{"id":151098,"date":"2026-05-29T15:00:48","date_gmt":"2026-05-29T13:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098"},"modified":"2026-05-29T15:34:07","modified_gmt":"2026-05-29T13:34:07","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (12)"},"content":{"rendered":"<p>In dieser 12. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; f&uuml;hren uns die Erinnerungen der Leser an den Mittelrhein, in die stickige Luft der Luftschutzbunker, zum Brennnesselsammeln als Gem&uuml;seersatz, auf einen Friedhof f&uuml;r russische Zwangsarbeiter und in das zerbombte Hamburg, in dem ein Familienvater die wohl gl&uuml;cklichste &Uuml;berraschung seines Lebens erf&auml;hrt. Zuletzt geht es nach Griechenland auf die Insel Rhodos, wo eine griechische Familie nur knapp den Krieg &uuml;berlebt und dem Hungertod entgeht und dieses Schicksal mit einem deutschen Besatzungssoldaten teilt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5252\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-151098-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=151098-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260529_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_12_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden. Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Fliegeralarm, Bomber, Bunker<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller, verehrte NachDenkSeiten-Redaktion,<\/p><p>verbunden mit gro&szlig;em Dank f&uuml;r Ihre unverzichtbare Arbeit &uuml;bermittele ich Ihnen im Anhang meinen bescheidenen Beitrag zu Ihrem Aufruf anl&auml;sslich des 8. Mai.<\/p><p>Mit allen guten W&uuml;nschen<\/p><p>Im September 1941, als der Krieg schon in vollem Gange war, wurde ich in einem kleinen Ort am Mittelrhein, unweit der gegen Ende des Krieges hei&szlig;umk&auml;mpften Remagener Br&uuml;cke, geboren. Mein Heimatort war zu unser aller Gl&uuml;ck nie ein wichtiges Kriegsziel f&uuml;r die alliierten Truppen. So haben meine gesamte Familie und ich, im Gegensatz zu Millionen anderer Mitmenschen, weder nahe Angeh&ouml;rige zu beklagen gehabt noch Vertreibung, Bombardierungen oder den Verlust von Besitzt&uuml;mern, wir waren ohnehin Habenichtse, erleiden m&uuml;ssen.<\/p><p>Dennoch haben sich einige meiner Erinnerungen, die bis in das Jahr 1945 zur&uuml;ckreichen, unausl&ouml;schlich in mein Ged&auml;chtnis eingegraben. Es sind wenige, aus heutiger Sicht banale Begebenheiten, und doch wurden sie f&uuml;r mich als Kind offensichtlich im wahrsten Sinne des Wortes unvergesslich. Ich wei&szlig; allerdings nicht mehr, mit welchen Gef&uuml;hlen sie verbunden waren, Panik, Angst, Nichtbegreifen? Ich bin mir jedoch sicher, dass sie im Zusammenhang mit dem bewussten Miterleben der folgenden Nachkriegsjahre ihre Spuren in meiner Psyche hinterlassen haben. Aber das w&auml;re ein Thema f&uuml;r die Tiefenpsychologie.<\/p><p>Drei Schl&uuml;sselworte sind aus der Zeit des letzten Kriegsjahres nie mehr aus meinem Ged&auml;chtnis verschwunden: Fliegeralarm, Bomber, Luftschutzbunker. Hie&szlig; es Fliegeralarm, heulten die Sirenen und auf dem Arm meines Vaters, begleitetet von meiner Mutter, versuchten wir im Laufschritt, als in der Dunkelheit der Nacht schon das sich nahende Dr&ouml;hnen, wie ich heute wei&szlig;, britischer und amerikanischer Bombergeschwader zu h&ouml;ren war, einen einige hundert Meter entfernten Luftschutzbunker zu erreichen. Ich war zu dieser Zeit das einzige Kind in der Familie, meine &auml;ltere Schwester war zum sogenannten Landdienst irgendwo in Niedersachsen verpflichtet, ein Bruder war ein Jahr vor meiner Geburt an Diphtherie verstorben, einer Infektionskrankheit, die zu dieser Zeit &uuml;berall grassierte.