldquo;, so Dapkyunas. Er fordere die OSZE auf, L&ouml;sungen f&uuml;r den Konflikt zu suchen: &bdquo;Leider wird dieser Appell nicht geh&ouml;rt.&ldquo;<\/p><p>Dapkyunas verglich das Verhalten des Westens mit dem der Titanic. &bdquo;Wer hat die Titanic versenkt?&ldquo;, fragte er in die Runde. &bdquo;Die &uuml;berwiegende Mehrheit ist &uuml;berzeugt, dass ein riesiger Eisberg daf&uuml;r verantwortlich war. Nur wenige werden antworten, dass die Titanic von denjenigen zerst&ouml;rt wurde, die ihren Kurs und ihre Geschwindigkeit kontrollierten&ldquo;, begann er seine Antwort. Der Eisberg unterliege allein den Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten seiner Existenz. Der Eisberg war eine unver&auml;nderliche Gegebenheit, die von menschlicher Ablehnung, Wut, Uneinigkeit oder Groll unber&uuml;hrt blieb.<\/p><p>&bdquo;Wir f&uuml;hren dieses Beispiel als Symbol f&uuml;r die Variabilit&auml;t menschlicher Reaktionen auf un&uuml;berwindliche Umst&auml;nde, also auf eine objektive Gegebenheit, an&ldquo;, erkl&auml;rte er. Der Eisberg sei ein Symbol f&uuml;r die F&auml;higkeit oder Unf&auml;higkeit des Menschen, sein Handeln auf der Grundlage einer n&uuml;chternen, objektiven Abw&auml;gung historischer Erfahrungen zu bestimmen.<\/p><p>&bdquo;Die selbstm&ouml;rderische Logik der europ&auml;ischen politischen Eliten, die die Zul&auml;ssigkeit und Unvermeidbarkeit eines neuen globalen Krieges tats&auml;chlich erkannt haben, treibt die Titanic der europ&auml;ischen Politik mit voller Geschwindigkeit auf den Eisberg einer radikal ver&auml;nderten Welt zu&ldquo;, erkl&auml;rte er. Durch die antirussische und antibelarussische Hysterie des Westens seien die in Helsinki 1975 vereinbarten Prinzipien der zwischenstaatlichen Kommunikation zerst&ouml;rt worden.<\/p><p>Wenn die NATO einen Krieg an ihrer &ouml;stlichen Grenze wolle, werde sie genauso scheitern wie alle anderen Ostfeldz&uuml;ge bisher, warnte der belarussische Vertreter: &bdquo;Sie, als h&auml;tten sie vergessen, wie die M&auml;rsche der europ&auml;ischen L&auml;nder nach Osten in der Geschichte endeten, diskutieren ernsthaft einen milit&auml;rischen Konflikt mit der gr&ouml;&szlig;ten Atommacht der Welt&ldquo;, zeigte er sich verwundert &uuml;ber die Kriegshysterie einiger NATO-Staaten.<\/p><p>Er appellierte an die &bdquo;verantwortungsbewussten F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten&ldquo; in den Reihen der OSZE- und NATO-Mitglieder, um eine direkte Konfrontation, die in eine Welt der &bdquo;gegenseitigen Selbstzerst&ouml;rung&ldquo; f&uuml;hren werde, abzuwenden: &bdquo;Eine F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit, die nicht von Mediengunst und politischen Umfragewerten abh&auml;ngig ist.&ldquo;<\/p><p>Danach wandte er sich erneut seinem Titanic-Vergleich zu. Es braucht F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten, denen das langfristige Wohlergehen ihrer Bev&ouml;lkerungen wichtiger ist als ideologiegetriebene Forderungen zur Zerst&ouml;rung des Eisbergs.<\/p><p>Im zweiten Teil seiner Rede ging er schlie&szlig;lich auf die anhaltende Krise der OSZE ein: &bdquo;Es ist vier Jahre her, dass die diplomatisch-militante Mehrheit in diesem Raum den Hauptschuldigen an all den Problemen ausgemacht hat. Einige westliche L&auml;nder haben sich bereits vor einem Jahrzehnt ein Feindbild auserkoren&ldquo;, so Dapkyunas. Statt Br&uuml;cken zu bauen, w&uuml;rden Diplomaten zahlreicher OSZE-Mitgliedstaaten zu Propagandisten &bdquo;umgeschult, um diese Br&uuml;cken zu zerst&ouml;ren&ldquo;, die die OSZE in den vergangenen Jahrzehnten errichtet hatte, kritisierte er.<\/p><p>&bdquo;Unserer Ansicht nach wurde die Diplomatie in der OSZE durch das kurze historische Ged&auml;chtnis jener Menschen get&ouml;tet, die die Lehren des letzten Krieges vergessen haben, die vergessen haben, wie die Staats- und Regierungschefs des Westens und Ostens vor einem halben Jahrhundert in Wien den Kalten Krieg beendeten und den Grundstein f&uuml;r eine friedliche Zusammenarbeit auf dem Kontinent legten&ldquo;, mahnte er.