{"id":150740,"date":"2026-05-24T15:00:04","date_gmt":"2026-05-24T13:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740"},"modified":"2026-05-22T06:48:22","modified_gmt":"2026-05-22T04:48:22","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (7)"},"content":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_804\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-150740-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=150740-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260521_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_7_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Der kleine Teddy<\/strong><\/p><p>Kurz vor Kriegsende war ich 2 Jahre alt. Ich besa&szlig; einen sehr kleinen (Steif-) Teddy, den mir mein Vater geschenkt hatte. Der Teddy sah etwas ramponiert aus, aber ich liebte ihn trotzdem sehr, teilte jede Nacht das Bett mit ihm, indem ich ihn mit auf mein Kopfkissen legte. <\/p><p>Jahre sp&auml;ter erz&auml;hlte mein Vater mir seine Geschichte: Wir wohnten in Freital, einem Ort unmittelbar an der Dresdener Stadtgrenze. Einen Tag nach den Bombardierungen von Dresden im Februar 45 fuhr mein Vater mit dem Fahrrad nach Dresden, um herauszufinden, was mit seiner Schwester, sie wohnte mit ihrem Mann im Zentrum N&auml;he Altmarkt, passiert sei. Er fand nur rauchende Tr&uuml;mmerberge vor, ein Vordringen zum Standort des Hauses war nicht m&ouml;glich. Ihre Leichen wurden nie gefunden. Auf der R&uuml;ckfahrt wurde mein Vater durch herabst&uuml;rzende Geb&auml;udetr&uuml;mmer verletzt. Dabei fand er auf der Stra&szlig;e den kleinen Teddy.<\/p><p>Ich fragte meinen Vater, wem denn der Teddy geh&ouml;rt habe. Er wusste es nat&uuml;rlich nicht, meinte aber, m&ouml;glicherweise w&auml;re das Kind bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.<\/p><p>Ich verstand das nicht und fragte nach dem Warum.<\/p><p>Eine weitere Schwester meines Vaters, wohnhaft in einem Dresdener Au&szlig;enbezirk, &uuml;berlebte die Bombardierung in einem Luftschutzkeller, wurde aber v&ouml;llig ausgebombt. Ihr Sohn, 17-j&auml;hrig, starb als Soldat wenige Wochen vor Kriegsende in Griechenland den &bdquo;Heldentod&ldquo; f&uuml;r F&uuml;hrer, Volk und Vaterland. Ihr Mann kehrte nicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zur&uuml;ck.<\/p><p>Den kleinen Teddy gab ich sp&auml;ter an einen meiner S&ouml;hne weiter. Alle diese Kindheitserinnerungen haben sich fest und unausl&ouml;schbar in mein Ged&auml;chtnis eingepr&auml;gt. Und best&auml;rkten meine antimilitaristische Haltung.<\/p><p>Anmerkung: Mein Sohn sagt immer, ich solle diese alternativen Medien wie z.B. die NDS nicht lesen. Sie w&uuml;rden mich zu sehr aufregen. Nein, entgegne ich ihm, sie sind ein Trost f&uuml;r mich, dass ich mich mit meiner Meinung nicht allein f&uuml;hle.<\/p><p>Hans Sarfert<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?&ldquo;<\/strong><\/p><p>Ich bin 1954 geboren und die ersten Jahre bei meinen Gro&szlig;eltern in Frankfurt\/M. aufgewachsen. Mein geliebter Opa war nicht mein leiblicher Gro&szlig;vater, der ist 1941 in Russland geblieben. Meine Oma war nach dem Krieg eine neue Partnerschaft eingegangen. Meine Mutter, 1931 geboren, hat den Verlust ihres Vaters nie &uuml;berwunden und das Idealbild eines Mannes verinnerlicht, dem kein lebender Mann, weder mein Vater noch mein Bruder entsprechen konnten. <\/p><p>Entsprechend skeptisch war sie gegen&uuml;ber dem Lebensgef&auml;hrten ihrer Mutter, einem, der sich vor der Wehrmacht gedr&uuml;ckt hatte. Mein Opa hatte es tats&auml;chlich geschafft, nicht eingezogen zu werden, nicht aus Feigheit, was meine Mutter immer unterstellte, sondern aus politischem Bewusstsein. Opa war Kommunist. <\/p><p>Jahrzehnte sp&auml;ter unterhielten sich meine Eltern mit meinen Gro&szlig;eltern und meine Mutter griff verbal meinen Opa an: Und, was hast Du denn gemacht, als sie die Juden abholten?