{"id":151137,"date":"2026-05-28T10:00:40","date_gmt":"2026-05-28T08:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151137"},"modified":"2026-05-28T09:57:57","modified_gmt":"2026-05-28T07:57:57","slug":"historiker-ilan-pappe-israel-war-schon-immer-der-ansicht-dass-es-die-arabische-welt-beherrschen-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151137","title":{"rendered":"Historiker Ilan Pappe: \u201eIsrael war schon immer der Ansicht, dass es die arabische Welt beherrschen muss\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Gespr&auml;ch &uuml;ber sein neues Buch zeigt Pappe auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuit&auml;t zwischen den Anf&auml;ngen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten auf. Von <strong>Gwena&euml;lle Lenoir<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nW&auml;hrend Israel mit Unterst&uuml;tzung westlicher Regierungen seine m&ouml;rderischen Aktionen im Gazastreifen, im Westjordanland, im Libanon und in Syrien fortsetzt, ver&ouml;ffentlicht der israelische Historiker Ilan Pappe ein kleines, aufr&uuml;ttelndes Buch mit dem Titel &bdquo;Kurze Geschichte des israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikts&ldquo;.<\/p><p>Auf weniger als 200 Seiten fasst der Professor der Universit&auml;t Exeter in Gro&szlig;britannien Jahrzehnte der Arbeit der sogenannten &bdquo;neuen israelischen Historiker&ldquo; zusammen &ndash; denen er selbst angeh&ouml;rt &ndash;, die die historische Darstellung des Konflikts zwischen Israel und Pal&auml;stina neu geschrieben haben.<\/p><p>Ilan Pappe, in Israel als Sohn deutscher Eltern geboren, die aus Nazideutschland geflohen waren, ist durch seine historischen Erkenntnisse zu einem engagierten, antizionistischen Menschen und Verteidiger der Rechte der Pal&auml;stinenser geworden. Heute leitet er das Europ&auml;ische Zentrum f&uuml;r Pal&auml;stina-Studien an der Universit&auml;t Exeter.<\/p><p>Das Interview, gef&uuml;hrt von Gwena&euml;lle Lenoir f&uuml;r die franz&ouml;sische Internet-Zeitung <a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/#_blank\"><em>Mediapart<\/em><\/a>, verdeutlicht auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuit&auml;t zwischen den Anf&auml;ngen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten.<\/p><p><strong>Gwena&euml;lle Lenoir: Was hat Sie dazu veranlasst, diese &bdquo;Kurze Geschichte des israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikts&ldquo; zu schreiben, und warum jetzt?<\/strong><\/p><p>Ich habe sie vor anderthalb Jahren auf Englisch geschrieben, nach einer Buchmesse, auf der ich sah, dass die Menschen eine Erkl&auml;rung des Kontextes der Ereignisse seit Oktober 2023 suchten.<\/p><p>Sie hielten die vorgestellten B&uuml;cher f&uuml;r zu umfangreich, zu wissenschaftlich. Gleichzeitig waren die meisten Menschen mit dem von den Medien dargestellten Kontext unzufrieden und wollten mehr erfahren, ohne sich gleich in ein Studium des Themas zu vertiefen.<\/p><p>Und deshalb verkauft sich dieses Buch gut, denn es bringt in gewisser Weise Geschichten, die die gro&szlig;en Medien nicht bringen, und schon gar nicht die traditionellen Politiker. Letztere beugen sich der israelischen Darstellung, wonach die Ereignisse vom 7. Oktober die Folge eines islamistischen Antisemitismus sind und dass der Iran sie orchestriert hat. Israel m&ouml;chte, dass sie so dargestellt werden, und hat gefordert, dass der historische Kontext des 7. Oktober nicht analysiert wird.