{"id":15098,"date":"2012-11-14T09:45:05","date_gmt":"2012-11-14T08:45:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15098"},"modified":"2015-05-05T11:22:14","modified_gmt":"2015-05-05T09:22:14","slug":"gastarzte-ein-weiteres-symptom-der-krankheit-namens-privatisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=15098","title":{"rendered":"Gast\u00e4rzte \u2013 ein weiteres Symptom der Krankheit namens Privatisierung"},"content":{"rendered":"<p>Nach aktuellen Zahlen der Bundes&auml;rztekammer haben im letzten Jahr 3.039 ausl&auml;ndische &Auml;rzte ihren Job in Deutschland <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-83504612.html\">aufgenommen<\/a> &ndash; die meisten davon waren Krankenhaus&auml;rzte. Nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts sind momentan rund 5.500 Stellen f&uuml;r Krankenhaus&auml;rzte nicht besetzt. Schuld daran sei der Fachkr&auml;ftemangel, so raunt es aus dem Bl&auml;tterwald. Doch wie so oft springen die Kommentatoren hier zu kurz. Im letzten Jahr <a href=\"http:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/page.asp?his=0.3.10275.10306\">verlie&szlig;en<\/a> n&auml;mlich auch 3.410 &Auml;rzte Deutschland. Alleine mit dem negativen Wanderungssaldo der letzten vier Jahr h&auml;tte man jede offene Stelle besetzen k&ouml;nnen. Grund f&uuml;r die &Auml;rzteknappheit ist nicht der Fachkr&auml;ftemangel, sondern die mangelnde Bereitschaft des Gesundheitssystems, seine Mitarbeiter ordentlich zu bezahlen und f&uuml;r angemessene Arbeitsbedingungen zu sorgen. Leidtragende dieser Entwicklung sind nicht nur die Patienten, sondern vor allem auch die ausl&auml;ndischen &Auml;rzte selbst, die oftmals schlechter bezahlt werden als die bereits outgesourcten Krankenhaus-Putzfrauen. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer europ&auml;ische Arbeitsmarkt ist frei und weitestgehend dereguliert. Wer in seinem Heimatland keinen Arbeitsplatz bekommt oder nur Angebote hat, die zu schlecht bezahlt sind und zu schlechte Arbeitsbedingungen aufweisen, kann meist ohne gro&szlig;e Probleme einen Job im europ&auml;ischen Ausland annehmen &ndash; vorausgesetzt, der Bewerber verf&uuml;gt &uuml;ber ausreichende Sprachkenntnisse und es besteht eine echte Nachfrage nach seinen F&auml;higkeiten. Diese Freiz&uuml;gigkeit wird vor allem von Krankenhaus&auml;rzten auch gerne genutzt. So arbeiteten zum Jahreswechsel 2012 insgesamt <a href=\"http:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/specialdownloads\/Stat10Tab10.pdf\">28.355 ausl&auml;ndische &Auml;rzte [PDF &ndash; 33 KB]<\/a> in Deutschland. Hinter den &Ouml;sterreichern belegen dabei die Griechen, Rum&auml;nen, Russen und Polen die Pl&auml;tze zwei bis f&uuml;nf. Schon heute reiben sich die Krankenhausbetreiber angesichts der Eurokrise freudig die H&auml;nde, bieten doch vor allem Griechenland und Spanien ein vorz&uuml;gliches Personalreservoir f&uuml;r potentielle Neuzug&auml;nge, die bereit sind, auch zu schlechten Konditionen in Deutschland anzuheuern.