<\/p><p>Mein Opa stand daraufhin auf und verlie&szlig; ohne Erkl&auml;rung den Raum. Erst kurz vor seinem Tod teilte er mit mir die sehr schmerzliche Erinnerung, w&auml;hrend der Nazizeit einer Widerstandsgruppe angeh&ouml;rt zu haben, die Juden versteckte. Er war dort in die Versorgung der Versteckten mit eingebunden. Die Juden wurden entdeckt und sein Genosse, der sie versteckt hatte, kam ins KZ. Tats&auml;chlich &uuml;berlebten Frankfurter Juden nicht. <\/p><p>F&uuml;r mich war mein Opa ein Held, f&uuml;r seine Zeitgenossen ein verachtungsw&uuml;rdiger Feigling.<\/p><p>Grit Reichert<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wir kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Gro&szlig;en an uns vorbeimarschierten<\/strong><\/p><p>KRIEGS-T&Uuml;CHTIG manipuliert wurde die Jugend auch damals.<\/p><p>Als Kriegskind, geboren im September 1938, habe ich die &bdquo;Operation Gomorrha&ldquo; mit den verheerenden Bombenangriffen auf Hamburg im Juli 1943 &uuml;berlebt, weil wir kurz vorher zu b&auml;uerlichen Verwandten in die L&uuml;neburger Heide gebracht wurden. Auch unsere Wohnung in HH-Barmbek wurde durch die Bomben zerst&ouml;rt, und binnen weniger Tage wurden 40.000 Menschen im Feuersturm get&ouml;tet.<\/p><p>Unsere tatkr&auml;ftige Mutter organisierte dann im waldreichen Norden Hamburgs ein Behelfsheim f&uuml;r uns, w&auml;hrend der Vater als Kapit&auml;n im Kriegseinsatz in Norwegen war.<\/p><p>Bei uns in der N&auml;he war das Jugendheim, in dem die gut organisierte Partei die Jugend mit Gel&auml;ndespielen und Gesang auf den Einsatz im Zweiten Weltkrieg vorbereitete &ndash; irgendwo an den vielen Fronten, &uuml;ber die lautstark jeden Tag in den Rundfunk-Sondermeldungen berichtet wurde.<\/p><p>Wir noch kleinen Kinder waren neidisch, wenn die Gro&szlig;en an uns vorbeimarschierten in ihren schicken HJ-Uniformen und mit Ges&auml;ngen und Spielen kriegst&uuml;chtig gemacht wurden, damit sie bereit waren zu sterben im Kampf f&uuml;r das Vaterland.<\/p><p>Die Manipulation der Jugend war perfekt &ndash; aber mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 war auch unser kindlicher Traum vom Dabeisein beendet. <\/p><p>Meine Mutter brach in Tr&auml;nen aus wegen des verlorenen Krieges.<\/p><p>&bdquo;Nie wieder Krieg&ldquo; war in den Jahrzehnten danach unser aller Ziel. Niemals h&auml;tten wir es f&uuml;r m&ouml;glich gehalten, dass 80 Jahre sp&auml;ter &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; und &bdquo;Russenhass&ldquo; bei manchen verblendeten Politikern und deren Medien zum wichtigsten &bdquo;Deutschen Wert&ldquo; erhoben wird und sogar die Jugend wieder einbezogen wird mit dem Ziel der &bdquo;Kriegs-T&uuml;chtigkeit.<\/p><p>Die Methoden von damals sind wieder da &ndash; allerdings ist die Art der Manipulation<br>\nnoch &bdquo;verbessert&ldquo; worden &ndash; eine erschreckende Entwicklung, die dringend beendet werden muss.<\/p><p>Peter Fr&auml;mke <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen<\/strong><\/p><p>Ich war 6 Jahre alt, als jede Nacht die Sirenen erklangen und wir aus dem 4. Stock in der Uhlandstra&szlig;e in Berlin in den Keller laufen mussten, wo dann die Leute auf St&uuml;hlen an der Wand entlang sa&szlig;en. Es war Juli 1942, als unsere liebe Vermieterin Clara Arnheim abgeholt wurde, weil sie J&uuml;din war. Sie starb in Theresienstadt. Ich habe eine Reihe Fischerbilder von Hiddensee, die ich sehr liebe. Meine Mutter wurde dann als Lehrerin nach Stentsch im Kreis Z&uuml;llichau versetzt. Im Januar 1945 kam mein Vater, weil die Russen schon nahten. Er holte uns nach Berlin zu meiner Gro&szlig;mutter in Lichtenrade. Es gab noch immer Sirenenalarm.