{"id":150859,"date":"2026-05-24T14:00:29","date_gmt":"2026-05-24T12:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150859"},"modified":"2026-05-22T19:13:03","modified_gmt":"2026-05-22T17:13:03","slug":"der-film-palaestina-36-hilft-geschichte-und-gegenwart-zu-begreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150859","title":{"rendered":"Der Film \u201ePal\u00e4stina 36\u201c hilft, Geschichte und Gegenwart zu begreifen"},"content":{"rendered":"<p>Im April 1936 brach in Pal&auml;stina ein Volksaufstand gegen die britische Kolonialherrschaft und den sich ausbreitenden zionistischen Siedlerkolonialismus aus. Der Aufstand hielt drei Jahre an und umfasste einen Generalstreik, Massendemonstrationen und einen Guerillakrieg. Der Spielfilm &bdquo;Pal&auml;stina 36&ldquo; hat dieser &bdquo;allerersten Intifada&ldquo; ein Denkmal gesetzt. Eine Rezension von <strong>Leon Wystrychowski<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2465\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-150859-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=150859-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260522-Film-Palaestina-36-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Koloniale und Klassen-Konfliktlinien<\/strong><\/p><p>Der Film der pal&auml;stinensischen Regisseurin Annemarie Jacir portraitiert die sozialen und politischen Verh&auml;ltnisse in Pal&auml;stina zu Beginn des Aufstands. Dabei gelingt es ihm, die verschiedenen damals herrschenden Widerspr&uuml;che darzustellen: den zwischen Kolonialmacht und zionistischen Siedlern einerseits und den indigenen Arabern andererseits, den zwischen den pal&auml;stinensischen Gro&szlig;grundbesitzern und den Bauern, zwischen den verschiedenen Fraktionen der pal&auml;stinensischen Elite und zwischen dem unbedingten Friedenswillen der Bev&ouml;lkerung und der sie in den Widerstand dr&auml;ngenden Gewalt von au&szlig;en.<\/p><p>Die Handlung spielt in Jerusalem, Jaffa &ndash; das heute der im Film erw&auml;hnten zionistischen Siedlung Tel Aviv angegliedert ist &ndash; und Ramallah sowie in der Region um das fiktive Dorf al-Basma. Die Metropolen und das Umland sind zwei v&ouml;llig verschiedene, aber miteinander verbundene Welten: In Ramallah wird der erst zweite Rundfunksender in der arabischen Welt eingeweiht, Autos fahren durch die Stra&szlig;en und in seinem Palast residiert der Hochkommissar. Seine Kolonialbeamten, die in den gehobeneren Caf&eacute;s verkehren, und die Soldaten, die die Einheimischen willk&uuml;rlich drangsalieren, geh&ouml;ren zum normalen Stadtbild. In den Villen der reichen Araber werden europ&auml;ische Lieder geh&ouml;rt und dort finden Parties statt, bei denen Gin und Scotch getrunken und zu westlicher Musik getanzt wird. <\/p><p>Auf dem Land dagegen, wo die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung lebt, gibt es weniger Kooperation. Dort tritt die Kolonialmacht brutaler, b&uuml;rokratischer und militaristischer auf: Statt Limousinen fahren Milit&auml;rjeeps und Panzer durch die H&uuml;gel. Sie machen Jagd auf &bdquo;Rebellen&ldquo; und &bdquo;Banditen&ldquo;. Der Grund: Die kapitalistische Wirtschaftsweise der Kolonialherren trifft hier auf eine Gesellschaft mit einem jahrtausendealten Gemeindeeigentum. Dieses traditionelle System &bdquo;macht keinen Sinn&ldquo;, wie ein Kolonialbeamter erkl&auml;rt. Und so wird dieses System kurzerhand durch eines ersetzt, das auf Privateigentum beruht und ein langwieriges und b&uuml;rokratisches Registrierungsverfahren voraussetzt. Das Ergebnis: Die Pal&auml;stinenser verlieren ihr Land, die Zionisten kaufen und besetzen es und schie&szlig;en auf alle Araber, die sich ihnen n&auml;hern. &bdquo;Die Lage mit den Siedlern spitzt sich zu&ldquo;, fasst es der Bauer Abu Yusuf zusammen. Und so bewaffnen sich auch die Bauern, um ihre D&ouml;rfer zu sch&uuml;tzen.