<\/p><p><strong>Was die westlichen Politiker betrifft, so zitierte der franz&ouml;sische Au&szlig;enminister Jean-No&euml;l Barrot den der israelischen Premierministerin Golda Meir zugeschriebenen Satz &ndash; &bdquo;Wir k&ouml;nnen den Pal&auml;stinensern verzeihen, dass sie unsere Kinder t&ouml;ten, aber wir werden ihnen niemals verzeihen, dass sie uns zwingen, ihre Kinder zu t&ouml;ten&ldquo; &ndash; im Zusammenhang mit dem neuen israelischen Gesetz zur Todesstrafe f&uuml;r Pal&auml;stinenser. Er wollte damit unterstreichen, dass der Geist des Staates Israel humanistisch sei. Was sagt Ihnen das?<\/strong><\/p><p>[Lachen] Diese Geschichte kannte ich gar nicht! Aber die Aussage ihres Ministers ist v&ouml;lliger Unsinn! Das ist die seltsamste Interpretation dieses Satzes, die mir je begegnet ist, denn sie zeigt nicht den Humanismus Israels, sondern genau das Gegenteil. Golda Meir sagte dies 1948 in Haifa, nachdem Israel die ethnische S&auml;uberung der Stadt durchgef&uuml;hrt hatte.<\/p><p>Auf die Frage eines Journalisten: &bdquo;Glauben Sie nicht, dass das, was Sie hier sehen, den Pogromen gegen die Juden in Osteuropa &auml;hnelt?&ldquo;, antwortete sie: &bdquo;Ja, es macht mich sehr traurig, das zu sehen, und wir werden den Pal&auml;stinensern niemals verzeihen, dass sie uns dazu zwingen, ihnen das anzutun.&ldquo;<\/p><p>Es ist ein Satz, der die Heuchelei, den Anschein von Tugend und die Unf&auml;higkeit der Israelis zeigt, zu akzeptieren, dass die Pal&auml;stinenser Opfer sind. Sie glauben, dass nur Israel Opfer sein kann. Es ist wie bei einer Person, die eine andere sehr heftig schl&auml;gt, bis zu dem Punkt, dass sie sie fast t&ouml;tet, und ihr dann sagt: &bdquo;Es ist deine Schuld. Du hast mich so w&uuml;tend gemacht, dass ich dich fast t&ouml;te. Und ich werde dir nie verzeihen, dass du mich dazu gebracht hast, dich fast umzubringen.&ldquo; Es &uuml;berrascht mich sehr, dass euer Minister dies erw&auml;hnt hat, um ein positives Bild von Israel zu rechtfertigen.<\/p><p><strong>Kommen wir zur&uuml;ck zu Ihrem letzten Buch. Wenn man die Kapitel durchgeht, die den Anf&auml;ngen des Zionismus und seiner Etablierung im historischen Pal&auml;stina gewidmet sind, hat man oft das Gef&uuml;hl, dass es eine starke Kontinuit&auml;t zwischen dieser Zeit und heute gibt. Ist das so?<\/strong><\/p><p>Es gibt einen kleinen Unterschied, aber keinen grundlegenden. Damit der Zionismus realisiert werden konnte, brauchte es eine sehr starke Koalition, die die Vorstellung akzeptierte, dass die einzige L&ouml;sung f&uuml;r das j&uuml;dische Problem in Europa ein j&uuml;discher Staat im Herzen der arabischen Welt auf Kosten der Pal&auml;stinenser sei und dass, wenn die Pal&auml;stinenser und die arabische Welt sich widersetzten, sie sich einer globalen Koalition stellen m&uuml;ssten.<\/p><p>Die Pal&auml;stinenser begriffen diese Vorstellung, dass sie durch die Juden aus Europa und sp&auml;ter auch durch Juden aus den arabischen und &ouml;stlichen L&auml;ndern ersetzt, vertrieben und verdr&auml;ngt werden sollten, als existenzielle Bedrohung und gr&uuml;ndeten ihre eigene Widerstandsbewegung. Und diese Widerstandsbewegung ist bis heute aktiv. Daher ist f&uuml;r den Erhalt Israels stets eine breite Koalition notwendig.