<\/p><p>Im April 1945 sind wir mit Mutti und meinen drei Schwestern, die J&uuml;ngste im Kinderwagen, in die Rh&ouml;n geflohen, wo wir eine Jagdh&uuml;tte am Waldrand bewohnen durften. Am 20. April &uuml;berflogen die Amerikaner das Dorf und bombardierten einen Jeep mit Deutschen auf dem Feld, eine Bombe fiel 100 m neben der H&uuml;tte, ein Splitter fuhr direkt durch das Haus und Mutti kippte die Erbsensuppe &uuml;ber das Feuer aus dem Herd. Unten im Dorf brannte eine Scheune.<\/p><p>Kurz danach waren wir auf Pilzsuche im Wald und ein deutscher Soldat in Uniform fragte nach meiner Mutter. Sie besorgte ihm getragene Kleidung aus dem Dorf. Das waren wohl die letzten K&auml;mpfe in der Rh&ouml;n.<\/p><p>Ich erinnere mich an den ersten Laster mit amerikanischen Soldaten, der ins Dorf einfuhr, und jemand hatte mir beigebracht zu sagen &bdquo;Chocolate please&rdquo;, es funktionierte aber nur einmal. Wir spielten mit kleinen Puppen aus Rosenknospen mit Glockenblumenr&ouml;ckchen in Streichholzschachteln und kannten bald die Standorte der Pilze und Blaubeeren. Beim Basaltsteinbruch am Gangolfsberg gab es sogar Walderdbeeren und Steinpilze am Waldrand.<\/p><p>Beate Kik<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen<\/strong><\/p><p>Ich bin Jahrgang 1940, geboren in Mainfranken in der N&auml;he von Coburg, w&auml;hrend der Evakuierung der Bev&ouml;lkerung im saarpf&auml;lzischen Grenzgebiet (Westwall). So auch meine Familie. Aufgewachsen bin ich, nach der R&uuml;ckkehr, in einem kleinen Dorf in der Westpfalz, also nahe der Grenze zu Frankreich. <\/p><p>Mein Vater war Soldat im Ersten Weltkrieg, in dem zwei seiner Br&uuml;der &bdquo;gefallen&ldquo; sind. Er hat nie dar&uuml;ber gesprochen, jedenfalls nicht mit mir &ndash; ich habe ihn auch nie dazu animiert, obwohl ich im Sch&uuml;leralter fast regelm&auml;&szlig;ig seine kleine Kriegsrente von der Post abholen durfte. Er musste auch nicht als Soldat in den Zweiten Weltkrieg. Daf&uuml;r mussten drei seiner S&ouml;hne in den Krieg, die alle am Ende &uuml;berlebten und nur einer in Gefangenschaft war.<\/p><p>Der &auml;lteste meiner Br&uuml;der (Jahrgang 1920) war mit Rommel in Afrika und danach in Italien. Im Februar 1945 bekam er &uuml;berraschenderweise Heimaturlaub, den er nicht beendete. Er sagte sinngem&auml;&szlig;: Ich bleibe hier. Sollen sie mich doch an die Wand stellen. Wenn ich zur&uuml;ckgehe, sterbe ich auch.<\/p><p>Der Zweit&auml;lteste (Jahrgang 1923) war ohne sein Zutun Mitglied der Waffen-SS und Panzerkommandant und musste miterleben, wie die Besatzung seines Panzers zerfetzt wurde. Er wurde verletzt und entkam so dem Wahnsinn Stalingrad. Zwischendurch hatte er Lungentuberkulose (offiziell war er wegen einer einfachen Erk&auml;ltung im Lazarett &ndash; bei der SS gab es keine Tbc). Ein Nachbar, SPD-Mitglied, hatte ihm nach dem Krieg wegen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS angeboten, ihm den &bdquo;Persilschein&ldquo; zu besorgen, wenn er Mitglied der SPD werde. Was er nicht tat und kurze Zeit untertauchte. Die Tbc-Geschichte hatte ein befreundeter Arzt in den 1950er-Jahren festgestellt, und die hat sich in seinem sp&auml;teren Leben von Zeit zu Zeit bemerkbar gemacht. Im hohen Alter hing er am Sauerstoffger&auml;t. Auch er bekam eine kleine Kriegsrente.<\/p><p>Der Dritte (Jahrgang 1925) wurde aus seiner Ausbildung als Flugzeugmotorenschlosser zum Krieg eingezogen und war aufgrund dieser Ausbildung beim Bodenpersonal und nicht an der Front. Doch er kam in amerikanische Gefangenschaft und nach mehreren Monaten ausgehungert nach Hause.<\/p><p>Die drei Br&uuml;der waren nach dem Krieg f&uuml;r mich fremde erwachsene Menschen, sp&auml;ter dazugekommene Familienmitglieder, mit einem Sonderstatus. In dem Krieg sind drei Cousins von mir &bdquo;gefallen&ldquo;.