{"id":151229,"date":"2026-06-01T15:00:11","date_gmt":"2026-06-01T13:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229"},"modified":"2026-06-01T15:38:54","modified_gmt":"2026-06-01T13:38:54","slug":"leserbeitraege-erinnerungen-gegen-den-krieg-aufruf-zum-8-mai-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229","title":{"rendered":"Leserbeitr\u00e4ge \u201eErinnerungen gegen den Krieg\u201c &#8211; Aufruf zum 8. Mai (15)"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespr&auml;che, die von Tieffliegern handelten, die auf Fu&szlig;g&auml;nger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag &uuml;berall spielen: im Gaswerk, auf den Stra&szlig;en, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im W&auml;ldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mu&szlig;te: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir &uuml;bten das oft aus Spa&szlig; beim Fangenspielen.&ldquo;<\/p><p>Ein Beitrag von unserem Leser Uwe Strohmeyer zu unserem Aufruf.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1498\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-151229-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=151229-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"260601_Leserbeitraege_Erinnerungen_gegen_den_Krieg_Aufruf_zum_8_Mai_Teil_15_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Anl&auml;sslich des Gedenktages am 8. Mai hatten wir <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150104\">hier<\/a> unsere Leserinnen und Leser dazu aufgerufen, kurze Schlaglichter und Eindr&uuml;cke ihrer eigenen Erinnerungen (oder der ihrer Eltern) an die Schrecken des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit aufzuschreiben und uns zu senden.<\/p><p>Wir bedanken uns von Herzen f&uuml;r die vielen und ber&uuml;hrenden Beitr&auml;ge!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em>Hier k&ouml;nnen Sie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150403\">ersten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150464\">zweiten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150486\">dritten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150605\">vierten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150632\">f&uuml;nften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150671\">sechsten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150740\">siebenten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150816\">achten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150812\">neunten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150802\">zehnten Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151038\">elften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151098\">zw&ouml;lften Teil<\/a>, den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151156\">dreizehnten Teil<\/a> sowie den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151209\">vierzehnten Teil<\/a> der Zusendungen unserer Leser nachlesen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Der Horizont war &uuml;ber die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte. <\/strong><\/p><p>Sehr geehrtes NachDenkSeiten-Team,<\/p><p>anbei mein Beitrag. Er ist nun l&auml;nger als ein kurzes Schlaglicht geworden. Ich kenne Ihre redaktionellen Erfordernisse nicht, daher habe ich den Text so gelassen, wie er mir &bdquo;aus den Fingern kam&ldquo;. In meinen Augen erscheint alles darin Gesagte wichtig. Vielleicht k&ouml;nnen Sie es dennoch, evtl. mit K&uuml;rzungen, verwenden.