<\/p><p>Diese Koalition setzt sich aus Mitgliedern zusammen, die sich nicht in allen Punkten einig sind, die aber das zionistische Projekt bef&uuml;rworten. Zum Beispiel glauben christliche Zionisten nach wie vor, dass es sich um ein g&ouml;ttliches Programm handelt, das die Wiederkunft des Messias bringen wird.<\/p><p>Die amerikanischen Konservativen oder &bdquo;Neokonservativen&ldquo; glauben, dass es wichtig ist, weil Israel in einer sehr feindseligen Region die Bastion des Westens und der USA ist.<\/p><p>Die multinationalen Konzerne, die mit R&uuml;stungsg&uuml;tern handeln, betrachten es als gro&szlig;e Gesch&auml;ftsgelegenheit.<\/p><p>Und dann ist da nat&uuml;rlich das j&uuml;dische Gef&uuml;hl, das unter den Mitgliedern dieser B&uuml;ndnisse wahrscheinlich das authentischste ist, wonach man eine Art neuen Zufluchtsstaat braucht, in den man gehen kann, wenn die Dinge schlecht laufen, wie es im Zweiten Weltkrieg der Fall war.<\/p><p><strong>Aber wir hatten jahrzehntelang, wenn wir die Nachrichten nicht t&auml;glich verfolgten, den Eindruck, dass die Brutalit&auml;t geringer war als in den Anfangstagen. Bis vor zwei oder drei Jahren, bis zur R&uuml;ckkehr Netanjahus an die Macht.<\/strong><\/p><p>Ich glaube, es sind zwei Dinge geschehen:<\/p><p>Erstens reagiert die internationale Gemeinschaft nicht auf die allt&auml;gliche Brutalit&auml;t. Sie reagiert auf sehr dramatische Brutalit&auml;t. Aber es gab seit der Ankunft der Zionisten in Pal&auml;stina keinen einzigen Tag, an dem die Pal&auml;stinenser nicht der zionistischen Brutalit&auml;t ausgesetzt waren, wenn auch sicherlich nicht immer in diesem gro&szlig;en Ma&szlig;stab.<\/p><p>Zweitens begannen das Internet und die Besuche junger Menschen aus aller Welt im Westjordanland und im Gazastreifen, die Realit&auml;t der israelischen Unterdr&uuml;ckung aufzudecken.<\/p><p>Und etwas deutlich anderes geschah nach November 2022, als zum ersten Mal die am meisten fundamentalistischen, extremen und rassistischen Elemente der israelisch-j&uuml;dischen Gesellschaft begannen, die Macht zu &uuml;bernehmen. Es ging nicht nur um Netanjahu. Es ging um Netanjahus B&uuml;ndnis mit diesen Kr&auml;ften.<\/p><p>Sie haben viel weniger Skrupel als die vorherige Generation, wenn es darum geht, noch t&ouml;dlichere und zerst&ouml;rerischere Waffen und Strategien gegen die Pal&auml;stinenser einzusetzen. Das zeigt sich seit dem 7. Oktober &uuml;berall.<\/p><p>Obwohl, wie ich bereits sagte, dies schon vorher vorhanden war. Die Pal&auml;stinenser waren schon immer einer sehr m&auml;chtigen Armee ausgeliefert, die in mehrfacher Hinsicht darauf ausgerichtet war, sie &uuml;ber Jahrzehnte hinweg zu &uuml;berwachen, zu kontrollieren und zu besetzen.<\/p><p><strong>Angesichts der im Rahmen Ihrer Arbeit durchgef&uuml;hrten Analysen: Sehen Sie Vergleichspunkte zwischen der Vergangenheit und der aktuellen Lage im Gazastreifen einerseits und im Westjordanland andererseits?