<\/p><p>Im Jahr 1945 waren in unserem Dorf Soldaten der Wehrmacht einquartiert. Auch in unserer Wohnung war ein Soldat. In seiner Freizeit machte er Zigarren. An einem sonnigen Morgen im M&auml;rz sagte er zu meiner Mutter. &bdquo;Mutti, heute kommen sie. Heute ist Flugwetter.&ldquo; Ich sehe ihn heute noch, wie er vor der Haust&uuml;r stand, sich rasierte und dabei immer zum Himmel schaute. Danach sang er in Endlosschleife das Lied &bdquo;Das Schicksal wird keinen verschonen.&ldquo; Gegen Mittag kamen die Flugzeuge und es fielen Sch&uuml;sse und Bomben. Am Rande des W&auml;ldchens nahe unserem Dorf war eine FLAK (Fliegerabwehrkanone) stationiert. In unserer Nachbarschaft war eine Streuobstwiese, und da waren Sch&uuml;tzengr&auml;ben ausgehoben. Ich rannte dahin, doch die Gr&auml;ben waren von Soldaten belegt. Dann lief ich zur&uuml;ck zu dem dazugeh&ouml;rigen Geb&auml;ude, durch den Stall, in dem Pferde standen, die allerdings sehr in Bewegung waren. Ich wundere mich heute noch, dass ich da heil durchgekommen bin. Auf der anderen Seite des Geb&auml;udes war ebenfalls ein Sch&uuml;tzengraben. Da fand ich meine Mutter mit meinem &auml;lteren Bruder und meiner Schwester. Als die Kampfhandlungen nachlie&szlig;en, kam mein Vater &uuml;ber den H&uuml;gel, der im Nachbardorf in einer Schuhfabrik gearbeitet hat. Er sah, dass unser Haus (Wohnhaus mit Scheune und Stall) besch&auml;digt war, und er wusste, dass in der Scheune ein Kleinlastwagen mit Gasflaschen stand. Dann entdeckte er uns im Sch&uuml;tzengraben, und ich habe meinen Vater das erste und einzige Mal weinen sehen.<\/p><p>Bei diesen Kampfhandlungen sind an diesem Tag f&uuml;nf Soldaten &bdquo;gefallen&ldquo;. Einer davon war unser Zigarrenmacher. Auch ein junges M&auml;dchen wurde erschossen, das mit ihrem kleinen Bruder im Kinderwagen unterwegs war. Im Dorf waren einige H&auml;user besch&auml;digt und zwei waren total zerst&ouml;rt.<\/p><p>Die Westpfalz und der Pf&auml;lzer Wald sind wie Schweizer K&auml;se: Fast jeder zweite Berg ist hohl &ndash; schon zum Zweiten Weltkrieg. Kurz nach dem Ortsausgang unseres Dorfes ist auch so ein Bunker, der im Krieg als Behelfslazarett gedacht war. In diesem Bunker wurde dann das ganze Dorf untergebracht. Und da lebten wir bis zum Kriegsende.<\/p><p>Unser Haus stand neben dem Schulgeb&auml;ude, das die US-Soldaten als Gesch&auml;ftsstelle nutzten. So konnten wir beobachten, wie die Amis auf dem Schulhof die Lehrmaterialien, B&uuml;cher und Landkarten verbrannten. Wie immer und &uuml;berall: Die Sieger zerst&ouml;ren die Kultur der Besiegten.<\/p><p>K.-H. Butz<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Er kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln<\/strong><\/p><p>Liebes Team der NachDenkSeiten,<\/p><p>Ich selbst bin erst in den 60ern geboren. Mein Vater war einer derjenigen, die die Jugend verloren hatten. Er erz&auml;hlte nicht viel vom Krieg, er wollte das hinter sich lassen. Dennoch glaube ich, ist das Wenige dennoch wert, im Bewusstsein zu bleiben.<\/p><p>Mein Vater ist 1928 geboren und wuchs bei seiner Oma in &auml;rmlichen Verh&auml;ltnissen auf. Aufgrund seiner guten Noten durfte er ein Gymnasium besuchen, das auch ein Internat war. Er tr&auml;umte davon, Arzt oder Diplomat zu werden. 