{"id":150686,"date":"2026-05-20T09:00:44","date_gmt":"2026-05-20T07:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150686"},"modified":"2026-05-20T09:13:40","modified_gmt":"2026-05-20T07:13:40","slug":"sags-doch-mal-durch-die-blume-friedrich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150686","title":{"rendered":"Sag\u2018s doch mal durch die Blume, Friedrich &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Die Koalition ist bei den W&auml;hlern unten durch und der Bundeskanzler so unbeliebt wie noch kein BRD-Regierungschef vor ihm. Aber Merz hat die L&ouml;sung: Er muss einfach nur &bdquo;besser erkl&auml;ren&ldquo;, was er mit seiner Kahlschlagspolitik bezweckt. Dann kommt das Vertrauen der Menschen wie von selbst zur&uuml;ck. Ach was!? Ein Kommentar von <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Soziales Kettens&auml;genmassaker.&ldquo; Ein h&auml;ssliches Wort. Verbreitet hat es das Magazin <em>Cicero<\/em>, das nicht im Ruf steht, die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse &uuml;berwinden zu wollen. Ein &bdquo;soziales Kettens&auml;genmassaker&ldquo; stehe Deutschland bevor, mit &bdquo;harten Einschnitten&ldquo; in allen Bereichen &bdquo;bei der Rente&ldquo;, &bdquo;beim Elterngeld und beim Wohngeld&ldquo;, befand vor zehn Tagen (hinter Bezahlschranke) Autor Mathias Brodkorb, Ex-Politiker und immerhin der SPD zugeh&ouml;rig. Man k&ouml;nnte die Liste weiterf&uuml;hren: K&uuml;rzungen bei den Krankenkassen, den Kliniken, den Leistungen f&uuml;r Familien, Kinder, Behinderte, Fl&uuml;chtlinge, Erwerbslose. &Uuml;ber Jahrzehnte gewachsene sozialstaatliche Strukturen will die Bundesregierung mit einem so nie dagewesenen Gro&szlig;reinemachen einfach wegwischen.<\/p><p>Allen voran will das der Bundeskanzler, w&auml;hrend sich die SPD beim Massakrieren noch ziert. Eigentlich kann man Friedrich Merz (CDU) fast dankbar daf&uuml;r sein, dass er mit seinen Pl&auml;nen und Zielen nicht hinterm Berg h&auml;lt und in sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit S&auml;tze wie diesen raushaut: &bdquo;Wir k&ouml;nnen uns dieses System, das wir heute so haben, einfach nicht mehr leisten.&ldquo; Oder: &bdquo;Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche l&auml;sst sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten.&ldquo; Da wissen die Menschen im Land, woran sie sind und wof&uuml;r sie ihr Kreuzchen am Wahlsonntag gemacht oder nicht gemacht haben. Wobei immer mehr B&uuml;rgern eher Letzteres zu Bewusstsein gelangt.<\/p><p><strong>Historischer Vertrauensverlust<\/strong><\/p><p>Nach gut einem Jahr im Amt leidet Schwarz-Rot unter einem nachgerade historischen Vertrauensverlust. Zuletzt bewerteten je nach Umfrage zwischen zehn bis 15 Prozent die Arbeit der Koalition noch als &bdquo;gut&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.merkur.de\/politik\/ende-der-koalition-umfrage-schock-fuer-merz-haelfte-der-deutschen-wuenscht-sich-zr-94304662.html\">69 bis 82 Prozent &auml;u&szlig;erten sich &bdquo;unzufrieden&ldquo;<\/a>. Besonders desastr&ouml;s sind die Zustimmungswerte f&uuml;r Merz. K&uuml;mmerliche 15 Prozent finden seine Arbeit aktuell in Ordnung, &uuml;ber 80 Prozent nicht. Tats&auml;chlich schickt er sich damit an, der unbeliebteste Regierungschef seit BRD-Bestehen zu werden. Es gibt einen ziemlich naheliegenden Schluss, der sich daraus ziehen lie&szlig;e: Die Leute haben begriffen, wof&uuml;r die Regierung und speziell der Bundeskanzler stehen &ndash; sie selbst lehnen diesen Kurs aber in gro&szlig;er Mehrheit ab. Oder ganz banal ausgedr&uuml;ckt: Die Menschen wollen kein &bdquo;soziales Kettens&auml;genmassaker&ldquo;.