<\/strong><\/p><p>Ich sehe viele &Auml;hnlichkeiten, aber auch Unterschiede. Was wir heute in Gaza erleben, erinnert mich an die letzten Phasen der Nakba, die Operationen, die Israel 1948 durchf&uuml;hrte, als dieses Land nicht in der Lage &ndash; oder zumindest nicht bereit &ndash; war, das gesamte historische Pal&auml;stina zu besetzen. Auf diese Weise entstanden das Westjordanland und der Gazastreifen.<\/p><p>Die Israelis haben so viele Pal&auml;stinenser, wie sie konnten, sowohl ins Westjordanland als auch in den Gazastreifen vertrieben. Dann bauten sie eine Art Mauer um Israel herum, um sich von diesen pal&auml;stinensischen Gebieten abzutrennen, in der Hoffnung, dass die Jordanier und &Auml;gypter sich um sie k&uuml;mmern w&uuml;rden.<\/p><p>Heute k&ouml;nnen die Pal&auml;stinenser aus Gaza nirgendwohin gehen, w&auml;hrend die H&auml;lfte des Gazastreifens leer und vollst&auml;ndig von Israel kontrolliert ist. Sie haben keinerlei Schutz und sind weiterhin mit den anhaltenden israelischen Milit&auml;roperationen konfrontiert. Es gibt eine Eskalation in Bezug auf Unmenschlichkeit, Barbarei und den Willen, die Bev&ouml;lkerung offen zu dezimieren &ndash; und nicht nur, sie zum Weggehen zu zwingen.<\/p><p>Ich glaube, die aktuelle Situation ist viel besorgniserregender als w&auml;hrend der Nakba im Jahr 1948. Denn 1948 konnten die Menschen, obwohl sie alles verloren hatten, ihr Leben wieder aufbauen &ndash; in den Fl&uuml;chtlingslagern, in der Diaspora, im Westjordanland, im Gazastreifen. Heute sind sie von Ausl&ouml;schung bedroht. Es ist m&ouml;glich, dass Israel diesen V&ouml;lkermord nicht vollenden kann, aber das Leiden ist unermesslich.<\/p><p>Was das Westjordanland betrifft, sagen die Pal&auml;stinenser, dass die Nakba ein anhaltender Prozess ist. Da stimme ich voll und ganz zu. Im Westjordanland findet eine fortschreitende und schrittweise ethnische S&auml;uberung statt.<\/p><p>Und wir sehen erst den ersten Schritt. Es geht darum, die Pal&auml;stinenser aus der Zone C &ndash; die gem&auml;&szlig; den Osloer Abkommen etwa 60 Prozent des Westjordanlands ausmacht &ndash; zu vertreiben, um sie in die Zonen B und A zu bringen, sie dann aus Zone B zu entfernen und in Zone A eine Art Gazastreifen zu schaffen, also unter Belagerung.<\/p><p>Dann wird es hei&szlig;en: &bdquo;Wenn du dich gut benimmst, kannst du dich frei bewegen und eine gewisse Autonomie genie&szlig;en. Wenn du dich nicht gut benimmst, nun, schau dir an, was mit dem Gazastreifen passiert ist.&ldquo;<\/p><p>Das ist die Strategie von [Bezazel] Smotrich, offiziell Finanzminister mit Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r das Westjordanland, der aber tats&auml;chlich der De-facto-Generalgouverneur des Westjordanlands ist. Er spricht ganz offen dar&uuml;ber. Er hat die Unterst&uuml;tzung der Mehrheit der Likud-Mitglieder und von Netanjahu.<\/p><p><strong>Seit zwei Monaten erleben wir zwei neue Konflikte gegen den Iran und gegen den Libanon. Sind sie Ihrer Auffassung nach Teil dessen, was Sie den israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikt nennen?<\/strong><\/p><p>Ich glaube, dass es eine Verbindung gibt. Um das grundlegende zionistische Ziel zu erreichen, n&auml;mlich die Kontrolle &uuml;ber das gesamte historische Pal&auml;stina mit einer sehr reduzierten Anzahl von Pal&auml;stinensern &ndash; und mit Pal&auml;stinensern, die, falls sie bleiben, keinerlei Verlangen haben, sich gegen die Realit&auml;t der Unterdr&uuml;ckung zu wehren &ndash;, hat Israel stets die Ansicht vertreten, dass es die arabische Welt beherrschen und sich jedem widersetzen muss, der den Pal&auml;stinensern helfen k&ouml;nnte.