<\/p><p>Mehr als alle anderen Begleiterscheinungen, welche die mit den f&uuml;r mich als Kind nicht zu deutenden, sich nachts immer wiederholenden, rheinaufw&auml;rts nach S&uuml;den fliegenden Bombergeschwadern verbunden waren, sind die Bunkeraufenthalte, die wie eine Filmszene, auch mit allen Sinnes- und Gef&uuml;hlswahrnehmungen, im wahrsten Sinne lebhaft in meiner Erinnerung verhaftet sind. &Uuml;berf&uuml;llt mit mir fremden Menschen, stickiger Luft, von Karbidlampen, die notd&uuml;rftig etwas Licht in die Dunkelheit des Erdstollens brachten, von den Erwachsenen r&uuml;de zurechtgewiesen, wenn ich meinem kindlichen Bed&uuml;rfnis nach Bewegung versuchte nachzugeben, dies auch, um wohl die albtraumhafte Umgebung aushalten zu k&ouml;nnen. Ich habe im Lauf meines Lebens immer wieder von diesem Erleben getr&auml;umt und bis heute habe ich den s&auml;uerlichen, essigartigen Geruch der Eichenst&auml;mme, mit denen der Bunker zu seiner St&uuml;tzung verbaut war, in der Nase. Und obwohl noch ein sehr junges Kind, konnte ich seitdem mit dem Begriff Albtraum konkrete Dinge in Verbindung bringen.<\/p><p>In den letzten Kriegsmonaten beherrschte ein Versorgungsmangel unseren Alltag und ich nahm wahr, dass es f&uuml;r meine Mutter schwierig wurde, Essen auf den Tisch zu bringen, weil es an allem fehlte. Um Gem&uuml;se zu ersetzen, ging ich mit meiner Mutter in die Feldflur in der Umgebung unserer Wohnung, um Brennnesseln und andere Wildkr&auml;uter zu sammeln, die als Gem&uuml;seersatz genutzt wurden. Nach dem Fall der Remagener Br&uuml;cke waren inzwischen amerikanische Truppen auf beiden Seiten des Rheins so weit vorger&uuml;ckt, dass auch die Umgebung meines Heimatortes unter Artilleriebeschuss geriet. Als wir eines Tages beim Brennnesselsammeln in die Feuerzone der Artillerieattacken gerieten, war auch diese Nahrungsquelle verschlossen. Ich erinnere mich, dass es in dieser Phase des Krieges lebensgef&auml;hrlich war, sich au&szlig;erhalb des Hauses zu bewegen.<\/p><p>Die Zeit der Bombergeschwader war vor&uuml;ber, neben dem Artilleriebeschuss waren aber einzeln agierende Jagdflugzeuge eine gro&szlig;e Bedrohung f&uuml;r jeden, der sich im Freien aufhielt und bewegte, weil sie im Tiefflug unterschiedslos auf alles schossen, was sie ins Visier bekamen. Lange Zeit bewahrte meine Mutter zwei Geschossh&uuml;lsen auf, die von einem solchen Angriff stammten. Meine Mutter, ich und eine Nachbarin mit einem ebenfalls noch kleinen Kind konnten uns im allerletzten Augenblick unter einer Eisenbahnbr&uuml;cke in Sicherheit bringen, als wir von einem Jagdflugzeug beschossen wurden. Auch dieser Augenblick hat sich mir unausl&ouml;schlich eingepr&auml;gt, dazu wird die Panik und Todesangst der beiden M&uuml;tter beigetragen haben.<\/p><p>Diese wenigen Erinnerungsbruchst&uuml;cke waren und sind f&uuml;r mich von Bedeutung, aber in der Gesamtheit der furchtbaren Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges von v&ouml;lliger Belanglosigkeit.