<\/p><p>Ab den 1990er-Jahren habe sich eine Arroganz politischer Eliten in der OSZE entwickelt, die glaubten, dass &bdquo;zwar alle L&auml;nder gleich seien, es aber L&auml;nder g&auml;be, die gleicher seien als andere&ldquo;, analysierte Dapkyunas in Anlehnung an den britischen Autor George Orwell. So kam es dazu, dass die Diplomatie in der OSZE &bdquo;durch die Bombe der Herablassung zerst&ouml;rt wurde&ldquo;.<\/p><p>Die Handlungen der &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo;, die Dapkyunas als &bdquo;Willige, aber Unf&auml;hige&ldquo; bezeichnet, h&auml;tten die langsam und m&uuml;hsam aufgebaute europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur durch den NATO-Expansionismus zerst&ouml;rt.<\/p><p>Zum Abschluss sprach er diejenigen an, die diesen Weg der NATO und der OSZE nicht mitgehen wollen: &bdquo;Ich wei&szlig;, dass viele hier im Raum nicht bereit sind, sich damit abzufinden, dass die Konturen der neuen Weltordnung auf dem Schlachtfeld bestimmt werden.&ldquo; Er appellierte an ihren Mut, denn &bdquo;nur wenige Botschafter sind in der Lage, die Sichtweise ihres Staatsoberhaupts zu ver&auml;ndern&ldquo;. Doch jeder Botschafter bei der OSZE k&ouml;nne dazu beitragen, &bdquo;ein normales Klima der diplomatischen Kommunikation innerhalb einer einzigen paneurop&auml;ischen Organisation wiederherzustellen und die Voraussetzungen f&uuml;r k&uuml;nftige Verhandlungen &uuml;ber die Gestaltung einer neuen Sicherheits- und Kooperationsarchitektur im eurasischen Raum zu schaffen&ldquo;, so Dapkyunas. Dazu brauche es jedoch pers&ouml;nlichen Mut und Bereitschaft, &bdquo;pers&ouml;nliche und kollektive Stereotype zu &uuml;berwinden&ldquo; und aktiv auf den anderen zuzugehen.<\/p><p>F&uuml;r Belarus ist die Wiederherstellung der diplomatischen Kommunikation im eurasischen Raum wichtig &ndash; auch, weil das Land geografisch inmitten der Spannungen zwischen der EU und Russland liegt. Seit 2023 veranstaltet das Land jedes Jahr Ende Oktober die Eurasische Sicherheitskonferenz. Dort soll, &auml;hnlich den Gr&uuml;ndungsprinzipien der OSZE, ein Raum f&uuml;r Debatte und Dialog zwischen Staatschefs, Au&szlig;enministern und Experten geschaffen werden. Die Beteiligung an der 3. Eurasischen Sicherheitskonferenz war hochrangig: Minister und h&ouml;chste Vertreter aus China, Indien, den Golfstaaten, dem Iran, aber auch Organisationen wie BRICS, der Shanghaier Organisation f&uuml;r Zusammenarbeit und der Golfkooperationsrat waren anwesend, ebenso wie der russische Au&szlig;enminister Sergej Lavrov.<\/p><p>Die europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur der OSZE kann in der heutigen Welt keinen Frieden gew&auml;hrleisten. An ihre Stelle soll eine neue, eurasische Sicherheitsarchitektur treten, die Frieden, Sicherheit und Wohlstand auf gleichberechtigter Basis im gesamten eurasischen Raum sichern soll. So die selbstgesteckten Ziele der Organisatoren in Minsk.<\/p><p>Davon will der Westen derzeit noch nichts h&ouml;ren. Neben einer ansehnlichen Delegation aus der Slowakei nahm nur der damalige ungarische Au&szlig;enminister P&eacute;ter Szijj&aacute;rt&oacute; als einziges Regierungsmitglied eines EU-Landes die Einladung an. Bei der vierten Auflage der Sicherheitskonferenz im kommenden Oktober wird es dann wohl auch keine ungarischen Vertreter mehr geben.<\/p><p>Russland versucht derweil nachzuziehen: Ab dem 26. Mai veranstaltet das dortige Au&szlig;enministerium die erste internationale Sicherheitskonferenz im Raum Moskau. Westliche Teilnehmer werden dort wohl auch rar sein.<\/p><p><small>Titelbild: Below the Sky\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Westen her werden die Russische F&ouml;deration und ihr westlicher Nachbar, Belarus, zumeist in einen Topf geworfen. Viele der EU-Sanktionspakete gegen Russland gelten auch f&uuml;r Belarus. 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