<\/p><p>Wie das DIW <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/karriere\/gehaelter-wo-aerzte-am-besten-verdienen-1.546327\">ermittelt hat<\/a>, verdient hierzulande ein junger Klinikarzt im Schnitt gerade einmal 10,80 Euro pro Stunde und kommt damit bei einer &ndash; nicht eben seltenen &ndash; 80-Stunden-Woche auf vergleichsweise l&auml;ppische 2.009 Euro Netto im Monat. Wer als junger Arzt die M&ouml;glichkeit hat, und vor allem die n&ouml;tige Qualifikation vorweisen kann, geht da lieber ins Ausland. Am beliebtesten sind bei deutschen &Auml;rzten die Schweiz, wo Assistenz&auml;rzte bei einer geregelten 50-Stunden-Woch im Schnitt auf 3.910 bis 6.220 Euro Monatsgehalt kommen, Gro&szlig;britannien, wo Klinik&auml;rzte meist rund doppelt so hohe Bez&uuml;ge wie hierzulande haben, und die USA, wo Assistenz&auml;rzte rund das Vierfache verdienen und Krankenhaus-Fach&auml;rzte auf ein <a href=\"http:\/\/mdsalaries.blogspot.de\/\">Durchschnittsgehalt<\/a>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] von mehr als 175.000 US$ pro Jahr kommen**. In den USA schlagen jedoch auch die Kosten f&uuml;r ein Medizinstudium, die nicht selten im siebenstelligen Bereich angesiedelt sind und erst einmal &uuml;ber viele Jahre hinweg abgearbeitet werden m&uuml;ssen, zu Buche. Wer in Deutschland studiert hat, startet jedoch dank staatlich finanziertem Studium meist schuldenfrei ins Berufsleben. Das macht die USA nicht nur f&uuml;r deutsche Mediziner so attraktiv. <\/p><p>Auch f&uuml;r Bewerber aus anderen L&auml;ndern steht Deutschland auf der Wunschliste meist relativ weit hinten. Deutschland hat jedoch nicht nur die im OECD-Vergleich schlechtesten Geh&auml;lter f&uuml;r Krankenhaus&auml;rzte, sondern auch vergleichsweise geringe Anerkennungsschranken. Wer in einem EU-Land studiert hat, profitiert in der Regel von einem automatisierten Anerkennungsverfahren, an dessen Ende nach einigen Jahren Berufserfahrung als Assistenzarzt in einem deutschen Krankenhaus die Approbation steht. Wer in den USA als Arzt <a href=\"http:\/\/www.marburger-bund.de\/imb\/infomaterial\/internationales\/dokumente\/USA09.pdf\">arbeiten will [PDF &ndash; 47.6 KB]<\/a>, muss erst einmal auf eigene Kosten die gef&uuml;rchteten und kostspieligen USMLE-Pr&uuml;fungen (vergleichbar mit dem ersten und zweiten Staatsexamen in Deutschland) mit einer sehr guten Note bestehen. Davon machen in Deutschland jedoch nicht nur deutsche &Auml;rzte Gebrauch. Unter den &Auml;rzten, die eine bessere Stelle im Ausland annehmen, ist jeder dritte Auswanderer aus Deutschland ein ehemaliger Einwanderer. So dreht sich das &Auml;rztekarussell munter weiter und vor allem den deutschen Patienten k&ouml;nnte dabei schlecht werden.<\/p><p>Ein wenig zugespitzt k&ouml;nnte man sagen, dass die besten Zuwanderer erst gar nicht nach Deutschland kommen, viele gute deutsche &Auml;rzte das Land verlassen und unter den verbleibenden nach Deutschland zugewanderten &Auml;rzten die eher durchschnittlichen im Lande bleiben, w&auml;hrend die besseren nach einigen Jahren in L&auml;nder weiterziehen, die durchaus attraktiver sind und vor allem attraktivere Arbeitsbedingungen bieten. <\/p><p>Da deutsche Krankenh&auml;user angesichts der hiesigen Arbeitsbedingungen vermehrt Probleme haben, ihren Personalbedarf mit &Auml;rzten aus dem EU-Ausland zu decken, werden neuerdings, vor allem auf dem Lande, vermehrt &Auml;rzte aus Nicht-EU-L&auml;ndern verpflichtet. Der private Krankenhauskonzern Asklepios hat beispielsweise vor f&uuml;nf Jahren ein Joint-Venture mit der Tongji-Universit&auml;t in Shanghai gegr&uuml;ndet, das dem &bdquo;Austausch von Wissen und Fachkr&auml;ften&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article895817\/Asklepios-Kliniken-engagieren-sich-auf-chinesischem-Markt.html?config=print#\">dienen soll<\/a>. Ob deutsche &Auml;rzte in China t&auml;tig sind, ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, dass die chinesischen &Auml;rzte mittlerweile ihren Dienst in deutschen Krankenh&auml;usern