<\/p><p>Etwas anders empfinde ich das an einem Ort, den ich gelegentlich aufsuche. Seit Jahrzehnten lebe ich inzwischen im Gebiet der Schw&auml;bischen Alb. Bei meinen Wanderungen auf der Schw&auml;bischen Alb, nahe der Stadt M&uuml;nsingen, besuche ich h&auml;ufig einen Friedhof, auf dem 542 namenlose russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, die in der Region zu Tode kamen, beigesetzt sind. Nur zwei Gr&auml;ber tragen Namenstafeln. Sie tragen die Namen zweier Br&uuml;der, die zum Zeitpunkt ihres Todes im M&auml;rz 1945 acht und vier Jahre alt waren. Sie waren die Kinder einer Zwangsarbeiterin und kamen bei einem Luftangriff auf die Stadt Reutlingen ums Leben. Zwei Gef&uuml;hle beherrschen mich, wenn ich an diesen Gr&auml;bern stehe, eine tiefe Traurigkeit, wenn ich daran denke, dass diesen Kindern, eines mit dem gleichen Geburtsjahr wie ich, die Perspektiven f&uuml;r ein ganzes Leben genommen wurden. F&uuml;r das andere Gef&uuml;hl, was mich erfasst, wenn ma&szlig;gebliche Politiker, auch an die heranwachsende Jugend gerichtet, von Kriegst&uuml;chtigkeit schwadronieren, da fehlt mir jedes Wort.<\/p><p>Herbert L&ouml;hr<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Die sorglosen Jahre waren f&uuml;r immer vorbei <\/strong><\/p><p>Ich lese regelm&auml;&szlig;ig in den <em>NachDenkSeiten<\/em> und f&uuml;hlte mich direkt angesprochen, als es darum ging, welche Geschichten man in Bezug auf Krieg kennt &ndash; also den &bdquo;Aufruf zum 8. Mai&rdquo;. <\/p><p>Meine Mutter, Jahrgang &lsquo;36, lebte mit ihrer Mutter und den zwei Geschwistern bis 1943 in Hamburg. Der Vater war als einfacher Soldat im Krieg. Das Haus in der Ritterstra&szlig;e existiert nicht mehr, aber es war in Hamburg ganz in der N&auml;he von &bdquo;Planten und Blomen&ldquo;. <\/p><p>Meine Mutter wurde im &bdquo;Michel&ldquo; getauft und in Hamburg eingeschult. Sie hatte einen sehr lieben Lehrer, welcher aus dem Zweiten oder sogar dem Ersten Weltkrieg versehrt zur&uuml;ckgekommen war. Er hatte nur noch ein Bein, aber auch kein Holzbein, sondern nur ein umgeschlagenes Hosenbein. Dieser Lehrer, Herr Imo, hat mit den Kindern seiner Klasse das Verhalten bei Bombenangriffen ge&uuml;bt, wie man atmen sollte, damit man mit der Angst besser umgehen kann. Laut meiner Mutter war der Lehrer herzensgut. Sie konnte diese Atem&uuml;bung auch mit 85 Jahren noch anschaulich vorf&uuml;hren. <\/p><p>Kurz bevor eine der schlimmsten Bombenn&auml;chte in Hamburg stattfand, beschloss meine Gro&szlig;mutter, mit ihren Kindern nach Heide zur Familie zu fahren. Sie hatte ein ungutes Gef&uuml;hl entwickelt, eine ihrer Nachbarinnen, Frau Katschmarek, hatte den Feindsender geh&ouml;rt und erz&auml;hlt, dass die schlimmsten Bombenangriffe noch bevorst&uuml;nden. Heide ist nicht weit weg, trotzdem bot das St&auml;dtchen mehr Sicherheit.<\/p><p>Das Mietshaus in Hamburg wurde ganz kurze Zeit sp&auml;ter komplett zerbombt, vernichtet. Es erging ein Telegramm durch die Stadt Hamburg an die Front zum Vater Johannes Eggers, worin stand, dass seine Frau und die drei Kinder bei einem Bombenangriff verstorben sind.<\/p><p>Mein Opa bekam Fronturlaub und reiste sofort nach Heide, wo seine Mutter und andere Angeh&ouml;rige wohnten, er musste und sollte sich um die Bestattung seiner Frau und der drei Kinder k&uuml;mmern. <\/p><p>Wie erstaunt und gl&uuml;cklich, ja fassungslos, war er, als bei seiner Ankunft in Heide in der Louisenstra&szlig;e seine drei Kinder auf der Stra&szlig;e spielten.<\/p><p>Das Telegramm, welches mein Gro&szlig;vater an der Front erhielt, mit der Nachricht, dass es seine Familie nicht mehr gibt, hing Jahrzehnte bei meiner Mutter gerahmt an der Wand. <\/p><p>Bei jedem meiner Besuche stand ich davor und versuchte, mir vorzustellen, wie es meinem Opa ergangen ist, als er das zu lesen bekam, aber auch, was meine Oma f&uuml;hlte, als sie davon h&ouml;rte, dass sie kein Zuhause mehr hat, aber daf&uuml;r ihre Kinder und sich selbst gerettet hatte.