{"id":150591,"date":"2026-05-18T13:09:56","date_gmt":"2026-05-18T11:09:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150591"},"modified":"2026-05-18T14:39:41","modified_gmt":"2026-05-18T12:39:41","slug":"nach-dem-esc-in-wien-dieses-musikereignis-wird-gebraucht-mehr-denn-je-trotz-und-gerade-wegen-allem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150591","title":{"rendered":"Nach dem ESC in Wien: Dieses Musikereignis wird gebraucht \u2013 mehr denn je, trotz und gerade wegen allem"},"content":{"rendered":"<p>Egal ob bei einem internationalen Musikwettbewerb, einem Sportturnier, einer Kunstausstellung oder einem Festival von Jugendgruppen &ndash; &uuml;berall und jederzeit sollten Menschen aller V&ouml;lker friedlich zusammentreffen k&ouml;nnen. Und das fern von Sanktionen, Boykotten, Verboten, Behinderungen, Beschr&auml;nkungen, Bewertungen und politischem Missbrauch. Das w&auml;re demokratische Praxis ohne Machtkalk&uuml;l. Gerade jetzt, in Krisen- und Kriegszeiten. So h&auml;tte es auch beim Eurovision Song Contest (ESC) 2026 laufen k&ouml;nnen, der am Wochenende in Wien &uuml;ber die B&uuml;hne ging. Doch das Ereignis wurde politisch instrumentalisiert, es wurde getrickst. Den ESC deshalb einzustellen, w&auml;re trotzdem eine schlechte Idee. Ein Zwischenruf von <strong>Frank Blenz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Noam Bettans &bdquo;Michelle&ldquo; &ndash; ein Lied wie einst Nicoles &bdquo;Ein bisschen Frieden&ldquo;<\/strong><\/p><p>Beim Eurovision Song Contest sang der Israeli Noam Bettan ein Liebeslied, komponiert wie ein feines kleines Chanson voller Sehnsucht und Hingabe. Pr&auml;sentiert wurde das St&uuml;ck samt K&uuml;nstler und Tanzgruppe mit viel Tamtam, Licht- und Videoeffekten &ndash; so ist das in modernen ESC-Zeiten.<\/p><p>Bettans Song war einer von mehr als zwei Dutzend Beitr&auml;gen des Finales in Wien. Er wurde laut bejubelt, war aber ebenso Protesten und Boykottaufrufen ausgesetzt. Israel f&uuml;hrt Krieg, in Wien sang ein Israeli von Liebe. Der ESC wurde damit zu einem Spiegel unserer Zeit &ndash; klar und unbestechlich.<\/p><p>Bettans Lied &bdquo;Michelle&ldquo; reihte sich f&uuml;r mich ein wenig in jene Kategorie von Liedern ein wie einst Nicoles &bdquo;Ein bisschen Frieden&ldquo;. Als Zuh&ouml;rer wollte ich am Wochenende &ndash; wie damals 1982 bei Nicole &ndash; Hoffnung sch&ouml;pfen: dass Musik Br&uuml;cken bauen und Menschen zum Nachdenken bringen kann. Das Motto des ESC lautet schlie&szlig;lich: &bdquo;Musik verbindet&ldquo;. Das israelische Lied &bdquo;Michelle&ldquo; erreichte am Ende den zweiten Platz hinter dem bulgarischen Siegerlied &bdquo;Bangaranga&ldquo; der S&auml;ngerin Dara.<\/p><p><strong>ESC unter Druck<\/strong><\/p><p>Heftig unterschied sich das Ereignis jedoch von meiner idealen Vorstellung. Musik, K&uuml;nstler, Publikum und die Verst&auml;ndigung zwischen den L&auml;ndern gerieten unter Druck. Der ESC wurde einmal mehr von interessierten politischen Kreisen benutzt &ndash; mit fragw&uuml;rdigen Votings, politisch aufgeladenen Auftritten, Dem&uuml;tigungen von K&uuml;nstlern sowie viel Heuchelei und Doppelmoral. Wie sch&ouml;n war dagegen einst der Grand Prix Eurovision de la Chanson &ndash; scheinbar ganz ohne Tricksereien.<\/p><p>Eine gewagte These kam mir am Wochenende in den Sinn: Wie damals 1982 h&auml;tte Nicole wom&ouml;glich auch 2026 mit dem schlichten Lied &bdquo;Ein bisschen Frieden&ldquo; und ihrem einfachen Auftritt mit Gitarre gewonnen &ndash; vorausgesetzt, die undurchsichtige Voting-Maschinerie w&auml;re nicht angeworfen worden. Diese hatte diesmal offenbar besonders viel mit Israel zu tun. Wie sehr h&auml;tte ich mir gew&uuml;nscht, dass dies nicht der Fall gewesen w&auml;re.