<\/p><p>Angesichts meiner Erlebnisse und Erinnerungen stehen mir die Haare zu Berge bei dem jetzigen Kriegsgeschrei in Europa und dem Rassismus gegen&uuml;ber Ru&szlig;land, vor allem in Deutschland. Ich kann die Verantwortlichen, die das tun und die, die ihnen zustimmen, nur als Wahnsinnige im Sinne von <u>Arno Gruen<\/u>[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] bezeichnen <em>(Gruen steht hier nat&uuml;rlich nur als <\/em><em><u>ein<\/u><\/em><em> Beispiel von vielen kompetenten Autoren, die sich diesem Thema widmen)<\/em>. Sie haben aus der Geschichte nichts gelernt, ja kennen sie nicht einmal, halten oder erkl&auml;ren Ideologie f&uuml;r Realit&auml;t. Umso mehr geht mein Dank an Sie, das NachDenkSeiten-Team, f&uuml;r Ihre umfangreiche, kenntnisreiche und sachliche Berichterstattung seit 2003. Machen Sie bitte weiter so &ndash; ein Lichtblick im gegenw&auml;rtigen Dunkel.<\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e<br>\nUwe Strohmeyer<\/p><p>Erinnerungen gegen den Krieg:<\/p><p>Ich bin im November 1941 in Mei&szlig;en geboren. Ich wohnte mit meiner Mutter, meiner Tante und meiner Gro&szlig;mutter in Brockwitz, heute Neu-S&ouml;rnewitz, einer Arbeitersiedlung am &ouml;stlichen Rand von Mei&szlig;en. Meinen Vater kannte ich nicht, er war im Krieg. <\/p><p>Wir waren umgeben von mehreren Fabriken und dem gro&szlig;en Gaswerk mit riesigen Gasbeh&auml;ltern. Die Einfahrt zur gr&ouml;&szlig;ten Fabrik lag ca. 50 m schr&auml;g gegen&uuml;ber unserem Wohnhaus. Eine Industriebahn fuhr t&auml;glich mit gro&szlig;en Waggons vor unserem Haus hin und her. Die Elbe, deren Ufer einer meiner Spielpl&auml;tze war, war ca. 1 km entfernt. Hinter dem Haus, im Hof befanden sich viele Kaninchenst&auml;lle, in denen alle Hausbewohner ihre Kaninchen f&uuml;r eine Fleischmahlzeit hielten. Ich war &ouml;fter beim Schlachten dabei.<\/p><p><strong>Ich ging immer wieder mit meinen Kinderfreunden auf die Felder zum Klauen<\/strong><\/p><p>Da die Lebensmittel knapp waren und das Geld, das meine Mutter und meine Tante im B&uuml;ro verdienten, oft nicht reichte, ging ich, sobald ich laufen konnte, oft mit meiner Gro&szlig;mutter oder meiner Tante zu den umliegenden Bauern, um Lebensmittel im Tausch zu erhalten. Wir wurden h&auml;ufig h&ouml;hnisch oder aggressiv abgewiesen. Daher ging ich immer wieder mit meinen Kinderfreunden mit Rucks&auml;cken, Taschen und K&ouml;rben gemeinsam auf die Felder am Rand der Siedlung zum Klauen: M&ouml;hren, Kartoffeln, R&uuml;ben, Zuckerr&uuml;ben, alles, was wir fanden. Kr&auml;uter, die wir alle kannten, fanden wir am Wegesrand oder im naheliegenden Bahnw&auml;ldchen.<\/p><p><strong>Der Himmel war hell erleuchtet, &uuml;ber uns tausende von dr&ouml;hnenden Bombern<\/strong><\/p><p>Es gab oft Luftalarm. Alle Hausbewohner rannten dann mit wenigen Habseligkeiten in den Gew&ouml;lbekeller, wo wir dann stundenlang bei Kerzenlicht sa&szlig;en, h&auml;ufig mit Gasmasken auf. Ich hatte eine spezielle Kindermaske, unter der ich immer Beklemmungen bekam. Die Angst der Erwachsenen war deutlich sp&uuml;rbar, manche weinten. Eines Nachts, wir sa&szlig;en schon l&auml;nger im Keller, h&ouml;rten wir ein Dr&ouml;hnen. Herr K., unser Luftschutzwart, ging hinaus, um nachzusehen. Er rief laut, wir sollten rauskommen. Alle Erwachsenen und Kinder standen schlie&szlig;lich erstarrt auf der Stra&szlig;e, der Himmel war hell erleuchtet, &uuml;ber uns tausende (?) von dr&ouml;hnenden Bombern, dicht an dicht. Sie flogen Richtung Dresden, warfen laufend Magnesiumfackeln ab. Ringsum stachen die grellen Scheinwerfer der FLAK in den Himmel und man h&ouml;rte ihre Maschinenkanonen knallen. <\/p><p>Der Horizont war &uuml;ber die ganze Breite rot erleuchtet, Dresden brannte. <\/p><p>Ich stand mit Walther, meinem Spielfreund aus dem Haus, zwischen den Erwachsenen. Keiner k&uuml;mmerte sich um uns, keiner sprach. Ich wu&szlig;te, da&szlig; Tante H., eine Freundin unserer Familie, die wir oft besucht hatten, mit ihrer kleinen Tochter in Dresden war. Viele Jahre sp&auml;ter wurde mir pl&ouml;tzlich mit Schrecken bewu&szlig;t, da&szlig; seit diesem Tag niemand mehr in meiner Gegenwart von ihnen sprach.