des Asklepios-Konzerns mehr schlecht als recht verrichten. <\/p><p>Die Herkunftsl&auml;nder der &Auml;rzte aus Nicht-EU-L&auml;ndern weisen in der Regel ein weitaus schlechteres Ausbildungsniveau auf. F&uuml;r &Auml;rzte aus diesen L&auml;ndern ist es nur unter sehr harten Bedingungen m&ouml;glich, am Ende auch die ersehnte Approbation in Deutschland zu bekommen. Das ist f&uuml;r private Krankenhausbetreiber aber oft gar kein echtes Hindernis, da sie es gar nicht darauf abgesehen haben, dass diese &Auml;rzte beruflich weiterkommen. Wer beispielsweise aus &Auml;gypten, Syrien, China oder &Auml;thiopien kommt, bekommt in Deutschland in der Regel bei Nachweis eines Studienabschlusses eine sogenannte <a href=\"http:\/\/www.aerztekammer-hamburg.de\/aerzte\/BAMF_Informationsbroschuere_Aerzte_web.pdf\">Berufserlaubnis [PDF &ndash; 649 KB]<\/a>. Diese ist &ouml;rtlich und zeitlich (meist auf maximal sieben Jahre) befristet, sodass diese &Auml;rzte auf Gedeih und Verderben auf das Wohlwollen ihres jeweiligen Arbeitgebers angewiesen sind. &Auml;rzte, die aus solchen L&auml;ndern stammen, werden in Deutschland vielfach als moderne Medizin-Arbeitssklaven gehalten. Wenn der Arbeitgeber neben 500 Euro Monatslohn und freier Kost und Logis auch noch Sprach- und Fortbildungskurse finanziert, k&ouml;nnen sich diese &Auml;rzte schon gl&uuml;cklich sch&auml;tzen. F&uuml;r den Klinikbetreiber ist es dabei schlussendlich egal, ob der betreffende Arzt jemals auf ein deutsches Ausbildungsniveau kommt und am Ende seine Approbation bekommt. Im Zweifel stehen schon die n&auml;chsten Kandidaten aus Schwellenl&auml;ndern und Drittweltstaaten bereit &ndash; moderne Gastarbeiter, in diesem Fall &bdquo;Gast&auml;rzte&ldquo;.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich d&uuml;rfen diese &Auml;rzte jedoch nicht als vollwertige Klinik&auml;rzte eingesetzt werden, ihr T&auml;tigkeitsbereich wird in der Regel durch Auflagen eng begrenzt und sie d&uuml;rfen meist auch nur unter &bdquo;&auml;rztlicher Aufsicht&ldquo; t&auml;tig werden. In der beruflichen Praxis, die von permanenter &Uuml;berlastung und Personalengp&auml;ssen gekennzeichnet ist, spielen die Vorgaben jedoch vielfach keine Rolle. Wenn Not am Mann ist (und in privatisierten Krankenh&auml;usern ist dies nicht die Ausnahme, sondern die Regel) werden die 500-Euro-Gast&auml;rzte auch oft mit T&auml;tigkeiten betraut, f&uuml;r die sie nicht vorgesehen sind. Welcher Patient kennt sich denn schon mit den betreffenden Regeln, Auflagen und rechtlichen Fragen aus und welcher Angeh&ouml;rige wagt es, den Krankenhausbetreiber zu verklagen? <\/p><p>Leidtragende sind dabei vor allem die Patienten, die vielfach von vergleichsweise schlecht ausgebildeten &Auml;rzten mit mangelhaften Sprachkenntnissen behandelt werden. Aber auch das &uuml;brige Personal geh&ouml;rt zu den Leidtragenden. Wenn Krankenschwestern neben ihrer &ndash; ohnehin schon physisch und psychisch extrem belastenden &ndash; Arbeit auch noch Aufpasser f&uuml;r die Gast&auml;rzte spielen m&uuml;ssen und die ebenfalls chronisch &uuml;berlasteten &Auml;rzte einen gro&szlig;en Teil der Arbeit der Gast&auml;rzte kontrollieren oder gleich &uuml;bernehmen m&uuml;ssen, ist dies nur eine zus&auml;tzliche Belastung f&uuml;r alle Beteiligten. <\/p><p>Man sollte tunlichst darauf achten, nicht mit dem Finger auf die eingewanderten &Auml;rzte zu zeigen. Sie sind selbst Opfer eines Systems, f&uuml;r das sie nichts k&ouml;nnen. Im Gegenteil &ndash; der Wunsch dieser &Auml;rzte