<\/p><p>Es ergeben sich im Groben zwei M&ouml;glichkeiten, darauf zu reagieren. Union und SPD machen einfach stur weiter wie bisher, sorgen f&uuml;r noch mehr Verdruss und laufen Gefahr, &uuml;ber kurz oder lang zu st&uuml;rzen. Oder sie lassen von ihrer politischen Linie ab und das mit den sozialen Grausamkeiten einfach bleiben. Aber so einfach macht es sich Merz nat&uuml;rlich nicht. Er hat eine andere L&ouml;sung parat. Pr&auml;sentiert hat er die beim j&uuml;ngsten Katholikentag in W&uuml;rzburg, wo er am vergangenen Freitag bei seiner Rede mit Buhrufen bedacht wurde. Dasselbe hatte er vor einer Woche beim Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) erlebt. Auch da provozierte er mit seinem Gerede von &bdquo;sozialer Kraftanstrengung&ldquo; und &bdquo;tiefgreifenden Sozialreformen&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/innenpolitik\/merz-buhrufe-100.html\">laute Unmutsbekundungen<\/a>.<\/p><p><strong>Mit &Uuml;berbiss zum Bund<\/strong><\/p><p>Unter diesem Eindruck beschied nun also der Kanzler in W&uuml;rzburg: <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/merz-katholikentag-100.html\">&bdquo;Ich wei&szlig;, dass ich in meiner Kommunikation etwas verbessern muss.&ldquo;<\/a> Er werde versuchen, dem Land und der Bev&ouml;lkerung trotz gro&szlig;er Herausforderungen Optimismus zu geben, dass man es hinbekommen k&ouml;nne. Er m&uuml;sse aber noch &bdquo;mehr erkl&auml;ren&ldquo;. Das ist es in Wahrheit, was den Menschen so zusetzt. Nicht die noch einmal gr&ouml;&szlig;ere Unsicherheit bei der Rente, die noch einmal h&ouml;heren Zuzahlungen f&uuml;r Medikamente, die drohenden R&uuml;ckschritte bei der Pflege oder die st&auml;ndigen Mieterh&ouml;hungen. Ach was! Das alles l&auml;sst sich hinnehmen und verschmerzen, wenn der Kanzler nur richtig &bdquo;kommuniziert&ldquo; und schl&uuml;ssig &bdquo;erkl&auml;rt&ldquo;, wozu das alles n&ouml;tig ist. Etwa daf&uuml;r, dass die Bundeswehr zur &bdquo;konventionell st&auml;rksten Armee Europas&ldquo; aufsteigt oder Deutschlands Milliard&auml;re noch einmal reicher werden k&ouml;nnen. Das leuchtet ein und mobilisiert Unterst&uuml;tzung.<\/p><p>Zum Beispiel wird dann gewiss auch der noch praktizierende Kieferorthop&auml;de in Berlin Verst&auml;ndnis daf&uuml;r aufbringen, dass er seinen Job demn&auml;chst an den Nagel h&auml;ngen darf. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sieht in dem Bereich n&auml;mlich &bdquo;&Uuml;berversorgung&ldquo;, will deshalb nur noch auf Fachzahn&auml;rzte f&uuml;r Kieferorthop&auml;die setzen und nicht l&auml;nger auf Zahn&auml;rzte, die ihre Kenntnisse &uuml;ber alternative Fortbildungsm&ouml;glichkeiten erworben haben. In der Hauptstadt k&ouml;nnten so auf einen Schlag 156 Praxen verschwinden, <a href=\"https:\/\/www.bild.de\/regional\/berlin\/warkens-sparhammer-droht-156-kieferorthopaeden-in-berlin-das-aus-69ea58c1c4c1fb99d23d966a\">wie <em>BILD<\/em> berichtete<\/a>, und in Nordrhein-Westfalen 200.000 bis 300.000 Kindern <a href=\"https:\/\/www.kzvnr.de\/aktuelles\/news\/detail\/kahlschlag-in-der-kieferorthopaedie\">&bdquo;kein Behandler und keine Behandlerin mehr zur Verf&uuml;gung&ldquo;<\/a> stehen, wie die Kassenzahn&auml;rztliche Vereinigung Nordrhein warnt. Das jedoch w&auml;re f&uuml;r Eltern und ihre Spr&ouml;sslinge halb so wild, wenn der Kanzler nur die richtigen Worte daf&uuml;r f&auml;nde, dass ein &Uuml;berbiss zwar nicht sch&ouml;n sein mag, aber erst ab neun Millimetern Probleme beim Kauen und Sprechen verursacht. Und au&szlig;erdem: Die Bundeswehr stellt auch h&auml;ssliche Entlein ein.