{"id":150632,"date":"2026-05-22T15:00:11","date_gmt":"2026-05-22T13:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632"},"modified":"2026-05-21T16:16:07","modified_gmt":"2026-05-21T14:16:07","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (5)"},"content":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3511\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-150632-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=150632-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260519_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_5_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wir waren Kellerkinder<\/strong><\/p><p>Liebe Redaktion, <\/p><p>ich habe meinen Vater (95) gefragt, ob er f&uuml;r den Aufruf etwas formulieren m&ouml;chte. Das handschriftliche Ergebnis habe ich abgetippt und hier in den Anhang gelegt. <\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e<br>\nBirgid Kubin <\/p><p>(Anhang)<\/p><p>Hin und wieder holen mich noch Erinnerungen an Ereignisse aus den Kriegsjahren ein, in denen ich letztendlich Mutter, Schwester und meinen &auml;lteren Bruder verlor. <\/p><p>Mein Vater war K&uuml;ster und wir wohnten somit an der Kirche. Bei den alliierten Luftangriffen 1944\/45 auf Wiesbaden nahmen wir daher unsere Sachen mit in unseren &bdquo;Keller&ldquo;, der eigentlich eine Krypta war, von der sich ein Teil unter dem Kirchturm befand und als sicher galt. Wir wurden so quasi zu &bdquo;Kellerkindern&ldquo;.<\/p><p>In einer Nacht schlug eine fehlgeleitete Rakete in der Oranienstra&szlig;e nahe dem &bdquo;Ring&ldquo; ein. Kein Alarm! Mama, mein &auml;lterer Bruder und ich st&uuml;rzten aus den Betten unserer Wohnung in &bdquo;unseren Bunker&ldquo;. Dann kam der zweite Raketeneinschlag &ndash; und ein versp&auml;teter Alarm. Diese Einschl&auml;ge waren gewaltig, zerst&ouml;rerisch und nahe unserer R&uuml;ckertstra&szlig;e.<\/p><p>Mit meinem j&uuml;ngeren Bruder war ich einkaufen. Es gab Fliegeralarm und wir sahen, nahe dem Taunuskamm, in &uuml;blicher H&ouml;he, einen feindlichen Kampfverband. Wir beobachteten auch noch, wie sich einige Maschinen daraus l&ouml;sten und auf uns zusteuerten. Bald fielen die ersten Bomben. Es folgten weitere, immer n&auml;her kommende Einschl&auml;ge. Wir waren mittlerweile erfahren genug und wussten, wie wir uns zu verhalten hatten. Hinter ein kleines M&auml;uerchen legten wir uns flach auf den Boden. Ich hielt meine Ohren zu und sperrte den Mund auf, da war auch schon der Einschlag in ein Haus, ganz nahe. Danach Ruhe. Verdreckt, aber unverletzt liefen wir nach Hause. Mutter kam uns auf der Treppe entgegen. Sie weinte.<\/p><p>Wir hatten gerade meinen Opa zu Grabe getragen und befanden uns auf dem Heimweg. Da erlebten wir einen &bdquo;Jabo&ldquo;-Angriff. Dieser schoss zuerst mit MG auf uns. Unser Vater, der wegen eines Fronturlaubs dabei war, rief noch rechtzeitig: &bdquo;In den Graben!&ldquo; Gemeint war ein Wasserabfluss neben dem Feldweg, den wir heimw&auml;rts gingen. Ich konnte die einschlagenden Geschosse h&ouml;ren und sehen, die uns aber nicht trafen. Doch dann l&ouml;ste der Flieger eine Bombe aus, die in einer Baracke einschlug. Ein dadurch herumwirbelnder Balken traf meine Mutter, die sich sch&uuml;tzend &uuml;ber uns Buben gelegt hatte. Sie wurde von M&auml;nnern, die nahe der Bahnschienen aus einem Unterstand kamen, ins Krankenhaus getragen, wo sie ihren Verletzungen erlag.