<\/p><p>Wie gro&szlig; allerdings die Entfremdung zwischen ihnen und der st&auml;dtischen Oberschicht ist, wird vor allem in einer Szene deutlich, als der junge Bauernsohn Yusuf Bassawi (Karim Daoud Anaya) bei einem Zusammenkommen der urbanen Elite von seinem Chef, dem korrupten Verleger Amir Atef (Dhaffer L&rsquo;Abidine) g&ouml;nnerhaft gefragt wird, wie die Lage auf dem Land sei. Yusuf kann kaum zwei S&auml;tze &uuml;ber die Probleme stammeln, da wird er unterbrochen: Die Bauern verg&auml;&szlig;en, dass ihr Land eigentlich den Gro&szlig;grundbesitzern geh&ouml;re, sie zahlten ihre Abgaben nicht und die Zionisten seien gut f&uuml;r das Gesch&auml;ft.<\/p><p>Allerdings sind die Reichenviertel nur Inseln des Wohlstands und sie bauen sich mit ihrem Geld in erster Linie Luftschl&ouml;sser: In den H&auml;fen der St&auml;dte kommen nicht nur j&uuml;dische Fl&uuml;chtlinge, sondern auch Waffen f&uuml;r die zionistischen Milizen an. Diese ver&uuml;ben Anschl&auml;ge, auch in den Metropolen. Die pal&auml;stinensischen Arbeiter und Kleinunternehmer treten in den Streik, die Stra&szlig;en f&uuml;llen sich mit Massendemonstrationen und die Aufst&auml;ndischen kappen immer wieder den Strom, sprengen &Ouml;l-Pipelines und &uuml;berfallen Z&uuml;ge.<\/p><p>Die verschiedenen Protagonisten verk&ouml;rpern unterschiedliche gesellschaftliche Kr&auml;fte und Akteure: Da ist der intelligente und aufstrebende Yussuf, der sich, nach anf&auml;nglicher Begeisterung von den st&auml;dtischen Eliten abgesto&szlig;en, den Partisanen anschlie&szlig;t; der Arbeiter Khalid (Salih Bakri), der nicht k&auml;mpfen will, aber bald zu einem Guerilla-Anf&uuml;hrer wird; der opportunistische Verleger Amir, der sich von den Zionisten bezahlen l&auml;sst und hofft, B&uuml;rgermeister zu werden, und zu sp&auml;t merkt, wohin sein Verrat f&uuml;hrt. Seine Frau, die selbstbewusste Journalistin Khuloud Atef (Yasmine Al Massri), die bei all ihrem Patriotismus kurzzeitig schwankt, dann aber den Bruch mit den Verr&auml;tern vollzieht. Oder der &bdquo;ehrliche Kolonialbeamte&ldquo; und &bdquo;Araberfreund&ldquo; Thomas Hopkins (Billy Howle), der das Land fluchtartig verl&auml;sst, als seine Illusionen zerplatzen.<\/p><p><strong>Portr&auml;t der Vergangenheit, Spiegel der Gegenwart<\/strong><\/p><p>Der Film verbindet gekonnt eine realistische Darstellung der damaligen Zeit &ndash; inklusive nachcolorierten Originalaufnahmen &ndash; mit zahlreichen Anspielungen auf die heutige. Das Dorf al-Basma ist fiktiv, es basiert jedoch auf dem realen Dorf al-Bassa in Nordpal&auml;stina, wo 1938 ein Massaker durch die Briten stattfand, das sich fast genauso abspielte, wie in dem Film dargestellt. In Ramallah wurde 1936 tats&auml;chlich der erste pal&auml;stinensische Radiosender er&ouml;ffnet &ndash; ein koloniales Prestigeprojekt der Briten, der betont &bdquo;unpolitisch&ldquo; war und den Pal&auml;stinensern &bdquo;Wissen und Kultur&ldquo; bringen sollte. Heute sitzt dort die Pal&auml;stinensische Autonomiebeh&ouml;rde unter Mahmud Abbas, die einem Gro&szlig;teil der Pal&auml;stinenser als Marionette Israels gilt. Wenn wiederum der sadistische und sich sehr christlich gebende Captain Wingate (Robert Aramayo) fanatisch von dem Aufbau einer &bdquo;j&uuml;dische Armee&ldquo; schw&auml;rmt, dann ist dies eine Referenz auf die in den USA einflussreichen Evangelikalen, die davon tr&auml;umen, dass die &bdquo;j&uuml;dische Eroberung&ldquo; des heiligen Landes die Endzeit einl&auml;utet.