<\/p><p>So war es schon immer. Israel versuchte vor 1967, die fortschrittlichen Regierungen in &Auml;gypten und Syrien zu st&uuml;rzen, weil es F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten wie Gamal Abdel Nasser in &Auml;gypten und die Baath-Partei in Syrien als pro-pal&auml;stinensisch ansah.<\/p><p>Heute gibt es andere Akteure. Doch die Hegemonie in der Region bleibt in den Augen der verantwortlichen israelischen Politiker eine Voraussetzung, um die vollst&auml;ndige Umwandlung des historischen Pal&auml;stinas in einen rein j&uuml;dischen Staat zu vollenden. Es geht also nicht um einen Wunsch, den Iran zu besiegen, nur aus Freude daran, ihn zu besiegen.<\/p><p>Hinzu kommt, dass die Anh&auml;nger des messianischen Zionismus, die mittlerweile einen sehr wichtigen Teil der Regierung ausmachen, glauben, das biblische K&ouml;nigreich Davids und Salomons wiederaufzubauen, das von allen im Nahen Osten gef&uuml;rchtet und respektiert wurde.<\/p><p>Und dies geht Hand in Hand mit ihrer Vorstellung, dass Israel in Wirklichkeit eine Theokratie sein m&uuml;sse, denn wenn du eine Theokratie bist, tust du, was Gott will, und wenn du tust, was Gott will, wirst du auch in deiner Politik gegen&uuml;ber der arabischen Welt Erfolg haben.<\/p><p><strong>In fr&uuml;heren Interviews haben Sie gesagt, Israel stehe am Rande eines kalten B&uuml;rgerkriegs, sogar einer Implosion, aufgrund des Konflikts zwischen dem theokratischen Staat Jud&auml;a, den sie gerade beschrieben haben, und dem Staat Israel, den Sie als s&auml;kularer und liberaler ansehen. Ist das zweieinhalb Jahre nach dem 7. Oktober immer noch so?<\/strong><\/p><p>Ja, denn der Staat Israel und der Staat Jud&auml;a sind sich in der Pal&auml;stinafrage nicht uneinig, genauso wenig wie in der Notwendigkeit, den Iran oder den Libanon anzugreifen. Das sind nicht die Streitpunkte. Diese betreffen vielmehr die Zukunft der j&uuml;dischen Gesellschaft in Israel.<\/p><p>Wird es eine s&auml;kulare und liberale Gesellschaft sein oder eine theokratische? Das ist der Konflikt.<\/p><p>Und in diesem Kampf hat meiner Meinung nach der Staat Jud&auml;a die F&uuml;hrung &uuml;bernommen. Er wird sie behalten, bis alles zu absurd und Schrecken erregend geworden ist, selbst f&uuml;r diejenigen, die ihn unterst&uuml;tzen.<\/p><p>Und wir k&ouml;nnen bereits in den USA eine radikale Ver&auml;nderung in der Haltung gegen&uuml;ber Israel beobachten, auch unter jungen Juden. Wir sehen in Europa die Anf&auml;nge einer Bewusstwerdung. Die junge Generation von Politikern beginnt zu verstehen, dass die Gefahr im Nahen Osten nicht darin besteht, dass der Iran eine Atomwaffe entwickeln k&ouml;nnte, sondern dass Israel 220 Atombomben hat. Und dass es sich zu einem aggressiven Staat mit theokratischen Z&uuml;gen entwickelt, mit noch mehr Unterdr&uuml;ckung der Pal&auml;stinenser.<\/p><p><strong>Glauben Sie, dass wir gerade die letzte Phase des Zionismus erleben?