<\/p><p><strong>Der Pilot mit seiner Brille in der Glaskanzel winkte mir zu<\/strong><\/p><p>Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespr&auml;che, die von Tieffliegern handelten, die auf Fu&szlig;g&auml;nger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag &uuml;berall spielen: im Gaswerk, auf den Stra&szlig;en, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im W&auml;ldchen. Meine Tante und der Hausmeister vom Gaswerk brachten mir und meinen Freunden bei, wie man sich bei Tieffliegern verhalten mu&szlig;te: sofort hinwerfen, in den Graben, die Ackerfurche, hinter den Busch, die Mauer usw. Wir &uuml;bten das oft aus Spa&szlig; beim Fangenspielen.<\/p><p>Meine Gro&szlig;mutter, die wegen ihrer Staublunge (von der Arbeit im Ziegelwerk) nicht mehr arbeiten konnte und den Haushalt f&uuml;hrte, k&uuml;mmerte sich tags&uuml;ber um mich, lie&szlig; mich bei der Hausarbeit und beim Einkaufen mitmachen, zeigte mir zu meinem Vergn&uuml;gen viele Handgriffe und Essenszubereitungen. Manchmal mu&szlig;te sie zum Arzt, ein langer Fu&szlig;weg nach Mei&szlig;en, so da&szlig; sie stundenlang fort war. Frau R., Walthers Mutter, &sbquo;&uuml;bernahm&lsquo; mich dann. An einem solchen Tag war ich ihr &sbquo;entwischt&lsquo; und verbotenerweise zum Elbufer gegangen, um dort wachsendes Schnittlauch zu pfl&uuml;cken. Auf dem R&uuml;ckweg auf der Cliebener Stra&szlig;e, rechts war die Fabrikmauer und ich sah schon unser Haus, &uuml;berholte mich auf dem Rad Herr N., ein &auml;lterer entfernter Nachbar, der von den Wiesen sein Kaninchenfutter holte.<\/p><p>Ich h&ouml;rte pl&ouml;tzlich ein bekanntes Ger&auml;usch: Tiefflieger! Ich sah mich um, eine Maschine bog gerade von der Elbe in unsere Richtung ab, sie flog etwa in Haush&ouml;he, ich dachte, sie landet, sprang an die Mauer und versteckte mich hinter einem Vorsprung. Es knallte und peitschte, Sirren, Motorkreischen, Herr N. hob aus dem Sattel ab, &uuml;berschlug sich nach vorn und blieb liegen. In einem Impuls rannte ich los, um ihm aufzuhelfen. Da sah ich die n&auml;chste Maschine auf mich zu kommen. Ich erstarrte und sah ihr wie festgeklebt entgegen. Ich sah den Piloten mit seiner Brille in der Glaskanzel, er winkte mir zu und wackelte mit den Fl&uuml;geln. Ich sah die Ringe am Rumpf und den Fl&uuml;geln: blau-wei&szlig;-rot. Dann zog die Maschine mit rasendem Motor nach oben. Der Luftzug ri&szlig; mich fast um. <\/p><p>Erst bei Frau R., die alles angesehen und mich geholt hatte, kam ich wieder zu mir. Jahrzehnte sp&auml;ter forschte ich nach, welche Flugzeuge das waren. Es waren englische Spitfire, die ich auf Abbildungen sofort wiedererkannte an der Form und den Hoheitszeichen.<\/p><p>Am Ende des Krieges erlebte ich die Ankunft der Roten Armee in unserer Siedlung. Alle hatten Angst vor den Russen. Wir sahen aus den Fenstern, als die ersten Panzer einfuhren. Sie zerst&ouml;rten beim Abbiegen vor unserem Haus die Stra&szlig;enkreuzung, parkten dann vor dem Haus und in der Nebenstra&szlig;e. Die Soldaten waren sehr freundlich zu uns und den anderen. Manche sprachen flie&szlig;end Deutsch. Sie nahmen mich auf den Arm, brachten uns Schokolade und Kirschen. Ich durfte auf den Panzern herumturnen. Sie brachten mir Russisch bei, was ich eifrig gebrauchte. Sp&auml;ter erfuhr ich, da&szlig; fast die H&auml;lfte davon Schimpfw&ouml;rter waren &ndash; daher das Gel&auml;chter der Soldaten.