ist es, in einem vermeintlich fortschrittlichen Land wie Deutschland ihr berufliches und privates Gl&uuml;ck zu finden. Das ist menschlich verst&auml;ndlich und legitim. In einer besseren Welt w&uuml;rden diese &Auml;rzte auch so ausgebildet werden, wie es ihnen zusteht. Sie w&uuml;rden intensive Sprachkurse bekommen und ihnen w&uuml;rde bei der Integration unter die Arme gegriffen. Wer eine solche bessere Welt sucht, muss nur &uuml;ber die Ostsee schauen &ndash; Schweden bietet eingewanderten &Auml;rzten genau diese Zugest&auml;ndnisse und ist daher auch bei deutschen &Auml;rzten als Einwanderungsland sehr beliebt. <\/p><p>Warum sind in Deutschland keine schwedischen Verh&auml;ltnisse m&ouml;glich? Warum duldet die Gesellschaft in einem der modernsten und reichsten L&auml;nder der Welt, dass die Qualit&auml;t einer elementaren Daseinsvorsorge wie dem Gesundheitssystem derart vor die Hunde geht? Warum akzeptieren wir, dass Krankenh&auml;user nicht mehr nach qualitativen Ma&szlig;st&auml;ben gef&uuml;hrt werden, sondern nur noch einzig und allein Renditeobjekte sind, bei denen eine kleine, ohnehin schon wohlhabende Schicht, die sich Eigent&uuml;mer nennt, <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=8797\">15% Rendite anstrebt?<\/a> Auf diese Fragen kann es keine zufriedenstellende Antwort geben. Wir haben uns und unsere Gesellschaft bereits derart den Mechanismen eines freien Marktes unterworfen, dass wir nun die Rendite unserer Ideologie kassieren. Noch ist es nicht zu sp&auml;t, das Ruder rumzurei&szlig;en. <\/p><p>Dabei ist der angebliche &Auml;rztemangel doch selbst eine Folge simpler marktwirtschaftlicher Prozesse. Wenn ein Krankenhausbetreiber seine Stellen nicht besetzen kann, so liegt dies nicht daran, dass es zu wenig &Auml;rzte gibt. Es liegt schlichtweg daran, dass die Krankenhausbetreiber ihnen kein ad&auml;quates Angebot machen. W&uuml;rde sie h&ouml;here Geh&auml;lter zahlen und bessere Arbeitsbedingungen bieten, g&auml;be es auch keine Personalnot. Marktwirtschaftliche Logik wird hierzulande jedoch nur dann angewandt, wenn es im Sinne der Arbeitgeber ist. Auf die Idee, dass auch Arbeitnehmer marktwirtschaftlich agieren, wenn sie denn in der Position sind, dies zu tun, kommen die Turbokapitalisten, die unsere Krankenhauskonzerne lenken, freilich nicht. Nat&uuml;rlich k&ouml;nnte man auch mit der gegebenen Budgetierung den &bdquo;Fachkr&auml;ftemangel&ldquo; im Krankenhausbereich eind&auml;mmen &ndash; aber dann m&uuml;sste man ja auf die 15% Rendite verzichten und das kann und will unsere Gesellschaft den Klinikbetreibern offenbar nicht zumuten. Dann darf sich aber auch niemand dar&uuml;ber beschweren, dass er im Notfall von einem schlecht ausgebildeten Arzt behandelt wird, der nur gebrochen Deutsch spricht. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/1809fffec6c14f8c8099db0a17b4c4d7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Median<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach aktuellen Zahlen der Bundes&auml;rztekammer haben im letzten Jahr 3.039 ausl&auml;ndische &Auml;rzte ihren Job in Deutschland <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-83504612.html\">aufgenommen<\/a> &ndash; die meisten davon waren Krankenhaus&auml;rzte. Nach Angaben des Deutschen Krankenhausinstituts sind momentan rund 5.500 Stellen f&uuml;r Krankenhaus&auml;rzte nicht besetzt. Schuld daran sei der Fachkr&auml;ftemangel, so raunt es aus dem Bl&auml;tterwald. 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