<\/strong><\/p><p>Ja. Aber als Historiker muss ich darauf hinweisen, dass sich die letzte Phase eines historischen Prozesses &uuml;ber 20 oder 30 Jahre erstrecken kann. Ich spreche nicht von einem Zeitraum von f&uuml;nf oder sechs Jahren ab heute. Ich erwarte keinerlei grundlegende Ver&auml;nderung innerhalb Israels, leider.<\/p><p>Aber wir sehen im Ausland eine Bewegung, die beginnt, die Innenpolitik in Europa und den USA mit der Haltung zu Israel zu verkn&uuml;pfen.<\/p><p>Zum Beispiel gibt es bei den Kommunalwahlen in Gro&szlig;britannien eine sehr wichtige Partei, die um den Stadtrat von Birmingham k&auml;mpft, die sich &bdquo;Koalition f&uuml;r Gaza&ldquo; nennt. Das Problem in Birmingham ist jedoch nicht Gaza. Das Problem in Birmingham ist die Unf&auml;higkeit der Stadtverwaltung, Dinge wie M&uuml;ll, Kanalisation usw. zu regeln. Aber in den Augen vieler Menschen dort h&auml;ngen diese Dinge zusammen. Ihre moralische Haltung gegen&uuml;ber Gaza steht in Verbindung mit ihrer Haltung zu Themen, die f&uuml;r die Einwohner von Birmingham wichtig sind.<\/p><p><strong>Stimmen Sie dem zu?<\/strong><\/p><p>Ja, ich stimme zu, es h&auml;ngt zusammen. Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang zwischen Politikern, die jeden moralischen Anstand verloren haben, die nur an ihre Karriere denken, die nur an die n&auml;chsten Wahlen denken und sich von den wirklichen Problemen der Gesellschaft und von jenen abkoppeln, die nicht so sind. Ich glaube fest daran, dass jemand, der es als moralische Pflicht ansieht, sich f&uuml;r die Pal&auml;stinenser einzusetzen, sich auch aufrichtig um die Belange k&uuml;mmern wird, die seine eigene Gemeinde und seine eigene W&auml;hlerschaft betreffen.<\/p><p><em>Das Interview erschien im Original am 4. Mai 2026 bei <a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/journal\/international\/040526\/ilan-pappe-historien-israel-toujours-estime-qu-il-devait-dominer-le-monde-arabe#_blank\">Mediapart<\/a>. Aus dem <a href=\"https:\/\/www.sinpermiso.info\/textos\/israel-siempre-ha-considerado-que-debe-dominar-el-mundo-arabe-entrevista#_blank\">Spanischen<\/a> &uuml;bersetzt von <strong>Marta Andujo<\/strong>. Mit freundlicher Genehmigung von Gwena&euml;lle Lenoir und Mediapart.<\/em><\/p><p>Das Buch von Ilan Pappe ist auf Bestellung im Buchhandel oder im Internet auch in deutscher Sprache erh&auml;ltlich (gedruckt als Book on Demand oder als E-Book):<\/p><p>Ilan Pappe: Eine sehr kurze Geschichte des Israelisch-Pal&auml;stinensischen Konflikts. Books on Demand 2025, gebundenes Buch, 188 Seiten, ISBN-13: 978-3819279980, 20 Euro (E-Book: 15,99 Euro).<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Dr._Ilan_Papp%C3%A92.JPG\">wikicommons<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:%D9%88%D8%B3%D8%A7%D9%85_%D8%B2%D9%82%D9%88%D8%AA\">&#1608;&#1587;&#1575;&#1605; &#1586;&#1602;&#1608;&#1578;<\/a> \/ Creative Commons <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">Attribution-Share Alike 3.0 Unported<\/a><\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gespr&auml;ch &uuml;ber sein neues Buch zeigt Pappe auf eindrucksvolle Weise die ideologische Kontinuit&auml;t zwischen den Anf&auml;ngen des Zionismus und der aktuellen Politik der Regierung Netanjahu im Gazastreifen, im Westjordanland und im gesamten Nahen Osten auf. 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