<\/p><p>Obwohl die &bdquo;Amis&ldquo; schon in Mainz waren und einige Granaten in Richtung Wiesbaden abschossen, sollte ich &ndash; 14 Jahre alt &ndash; mit dem Volkssturm gegen sie ausr&uuml;cken. Ich war &bdquo;Melder&ldquo; mit Armbinde, die mich als solchen auswies. Samt Helm sollte ich beim Luftschutz im nahen Gutenberg-Gymnasium antreten und in den Krieg eingreifen. Damals habe ich schon beherzigt, was in der Nachkriegszeit auf einem Plakat zu lesen war: &bdquo;Stell&lsquo; dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.&ldquo; Ich habe mich im Kirchturm versteckt. Von dort aus konnte ich noch sehen, wie Leute f&uuml;r dieses letzte &bdquo;Himmelfahrtskommando&ldquo; auf einen mit einem Holzgenerator versehenen Lastwagen stiegen. Man entdeckte mich nicht und so &uuml;berlebte ich. F&uuml;r mich und die meisten meiner Generation ist es daher keine Frage: Nie wieder Krieg!<\/p><p>Willibald Troemer (Jahrgang 1931)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Nie mehr w&uuml;rden die Sirenen heulen<\/strong><\/p><p>Lieber Albrecht M&uuml;ller,<\/p><p>die Aufforderung, Erinnerung an die Kriegstage aufzuschreiben und an die NachDenkSeiten zu schicken, finde ich sehr gut, bewegen wir uns doch traumwandlerisch und das alles vergessend wieder in h&ouml;chstgef&auml;hrliche Zeiten. ich schicke Ihnen einen etwas &uuml;berarbeiteten Ausschnitt aus dem 1. Teil meiner autobiografischen Zeitbetrachtungsreihe &bdquo;Zwischen gestern und morgen &ndash; ich&rdquo; genau zu diesem Thema.<\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>Mit besten Gr&uuml;&szlig;en<br>\nWinfried Wolk<\/p><p>Meine Eltern waren zwei Jahre nach meiner Geburt aus beruflichen Gr&uuml;nden aus dem Erzgebirgsdorf wieder zur&uuml;ck nach Leipzig gezogen. Dabei hatte es im&#8198; M&auml;rz 1943 bereits einen Bombenabwurf in dem Stadtteil gegeben, in dem die Eltern und Br&uuml;der meiner Mutter wohnten. Es folgten weitere Angriffe auf die Leipziger Stadtteile Eutritzsch und Sch&ouml;nefeld. L&auml;ngst schon lief es f&uuml;r die Deutschen nicht mehr gut im weltweiten Gemetzel. Die Schlacht um Stalingrad war zu einem Desaster geworden, in Tunesien mussten die deutschen Truppen kapitulieren und im Juli landeten die Alliierten auf Sizilien. Am 27. Juli 1943 verw&uuml;stete die &bdquo;Operation Gomorrha&rdquo; Hamburg, brachte dort 35.000 Menschen den Tod und sorgte f&uuml;r landesweites Entsetzen. <\/p><p>Meiner Mutter machte dieses alles gro&szlig;e Angst, zumal auch mein Vater Mitte 1943 zum Kriegsdienst einberufen wurde. Kurzerhand entschloss sie sich, das mittlerweile hochgef&auml;hrdete Leipzig wieder zu verlassen und mit uns Kindern zur&uuml;ck in das gewiss sichere Dorf im Erzgebirge zu ziehen. Dort w&uuml;rden ganz gewiss keine Bomben fallen. Hier war ich zur Welt gekommen, hier tat ich nun meine ersten bewussten Schritte. So lebten wir in einer friedlichen Welt, w&auml;hrend in Leipzig die Bombardements zunahmen.