{"id":1508,"date":"2006-08-11T16:13:30","date_gmt":"2006-08-11T14:13:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1508"},"modified":"2016-01-30T11:30:15","modified_gmt":"2016-01-30T10:30:15","slug":"christoph-butterwegge-neoliberalismus-und-standortnationalismus-eine-gefahr-fur-die-demokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1508","title":{"rendered":"Christoph Butterwegge: Neoliberalismus und Standortnationalismus &#8211; eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie"},"content":{"rendered":"<p>Die tiefe Sinnkrise des Sozialen besteht darin, dass es &ndash; quer durch die etablierten Parteien und fast alle gesellschaftlichen Lager &ndash; prim&auml;r als Belastung der Volkswirtschaft und potenzielle Gef&auml;hrdung ihrer Konkurrenzf&auml;higkeit auf den Weltm&auml;rkten gesehen, aber nicht mehr als eigenst&auml;ndiger Faktor begriffen wird, der mit &uuml;ber die Demokratie, die Humanit&auml;t und Lebensqualit&auml;t einer Gesellschaft entscheidet. Das neoliberale Konzept verlangt, jeden Glauben an die autonome Gestaltungsmacht der Wirtschafts- und Sozialpolitik fahren zu lassen. <a href=\"http:\/\/www.politik-poker.de\/neoliberalismus-und-standortnationalismus-eine-gefahr-fuer-die-demokratie.php\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.politik-poker.de\/neoliberalismus-und-standortnationalismus-eine-gefahr-fuer-die-demokratie.php\">&Ouml;konomismus, Fatalismus und tiefe Resignation hinsichtlich einer Verbesserung des gesellschaftlichen Status quo geh&ouml;ren zu seinen zwangsl&auml;ufigen Folgen.<\/a><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Anmerkungen zu dem Beitrag von Christoph Butterwegge von Wolfgang Lieb:<\/strong><\/p><p>Ich teile die These von der Tendenz zur &Ouml;konomisierung fast aller Lebensbereiche.<\/p><p>Auch die Tendenz, die Gesellschaft nicht mehr aus der Sicht von unterschiedlichen Gruppen mit teilweise widerspr&uuml;chlichen Interessen zu betrachten, sondern ein &uuml;berw&ouml;lbendes Gemeinschaftsgef&uuml;hl zu erzeugen, ist unverkennbar: &bdquo;Wir&ldquo; m&uuml;ssen den G&uuml;rtel enger schnallen, so hei&szlig;t es doch st&auml;ndig, auch die Debatte &uuml;ber die sog. &bdquo;Leitkultur&ldquo;, die Kampagne &bdquo;Du bist Deutschland&ldquo; oder die Patriotismusdebatte angestachelt durch die Fu&szlig;ball-WM sind Belege f&uuml;r eine aufkeimende Gemeinschaftsideologie, die Einzel- oder Gruppeninteressen (vor allem von durch Eigentums- Verm&ouml;gens- und Machtverh&auml;ltnissen strukturell Benachteiligten) einem vorgegebenen angeblichen Gemeinschaftsinteresse unterordnen m&ouml;chte. Ob &bdquo;Kulturalisierung des Sozialen&ldquo; daf&uuml;r ein passender Begriff ist, sei dahingestellt.<\/p><p>Richtig ist auch, dass durch die zunehmende Politisierung etwa der Demographie oder der Geburtenraten, biologische (und nicht mehr soziale oder demokratische) Sachzw&auml;nge in die Gesellschaftspolitik eingef&uuml;hrt werden. Besonders die Dramatisierung der Kinderlosigkeit von Akademikerinnen, aber auch das neu eingef&uuml;hrte Elterngeld &ndash; bei dem die gesellschaftlich und dementsprechend einkommensm&auml;&szlig;ig &bdquo;h&ouml;her&ldquo; Gestellten f&uuml;r die Geburt von Kindern einen gr&ouml;&szlig;eren Bonus erhalten und die Armen durch die Abschaffung des zweij&auml;hrigen Erziehungsgeldes einen deutlichen Nachteil erfahren &ndash; zeigen deutliche Tendenzen zu einem bev&ouml;lkerungspolitischen Denken im Sinne einer ethnischen &bdquo;Veredelung&ldquo; oder &bdquo;Elitef&ouml;rderung&ldquo;. Auch die vielfach gesch&uuml;rte Angst, vor einem Bev&ouml;lkerungsr&uuml;ckgang, ja sogar vor einem &bdquo;Aussterben der Deutschen&ldquo; l&auml;sst Anleihen aus bislang tabuisierten nationalistischen oder gar &bdquo;rassistischen&ldquo; Ideologien erkennen. Die Biologisierung des gesellschaftspolitischen (sozialen) Denkens ist jedenfalls wieder zu einem wichtigen und weit verbreiteten Thema der Zukunftsgestaltung geworden.<\/p><p>Der &bdquo;Standortwettbewerb&ldquo;, also die nationale Wettbewerbsf&auml;higkeit gegen&uuml;ber anderen Volkswirtschaften oder gegen&uuml;ber &bdquo;Zw&auml;ngen der Globalisierung&ldquo; f&uuml;hrte gewiss zu einem &bdquo;Standortnationalismus&ldquo;. &bdquo;Wir Deutsche&ldquo; m&uuml;ssen uns in diesem Wettbewerb gegen&uuml;ber anderen durch die Aktivierung der &bdquo;deutschen Tugenden&ldquo; (Flei&szlig;, Opferbereitschaft, Erfindergeist) wieder durchsetzen. Das ist schon eine &uuml;ber einen angeblich &ouml;konomischen Sachzwang wieder auflebende Ethnisierung des politischen Denkens.