1944 wurde er mit den anderen Sch&uuml;lern eingezogen. Es ging als Kanonenfutter Richtung Osten. Er hatte Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck, denn der Feldwebel, der den Zug kommandierte, achtete auf seine Sch&uuml;tzlinge und versuchte, sie vor dem Schlimmsten zu bewahren. Er wusste, dass der Krieg verloren war, und leitete sie m&ouml;glichst von den Gefechten weg. Dennoch verloren sie Kameraden. <\/p><p>Er kam in Gefangenschaft. Nahrung war knapp. Er bekam Ruhr und kochte sich Sud aus den Spitzen von Tannennadeln. Das half, den Durchfall zu lindern, und rette wohl sein Leben. Eines Tages mussten sie antreten und es wurden Gefangene ausgew&auml;hlt, die auf einen Lkw sollten. Mein Vater wusste ebenso wenig wie die anderen, ob die Ausgew&auml;hlten etwas Positives oder der Tod erwartete. Er machte das bl&ouml;deste Gesicht, das ihm m&ouml;glich war, wurde ausgew&auml;hlt und nach dem Transport bald freigelassen. <\/p><p>Ob das vor oder nach seiner Gefangenschaft war, wei&szlig; ich nicht, aber er erz&auml;hlte einmal, dass er v&ouml;llig ausgezehrt unterwegs war, als er eine weggeworfene Konservendose fand. Darin befand sich ein Rest angegammelter Nahrung. Er schlang das Festmahl mit Hei&szlig;hunger hinunter. <\/p><p>Nachdem er freigelassen wurde, schlug er sich nach Westen durch und landete schlie&szlig;lich auf einem Bauernhof, auf dem er gegen Essen arbeiten durfte. Sp&auml;ter kam er nochmals an seine alte Schule, die noch stand, und wollte seine Geige abholen. Das war das einzig Wertvolle, was er besessen hatte. Nat&uuml;rlich hatte sie schon ein anderer mitgenommen.<\/p><p>Wenn ich sehe, mit welchen Schein- und Luxusproblemen sich manche Jugendliche heute besch&auml;ftigen, denke ich, wie gl&uuml;cklich sie doch eigentlich sein m&uuml;ssten. Aber sie k&ouml;nnen ihr Gl&uuml;ck nicht erkennen, weil sie keine Vorstellung von richtiger Not haben.  <\/p><p>Meine Mutter war vor allem bei Kriegsende betroffen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem Dorf im Erzgebirge, das damals zu Tschechien geh&ouml;rte. Meine Mutter war 10 Jahre alt, als bei Kriegsende marodierende tschechische Banden in die deutschen Siedlungen einfielen und die Deutschen ohne Vorwarnung aus dem Haus jagten und vertrieben. Es gab in der Gegend einen Deutschen, der den sogenannten &bdquo;Partisanen&ldquo; zeigte, wo andere Deutsche wohnten. Ob der Verr&auml;ter dadurch selbst seiner Vertreibung oder Schlimmerem entging, wei&szlig; niemand. <\/p><p>Ihre Eltern hatten so etwas geahnt und ein paar wertvolle Sachen bei einem tschechischen Bauern versteckt, aber als sie sie dann mitnehmen wollten, behauptete dieser, es w&auml;re nichts mehr da. <\/p><p>So kamen sie mit kaum mehr als der Kleidung auf dem Leib in einem Auffanglager in Hessen an. Im Grundbuch steht noch heute der Name ihrer Eltern als Eigent&uuml;mer. Der Vater wollte nach dem Krieg keine Entsch&auml;digung annehmen, weil er davon ausging, dass er irgendwann wieder sein Haus und Hof zur&uuml;ckbekommen k&ouml;nnte. Jedoch starb er kurz nach meiner Geburt an Lungenkrebs. Er war Raucher und hatte im Krieg Zigarettenstummel aufgesammelt und die Reste zu neuen gerollt. Vielleicht hat das den Krebs beg&uuml;nstigt. <\/p><p>Vielleicht finden Sie diese Erlebnisse erw&auml;hnenswert.<\/p><p>Besten Gru&szlig;<br>\nRainer Leutert<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg\">wikicommons<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3293,3652,1055,2104,2394,2250,966],"class_list":["post-150740","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-bellizismus","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-fluechtlinge","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-nachkriegszeit","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/junge-berlin.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150740","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150740"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150740\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150837,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150740\/revisions\/150837"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150740"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150740"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150740"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}