&#8198; &#8198; <\/p><p>Am 4. Dezember 1943 wurden gro&szlig;e Teile der eng bebauten Innenstadt, das Gewandhaus, das Reichsgericht, die Universit&auml;tsbibliothek und gro&szlig;e Teile des Musikviertels zerst&ouml;rt und etwa 1.800 Menschen get&ouml;tet. In der Nacht zum 20. Februar 1944 warfen 700 Bomber innerhalb von 30 Minuten fast 2.300 t Spreng- und Brandbomben auf die Wohn- und Industriegebiete im S&uuml;dwesten von Leipzig, am Nachmittag desselben Tages bombardierten 200 Bomber der 8. US-Luftflotte die am Flughafen Mockau im Nordosten der Stadt befindlichen Flugzeugwerke. Das alles sorgte daf&uuml;r, dass in Leipzig unzerst&ouml;rter Wohnraum knapp und unsere Mutter aufgefordert wurde, umgehend die Leipziger Wohnung wieder zu nutzen, ansonsten diese an diejenigen vergeben w&uuml;rde, die durch die Bombardements wohnungslos geworden waren. So w&auml;hrte die Zeit nicht lange, in der wir im kleinen Erzgebirgsdorf vor den Bombenangriffen gesch&uuml;tzt waren. <\/p><p>In Leipzig durfte ich wegen des jederzeit zu erwartenden Fliegeralarms nur im Hof und nicht auf der kleinen Stra&szlig;e spielen. Die Angst meiner Mutter war begr&uuml;ndet. Nur wenige hundert Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt produzierte das B&uuml;ssing-Werk Motoren und Fahrgestelle f&uuml;r Acht-Rad-Panzersp&auml;hwagen. Auch befand sich der gro&szlig;e G&uuml;terbahnhof Leipzig-Wahren, wo die Munitionsz&uuml;ge f&uuml;r die Front zusammengestellt wurden, in keiner allzu gro&szlig;en Entfernung. Das waren wichtige Ziele der alliierten Bomberstaffeln und nicht immer trafen die Bomben ihre anvisierten Ziele. <\/p><p>Die Angst vor einem Luftangriff beherrschte jetzt den Alltag. F&uuml;r mich war das Geheul der Sirenen, das einen solchen Angriff ank&uuml;ndigte, das Unertr&auml;glichste, was es &uuml;berhaupt auf der Welt gab. Noch heute sp&uuml;re ich beim Heulen von Sirenen tief in meinem Inneren die damals empfundene panische Unruhe. Doch auch den d&uuml;steren, dumpfigen Luftschutzkeller, in den wir von diesem Geheul getrieben wurden,&#8198;hasste ich aus tiefstem Herzen. Die bedr&uuml;ckend-stickige Luft und das sp&auml;rliche Licht der einsamen Gl&uuml;hbirne machte den niedrigen Raum zu einem Schreckensort, wo alle nur vorstellbaren Gespenster zu Hause waren. Nie, das schwor ich mir, w&uuml;rde ich allein in diesen Keller gehen. Auch viele Jahre danach, wenn mich die Mutter dorthin schickte, um Kartoffeln oder Kohlen zu holen, kostete es mich gro&szlig;e &Uuml;berwindung, diesen gruseligen Ort zu betreten. <\/p><p>Immer &ouml;fter trieb uns das Sirenengeheul in diesen mir unheimlichen Raum, wo wir mit den anderen Bewohnern unseres Hauses auf den schmalen, harten Holzb&auml;nken, die an den W&auml;nden des niedrigen kleinen Raumes aufgestellt waren, ganz eng beieinander sitzen mussten. Das schwache Licht lie&szlig; alle zu gesichtslosen dunklen Schatten werden, in denen ich niemanden mehr zu erkennen vermochte. Anfangs herrschte gespannte, gespenstische Stille, was f&uuml;r mich alles noch unheimlicher machte. Alle lauschten angstvoll konzentriert, wenn das langsam anschwellende, immer bedrohlicher werdende, tiefe Brummen der sich n&auml;hernden Flugzeuge zu h&ouml;ren war. Dann&#8198;presste ich mich ganz fest an meine Mutter und hoffte, dass sie mich und meine Hand nie mehr loslassen w&uuml;rde. <\/p><p>Manchmal ging der Bombenalarm vorbei, ohne dass etwas Bedrohliches geschah. Doch manchmal war nicht nur das Dr&ouml;hnen der Flugzeuge zu h&ouml;ren, das lauter und immer lauter wurde, sondern auch die Detonationen der Bomben. Und manchmal, wenn die Einschl&auml;ge sehr nah waren, sp&uuml;rte ich das Erbeben des Hauses. Oft flackerte dann das sowieso schwache Licht, erlosch und st&uuml;rzte alles augenblicklich in rabenschwarze Finsternis. Dann