<br>\nHerzog: &bdquo;Ich habe den Ruck vor allem vom Volk verlangt&ldquo;<\/p><p>In der Analyse teile ich also die Thesen von Christoph Butterwegge weitgehend.<br>\nUnter seinen Alternativen zum Standortnationalismus sehe ich auch, dass der &bdquo;Innen-Au&szlig;en&ldquo;-Gegensatz&ldquo; oder auch die st&auml;ndig thematisierte Generationengerechtigkeit &ndash; zumindest weitgehend &ndash; eine Ablenkungsdebatte von der zunehmenden Verteilungsungleichheit oder von der Frage nach der aktuellen Verteilungsungerechtigkeit ist, und dass der Gegensatz zwischen &bdquo;Oben und Unten&ldquo; f&uuml;r die politische Auseinandersetzung viel entscheidender ist und wieder st&auml;rker in die Debatte eingef&uuml;hrt werden m&uuml;sste.<br>\nUnd nat&uuml;rlich m&uuml;sste die Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, wieder in den Vordergrund ger&uuml;ckt werden und n&ouml;tig w&auml;re sicherlich eine Vergewisserung &uuml;ber die Bedeutung des wohlfahrtstaatlichen Fundaments f&uuml;r eine lebendige Demokratie mit m&uuml;ndigen B&uuml;rgern und einer echten Teilhabe am Gemeinwesen und an der politischen Gestaltung.<\/p><p>F&uuml;r fraglich halte ich aber, ob &bdquo;der Um- und Ausbau des bestehenden Systems zu einer Sozialversicherung aller B&uuml;rger\/innen&ldquo; (allein) f&uuml;r den Erhalt des &bdquo;Sozialstaates&ldquo; zielf&uuml;hrend sein kann. Damit w&uuml;rde man sich auf den Weg des Kurierens an den Symptomen einlassen. Vielleicht k&ouml;nnte man sogar die Symptomatik des finanziellen Ausblutens der Sicherungssysteme des Sozialstaates st&auml;rker lindern, als &uuml;ber die Steuerfinanzierung oder der Spirale nach unten mit immer weiteren Leistungsk&uuml;rzungen. Aber an die Ursachen f&uuml;r die &bdquo;Krisenerscheinungen&ldquo; k&auml;me man damit nicht heran.<br>\nChristoph Butterwegge kritisiert zu Recht die &Ouml;konomisierung aller Lebensbereiche, aber er vernachl&auml;ssigt, dass es eben nicht nur die &bdquo;eine&ldquo; &Ouml;konomie gibt. Wir leiden unter einem bestimmten, dogmatisch verengten marktradikalen und nur auf die Investitionen und die Angebotsbedingungen schielenden &ouml;konomischen Markt- und Wettbewerbsdenken mit der dazu notwendigen Ellbogenmentalit&auml;t. Mit einer anderen, einer alternativen Wirtschaftspolitik, die f&uuml;r Besch&auml;ftigung, Wachstum und wieder f&uuml;r &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; sorgte, k&ouml;nnte auch einer Politik und einem gesellschaftlichen Bewusstsein wieder eine Bahn geebnet werden, in der dem Sozialen, dem Solidarischen, dem Kulturellen und dem Demokratischen in unserer Gesellschaft wieder der ihnen zustehende Raum geschaffen werden k&ouml;nnte.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die tiefe Sinnkrise des Sozialen besteht darin, dass es &ndash; quer durch die etablierten Parteien und fast alle gesellschaftlichen Lager &ndash; prim&auml;r als Belastung der Volkswirtschaft und potenzielle Gef&auml;hrdung ihrer Konkurrenzf&auml;higkeit auf den Weltm&auml;rkten gesehen, aber nicht mehr als eigenst&auml;ndiger Faktor begriffen wird, der mit &uuml;ber die Demokratie, die Humanit&auml;t und Lebensqualit&auml;t einer Gesellschaft entscheidet.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1508\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,145,132,157],"tags":[373,213,443,291],"class_list":["post-1508","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-sozialstaat","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-oekonomisierung","tag-butterwegge-christoph","tag-standortwettbewerb","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1508","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1508"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1508\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30718,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1508\/revisions\/30718"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1508"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1508"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1508"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}