<\/p><p>Wie sch&ouml;n w&auml;re es gewesen, wenn allein eine Jury und das Publikum im Saal entschieden h&auml;tten.<\/p><p><strong>So oft abstimmen, bis das gew&uuml;nschte Ergebnis erreicht ist?<\/strong><\/p><p>Doch stattdessen kam der Verdacht der Manipulation ins Spiel. Und wie das funktioniert, konnte man beobachten. Dabei fiel mir ein Name auf: Volker Beck.<\/p><p>Der Pr&auml;sident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft warf den boykottierenden L&auml;ndern Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island vor, sie bef&auml;nden sich &bdquo;kollektiv auf einem antisemitischen, antizionistischen Trip&ldquo;. Beck und viele andere seien von den antiisraelischen Protesten so angewidert gewesen, dass sie solidarisch f&uuml;r Israel abstimmen wollten.<\/p><p>Und weil er es konnte, d&uuml;rfte er &ndash; wie viele andere &ndash; zur Trickkiste gegriffen haben. Beck sagte: &bdquo;Und dann schicke ich halt zehn SMS f&uuml;r den Noam Bettan f&uuml;r seinen Song &sbquo;Michelle&lsquo;, weil ich diesen Leuten, diesen Boykotteuren, nicht das letzte Wort lassen w&uuml;rde.&ldquo;<\/p><p>Noch intensiver betrieb Israel selbst diese Mobilisierung. Die Europ&auml;ische Rundfunkunion (EBU) verwarnte den israelischen Sender <em>KAN<\/em> offiziell, weil dieser in Videos gezielt dazu aufgerufen hatte, alle zehn Stimmen f&uuml;r den israelischen Beitrag abzugeben. In den Clips wurde detailliert erkl&auml;rt, wie Zuschauer online oder per App das Maximum von zehn Stimmen f&uuml;r Noam Bettan und sein Lied &bdquo;Michelle&ldquo; abgeben konnten. Das war ein massiver Aufruf zur Blockabstimmung &ndash; und damit ein Versto&szlig; gegen Geist und Richtlinien des ESC.<\/p><p>Am Abend nahm das Geschehen dann seinen Lauf. Tats&auml;chlich landete Noam Bettan weit vorne. Die H&auml;lfte der Punkte vergab zun&auml;chst eine Jury der teilnehmenden L&auml;nder, die andere H&auml;lfte das Publikum per SMS oder Anruf. Jeder Anrufer hatte bis zu zehn Stimmen.<\/p><p>Beim Jury-Voting lag Israel noch im Mittelfeld. Beim Publikumsvoting erhielt Bettan dann jedoch 220 Punkte. Nur Bulgarien konnte Israel noch &uuml;berholen.<\/p><p><strong>Eine Atmosph&auml;re zwischen Freude und Anspannung<\/strong><\/p><p>Der Eurovision Song Contest 2026 wurde vom Publikum vor Ort durchaus angenommen. Feierlaune kam tats&auml;chlich auf &ndash; und das in Zeiten, die weder feierlich noch friedlich oder verbindend wirken.<\/p><p>Doch Musik verbindet immer.<\/p><p>Nicht alle L&auml;nder, die h&auml;tten teilnehmen k&ouml;nnen, waren in der Wiener Stadthalle vertreten. Einige wurden ausgeschlossen, andere blieben aus Protest fern. Ein Grund daf&uuml;r war, dass Israel teilnehmen durfte, Russland hingegen nicht. &Uuml;ber dem ESC lag daher der Schatten der Doppelmoral.<\/p><p>Die Niederlande, Spanien, Irland, Slowenien und Island nahmen aus Protest gegen das fortgesetzte milit&auml;rische Vorgehen Israels nicht teil. Manche L&auml;nder weigerten sich zudem, das Musikereignis zu &uuml;bertragen, und sendeten stattdessen politische Dokumentationen oder Filme &uuml;ber Pal&auml;stina.<\/p><p>Trotz heftiger Proteste und einer angespannten Sicherheitslage konnte sich der israelische S&auml;nger Noam Bettan mit seiner Ballade &bdquo;Michelle&ldquo; f&uuml;r das Finale qualifizieren.<\/p><p>Kritiker meinten, der ESC eigne sich nicht als weltpolitische Projektionsfl&auml;che. Doch letztlich ist alles auch Politik &ndash; inklusive Fahnenschwenken und Stimmverhalten.<\/p><p>Noam Bettan erlebte in der Wiener Stadthalle Pfiffe und pro-pal&auml;stinensische St&ouml;raktionen. Der ESC ist ein europ&auml;isches Musikfest &ndash; ja. Doch wird er nicht auch immer wieder genutzt, um nationale Images aufzupolieren? Von Liebe zu singen, ist das eine, Kriege zu beenden, etwas ganz anderes.