kannte meine panische Angst keine Grenzen. Doch auch die sonst so selbstsicheren Erwachsenen begannen laut zu jammern und zu schluchzen und flehten den lieben Gott an, uns zu helfen. Und auch ich schrie sie heraus, meine Angst und betete mit, damit er uns auch wirklich h&ouml;rt und hilft, der liebe Gott. Wenn ich dann sp&uuml;rte, dass auch meine starke Mutter, die doch immer alles konnte und sich vor nichts f&uuml;rchtete, ebenfalls zitterte und betete und weinte, wusste ich, es w&uuml;rde keine Rettung geben, nicht f&uuml;r mich und f&uuml;r keinen anderen in diesem Keller. Wir alle waren unrettbar verloren. <\/p><p>Doch wenn wir tats&auml;chlich durch ein Wunder oder Gottes Hilfe noch einmal davongekommen waren und die Sirenen endlich die Entwarnung in die Luft heulten, vollzog sich eine erstaunliche Verwandlung bei den Erwachsenen. Die noch vor wenigen Minuten alles beherrschende, panische Angst schlug &uuml;bergangslos in lautstarken Zorn um. Alle schimpften jetzt &uuml;ber diese schlimmen anglo-amerikanischen Bombenflieger, die uns das alles antaten. Auch ich war sehr zornig auf sie. Warum machten sie unsere sch&ouml;nen St&auml;dte kaputt und jagten uns immer wieder mit diesem gr&auml;sslichen Sirenengeheul in diesen furchtbaren Luftschutzkeller?<\/p><p>Die immerfortw&auml;hrenden Fliegeralarme, das Sirenengeheul und die panische Flucht in den Luftschutzkeller verfolgten mich oft bis in meine Tr&auml;ume. Nur wenn ich im freien Bett neben der Mutter schlafen durfte, f&uuml;hlte ich mich einigerma&szlig;en sicher. Doch auch hier schreckten mich immer wieder schlimme Angsttr&auml;ume auf. Dann gab es nur einen Ausweg: Ich musste unbedingt Licht haben, musste sehen, dass um mich herum wirklich nichts Schreckliches geschah und alles, was mir Angst machte, nur ein schlechter Traum gewesen war. Am Kopfende der Ehebetten meiner Eltern gab es eine Schnur, an der man einfach nur ziehen musste, um die Deckenleuchte einzuschalten. Wenn ich mich ein bisschen streckte, konnte ich diese greifen. Schlaftrunken und in meiner panischen Angst fand ich diese rettende Schnur oft nicht. Bei der verzweifelt-hektischen Suche gruben meine Fingern&auml;gel in das gl&auml;nzende Furnier des elterlichen Ehebettgiebels tiefe Spuren, die auch viele Jahre sp&auml;ter als Zeugnisse meiner Panikattacken noch deutlich zu sehen waren.<\/p><p>Leipzig blieb weiter ein von der Royal Air Force und der 8. US-Luftflotte intensiv angegriffenes Ziel. Die Flugzeuge kamen jetzt nicht nur nachts, auch am Tag k&uuml;ndigten die Sirenen mit ihrem entsetzlichen Heulen deren Kommen an. Am 27. Februar 1945 flog die 8. US-Luftflotte in der Mittagszeit einen Angriff auf das gesamte Stadtgebiet, ebenfalls am 6. April. Die Royal Air Force unternahm in der Nacht vom 10. auf den 11. April einen Doppelangriff. <\/p><p>Am 15. April 1945 endete dann der alliierte Bombenkrieg.<\/p><p>Jetzt musste ich keine mehr Angst haben, wenn Flugzeuge am Himmel auftauchten, endlich gab es keinen der verhassten Bombenalarme mehr, nie mehr w&uuml;rden die Sirenen heulen, nie mehr w&uuml;rden Bomben fallen, nie mehr m&uuml;sste ich so schnell ich nur konnte die Treppen hinunter in den verhassten Luftschutzkeller rennen. Und endlich durfte ich mit den anderen Kindern auch auf der Stra&szlig;e spielen. Als etwas sp&auml;ter am endlosen, fr&uuml;hlingsblauen Himmel ein Pulk von Flugzeugen in gro&szlig;er H&ouml;he dahinzog, machte mir das keine Angst mehr. <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Man hat niemals herausfinden k&ouml;nnen, warum diese Bomben dort abgeworfen wurden<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte NDS-Redaktion,<\/p><p>pers&ouml;nlich habe ich den Zweiten Weltkrieg und das Kriegsende nicht miterlebt, daf&uuml;r bin ich dann doch zu jung.