<\/p><p><strong>Die Fenster waren total vereist<\/strong><\/p><p>Im Sommer 1947 fuhr meine Mutter mit mir nach Braunschweig zu meinem Vater in die 4-Zimmer-Wohnung seiner Eltern. Mein Gro&szlig;vater betrieb dort eine Schneiderwerkstatt. Wir wohnten dort sechs Jahre lang in einem einzigen Zimmer. Anfangs spielte sich das Meiste aufgrund von Spannungen zwischen Eltern und Gro&szlig;eltern hier ab: Schlafen, Waschen, Essen, Schularbeiten, Studienarbeiten meines Vaters, der Bauingenieurwesen studierte. Mein Bett war nur durch eine spanische Wand abgetrennt, ich konnte jedes Wort h&ouml;ren. Heizung gab es nicht, im Winter war es immer unter 0&deg; C, die Fenster total vereist. Jeden Morgen mu&szlig;ten wir den K&uuml;chenherd und die &Ouml;fen im Wohnzimmer und Werkstatt mit Holz bzw. Kohle anheizen. Ich mu&szlig;te oft Kohlen und Holz aus dem Keller holen, der kein elektrisches Licht hatte. Sp&auml;ter a&szlig;en wir gemeinsam im Wohnzimmer und K&uuml;che und verbrachten gemeinsame Abende. Meine zweite Gro&szlig;mutter brachte mir Kochen bei und vieles andere, was mir heute noch von Nutzen ist. Zu meinem Gro&szlig;vater durfte ich immer in die Werkstatt und zusehen.<\/p><p><strong>Niemand beantwortete unsere Fragen danach<\/strong><\/p><p>Zu den anderen Kindern auf der Stra&szlig;e fand ich schnell Kontakt. Unser Spielplatz war vor allem auf der Stra&szlig;e und im &Uuml;brigen in der ganzen Stadt, auf den Tr&uuml;mmergrundst&uuml;cken, in den Parks und am Mittellandkanal. Niemand kontrollierte uns. Wir mu&szlig;ten nur zum Essen zu Hause sein, manchmal Einkaufen gehen. <\/p><p>Wir gingen oft ins verbotene &bdquo;L&auml;usekino&ldquo;, ein Kino in den ehemaligen Kasernen in unserer N&auml;he, in denen Massen an Fl&uuml;chtlingen untergebracht waren. Es kostete nur einen Groschen <em>(Vor Juni 1948 zehn Pfennig Besatzungsgeld)<\/em>. Vor dem Film gab es immer &bdquo;Fox t&ouml;nende Wochenschau&ldquo;, zu deren Beginn jedesmal unkommentierte Filmaufnahmen aus den KZs gezeigt wurden: Leichen wurden in riesige &Ouml;fen geschoben, Massen von Leichen von Frontladern in riesige Gruben geworfen, Kamerafahrten &uuml;ber Leichenberge, halbverhungerte Kinder, die im Schnee standen, Massen von zerlumpten gebeugten M&auml;nnern und\/oder Frauen mit Werkzeugen, die sich durch den Dreck schleppten usw., das reine Grauen. Wir verstanden das nicht und <u>niemand<\/u> beantwortete unsere Fragen danach. Sp&auml;ter hat mir als Einzige meine Gro&szlig;mutter alles erz&auml;hlt. <\/p><p>&Uuml;brigens hatten wir nie L&auml;use!<\/p><p>Die Braunschweiger mittelalterliche Innenstadt war von der britischen Luftwaffe fast vollst&auml;ndig zerst&ouml;rt worden. Die umgebenden B&uuml;rgerh&auml;user waren bis auf wenige Ausnahmen nicht besch&auml;digt. Ebenso waren die Industrieanlagen und der damals modernste G&uuml;terbahnhof Europas am &ouml;stlichen Stadtrand vollst&auml;ndig erhalten. Ich las sp&auml;ter eine Ver&ouml;ffentlichung der britischen Armeef&uuml;hrung, da&szlig; die Piloten den Befehl hatten, <u>nur<\/u> die Braunschweiger Innenstadt mit Wohnh&auml;usern und L&auml;den mit Brandbomben zu zerst&ouml;ren.<\/p><p><strong>&Uuml;berall begegneten wir bettelnden Soldaten<\/strong><\/p><p>Durch die gesamte Stadt zogen sich die Schienen der &bdquo;Tr&uuml;mmerbahn&ldquo;, die Schutt abfuhr oder Material zu Baustellen brachte. An allen m&ouml;glichen Stellen standen Frauen und M&auml;nner, meist mehr Frauen, die Steine klopften oder brauchbare Tr&uuml;mmer sortierten. Auf vielen Tr&uuml;mmergrundst&uuml;cken wohnten Menschen, Familien, Einzelne oder Paare, die m&uuml;hsam versuchten, wiederaufzubauen. Die R&auml;ume waren offen, jeder h&auml;tte hineinsehen oder -gehen k&ouml;nnen. <\/p><p>Wir sammelten Schrott, z.T. Munition, den wir an die umherziehenden Lumpenh&auml;ndler f&uuml;r ein kleines Taschengeld verkauften. &Uuml;berall begegneten wir bettelnden Soldaten, fast immer in Uniform, stumm oder mit traurigen Worten. Sie waren blind, tasteten mit wei&szlig;en St&ouml;cken, trugen Verb&auml;nde um den Kopf, am Arm, gingen an Kr&uuml;cken auf einem Bein, sa&szlig;en ohne Beine auf einem Rollbrett, die M&uuml;tze neben sich, hatten nur einen Arm oder zwei Handprothesen. Manche kamen in die Hinterh&ouml;fe, spielten auf der singenden S&auml;ge und\/oder sangen, andere spielten Geige, Mundharmonika oder sangen ohne Instrument. Wir Kinder gaben ihnen jedesmal Pfennige von unserem wenigen Geld.