<\/p><p>Dabei wirkt das ganze nicht konstruiert, da die Geschichte es den Filmemachern durchaus leicht macht. Denn die realen Parallelen &ndash; etwa die von der britischen Peel-Commission 1937 erstmals &bdquo;vorgeschlagene&ldquo; Teilung Pal&auml;stinas zugunsten der Zionisten, eine Vorl&auml;uferin der sogenannten Zweistaatenl&ouml;sung &ndash; sind eindeutig und Israel hat tats&auml;chlich viele seiner Strategien von den Briten kopiert: angefangen bei der Sippenhaft und Kollektivstrafen &uuml;ber Verhaftungen ohne Anklage (&bdquo;Administrativhaft&ldquo;) bis hin zur Errichtung von Checkpoints und dem Bau einer Mauer. <\/p><p>Auch andere Szenen sind nach 90 Jahren unver&auml;ndert: zionistische Siedler, die Felder und Olivenb&auml;ume anz&uuml;nden, und Soldaten, die schikanieren, rassistisch beleidigen und sexuell bel&auml;stigen, die Beerdigungen angreifen, Pal&auml;stinenser an Milit&auml;rfahrzeuge fesseln und als menschliche Schutzschilde missbrauchen, Journalisten attackieren und H&auml;user zerst&ouml;ren; pal&auml;stinensische Frauen und Kinder, die Steine auf Soldaten werfen, Menschen, die aus Solidarit&auml;t die Kufiya tragen, und vermummte M&auml;nner, die mit einfachen Waffen gegen einen &uuml;berlegenen Feind k&auml;mpfen. <\/p><p>Der Terminus des &bdquo;Terroristen&ldquo; war damals noch nicht gel&auml;ufig. (Tats&auml;chlich nannten sich die zionistischen Milizion&auml;re damals selbst stolz so.) Stattdessen werden die Widerstandsk&auml;mpfer im Film meist als &bdquo;Banditen&ldquo; bezeichnet. Und statt in H&auml;userschluchten und Tunneln verstecken sie sich in den H&uuml;geln und W&auml;ldern.<\/p><p>Die Filmemacher verorten den pal&auml;stinensischen Befreiungskampf in der Geschichte des Antikolonialismus. Eine Szene, in der die Partisanen auf Pferden und unter Kriegsgeschrei eine Dampflock entern, erinnert stark an Darstellungen von &Uuml;berf&auml;llen nordamerikanischer Ureinwohner &ndash; nur dass sie hier, anders als in den Western, nicht &bdquo;gef&auml;hrliche Wilde&ldquo; sind, sondern die rechtm&auml;&szlig;igen Eigent&uuml;mer des Landes, die um ihre Freiheit k&auml;mpfen. Auch ein bekanntes Zitat des 1935 gefallenen Volkshelden Izz al-Din al-Qassam, der als erster Partisanenf&uuml;hrer Pal&auml;stinas gilt, wird angef&uuml;hrt. <\/p><p>Der Film endet mit Tod und Zerst&ouml;rung, doch mit einer Botschaft, die von der Witwe Rabab (Yafa Bakri), die ihre verschollene Tochter sucht, an einen Jungen, der gerade seinen Vater verloren hat, adressiert wird: &bdquo;Steh auf, es gibt viel zu tun. Es war weder das erste noch das letzte Mal.&ldquo; Die letzte Szene zeigt, wie der Junge auf einen Soldaten schie&szlig;t, wie die Tochter in eine ungewisse Zukunft rennt, wie Menschenmassen unter Pal&auml;stinafahnen demonstrieren und wie die K&auml;mpfer durch die H&uuml;gel und W&auml;lder reiten, dezimiert und geschw&auml;cht, aber unbesiegt.<\/p><p><small>Titelbild: Szenenfoto \/ Watermelonpictures<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im April 1936 brach in Pal&auml;stina ein Volksaufstand gegen die britische Kolonialherrschaft und den sich ausbreitenden zionistischen Siedlerkolonialismus aus. Der Aufstand hielt drei Jahre an und umfasste einen Generalstreik, Massendemonstrationen und einen Guerillakrieg. Der Spielfilm &bdquo;Pal&auml;stina 36&ldquo; hat dieser &bdquo;allerersten Intifada&ldquo; ein Denkmal gesetzt. Eine Rezension von <strong>Leon Wystrychowski<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150860,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,917,20,208],"tags":[282,2311,2175,1792,303,2039,1281],"class_list":["post-150859","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-kultur-und-kulturpolitik","category-landerberichte","category-rezensionen","tag-buergerproteste","tag-befreiungsbewegungen","tag-interventionspolitik","tag-kolonialismus","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/4-21.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=150859"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150859\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":150935,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/150859\/revisions\/150935"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150860"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=150859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=150859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=150859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}