<\/p><p><strong>W&auml;hler sind vergesslich<\/strong><\/p><p>Es geh&ouml;rt schon sehr lange zu den g&auml;ngigen Sprechblasen im Politgesch&auml;ft, einen &bdquo;besseren Kommunikationsstil&ldquo; zu geloben, ohne auch nur einen Deut von der eingeschlagenen politischen Marschrichtung abzuweichen. Dabei ist dies selbst nur eine Kommunikationsstrategie: eine von PR-Profis entwickelte Methode, um schlechten Umfragewerten beizukommen. Und die ereilen die Regierenden in Bund und L&auml;ndern immer schneller. Wer glaubte, die Ampelkoalition h&auml;tte in puncto &bdquo;W&auml;hler verprellen&ldquo; bleibende Ma&szlig;st&auml;be gesetzt, hat sich geirrt. Die Wucht der allgemeinen Entt&auml;uschung ist mit der GroKo noch einmal deutlich gr&ouml;&szlig;er geworden. Nach einem Jahr ist praktisch aller Kredit aufgebraucht.<\/p><p>Dabei z&auml;hlt es zu den gro&szlig;en Wunderlichkeiten der Demokratie, dass sich unter diesen Bedingungen jedes Mal wieder neue Regierungen finden lassen, bei nahezu gleichbleibendem Farbenspiel. Eben noch waren die Gr&uuml;nen die S&uuml;ndenb&ouml;cke der vermaledeiten Ampel. Aber schon in drei Jahren k&ouml;nnten die verkappten &Ouml;kopazifisten rehabilitiert sein und erneut nach der Macht greifen. Selbst die FDP berappelt sich regelm&auml;&szlig;ig vom &bdquo;Todessto&szlig;&ldquo; und findet zur&uuml;ck auf die gro&szlig;e B&uuml;hne. Nicht weil ihre Politikangebote &uuml;berzeugen w&uuml;rden, sondern die Konkurrenz nach vier Jahren Elend mal wieder untendurch ist. Das alles ist tragisch und ein Ausdruck von Alternativlosigkeit und Apathie. Aber leider k&ouml;nnen sich Politiker auf nichts mehr verlassen als darauf, dass die W&auml;hler vergesslich sind.<\/p><p><strong>Einheitsbrei in Endlosschleife<\/strong><\/p><p>Mit der erstarkten AfD gibt es faktisch noch weniger Alternativen, weil partout keine Partei sie ins Boot holen will. Immer mehr w&auml;hlen sie, aber keiner bekommt sie, w&auml;hrend der parteipolitische Einheitsbrei in stets neuer, alter Konstellation und in Endlosschleife wiederkehrt. Nicht minder eint&ouml;nig ist das Programm der Etablierten. Es lautet &bdquo;Deutschland wettbewerbsf&auml;hig machen&ldquo; und bedeutet Politik gegen die Mehrheitsbev&ouml;lkerung: l&auml;nger arbeiten, Lohnausbeutung, Sozialk&uuml;rzungen, weniger Rechte, mehr Repression. Mit den multiplen Krisen seit Corona hat sich die Gangart dabei noch einmal deutlich versch&auml;rft, was speziell der AfD riesigen Zulauf gebracht hat. Dabei d&uuml;rften viele ihrer Anh&auml;nger nicht ahnen, dass die Partei so neoliberal tickt wie die FDP und den Sozialstaat nicht minder brutal schleifen will wie Merz und seine CDU.<\/p><p>Man darf gespannt sein, ob und wie der Kanzler seine Rhetorik ummodelt, um von seinen Absichten abzulenken. Bisher hat er mit seiner Diktion von Verzicht und Anstrengung durchaus aufkl&auml;rend gewirkt. Die Menschen haben sehr wohl verstanden, was er will, sprich ihren Interessen zuwiderhandeln. Ob sie das auch verstehen, wenn Merz Verst&auml;ndigkeit vorsch&uuml;tzt? Andererseits d&uuml;rfte es gerade f&uuml;r ihn kein leichtes Unterfangen sein, sich und seine Sprache f&uuml;rs Publikum weichzusp&uuml;len. Lektion eins, Friedrich! Sag mal &bdquo;soziales Kettens&auml;genmassaker&ldquo; durch die Blume?<\/p><p><small>Titelbild: ChatGPT, erstellt mit k&uuml;nstlicher Intelligenz<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/c8b989de06ba4e3897c624508cb385c1\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Koalition ist bei den W&auml;hlern unten durch und der Bundeskanzler so unbeliebt wie noch kein BRD-Regierungschef vor ihm. Aber Merz hat die L&ouml;sung: Er muss einfach nur &bdquo;besser erkl&auml;ren&ldquo;, was er mit seiner Kahlschlagspolitik bezweckt. Dann kommt das Vertrauen der Menschen wie von selbst zur&uuml;ck. Ach was!? 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