{"id":151183,"date":"2026-05-29T09:00:46","date_gmt":"2026-05-29T07:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151183"},"modified":"2026-05-29T09:32:33","modified_gmt":"2026-05-29T07:32:33","slug":"schroedingers-russe-und-die-luege-der-aufruestungsdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151183","title":{"rendered":"Schr\u00f6dingers Russe und die L\u00fcge der Aufr\u00fcstungsdebatte"},"content":{"rendered":"<p>Die neue Greenpeace-Studie <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.de\/publikationen\/Europa_allein_zu_Haus.pdf\">&bdquo;Europa allein zu Haus?&ldquo;<\/a> r&auml;umt mit einer der derzeit wirkungsm&auml;chtigsten Erz&auml;hlungen auf: Europa sei &ndash; erst recht ohne Beistand der USA &ndash; Russland milit&auml;risch hoffnungslos unterlegen und m&uuml;sse deshalb in einem historischen Kraftakt aufr&uuml;sten. Beides ist falsch, wie die nackten Zahlen eindrucksvoll belegen. Man muss den Studienautoren dankbar sein, dass sie die allgegenw&auml;rtige Propaganda in diesem Punkt widerlegen. Leider hinterfragt die Studie jedoch nicht die milit&auml;rische Logik als solche, sondern geht implizit davon aus, dass ein Krieg zwischen den Machtbl&ouml;cken unterhalb der nuklearen Schwelle f&uuml;hrbar w&auml;re. Von <strong>Jens Berger.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWenn es in den klassischen Medien oder der Politik um die Frage der sicherheitspolitischen Bedrohung durch Russland geht, muss ich immer an das Bild von &bdquo;Schr&ouml;dingers Russen&ldquo; denken. Einerseits ist die russische Armee und die hinter ihr stehende Volkswirtschaft so schwach, dass es selbst der im Vergleich ja kleinen Ukraine &ndash; freilich mit Unterst&uuml;tzung der NATO-Staaten &ndash; gelingen soll, Russland zu besiegen. Andererseits ist Russland jedoch so m&auml;chtig, dass es schon in wenigen Monaten oder Jahren in der Position sein soll, die &uuml;berm&auml;chtige und schon heute bis an die Z&auml;hne bewaffnete NATO erfolgreich zu &uuml;berfallen, sodass schon bald russische Panzer durch das Brandenburger Tor fahren. Schr&ouml;dingers Russe steckt seit Jahren in einem Abnutzungskrieg ohne Landgewinn im Donbass fest, soll aber gleichzeitig binnen Tagen in Berlin stehen? Ohne quantenphysikalische Gedankenexperimente sind diese beiden Bilder nicht zusammenzubringen. Aber dieser eklatante Widerspruch scheint ja niemanden zu interessieren.<\/p><p>Vielleicht helfen ja in der Tat die nackten Zahlen, um hier ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Und Greenpeace liefert diese Zahlen. Die NATO ist in allen &bdquo;milit&auml;rischen Schl&uuml;sselkategorien&ldquo; Russland heute haushoch &uuml;berlegen. Und das sogar ohne die NATO-F&uuml;hrungsmacht USA, deren Zuverl&auml;ssigkeit im B&uuml;ndnisfall ja in letzter Zeit immer wieder infrage gestellt wird. Einzig und allein bei der Zahl der Atomwaffen und ihrer Tr&auml;gersysteme w&auml;ren die NATO-Staaten ohne die USA gegen&uuml;ber Russland zahlenm&auml;&szlig;ig im Nachteil. Aber selbst die rund 400 einsatzbereiten Atomwaffen, die Gro&szlig;britannien und Frankreich in ihrem Arsenal haben, sollten als Abschreckung ja eigentlich reichen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260529_Greenpeace-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/260529_Greenpeace-01.png\" alt=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Das ist der Status Quo und es ist wichtig, ihn zu kennen. Denn nur wenn rein theoretisch eine faktische &Uuml;berlegenheit Russland bestehen w&uuml;rde, w&uuml;rden die zurzeit exekutierten Aufr&uuml;stungsprogramme in gigantischer Gr&ouml;&szlig;enordnung &uuml;berhaupt &ndash; wenn auch nur oberfl&auml;chlich &ndash; einen Sinn ergeben. Bezieht man den Status Quo aber mit ein, kann nicht mehr die Rede davon sein, dass man eine L&uuml;cke schlie&szlig;t, sondern es geht darum, die ohnehin bereits bestehende materielle &Uuml;berlegenheit gegen&uuml;ber Russland noch weiter auszubauen. Und auch hier geben die nackten Zahlen Klarheit. Die europ&auml;ischen NATO-Staaten plus Kanada gaben 2025 rund 626 Milliarden US-Dollar f&uuml;r ihre Streitkr&auml;fte aus &ndash; Russland 190 Milliarden. Selbst kaufkraftbereinigt erreicht Russland nicht das Niveau der europ&auml;ischen NATO-Staaten. Die gesamte NATO liegt mit 