<\/p><p>Da alles knapp war, gab es Lebensmittel nur auf Marken. &Uuml;brige Waren erhielt man auf dem Schwarzmarkt. Ich bin &ouml;fter mit meinem Vater oder mit Gro&szlig;vater auf den Schwarzmarkt gegangen, um verschiedene Alltagswaren oder Kaffee bzw. Alkohol gegen Schmuck zu tauschen. <\/p><p><strong>Mein Gro&szlig;vater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel<\/strong><\/p><p>Heizmaterial war sehr knapp und teuer, wir gingen daher im Herbst und Winter mit vielen Anderen h&auml;ufig &bdquo;Kohlen klauen&ldquo; zur &bdquo;Gro&szlig;en Br&uuml;cke&ldquo; an der Helmstedter Stra&szlig;e. Unter der Gro&szlig;en Br&uuml;cke liefen die Schienen aus der Ausfahrgruppe des riesigen G&uuml;terbahnhofs zusammen in Richtung nach oder von Helmstedt. Dort standen immer wieder lange G&uuml;terz&uuml;ge mit Steinkohle vor einem roten Signal oder kamen auf einem ansteigenden Gleis nicht weiter, weil die Lok den extrem langen Zug (80 bis 100 volle Waggons) nicht schaffte. Meist ging ich mit meinen Gro&szlig;eltern dorthin, manchmal mit der ganzen Familie und Nachbarn. Ein Eisenbahner, der bei uns in der Dachwohnung wohnte, teilte uns die g&uuml;nstigsten Zeiten mit. <\/p><p>In der Regel gingen wir, meine Gro&szlig;eltern und ich, ca. 21:00 bis 22:00 Uhr mit dem Handwagen los. Es waren ca. 4 km. Mein Gro&szlig;vater trug immer ein kleines Handbeil unterm Mantel, zum Kohlezerkleinern oder Zuschlagen, wenn n&ouml;tig. Manchmal gingen wir morgens um 2 Uhr los, dann aber immer alle zusammen. Zu den Z&uuml;gen gab es zwei Zug&auml;nge, die immer von einer Gruppe von M&auml;nnern mit Kn&uuml;ppeln bewacht wurden, f&uuml;r den Fall, da&szlig; Polizei oder Bahnpersonal vorbeikam. Es ging einen langen Hang hinunter, man durfte nicht abrutschen. Die meisten Leute kannten sich schon, man half sich gegenseitig, alle pa&szlig;ten auf die Kinder und Jugendlichen auf. An den Schienen verteilten sich alle so, da&szlig; jeder gut arbeiten konnte. Kinder und Jugendliche kletterten auf die Waggons oder wurden hochgehoben und warfen die Kohlest&uuml;cke hinunter, wo die Erwachsenen sie aufsammelten und verpackten. Ein Trupp von Erwachsenen ging zur Lok und warnte laut, wenn der Zug wieder anfuhr. Kinder und Jugendliche sprangen dann runter und die Erwachsenen griffen sie schnell, damit sie nicht unter die R&auml;der gerieten. All das war ein Teil unserer Alltagsroutine.<\/p><p><strong>Er sch&uuml;ttete mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten<\/strong><\/p><p>Wenn wir zu Hause zu Mittag oder Abend a&szlig;en, erz&auml;hlte mein Vater jedesmal von seinen Kriegserlebnissen. Es gab manchmal wochenlang kein anderes Thema. Er lie&szlig; sich auch nicht davon abhalten. Sonntags mu&szlig;te ich mit ihm immer Spazierengehen. Dann sch&uuml;ttete er mich regelrecht zu mit seinen Kriegsgeschichten, ich kam nicht zu Wort. Nachts wurde ich oft wach durch das laute Schreien meines Vaters, der immer wieder vom Krieg tr&auml;umte und danach bei Licht das Getr&auml;umte meiner Mutter erz&auml;hlen mu&szlig;te. Das wiederholte sich ca. vier Jahre lang. Ich konnte mit meinen Eltern &uuml;ber <u>meine<\/u> eigenen Erlebnisse bzw. Fragen nicht reden. Meine Versuche wurden immer abgeblockt: &bdquo;Was willst Du, ist doch lange vorbei&ldquo; oder &bdquo;La&szlig; uns lieber &uuml;ber was anderes reden&ldquo; oder &bdquo;Das kannst Du doch gar nicht wissen, Du warst doch viel zu klein&ldquo; oder &bdquo;Was Du Dir aber auch immer f&uuml;r Bl&ouml;dsinn ausdenkst&ldquo; usw. Zum Gl&uuml;ck fand ich bei meinen Gro&szlig;eltern immer Geh&ouml;r.