<\/p><p><strong>Und Deutschland?<\/strong><\/p><p>Sarah Engels trat f&uuml;r Deutschland mit dem Lied &bdquo;Fire&ldquo; an. Ihr und ihrem Tanzensemble gelang es durchaus, den Saal mit seinen 10.000 Besuchern in Stimmung zu bringen. Doch was n&uuml;tzte es?<\/p><p>Die Jury und die Fans der anderen Teilnehmerl&auml;nder konnten der Show offenbar wenig abgewinnen. Im Jury-Voting gab es 30-mal null Punkte. Immerhin vergaben Bulgarien (2), Belgien (2), Portugal (4) und Italien (4) einige Z&auml;hler an Deutschland &ndash; am Ende reichte es nur f&uuml;r Platz 22.<\/p><p>Beim Publikumsvoting erhielt Deutschland keinen einzigen Punkt. Sarah Engels landete schlie&szlig;lich auf dem 23. Platz, also dem drittletzten Rang.<\/p><p>Wir Deutschen kamen ins Gr&uuml;beln, ob dieses Abstimmungsverhalten vielleicht auch etwas mit unserem Ruf und unserem wieder st&auml;rker auftretenden Selbstverst&auml;ndnis in Europa zu tun hat.<\/p><p><strong>Der ESC wird weiter gebraucht &ndash; gerade jetzt und trotz allem<\/strong><\/p><p>Mein Fazit: Dieses Musikereignis wird weiter gebraucht &ndash; gerade jetzt und trotz allem. Und das auch dann, wenn Deutschland weit hinten landet.<\/p><p>Der ESC ist mehr als nur ein Wettbewerb. Er ist eine Leistungsschau der S&auml;nger, T&auml;nzer und Musiker, aber ebenso eine B&uuml;hne f&uuml;r Komponisten, Arrangeure, Tontechniker, Lichtdesigner und Videok&uuml;nstler. Vor allem aber ist er ein Fest f&uuml;r das Publikum &ndash; im Saal wie zu Hause.<\/p><p>&Uuml;ber die Qualit&auml;t der Lieder l&auml;sst sich immer streiten. Und nat&uuml;rlich bleibt Politik, bleibt der Streit der Welt, nicht au&szlig;en vor. Der ESC ist kein Ereignis im luftleeren Raum. Er ist ein Ort der Begegnung, der Debatte und auch des Streits. Die Konflikte unserer Zeit werden dort sichtbar und nicht ausgeblendet. Das ist wichtig. Reden. Dialog. Die Diplomatie der kleinen Leute. Musik machen, tanzen, singen. Von Liebe, Sehnsucht und Frieden.<\/p><p>Nicole einst und Noam Bettan heute forderten in ihren Liedern eigentlich nicht viel: dass die Welt in Frieden leben m&ouml;ge. Diejenigen, die Kriege f&uuml;hren, sollten sich diese Zeilen zu Herzen nehmen. Es ist l&auml;ngst an der Zeit &ndash; und vielleicht l&auml;ngst schon zu sp&auml;t.<\/p><p><small>Titelbild: DirkVG\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Egal ob bei einem internationalen Musikwettbewerb, einem Sportturnier, einer Kunstausstellung oder einem Festival von Jugendgruppen &ndash; &uuml;berall und jederzeit sollten Menschen aller V&ouml;lker friedlich zusammentreffen k&ouml;nnen. 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So h&auml;tte es auch<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150591\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150592,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[917],"tags":[3577,2341,2092,1557],"class_list":["post-150591","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-beck-volker","tag-boykott","tag-eurovision-song-contest","tag-israel"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/shutterstock_2775096563.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150591","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150591"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150591\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150598,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150591\/revisions\/150598"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150592"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150591"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150591"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150591"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}