1.581 Milliarden US-Dollar ohnehin in einer anderen Liga. Die bereits vorhandene &Uuml;berlegenheit wird also von Jahr zu Jahr gr&ouml;&szlig;er. Mit einer reinen Abschreckungsrhetorik l&auml;sst sich das nicht erkl&auml;ren. <\/p><p>Das kritisiert Greenpeace zu Recht. Aus der Abschreckungslogik kann oder will sich jedoch auch Greenpeace nicht befreien. So kritisiert die Neuauflage der Studie nicht prim&auml;r die Aufr&uuml;stung als solche, sondern vor allem die Ineffizienz und Planungslosigkeit, mit der diese betrieben wird. Das ist &ndash; wenn man denn in diesem Rahmen argumentieren will &ndash; nat&uuml;rlich auch richtig. Es ist &ouml;konomisch nat&uuml;rlich hochgradig ineffizient, wenn die europ&auml;ischen NATO-Staaten 19 verschiedene Kampfpanzer-Systeme oder 28 verschiedene 152- bzw. 155mm-Artilleriesysteme entwickeln, beschaffen, warten und betreiben. Zum Vergleich: Die USA haben ein Kampfpanzersystem und zwei Artilleriesysteme dieser Klasse. Und nein, hier geht es nicht um ein &bdquo;Hofreiter&rsquo;sches&ldquo; Quartettspiel mit R&uuml;stungsg&uuml;tern. Es geht darum, dass die NATO-Staaten sich ja verpflichtet haben, einen bestimmten Prozentsatz ihres BIPs &ndash; was Greenpeace &uuml;brigens zu Recht im Kern scharf kritisiert &ndash; in die R&uuml;stung zu stecken.<\/p><p>Dieser Kritikpunkt ist wichtig. Man muss halt definieren, was man eigentlich erreichen will. Will man eine milit&auml;rische Abschreckung, so sollte z.B. ein klar festgelegtes Ziel definiert werden, auf das man dann m&ouml;glichst effizient hinarbeiten kann. Dann besteht aus &ouml;konomischer Sicht auch erst der Anreiz, effizient vorzugehen und m&ouml;glichst wenig Geld auszugeben. Die derzeit praktizierte Politik, nicht das Ziel, sondern die Ausgaben festzulegen und dann einfach nach nationalen Interessen drauflos zu wurschteln, ist &ouml;konomisch unsinnig und ineffizient. Der Verdacht liegt nahe, dass die Politik die irrwitzige Aufr&uuml;stung auch als Standortpolitik betreibt. Um es mal zuzuspitzen: Wer so agiert, gibt immens viel Geld f&uuml;r einen geringen Nutzen aus. Dies ist nicht nur friedenspolitisch kontraproduktiv, sondern ein politischer Offenbarungseid, wenn man bedenkt, f&uuml;r wie viele sinnvolle Dinge keine staatlichen Gelder zur Verf&uuml;gung stehen, und dann auch noch im Hinterkopf beh&auml;lt, dass ja jeder Euro, der sinnlos f&uuml;r R&uuml;stungsg&uuml;ter verschleudert wird, &uuml;ber Steuern und Abgaben der Volkswirtschaft entzogen werden muss. <\/p><p>Wie bereits erw&auml;hnt &ndash; wenn man in dieser Abschreckungslogik argumentieren will, muss man Greenpeace zweifelsohne recht geben. Besser w&auml;re es jedoch, diese &bdquo;Logik&ldquo; als solche zu hinterfragen. Wenn wir &uuml;ber die milit&auml;rischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse zwischen der NATO und Russland sprechen, impliziert dies, dass ein direkter Krieg zwischen diesen beiden Bl&ouml;cken unterhalb der nuklearen Schwelle f&uuml;hrbar w&auml;re. Das ist eine brandgef&auml;hrliche Fehlannahme. Im Zeitalter der Atombombe ist der wahre Feind nicht der vermeintliche Gegner, sondern der Krieg selbst. Daher sollte man eigentlich auch &uuml;berhaupt nicht &uuml;ber die Sinnhaftigkeit von R&uuml;stungsausgaben debattieren, sondern die milit&auml;rische Logik als solche hinterfragen. Doch davon sind wir leider Lichtjahre entfernt; so weit, dass offenbar noch nicht einmal die eigentlich ja l&ouml;bliche Arbeit von Greenpeace diesen Gedanken als zentrales Leitmotiv aufgreift. Und das ist dann auch wieder schade. <\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Greenpeace.de<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/b0d6c54acbfe4b4fb985548f4087ffa7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die neue Greenpeace-Studie <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.de\/publikationen\/Europa_allein_zu_Haus.pdf\">&bdquo;Europa allein zu Haus?&ldquo;<\/a> r&auml;umt mit einer der derzeit wirkungsm&auml;chtigsten Erz&auml;hlungen auf: Europa sei &ndash; erst recht ohne Beistand der USA &ndash; Russland milit&auml;risch hoffnungslos unterlegen und m&uuml;sse deshalb in einem historischen Kraftakt aufr&uuml;sten. Beides ist falsch, wie die nackten Zahlen eindrucksvoll belegen. 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