<\/p><p>Mein Vater besa&szlig; einen Jagdschein und konnte sich daher Waffen kaufen (Pistolen, Gewehre verschiedenen Kalibers), was er auch bis zu seinem Tod tat. Er stellte zudem auch selbst die entsprechende Munition her. Er erkl&auml;rte diese kleine Waffensammlung damit, da&szlig; er vorbereitet sein m&uuml;sse, wenn die Russen kommen, denn das w&uuml;rden sie tun und dann k&ouml;nnte er die Familie besch&uuml;tzen.<\/p><p><strong>Sie sind nur ein kleines Beispiel f&uuml;r eine ganze betrogene Generation.<\/strong><\/p><p>Heute kann ich mir als Therapeut das Verhalten meiner Eltern, das ich hier nur grob darstellen konnte und unter dem ich und andere zum Teil sehr zu leiden hatten, als schweres Kriegstrauma erkl&auml;ren, das ihnen als jungen Menschen zugef&uuml;gt wurde. <\/p><p>Sie sind nur ein kleines Beispiel f&uuml;r eine ganze betrogene Generation. Sie h&auml;tten alle Hilfe, Therapien, zumindest Verst&auml;ndnis, Erkenntnis, Ermutigung gebraucht. Fast nichts davon ist geschehen, stattdessen Zudecken, Vergessen, Aufr&uuml;stung, Konsum, Verteufelung der Sowjetunion usw. Wie es im zerrissenen Inneren dieser Generation und deren Kindern aussah, interessierte nicht. Wer an seelischen Qualen litt, war entweder ein Schw&auml;chling oder sollte zum Nervenarzt (damals &sbquo;Arzt f&uuml;r Verr&uuml;ckte&lsquo; oder &sbquo;Seelenklempner&lsquo; u.&auml;.) gehen und sich Pillen geben lassen.<\/p><p><small>Titelbild: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Bombing_of_Dresden_in_World_War_II#\/media\/File:Bundesarchiv_Bild_146-1994-041-07,_Dresden,_zerst%C3%B6rtes_Stadtzentrum.jpg\">wikidcommons<\/a> \/ Bundesarchiv \/ Unknown author \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC BY-SA 3.0 de<\/a><\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Arno Gruen, Der Verrat am Selbst &ndash; die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau, dtv.<br>\nDers.: Der Wahnsinn der Normalit&auml;t &ndash; Realismus als Krankheit: eine grundlegende Theorie zur menschlichen Destruktivit&auml;t, dtv.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Erwachsenen warnten uns Kinder immer wieder vor Tieffliegern. Wir belauschten ab und zu Erwachsenengespr&auml;che, die von Tieffliegern handelten, die auf Fu&szlig;g&auml;nger und Radfahrer schossen und manchmal Bomben abwarfen. Trotz der Gefahr durften wir den ganzen Tag &uuml;berall spielen: im Gaswerk, auf den Stra&szlig;en, den Wiesen, Feldern, am Elbufer, im W&auml;ldchen. Meine Tante und der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=151229\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":151230,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,171],"tags":[3652,2104,2394,2250,966],"class_list":["post-151229","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-militaereinsaetzekriege","tag-erinnerungen-gegen-den-krieg-serie","tag-kriegsopfer","tag-kriegstrauma","tag-nachkriegszeit","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_146-1994-041-07_Dresden_zerstoertes_Stadtzentrum.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151229","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151229"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":151419,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151229\/revisions\/151419"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/151230"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}