<\/p><p>Meine Eltern haben diese Zeit allerdings als Kinder erlebt. Nach dem Krieg wurde nicht viel dar&uuml;ber geredet bis auf eine Ausnahme, die mir in Erinnerung geblieben ist: <\/p><p>Meine Mutter hat mir einmal erz&auml;hlt, dass sie nicht nur drei Br&uuml;der h&auml;tte, sondern auch noch eine kleine Schwester hatte, die jetzt meine Tante w&auml;re, wenn sie den Krieg &uuml;berlebt h&auml;tte. Sie ist allerdings kurz vor Kriegsende gestorben, aber nicht etwa durch eine Fliegerbombe, eine Mine, eine Granate oder eine Gewehrkugel, und gen&uuml;gend zum Essen gab es auch, da meine Mutter auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Aber ihre kleine Schwester ist einmal krank geworden und einfach &bdquo;nur&rdquo; deswegen gestorben, weil es keine Medikamente gab. Die Medikamente wurden n&auml;mlich f&uuml;r die Soldaten an der Front ben&ouml;tigt.<\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>Am Stadtrand meiner Heimatstadt gibt es (&hellip;) einige Fischteiche. Diese Fischteiche gibt es seit 1945. Es sind ehemalige Bombenkrater. Man hat niemals herausfinden k&ouml;nnen, warum diese Bomben dort abgeworfen wurden. In dieser Kleinstadt gab es zu diesem Zeitpunkt keinerlei Ziele, die von irgendeiner milit&auml;rischen Relevanz gewesen w&auml;ren, um darauf Bomben abzuwerfen (und zu verschwenden). Eine m&ouml;gliche Ursache: Die Stadt lag direkt auf der Flugroute der britischen und amerikanischen Bomber, die nachts regelm&auml;&szlig;ig nach Berlin geflogen sind, um die Hauptstadt zu bombardieren, und die Bomben, die nicht &uuml;ber Berlin abgeworfen wurden, wurden dann beim R&uuml;ckflug abgeworfen, um Gewicht bzw. Treibstoff zu sparen. Ob die Bomben meine Heimatstadt nur verfehlten oder die Besatzung und der Bombensch&uuml;tze absichtlich daneben gezielt haben, diese Frage konnte bis heute niemand verl&auml;sslich beantworten.<\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nDetlef Schmiedel<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;Ich hoffe auf Gott, dass er mich Dir und den Kindern erh&auml;lt.&ldquo;<\/strong><\/p><p>(&hellip;) Ich bin 1946 geboren worden und habe Erinnerungen an Ruinen in unserer Wohnumgebung in Berlin Zehlendorf, die uns als gef&auml;hrlicher Spielplatz diente und als Fundort f&uuml;r Metalle aller Art, die man zum Schrotth&auml;ndler brachte, um sich Taschengeld zu verdienen.<\/p><p>Tief in mir verwurzelt ist eine tiefe Angst vor Krieg und hat mich zu einer festen Haltung gegen Militarisierung und Krieg gebracht. Fassungslos stehe ich heute vor der Kriegstreiberei in unserem Land, in dem man h&ouml;ren muss, Ru&szlig;land m&uuml;sse verlieren lernen wie die Deutschen ehemals. Will man also doch Rache nehmen?<\/p><p>Landauf und landab wird unter der Parole verdeckt, was eigentlich wirklich passiert, Krieg aus nationalen oder geopolitischen Interessen, und damit verbunden Mord, Tod, Vertreibungen, Folter, Vergewaltigungen, die ganze Palette der Verbrechen, die die Menschheitsgeschichte durchziehen. <\/p><p>Geschichte wiederholt sich nicht, aber Geschichten &auml;hneln sich.