<\/p><p>Meine Mutter beschrieb die kurzen Kinderjahre in Hamburg als ihre sch&ouml;nste Zeit. Vor dem Krieg hatte die Familie in Waltershof einen Schrebergarten mit Laube, dort wuchs allerlei, was man auch einkochen konnte, z.B. Erdbeeren und Rhabarber. Der Vater hatte ein selbstgebautes Ruderboot und die Kinder durften manchmal mitkommen zum Angeln. Es gab eine Buddelkiste und rings die anderen Kinder, die solche Annehmlichkeiten nicht besa&szlig;en, kamen zum Spielen. Auch hatte der Vater eine ausk&ouml;mmliche Arbeit auf der Werft und sogar zwei Wochen Urlaub.<\/p><p>Es gab w&auml;hrend des Krieges in Hamburg einigerma&szlig;en genug an Unterst&uuml;tzung, auch wenn das Leben f&uuml;r die Oma trotzdem schwer genug war. <\/p><p>In Heide jedoch &auml;nderte sich das sehr zum Negativen. Oder meine Mutter konnte sich besser erinnern. Sie empfand es als schwierig, mitanzusehen und mitzuerleben, wie ihre Mutter mit quasi nichts ihre Kinder durchbringen musste, beschrieb die Zeit als entsetzlich.<\/p><p>Die Zeiten &auml;nderten sich, als der Vater wieder nach Hause kam und f&uuml;r seine Familie sorgen konnte, aber die sorglosen Jahre waren f&uuml;r immer vorbei. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nFrauke Marohn<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>&bdquo;In 10 Tagen Hitler kaputt&ldquo;<\/strong><\/p><p>Liebe Redaktion der NachDenkSeiten,<\/p><p>der Aufruf hat eine Erz&auml;hlung meines Vaters wieder in Erinnerung gerufen, die mich immer noch sehr ber&uuml;hrt.<\/p><p>Ich hoffe, dass Sie auch an den Erinnerungen der Menschen interessiert sind, die in ganz Europa das Grauen des Krieges erlebt haben und das Ende als Erl&ouml;sung.<\/p><p>Mein Vater ist griechischer Staatsangeh&ouml;riger, Jahrgang 1929, geboren auf Rhodos. Er erlebte als 16-j&auml;hriger Junge in einer ganz besonderen Situation das Ende des Krieges.<\/p><p>Seine Familie war gegen Ende des Krieges dem Hungertod sehr nah. Seit dem Winter 1944 gab es immer weniger Lebensmittel, sowohl f&uuml;r die Besatzer als auch f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Die Insel war seit 1943 von der Wehrmacht besetzt. Bis dahin stand sie unter italienischer Besatzung. Als der Nachschub f&uuml;r die deutsche Soldaten bereits gegen Ende 1944 immer schwieriger wurde, fingen sie an, alles zu beschlagnahmen, was die griechische Bev&ouml;lkerung an landwirtschaftlichen Produkten und Tieren besa&szlig;en. Die Soldaten durchsuchten die H&auml;user der Dorfbewohner und nahmen, was sie fanden, Mehl und Oliven&ouml;l zum Beispiel. Manche Familien konnten ihre Vorr&auml;te verstecken, andere nicht, oder sie hatten gar keine mehr. <\/p><p>Die Familie meines Vaters geh&ouml;rte zu den &auml;rmsten Familien des Dorfes. Das Dorf hei&szlig;t Archipolis und liegt in der Mitte der Insel Rhodos. Irgendwann gab es f&uuml;r sie nur Wildkr&auml;uter und Knollen aus einer bestimmten Pflanze zum Essen. Mein Vater sammelte f&uuml;r die Familie. Sein Vater war kr&auml;nklich und schwach. Es gab noch einen j&uuml;ngeren Bruder und f&uuml;nf Schwestern. Die zwei &auml;lteren Schwestern hatten Angst, auf die Felder zu gehen. Sie hatten Angst, Soldaten zu begegnen. Eine Garnison mit deutschen Soldaten war ca. 3 km entfernt vom Dorf. <\/p><p>Er erz&auml;hlte mir, dass er irgendwann keine Kr&auml;fte mehr hatte. Er f&uuml;hle noch die Verzweiflung und die Ohnmacht, als sein Vater ihn anflehte, auf die Felder zu gehen und Knollen auszugraben. Den Satz seines Vaters, &bdquo;Du musst was tun, sonst werden wir alle sterben&rdquo; und diese letzten Tage des Krieges werde er nie vergessen. Er meinte: &bdquo;Wir haben einfach auf den Tod gewartet.&rdquo;<\/p><p>Es war bereits Anfang Mai 1945. Der Krieg war zu Ende, aber im Dorf gab es kein Radio, um Gewissheit dar&uuml;ber zu erlangen. Die Stadt Rhodos war 45 km entfernt.<\/p><p>Obwohl die Wehrmacht Athen bereits Oktober 1944 verlassen hat, blieben Rhodos und die Inseln der &Auml;g&auml;is noch unter deutscher Besatzung. Der R&uuml;ckzug war schwierig, da die Alliierten das Meer kontrollierten.<\/p><p>F&uuml;r die Dorfbewohner war das Ende des Krieges, als die ersten Hilfslieferungen des Roten Kreuzes auch das Dorf erreichten. Gerade rechtzeitig, damit die Familie meines Vaters nicht sterben musste.<\/p><p>Jahre sp&auml;ter las ich in einer Erz&auml;hlung eines Zeitzeugen aus der Stadt Rhodos &uuml;ber einen deutschen Soldaten, der gegen Ende April 1945, &auml;hnlich wie mein Vater, durch das Ausgraben von Knollen zu &uuml;berleben versuchte. Der Soldat tauchte eines Tages im Hof der Familie des Zeitzeugen auf, unbewaffnet nur mit einer Gartenhacke auf den Schultern, und bat um Erlaubnis, Knollen ausgraben zu d&uuml;rfen.<\/p><p>Er sah sehr hungrig und ersch&ouml;pft aus, beschrieb ihn der Zeitzeuge. Er grub nur so viel aus, wie er brauchte. Beim Weggehen bedankte er sich und sagte in d&uuml;rftigem Griechisch &bdquo;In 10 Tagen Hitler kaputt&rdquo;. Er behielt recht, so der Zeitzeuge. Nach 10 Tagen kapitulierte Deutschland. Die Kapitulation f&uuml;r die &Auml;g&auml;is wurde aber erst am 08.05.1945 auf der Insel Symi vom General Wagner unterschrieben.<\/p><p>Mein Vater sprach oft von den Erlebnissen in dieser Zeit. Seine Erz&auml;hlungen beendete er immer mit dem Wunsch, niemand soll je wieder Krieg erleben d&uuml;rfen. Ich denke manchmal an diesen Soldaten aus der Erz&auml;hlung des Zeitzeugen. Ich hoffe vom Herzen, er hat &uuml;berlebt und den gleichen Wunsch seiner Familie hinterlassen.<\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e<br>\nEvi Tsakiri<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:%D0%9D%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9_%D0%BC%D0%B0%D0%BB%D1%8C%D1%87%D0%B8%D0%BA_%D0%BD%D0%B0_%D1%80%D0%B0%D0%B7%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D1%85_%D0%B2_%D0%B3.%D0%91%D0%B5%D1%80%D0%BB%D0%B8%D0%BD%D0%B5.jpg\">wikicommons<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dieser 12. Folge der Reihe &bdquo;Erinnerungen gegen den Krieg&ldquo; f&uuml;hren uns die Erinnerungen der Leser an den Mittelrhein, in die stickige Luft der Luftschutzbunker, zum Brennnesselsammeln als Gem&uuml;seersatz, auf einen Friedhof f&uuml;r russische Zwangsarbeiter und in das zerbombte Hamburg, in dem ein Familienvater die wohl gl&uuml;cklichste &Uuml;berraschung seines Lebens erf&auml;hrt. Zuletzt geht es nach<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":150105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3652,1555,2104,2394,849,966],"class_list":["post-151098","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-griechenland","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-nahrungsmittel","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/junge-berlin.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151098","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151098"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151098\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":151256,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151098\/revisions\/151256"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/150105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151098"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151098"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151098"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}