<\/p><p>Erbarmungslos versuche ich in meinem Umfeld aufzukl&auml;ren, auch mit der Biografie meiner Familie.<\/p><p>Brief des leiblichen Vaters Richard Albert Eduard Pick an seine Ehefrau Hedwig Anna Gertrud Pick, geb. Bera vor dem Ausr&uuml;cken in den Ersten Weltkrieg:<\/p><blockquote><p>\n<em>Spandau, den 15.3.1915<\/em><\/p>\n<p><em>Mein liebes Herz,<\/em><\/p>\n<p><em>Ich will Dir hiermit die letzten Gedanken, welche mich vor meinem Ausr&uuml;cken bedr&uuml;cken zu Papier bringen, und bitte Dich, auch noch pers&ouml;nlich, diesen Brief erst nach meinem Ausr&uuml;cken zu lesen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich konnte gestern Abend nicht schlafen und habe mich ruhelos umhergeworfen, weil ich mit meinen Gedanken nur bei Dir war.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich sah mich in Gedanken drau&szlig;en im Felde liegen, ob krank, verwundet oder tot, ich wei&szlig; es nicht. Und weiter dachte ich an Dich und die Kinder und hei&szlig;e Tr&auml;nen habe ich geweint bei dem Gedanken Dich und die Kinderchen vielleicht nicht wieder zu sehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich hoffe auf Gott, dass er mich Dir und den Kindern erh&auml;lt.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch habe ich all das Unrecht, was ich glaube, Dir in der langen Zeit unserer Ehe angetan zu haben, tief bereut und bitte Dich herzlichst um Vergebung mein Liebling!<\/em><\/p>\n<p><em>Hoffe auf Gott und bete f&uuml;r mich, ich will es auch f&uuml;r Dich tun, so wird er mich besch&uuml;tzen und mich gesund zur&uuml;ckkehren lassen.<\/em><\/p>\n<p><em>Meine Feldadresse lautet, damit Du sie nicht vergisst: 5. Garderegiment zu Fu&szlig;, verst&auml;rkte 5. Garde Infanterie Brigade 25, Reserve Korps. <\/em><\/p>\n<p><em>Es fehlt nur noch die Kompanie, die gebe ich Dir sp&auml;ter an.<\/em><\/p>\n<p><em>Nun lebe wohl, und m&ouml;chte Gott, auf Wiedersehen, Dein treuer Richard<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Der Brief des Ehemannes klang nicht nach Kriegseuphorie, sondern nach Angst. Gleichwohl wurde der Beginn des Krieges 1914 im Land euphorisch gefeiert. Richard Pick sollte mit seinen dunklen Ahnungen recht behalten. Nur drei Monate sp&auml;ter war er tot.  Als Angeh&ouml;riger der Fu&szlig;truppen des 5. Garderegiments war er als 30-j&auml;hriger sechsfacher Vater am Feldzug im Osten beteiligt. <\/p><p>Nicht zu kl&auml;ren ist, warum er in seinem Alter und Status als Familienvater so fr&uuml;h in den Krieg eingezogen wurde oder ob er sich wom&ouml;glich freiwillig gemeldet hatte. Er geh&ouml;rte zur Reserve. <\/p><p>(&hellip;)<\/p><p>von Brigitte Pick<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg\">wikicommons<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3652,2104,2394,2433,966,2037],"class_list":["post-150632","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-wehrdienst","tag-weltkrieg","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/junge-berlin.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150632","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150632"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150684,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150632\/revisions\/150684"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}